Dazwischen.
Das Echo sagt: Clamore.
Amore
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Ore
Re.
Der Widerhall schüttet sich aus wie ein Eimer Sand...
Es schwappt gegen alle Ecken...
Das war doch vorhin noch nicht dort, oder?, dieses Haus am andren Ende des Flurs, fünfeinhalb Minuten entfernt von jedem Ausblick Augenblick: ein Garten, ein schräger Strich Licht zwischen Walt Whitman & dem Grab, a jar of fireflies on the tombstone, ein Kinderlachen, das sich im Dunkel nicht verlieren will, weil kein Kind mehr lacht.
Ein Schlüssel, der sich nicht drehen will...
Was?
Das Haus steht leer in der Ash Tree Lane.
Aus dem Traum schäle ich mich mit der Decke & dem Bisschen Stoff, der an mir hängt wie Eis; ich kratze mir das Hemd von der Haut, ich schabe die Hose herunter, & stehe am Fenster: Draußen wimmert etwas, - eine Katze?, es klingt wie ein Kind; ich kann nicht begreifen, woher es kommt. Die Hände fassen nach Lichtschaltern... Kreisrund gebadet in Gold ist der eigene Körper plötzlich, greifbar geworden, echt. Der Wind beißt mir an Armen & Beinen, ich kann mich nicht denken hören, also nehme ich die Decke & wickle sie um mich, gehe hinaus in den Flur. Niemand. Nichts. Keiner geht, alles steht still. Auch hier glühen Lampen, alle Türen stehn offen, - das finde ich unerträglich; alles Glühen verlampt in Glas gesperrt zu Draht. Das ist kein Licht, es ist ein Jahrmarktstrick. Hat mir etwa von Holofernes Messer geträumt?, in der Küche stehe ich & sehe durch das milchige Weiß der Klebefolie in den Hinterhof; das Besteck in der Spüle sticht mir metallene Kälte in die Augen, ich weiß nicht, weshalb es reflektiert. Draußen scheppert der Müllcontainer, aber niemand reißt an der Klappe.
D
e
r
H
a
u
c
h
geht mir über den Rücken wie (d)eine Hand, & ich drehe mich zum Schatten um, der mir gefolgt ist, - den ganzen langen Weg aus den Träumen ist er mir nachgelaufen. Ein Doppelgänger. Ein Skelett mit Haut & Muskeln so dünn wie Papier, eine Erinnerung: Ich auf dem Rücksitz eines Wagens, Musik in der Anlage, - draußen rauschen die roten Lichter der Fabrikschornsteine, Antennenkabel spannen sich über dem Asphalt, überall geometrische Formen, den Rest hat die Nacht genommen, - & was?, ein Riss im, ein Riss durch, ein Riss zwischen, was? Der Anrufbeantworter hält keine Stimmen. Aufschrecken im Flur. Weshalb bin ich aufgestanden?, weshalb bin ich überhaupt wach?
Eine Frage hat mich geweckt: Chi dara fine al gran dolore?
Das Echo sagt: L'ore.
Niemand, außer der Flur.
Bis es einschnappt, im Schloss, bis das Fenster nicht mehr zittert vom Rumpeln der Lkws & Nachtschwärmerwägen; wie Motten verscheut eine zusammengerollte Zeitung den Tag, den Abscheu hinter der Leere. Endlich werde ich wacher, denke: Es war auch nicht deswegen, weil du gelachst hast als ich übers Schreiben sprach, dieses Verlegensheitslachen, dieses Ich-weiß-nichts-zu-sagen-Lachen, - es ist deswegen nicht geschehen, weil ganz tief gestapelt wurde, - niedrig hat man jedes Wort aufs nächste gesetzt & gehofft, es ließe ein bisschen Raum übrig, aber: Der Raum ist zu groß für dieses Ausweichen, dieses Drumherum-Manövrieren, das funktioniert nicht auf Dauer. Warum? Na, ich mache keinen Unterschied zwischen dem Beschädigten & dem Schadhaften, aber ich unterscheide zwischen dem Teilbaren & dem Ungeteilten.
Meine Hände zupfen am Mülleimerbeutel, schieben die leeren Plastikflaschen in den leeren Rucksack, - die Flaschen knacken lauter als sie sollten. Das macht mich wacher, jetzt. Ich denke: Keiner hält mit mir Schritt, keiner ist mir gewachsen, im Schreiben nicht, im Lesen nicht, weder im Träumen, noch im Wachen, keiner flieht so wie ich, - diejenigen, die es konnten, sind ins Exil gegangen, & das Exil berührt nur im Flüchtigen das Herz, das nicht stillstehn kann.
Es ist 3.44 Uhr,
die Augen erfassen's jetzt,
ich kann mich kaum hören.
Dabei will in Wahrheit alles bis ins letzte Detail beschrieben sein: der rote Teppich im Flur, den allein ich, - & immer ich, - staubsauge, die weißen Kommoden mit den drei Schubladen, - sie geben sich als Schweden aus, - & darüber vier Ausschnitte Paris in schwarz-weiß; es gefällt mir alles längst nicht mehr. Im Badezimmer hängen immer mehr Poster, in der Küche kleben City-Cards an den Wänden. Keiner hat den Ofen geputzt. Die wenigsten ziehen sich die Schuhen aus wenn sie zur Türe hereinkommen. Ich knirsche dafür mit den Zähnen, weil mir immer etwas Streusalz an den Socken bleibt. Es ist ein Geisterhaus, egal wer jetzt in diesem Verlassenen seine Möbel gegen die Wände schiebt, diese neuen Regale, diese perfekten Dinge aus dem Katalog, die ich nicht ausstehen kann in ihrer allgegenwärtigen Gleichheit: Meine Couch, mein Tisch, mein Sessel, - meine Blicke ertragen diese Oberflächen längst nicht mehr, darum sehe ich auch dann noch durch sie hindurch obwohl es draußen hell & immer heller wird.
Wach zwischen den Zimmern.
An allen Tagen bin ich beschäftigt, das verstehst du natürlich nicht. Ich meine, dass ich ein Leben habe. Dass ich schreibe, im Schreiben ertrinke, im Schreiben sterbe & ins Lesen mich rette, du starrst nur immer gegen die weißen Flächen, wo keine Bücherrücken die Wände ersetzen, - aber eben das wird kommen, schneller als du es verstehen wirst; es ist kein Statussymbol. Mein Fernseher ist eingestaubt, ich kenne die Namen all dieser Moderatoren nicht, ich hab sie noch nie auseinander halten können, diese Gesichter auf dem Wasser, diese Sendungen mit all ihren Werbeeinschüben, ich halte das alles für oberflächlich, es ist mir bloße Zeitverschwendung. Dass ich Sport treibe, - daran hätte ich ja selbst nie geglaubt, wenn's Narziss nicht gegeben hätte, - ach, Verlorener, Echo hat ihr Spiel mit dir getrieben, - & wenn der Spiegel dann den Rücken zeigt, die Schulten, die tatsächlich breiter werden, die Arme & Beine, in denen sich die Linien abzeichnen, gegen den Strich & unter der Haut, dieses geglättete Begehren, dieses behaarte, - nie hätte ich gedacht, dass aus mir einer werden könnte, der in der S-Bahn angelächelt wird, dem man die Hand auf den Arm legt & fragt, wollen wir nicht?, & dann schleicht man sich ungesehn ins eigene Haus & treibt es wie, --
Dass es Freunde in der Stadt gibt, die wichtig sind, weil sie zur Familie gehören. (Der Hedonist, der mir den Tanz ins Blut geschüttet hat wie eine Droge, das Lecken der Lippe nach dem vietnamesischen Essen, das Bunt der Galerien; Bellona, die mir eine Cousine ist, eine von denen, die man nicht oft sieht, aber wenn, dann mit einem Lächeln; oder gerade diese: Ella-que-ríe, die sagt: Nichts ist umsonst, lass nichts unversucht, - sie, die lacht als gäb's kein Entkommen davor; ein Bruder wie Markow, das Sehen & Sehnen von A., & ein Stoß in die Rippen; &tc.) Kein Krankenhauszimmer bliebe leer...
Was?, wieder ein Stolpern zwischen den Türen.
Machen wir uns doch nichts vor. Warum sich rechtfertigen? Jeder lebt sein Leben auf seine Weise, jeder gibt Chancen, verteilt Kompromisse zum halben Preis, verkauft die Geduld an den, der am meisten bietet, nichts geht wie geplant, nicht?, niemand hätte sich das vorstellen können? Niemals.
Die Hand greift nach der Hose, greift nach dem Hemd, die Fäden heben die Arme, schieben die Beine unter die Decke, ins Warme zurück. Die Nacht kann mich nicht verstoßen. Bitte?, was? In der Ferne, heißt es, in der Ferne denke jemand daran, ich sei reich. Beim Bemalen der Wand, dort in Moabit, mit dem klingelnden & ewig klingelnden Telephon, - des Konzerts wegen, & weil sich's zu dritt am besten tanzen lässt zwischen Bass & Licht, - mit dem Plan für den Frühling, mit der Aussicht auf Filme, mit dem Bruder in der Stadt am Mittelmeer, mit der Schwester im Sturm, mit dem Wollen, dem Brauchen & Können, mit dem Sonntagslächeln,
- als der Zug einfährt & Schnee verwirbelt zu Funken, -
mit dem besten Anzug & dem wackelnden Tritt auf dem Eis, beim Reichen der Schale, - die Hände des Argentiniers geben sie fort, sie & das Glas Wasser, es steht auf dem Holztisch, - dort in Kreuzberg, mit dem Kuchen aus reinster Schokolade, beim Heben der Mundwinkel im falschen Abteil, - meinst du denn mich, mit dem Lächeln?, - die Buchseiten blättern, & Cortázar erzählt mir von Liebe, dort, im Prenzlauer Berg, & das Haus in der Ash Tree Lane, von dem erzählt mir ein andrer, - immer rauscht mir Papier zwifinschegern, genau, zwischen den Fingern, & Berlin hupt & tobt, & versinkt in der Kälte, der Sargdeckel, der sich nicht hebt, - beim Ansetzen des Pinsels auf der weißen Wand, beim Stemmen des neuesten Gewichts, beim Schreiben des Briefes, beim Hören der Lieder, - beim Shape Shifter der Local Natives, bei Beiruts Nantes, bei Always like this vom Bombay Bicycle Club, - da ist es Reichtum.
& die Welt zerfällt,
fällt,
auseinander geht das Licht,
geht das Licht,
aus,
aber etwas bleibt bestehn.
Echo ruft mich zurück,
sie streicht mir die Lider über die Augen, die Wimpern verzahnt sie mir ganz; es bleibt kein Raum mehr, die Lücke schließt sich im Schlaf. Plötzlich ist es Glück, alles. Selbst der Alptraum, der mich weckte. Dies hier, dies ist mein Zuhause; ich ergebe mich nicht kampflos.


















