Je veux te voir
Wachsein wollen, dazu klatschen die Hände unpassend den nächsten Takt auf die eignen Wangen: Durch dicke Watte dringt der Ton, das Gefühl von brennender Haut vergeht zwar zugegebenermaßen nur langsam, aber wirklich wach wird das Bisschen Mensch davon auch nicht. Stattdessen? Knochen jagen: mit den Fingern sich in die Brustmuskeln kneifen, unter der Haut, beim Rippenbogen, nach dem Nervengewebe schnappen, einfach so gehn die Nägel ins Schlüsselbein ein, - geliebtes, ewig besehnes, - und zerteilen dort die Fasern. Nein, das ist es auch nicht, rupf mir doch nicht so an den Haaren, bitte, --
Um was geht's hier eigentlich?
Yelle schreit mir ihr Je veux te voir so laut ins Gehirn, dass die Augen tränen, das ist nicht genug, natürlich nicht, zwing dich nicht zum Schreiben, tu ich doch, aber was weiß der Einzelne, was weiß der Mensch von der aufgebissenen Unterlippe und dem letzten Traum?, was weiß er vom Alkohol, der mir des nachts den Körper brennen lässt?, Blut, ins Waschbecken gespuckt, ein tiefer Blick von XY an der ersten Treppenstufe, - es wird dabei ein Hi in die hallende Weite des Foyers geflüstert, ach wie süß, sagt die Mademoiselle Manie, - gehn wir weiter vor oder nur noch zurück?
Ich bitte dich, schlechte Tage haben wir doch alle, nicht?
Nicht zum halben Preis, nein.
Also gib mir nichts mehr von der bittren Süße, gib mir Gift, gib mir das Beil in die Hand, gib mir Jasmin, den ich zerkauen kann, gib mir Stechapfel und Vogelbeere, und zum Ausgleich dafür zerschlage ich dir alle Uhren, ich hau dir alles in Trümmer. Besonders dein gottverdammtes Leben, das du mit dem grünen Seidenschal so schicklich trägst, mit deinen perfekten Haaren, ich schneide sie dir ab, und deine Kraft ist fort, nicht?, so heißt es doch irgendwo geschrieben; ich rasiere dir alle Haare ab, ich rupfe dir die Augenbrauen aus, die Wimpern, jede einzelne, ich rupfe dich wie ein Hühnchen und werfe dich dann den andren zum Fraß vor, das passt mir ziemlich gut.
Du fragst, - naiv, unschuldig, wie du bist, - was denn los sei. Du fragst das ernsthaft, am Telephon, - nach über einem Jahr hast du den Nerv, mich anzurufen, du und deine samtweiche Stimme, - deine Worte sind Baumwollkokons, weiß gebauscht gehn sie mir unter die Haut und stauen alles Blut, - und alles in mir, - verstehst du?, in mir, nicht in den Eingeweiden, nicht im Gewühl tausender Atome, in mir, - schreit nach der letzten Möglichkeit, die mir deine Küsse waren, - stattdessen kneifen mich die Knochen, die Hose rutscht beim Treppensteigen, und bald gehn dem Gürtel die Löcher aus, denkst du da dran? Nein, du bist das neue Gesicht von B***, wie wundervoll, hast du mir eigentlich überhaupt zugehört, bastardo, sciattona, du kannst den ganzen Scheiß behalten, weißte das?
Ich knirsche mit den Zähnen und reiße mir dabei das Zahnfleisch blutig; ich bin der Wolf, der hungrige, der verwahrloste, ich knurre die Menschen an, die mir den Weg versperren, ich knurre und schnappe nach ihnen, mit tollwütigem Maul, mit schäumendem Blick, was geht's dich an?
Wachgeküsst, sagt das Herz, wachgeküsst ist jetzt die Wut, kostbare, reinste, luzide; Stachelbeere unter den Gefühlen; zerkau mich und du beißt dir ins eigene Fleisch.


















