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Dienstag, 9. Februar 2010

Dazwischen.

Das Echo sagt: Clamore.
Amore

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Ore



Re.


Der Widerhall schüttet sich aus wie ein Eimer Sand...
Es schwappt gegen alle Ecken...

Das war doch vorhin noch nicht dort, oder?, dieses Haus am andren Ende des Flurs, fünfeinhalb Minuten entfernt von jedem Ausblick Augenblick: ein Garten, ein schräger Strich Licht zwischen Walt Whitman & dem Grab, a jar of fireflies on the tombstone, ein Kinderlachen, das sich im Dunkel nicht verlieren will, weil kein Kind mehr lacht.

Ein Schlüssel, der sich nicht drehen will...

Was?
Das Haus steht leer in der Ash Tree Lane.


Aus dem Traum schäle ich mich mit der Decke & dem Bisschen Stoff, der an mir hängt wie Eis; ich kratze mir das Hemd von der Haut, ich schabe die Hose herunter, & stehe am Fenster: Draußen wimmert etwas, - eine Katze?, es klingt wie ein Kind; ich kann nicht begreifen, woher es kommt. Die Hände fassen nach Lichtschaltern... Kreisrund gebadet in Gold ist der eigene Körper plötzlich, greifbar geworden, echt. Der Wind beißt mir an Armen & Beinen, ich kann mich nicht denken hören, also nehme ich die Decke & wickle sie um mich, gehe hinaus in den Flur. Niemand. Nichts. Keiner geht, alles steht still. Auch hier glühen Lampen, alle Türen stehn offen, - das finde ich unerträglich; alles Glühen verlampt in Glas gesperrt zu Draht. Das ist kein Licht, es ist ein Jahrmarktstrick. Hat mir etwa von Holofernes Messer geträumt?, in der Küche stehe ich & sehe durch das milchige Weiß der Klebefolie in den Hinterhof; das Besteck in der Spüle sticht mir metallene Kälte in die Augen, ich weiß nicht, weshalb es reflektiert. Draußen scheppert der Müllcontainer, aber niemand reißt an der Klappe.

D
e
r

H
a
u
c
h

geht mir über den Rücken wie (d)eine Hand, & ich drehe mich zum Schatten um, der mir gefolgt ist, - den ganzen langen Weg aus den Träumen ist er mir nachgelaufen. Ein Doppelgänger. Ein Skelett mit Haut & Muskeln so dünn wie Papier, eine Erinnerung: Ich auf dem Rücksitz eines Wagens, Musik in der Anlage, - draußen rauschen die roten Lichter der Fabrikschornsteine, Antennenkabel spannen sich über dem Asphalt, überall geometrische Formen, den Rest hat die Nacht genommen, - & was?, ein Riss im, ein Riss durch, ein Riss zwischen, was? Der Anrufbeantworter hält keine Stimmen. Aufschrecken im Flur. Weshalb bin ich aufgestanden?, weshalb bin ich überhaupt wach?

Eine Frage hat mich geweckt: Chi dara fine al gran dolore?
Das Echo sagt: L'ore.

Niemand, außer der Flur.
Bis es einschnappt, im Schloss, bis das Fenster nicht mehr zittert vom Rumpeln der Lkws & Nachtschwärmerwägen; wie Motten verscheut eine zusammengerollte Zeitung den Tag, den Abscheu hinter der Leere. Endlich werde ich wacher, denke: Es war auch nicht deswegen, weil du gelachst hast als ich übers Schreiben sprach, dieses Verlegensheitslachen, dieses Ich-weiß-nichts-zu-sagen-Lachen, - es ist deswegen nicht geschehen, weil ganz tief gestapelt wurde, - niedrig hat man jedes Wort aufs nächste gesetzt & gehofft, es ließe ein bisschen Raum übrig, aber: Der Raum ist zu groß für dieses Ausweichen, dieses Drumherum-Manövrieren, das funktioniert nicht auf Dauer. Warum? Na, ich mache keinen Unterschied zwischen dem Beschädigten & dem Schadhaften, aber ich unterscheide zwischen dem Teilbaren & dem Ungeteilten.
Meine Hände zupfen am Mülleimerbeutel, schieben die leeren Plastikflaschen in den leeren Rucksack, - die Flaschen knacken lauter als sie sollten. Das macht mich wacher, jetzt. Ich denke: Keiner hält mit mir Schritt, keiner ist mir gewachsen, im Schreiben nicht, im Lesen nicht, weder im Träumen, noch im Wachen, keiner flieht so wie ich, - diejenigen, die es konnten, sind ins Exil gegangen, & das Exil berührt nur im Flüchtigen das Herz, das nicht stillstehn kann.

Es ist 3.44 Uhr,
die Augen erfassen's jetzt,
ich kann mich kaum hören.

Dabei will in Wahrheit alles bis ins letzte Detail beschrieben sein: der rote Teppich im Flur, den allein ich, - & immer ich, - staubsauge, die weißen Kommoden mit den drei Schubladen, - sie geben sich als Schweden aus, - & darüber vier Ausschnitte Paris in schwarz-weiß; es gefällt mir alles längst nicht mehr. Im Badezimmer hängen immer mehr Poster, in der Küche kleben City-Cards an den Wänden. Keiner hat den Ofen geputzt. Die wenigsten ziehen sich die Schuhen aus wenn sie zur Türe hereinkommen. Ich knirsche dafür mit den Zähnen, weil mir immer etwas Streusalz an den Socken bleibt. Es ist ein Geisterhaus, egal wer jetzt in diesem Verlassenen seine Möbel gegen die Wände schiebt, diese neuen Regale, diese perfekten Dinge aus dem Katalog, die ich nicht ausstehen kann in ihrer allgegenwärtigen Gleichheit: Meine Couch, mein Tisch, mein Sessel, - meine Blicke ertragen diese Oberflächen längst nicht mehr, darum sehe ich auch dann noch durch sie hindurch obwohl es draußen hell & immer heller wird.

Wach zwischen den Zimmern.

An allen Tagen bin ich beschäftigt, das verstehst du natürlich nicht. Ich meine, dass ich ein Leben habe. Dass ich schreibe, im Schreiben ertrinke, im Schreiben sterbe & ins Lesen mich rette, du starrst nur immer gegen die weißen Flächen, wo keine Bücherrücken die Wände ersetzen, - aber eben das wird kommen, schneller als du es verstehen wirst; es ist kein Statussymbol. Mein Fernseher ist eingestaubt, ich kenne die Namen all dieser Moderatoren nicht, ich hab sie noch nie auseinander halten können, diese Gesichter auf dem Wasser, diese Sendungen mit all ihren Werbeeinschüben, ich halte das alles für oberflächlich, es ist mir bloße Zeitverschwendung. Dass ich Sport treibe, - daran hätte ich ja selbst nie geglaubt, wenn's Narziss nicht gegeben hätte, - ach, Verlorener, Echo hat ihr Spiel mit dir getrieben, - & wenn der Spiegel dann den Rücken zeigt, die Schulten, die tatsächlich breiter werden, die Arme & Beine, in denen sich die Linien abzeichnen, gegen den Strich & unter der Haut, dieses geglättete Begehren, dieses behaarte, - nie hätte ich gedacht, dass aus mir einer werden könnte, der in der S-Bahn angelächelt wird, dem man die Hand auf den Arm legt & fragt, wollen wir nicht?, & dann schleicht man sich ungesehn ins eigene Haus & treibt es wie, --

Dass es Freunde in der Stadt gibt, die wichtig sind, weil sie zur Familie gehören. (Der Hedonist, der mir den Tanz ins Blut geschüttet hat wie eine Droge, das Lecken der Lippe nach dem vietnamesischen Essen, das Bunt der Galerien; Bellona, die mir eine Cousine ist, eine von denen, die man nicht oft sieht, aber wenn, dann mit einem Lächeln; oder gerade diese: Ella-que-ríe, die sagt: Nichts ist umsonst, lass nichts unversucht, - sie, die lacht als gäb's kein Entkommen davor; ein Bruder wie Markow, das Sehen & Sehnen von A., & ein Stoß in die Rippen; &tc.) Kein Krankenhauszimmer bliebe leer...

Was?, wieder ein Stolpern zwischen den Türen.
Machen wir uns doch nichts vor. Warum sich rechtfertigen? Jeder lebt sein Leben auf seine Weise, jeder gibt Chancen, verteilt Kompromisse zum halben Preis, verkauft die Geduld an den, der am meisten bietet, nichts geht wie geplant, nicht?, niemand hätte sich das vorstellen können? Niemals.

Die Hand greift nach der Hose, greift nach dem Hemd, die Fäden heben die Arme, schieben die Beine unter die Decke, ins Warme zurück. Die Nacht kann mich nicht verstoßen. Bitte?, was? In der Ferne, heißt es, in der Ferne denke jemand daran, ich sei reich. Beim Bemalen der Wand, dort in Moabit, mit dem klingelnden & ewig klingelnden Telephon, - des Konzerts wegen, & weil sich's zu dritt am besten tanzen lässt zwischen Bass & Licht, - mit dem Plan für den Frühling, mit der Aussicht auf Filme, mit dem Bruder in der Stadt am Mittelmeer, mit der Schwester im Sturm, mit dem Wollen, dem Brauchen & Können, mit dem Sonntagslächeln,

- als der Zug einfährt & Schnee verwirbelt zu Funken, -

mit dem besten Anzug & dem wackelnden Tritt auf dem Eis, beim Reichen der Schale, - die Hände des Argentiniers geben sie fort, sie & das Glas Wasser, es steht auf dem Holztisch, - dort in Kreuzberg, mit dem Kuchen aus reinster Schokolade, beim Heben der Mundwinkel im falschen Abteil, - meinst du denn mich, mit dem Lächeln?, - die Buchseiten blättern, & Cortázar erzählt mir von Liebe, dort, im Prenzlauer Berg, & das Haus in der Ash Tree Lane, von dem erzählt mir ein andrer, - immer rauscht mir Papier zwifinschegern, genau, zwischen den Fingern, & Berlin hupt & tobt, & versinkt in der Kälte, der Sargdeckel, der sich nicht hebt, - beim Ansetzen des Pinsels auf der weißen Wand, beim Stemmen des neuesten Gewichts, beim Schreiben des Briefes, beim Hören der Lieder, - beim Shape Shifter der Local Natives, bei Beiruts Nantes, bei Always like this vom Bombay Bicycle Club, - da ist es Reichtum.

& die Welt zerfällt,

fällt,


auseinander geht das Licht,



geht das Licht,



aus,
aber etwas bleibt bestehn.

Echo ruft mich zurück,
sie streicht mir die Lider über die Augen, die Wimpern verzahnt sie mir ganz; es bleibt kein Raum mehr, die Lücke schließt sich im Schlaf. Plötzlich ist es Glück, alles. Selbst der Alptraum, der mich weckte. Dies hier, dies ist mein Zuhause; ich ergebe mich nicht kampflos.

Samstag, 6. Februar 2010

In der Stille.

Bist du denn, was?, na, öfters, ja, ich bin öfters hier. Wir wissen es beide. Trotzdem wird gelächelt, - ein schmales Lächeln, das an den Rändern festgehalten werden muss vom wartenden Finger, - und im Versuch, die Welt mit Blicken anzuhalten, dreht sie sich weiter: Haben wir uns denn vorher nie bemerkt?, bei was?, diesem Hin und Her, dem Abschuften, hast du's nicht gesehn, wie ich dich verfolgt habe, mit?, diesen, - Händen? Nein, diese Hände haben nur das rauhe Eisen gehalten, die Gewichte aus schwarzem Gestein, sie haben sich ins Haar geschoben als verspräche es Halt und über die Haut unter der Kleidung. Haut, die sich verzehrt. Sehnen. Muskeln. Bitte? Muskeln. Dafür sind wir ja hier, nicht?, um was zu tun?, um hart zu werden. Die Härte geht Hand in Hand mit dem Kupferstich in deinen Augen.

Es waren die Augen.

Beim Rausgehn aus der Halle hast du meine Schulter wie zum Abschied berührt, aber. Es war ein Kennenlernen. Andere nennen es Begehren. Auch das begann an der Ampel; dort stand eine Frau, - sie wird fünfzig Jahre alt gewesen sein, dabei sah sie aus wie hundert: Die schaute uns skeptisch an. Vielleicht lag es an deinem Piercing, vielleicht war's wieder mein Mund. Keiner hat begriffen, was die Frau eigentlich will. Diese?, jede andere, die erstbeste?, bitte? Natürlich nicht. Nur diese.
Zuhause haben sich die Türen schnell geöffnet und geschlossen, keiner hatte uns gesehn. Die Beherrschung, die wir in der Bahn zeigten, um im Fremden kein Aufsehen zu erregen, - obwohl wir vom Aufsehen genug Erregung in uns ließen, - fiel von uns ab beim Schließen der Vorhänge, und dem Zurückschlagen der Decke. Sturz, Fall, leise quietschte das Parkett vom eiligen Tritt. Schon waren wir da, haben uns auf dem Laken gerollt. Bis es uns feucht am Rücken klebte. Bis die Ecken sich von der Matratze lösten. Bis nichts als das Holz unter uns war, der bloße Boden. Ganz in der Stille, damit's der andre nicht hört, so haben wir's getrieben, - mit der angerauhten Hand habe ich dir den Mund verschlossen, meine Hand wurde zur Tür, hinter der das Schreien lauerte, das Stöhnen als Schmetterlingsschwarm, der aufflog hinter der Haut, der mit dem Zungenschlag zur Schnecke zerschrumpfte, zum klebrigen Kuss, der kalt wurde an der Kante zum Lächeln.

Mit hastigen Fingern habe ich dich geöffnet. Jeans, T-Shirt, Slip, wie Spinnweben hab ich sie von dir abgerissen. Deine Zähne schlugen sich mir in die Lippen, das Blut machte mich rasend. Zwischen die Beine bin ich dir gefahren, - nicht als Eindringling, keiner hat mir den Namen eines spanischen Eroberers gegeben, im Gegenteil. Unbedarft, wie einer, der sich hinter der Mauer versteckt, um zu spielen, so bin ich an dich heran gegangen. Niemand hat mich darum gebeten, wie der Teufel in dich zu fahren, dich auszufüllen, - obwohl du nicht (niemals) bewohnt warst, von mir. Allein das Nasse, und immer Nasse, blieb. Der Schweiß auf der Haut, verfangen in Wimpern, ins Haar geflochten wie Silber. Ein Leib mit vier Beinen und Armen, zwei Köpfe, ineinander geschlungen vom Biss in den Nacken. Wir haben uns blutig gebissen, wir waren wie Hunde, die sich um den letzten Knochen streiten. Erst nach Stunden haben wir plötzlich voneinander abgelassen, erschöpft vom unterdrückten Schrei, erschöpft von der reibenden Haut, vom Scheuern der Glieder. Die Schlüsselbeine blieben unverletzt.

Du hast dich zurückgelehnt, mit dem Kissen im Rücken, hast das Kondom von mir abgestreift wie abgestorbene Haut, du hast es fallen gelassen neben das andere und gesagt: Niemand wird dich je wiedersehen. Da musste ich nicken, mit der Hand auf dem Bauch, der sich hebte und senkte als sei er in Aufruhr, sah dich liegen, nackt und nur nackt, Haut und Begehren, aufeinander gelegt wie zwei Lagen Stoff, und spürte das Blut in den Schläfen schlagen. Ich habe nicht begriffen, was du sagtest, der Kopf war mir zu leicht, um ihn zu schütteln.

Also bist du aufgestanden, hast den Slip genommen, das T-Shirt, die Jeans auf der Couch, und hast dich im Stehen angezogen. Da lagen dir Lichter auf dem Rücken, und viele Schatten im geneigten Gesicht. Kein Kuss mehr, kein Beißen der Lippe, so hast du dir die Schuhe angezogen, leise, behutsam, aber schnell. Die Schnürsenkel blieben offen, - du sagtest, du würdest sie auf der Treppe verbinden zur Schleife. Ich habe die Tür geöffnet, ich hab sie geschlossen, nur im letzten Blick lag der Wunsch nach den Blumen auf dem fehlenden Tisch, vielleicht waren es Tulpen. Der Wunsch nach aufgeschnittenem Brot, nach Mandarinen in der gläsernen Schale, eine Gabel, die einen Teelöffel kreuzt. Die Zeitung, die raschelt, das Buch, das auf dem Tisch liegt wie vergessen und niemals geliebt...

Ich habe geduscht.
Verstohlen, ungesehen, und ohne das leiseste Wort.
Die Kratzer auf der Haut habe ich erst abends bemerkt.
Der blaue Fleck am Oberschenkel kam am nächsten Tag.
Auch das ist schließlich verschwunden.
In aller Heimlichkeit.

Dienstag, 2. Februar 2010

The Shape Shifter. 2/2

Am Tisch, der nicht da ist, sitzen wir mit traurigen Augen & einem halben Lächeln auf den halben Lippen; seine Koffer sind gepackt fürs nächste Bisschen Glück, - das steht uns im Weg. Wir haben uns schon die Füße daran grün & blau geschlagen, einen Regenbogen haben wir uns ins Fleisch gehauen: gelb leuchten die Schenkel, violett die Schulterblätter, rot ist der Hals. Mit Stumpf & Stiel haben wir uns ausgerottet, sind uns aus der Haut gefahren mit großem Geschrei, an die glatten Wänden hinauf & raus, & immer raus, immer weiter weg vom Geschehen als unbedingt nötig. Nur damit uns kein Wasser mehr bis zum Hals stehen kann. So sitzen wir am Tisch, der nicht da ist, & mit den Händen am Kannenhenkel schenke ich mir Röte ins Gesicht; er trinkt nicht, er sieht nur aufs Papier, das gerollt & gewellt, das vom Regen in Bewegung gebracht, nicht stillstehn will zwischen den Fingern.

12.
Die Suche nach ihr, sagt er & zieht sich einen Sarg an aus bunten Strichen & Karos, Die Suche nach ihm, & er verzieht sein Gesicht zu einem Kleinjungengesicht, Es geht immer ums Suchen, wir suchen so viel. Ich habe in jedem der Zimmer die Heizung abgestellt, weil die Wüste Sonora in ihm steckt; mit jedem Schritt streut er Sand aufs Parkett, die Hitze dringt ihm aus den Poren wie Schweiß. Er sagt: Die Suche nach der Decke bei Nacht, die keine andre Hand findet, weder die Decke, noch die Hand findet die Nacht, alleine geht der Blick die Treppen hinab. Welche Treppen?, ich habe nicht danach gefragt. Stattdessen ging mir ein Lied durch den Kopf, irgendeine Melodie, die ich hörte als die Sonne noch schien, als die Wolken sorglos zergingen im Blau. Während er spricht, mit seiner Stimme, mit seiner Sprache, in der die Vokale sanft sind & die Endungen rauh, da rücke ich den roten Topf mit der Blume zum Fenster hin, ziehe den weißen Vorhang fort, - & erschrecke über das viele Grau. Das Grauen der Welt, dieses endlose & in die Gesichter der Menschen gegossene Grau, in die Tiefe eingesickert wie Wasser, eingegangen & Fleisch geworden. Ich fühle ein Gähnen im Gesicht, ein müdes Blinzeln. Die Hand lässt den Vorhang fallen, den ganzen Stoff reißt sie ab von der Stange, nur um zu beweisen: Sieh her, sieh was ich kann. Keiner sieht hin. Auch die eigenen Augen sind blind.

13.
Er sagt: Ein Zweig, der zerbricht, ist mir die Liebe. Backsteine aufeinander gelegt, - sie sind mir das Herz. Ein Kuss, auf die Stirn gehaucht, ergibt noch lange keinen Kuss, es ist nichts als das Decken eines leeren Tischs. Es liegt ein Lächeln in seinen Augen, ganz unten, auf dem Grund dieses Brauns, weit unter dem Blick, & sein Mund verschiebt sich zum Weinen. Du bist ein Sonntagskind, alle andren Tage tun dir nicht gut.

14.
Zusammen stehn wir an der Tür zum Tanz, drinnen wirft man sich einander in die Arme & tritt sich auf Schuhe. Einen Anzug hat er sich angezogen, er steht ihm recht gut, auch wenn er aussieht wie ein Dieb, wie ein Hehler, einer, der die Frau zum Abschied nicht küsst, sondern schlägt. Ich hingegen komme aus meinen Augen nicht raus; ich habe mich in ihnen eingeschlossen, um in der Ferne zu leben. Nicht im Ist.

15.
Er ist der Jäger, er leckt sich die Lippen, er verschwindet mit der Zigarette zwischen den Finger im Getümmel des Raums. Ich denke nach übers Lachen, & täte es gern. Stattdessen kommt er irgendwann wieder, früher als ich erwartet hatte, an der einen Hand eine Blonde, an der andren ein Mann, - beide lächeln in meine Augen hinein als klopften sie am Fenster zum Hof, - & sagt: Meine Nacht ist gelaufen, ich komme nicht wieder. Er drückt mir die Schultern & lässt mir den Mann da, der betreten wird weil er mein Schweigen selbst noch durch die Musik hören kann; er stellt sich als Janosch vor.

Janosch sagt: Wie wär's denn mit der, na, die da hinten, ist die nicht was für dich? & ich sehe eine Frau, eine Zwergin, sie ist ein Meter zehn, - vielleicht täuscht mich das Licht, - die schön ist wie eine Puppe, mit Haaren so schwarz, so geschnitten als wäre es falsch. Sie sieht mich an mit einem roten Mund. Ich sage: Nein, danke, ich jage kein Fleisch.

Janosch sagt: & die da?, du siehst sie?, die Blonde dort vorne, die tanzt als wär sie verrückt & ich sehe eine Frau, eine Schönheit, - vielleicht täuscht mich das Licht, - die sich ihr Haar aufgesteckt hat zum Greifen; die lächelt & lächelt, alle Zähne rufen mir einen Namen zum Gruß. Ich sage: Nein, verstehst du nicht: Ich suche niemanden hier. Ich bin nicht geboren zum Suchen. Da lacht er ein Lachen, das mir die Haut von den Lippen zieht als wäre die Haut längst abgestorben & weiß vom Zerbeißen.

Nach zwei Stunden klopft er mir auf den Rücken als ließe sich damit endlich eine Türe öffnen, & raunt mir zu: Na gut, vielleicht keine Frau für dich heute, das tut mir sehr leid, & ich denke: War das je wichtig? Geht es denn immer nur ums Suchen, darum das Verlorene zu vergessen, es zu ersetzen?, geht es denn immer nur ums Berühren, kann ich nicht sein wie ich bin, ein steinernes Zeugnis aus vergangener Zeit?, aber er nimmt mir die nestelnde Hand aus dem Kragen, & lächelt. Keine Dämmerung senkt sich, kein Sonnenaufgang im geschlossenen Raum, das bunte, kreiselnde Licht geht nicht aus im Nebel, der aufsteigt aus der Maschine, - nur der Nebel senkt sich auf die Zunge, senkt sich auf die Augen, die der Herzschlag durchfährt, die brennen wie Zunder, & die Augen zertrennen die Welt wie zwei Fäden: Atme. Atme. Atme. Die Wüste findet ein Ende.

Janosch & ich verabschieden uns ruhig, gelassen. Einander haben wir die Nacht zur Hure gemacht; er war glücklich damit, ich habe das Glück probiert als wäre es eine exotische Frucht. Wir gehen auseinander wie Fremde, die innerhalb weniger Stunden zu Freunden wurden.

16.
Als ich nach Hause komme ist's bereits Mittag; er hat die Koffer gepackt zu einem weiteren Abschied & die Liebe gelassen wie sie ist. Wir setzen uns an den Tisch, der nicht da ist, & sehn verstohlen den Abend in unseren Augen. Wir reden nicht viel, wir nehmen uns an der Tür in die Arme als könnten wir uns halten, & dann rutscht der Körper aus der Halterung, die Finger streichen die Falten glatt, sie greifen nach dem Griff am Koffer, nach dem Geschenk in der Tüte, & nehmen die Klinke zur Hand. Er sagt: Es ist zu kalt hier, du solltest drauf achten. Dann lacht er. & geht.

Sonntag, 31. Januar 2010

Die Stimmen.

Sie gehn mir durch die Zimmer; sie schlagen Türen zu, schließen die Fenster. Komm doch nach München, du hast durch mich gute Chancen, ich, der raussieht auf ein Querstraßennetz, auf den unermüdlichen Verkehr vor dem Haus mit dem Husten & Sirren der Wägen, ich überprüfe mit einem einzigen Blick diese Stadt, prüfe sie bis aufs Mark, & erschrecke über den Süden. Nein, da will ich nicht hin, aber die Chancen sind gut, du kannst werden, was du werden willst, dort, mit den Händen halt ich mich fest. Nein. & Papier rollt sich nicht, es wird nur gefaltet zum Brief. Hier steht: Daher bedauern wir Ihnen mitteilen zu müssen, & die endlose Reihe an Möglichkeiten verliert eins ihrer Glieder. Ein Rosenkranz, - wer betet ihn für mich?

Ich schrecke auf, nachts, mit dem Buch in der Hand. Es rutscht mir aus den zittrigen Fingern. Was?, wer hat mir da gerade von der Zukunft gesprochen? Ich war's nicht, kann's nicht gewesen sein; ich bin derjenige, der von morgens bis abends die Angst in schwarze Wörter packt, der sie auf Reisen schickt zu Fremden, die mich anhand der Angst bewerten, die sagen: Ach, wissen Sie, eigentlich suchen wir gar niemanden mehr, aber ich, sag ich, ich suche wen, ich suche was, & die Angst geht weiter auf Reisen; sie nimmt mich bei der Hand wie die Zeit die folgenden Tage, sie geht mit mir fort & zeigt mir die Straßen. Siehst du nicht?, eigentlich kannst du hier nicht überleben. Alles ist hart & rauh, der Asphalt & das Glas geben dir keine Perspektiven, sie geben sich nur selbst. Sie haben es immer getan. Aber hier muss ich doch leben, hier, das ist die Traumstadt, dies ist Utopia im Sumpf seines Zorns, dies ist auferstanden aus Ruinen, & eine Gräberstadt ist's jetzt geworden. Aber ich bin doch hier zufrieden, sonst, ich mein mit dem Rest. Das Aufstehen tut manchmal weh, - es tut um der Leere willen weh, nicht weil ich unglücklich bin. Das Unglück ist nur ein Gast in meinem Haus, es kam wie es kommen musste, es war zu erwarten, & so ging es auch wieder. Damit ist zu leben, sehr gut sogar. Es ist nur das Aufstehen an sich.

Aus der Ferne, aus der Stadt am Mittelmeer, ruft man nach mir. Hat gerufen. Mittlerweile sind es ja schon einundsechzig Tage, solange kann keiner rufen. Dennoch red ich's mir gern ein, schaue nach Flügen, das kann ich mir leisten. Irgendwie, es findet sich doch immer ein Weg. Nur: Wie geht es dann weiter? Wie lange kann ich bleiben, was mach ich solang? Die Wohnung, das Haus der Angst, es bleibt in Berlin zurück wie ein Mahnmal, & bei jedem Sitzen am Meer, bei jedem Gehen durch die Straßen Barcelonas mahnt es mich zur Rückkehr, zum Abschließen der Tür. Ich finde keine Ruhe, ich finde keinen Kopf mehr zum Schreiben, sag ich zu A., der im Schneidersitz meine Gedichte liest, der liest & liest, es ist, als hätte ich ihm Opium zum Rauchen gegeben, & nicht dieses minderwertige Zeug; er sagt: Du bist gut, aber vom Schreiben hast du nicht das geringste verstanden, & es stimmt, ich erkenne es. Ich habe nicht verstanden, was das Schreiben ist, was es sein muss für mich; ich bin um das Schreiben geschlichen wie das Kind um das Spielzeug, ich hab's zur Hand genommen, ich hab es benutzt, viele Stunden lang, aber es ist nicht in mich eingegangen. Ich hab es missverstanden, jahrelang. Er sagt: Du wirst groß sein, wenn du dich opferst, wenn du das, was du an der Wand stehn hast, verwirklichst, & ich denke: Wie aber soll ich es verwirklichen?

Mir hat man die Zukunft zur Trutzburg gemacht, zur Festung, die es zu erstürmen gilt. Sie ist aus Geld & Angst erbaut, an ihr ist nicht zu rühren. So stehe ich vor ihr, ohne Sancho Pansa, ohne die Phantasie, die sie bezwänge.

Seit drei Jahren schon dreht sich mein Leben im Kreis, es dreht sich & dreht sich, & blickt niemals nach hinten. Von Möglichkeit zu Möglichkeit hangle ich mich, obwohl sie sich wehren, diese Möglichkeiten, diese Aussichten aufs Überleben; alles, was ich angefangen habe, war nur temporär, war nicht von Dauer. & eine Weile war das gut so, es war befreiend. Flexibiltät, neue Aufgaben, neue Menschen, so macht man Freunde, so lebt man. Bis die Sorgen kamen, bis die Stimmen lauter wurden, die mir von der Zukunft sprachen. Du kannst nicht, du musst, sie reden auf mich ein, von allen Seiten dringt es zu mir: Du kannst nicht, du musst, & mehr: Du kannst nicht, du musst, - aber was? aber wo?, dieses Aber, das man mir letztens verbat zu sagen, dieses inflationär gebrauchte, es ist meine Waffe, die Klinge an meiner eigenen Kehle. & so rutscht dieses Leben, dieses triviale, dieses überhaupt & in der Menge zur Unscheinbarkeit verbogene, es rutscht über eine neue schiefe Fläche, es rutscht zur Kante. & tanzt. Es tanzt Freitag nachts so lange bis die Füße ihm schmerzen, & der Mund, der vom vielen Verteidigen schon ganz rissig ist, giert nach Bier, giert nach Absinth, giert nach Gin Tonic, er giert & giert, denn in dieser Gier verliert er sich selbst. Der Mund & sein Meister, - sie verschwinden im Suff, im Rausch & Nebel der Nacht. Aber Aber-Sagen, so kann's nicht weitergehn, es geht mit dir bergab.

Die Stadt, sagen sie, die Stadt tut dir nicht gut, zieh weg, die Stadt ist dir ein Grab. Für die Zukunft, - welche Zukunft?, schrei ich entgegen. Die Stadt ist der einzige Anker. Sie stellt keine Anforderungen an mich, sie lässt mich am Leben. Sie, & die Sonne, sie & die Menschen, die sommers um den Kanal sitzen, die im Winter sich in Mänteln & Jacken dicht aneinander drängen; diese Stadt ist mir das Blut in den Adern, ist mir der Dreck unter den Nägeln, - für sie hab ich alles geopfert, diese Sicherheit, die ich im Süden hatte, diesen gekennzeichneten Weg, diese Eindeutigkeit, alles zerstreut & in die Luft geblasen wie Asche. Ich wäre damit ohnehin nicht glücklich geworden. Hier war ich glücklich, kann's wieder sein, nicht? Im Schmutz & in der Armut, im Kummer, im Wilden der Zahmen, die sich durch die Gehwege wälzen als gäbe es keine Welt mehr außerhalb Berlins, als gäbe es nichts als die eigene vollkommene Ichheit, abgeschlossen & absolut, perfekt im Verlangen. So gehe auch ich, stehe erhobenen Kopfes in der S-Bahn & lasse mich tragen, lasse mich über den Abgrund sogar noch hinaus tragen, weiter, weit über den Rand. Tanze, schreibe, lese, rausche, zu Licht geworden. Bis die Stimmen kommen.

Florida ist das Stichwort, Florida, versuch es dort, du weißt, wir haben Verwandte da, die nehmen dich auf, für zwei Monate vielleicht oder länger, da kannst du schreiben, da kannst du sein, nimm dir die Pause, wenn du meinst, die Mutter lenkt plötzlich ein. & genauso plötzlich meine ich denken zu müssen, dass es stimmen könnte, dass es eine gute Alternative wäre, - nur eine Alternative wovon? Die Aussichten in der Stadt werden kleiner, sie verlieren den Glanz. Ich weiß das. Alle, die weggezogen sind, wussten es. Als letzte Barriere, als meine eigene Burg bleib ich zurück, verwahre mich gegen den Gedanken, außerhalb Berlins besser leben zu können, obwohl der Erfolg dort greifbar ist, nur einen Steinwurf entfernt. Selbst Düsseldorf, selbst Frankfurt & Köln bieten mir mit Visitenkarten Optionen an, - mit den Händen halt ich mich fest. Verbaue mir die Zimmerwände mit immer mehr & mehr Büchern, seitenweise Schutz, papierschwere Waffen, ich verbarrikadiere mich dahinter, warte auf den kommenden Krieg. Um jeden Preis muss ich es verteidigen, um jeden. Diese Stadt, nur diese, ist Freiheit. Für mich, mein ich, in meiner eigenen Welt. Mit ihr habe ich mich von dem befreien wollen, was jetzt seine Stimme erhebt zum Zetern & Nörgeln. Ich ertrage die Ketten nicht mehr.

Also suche ich weiter, schreibe neue Bewerbungen aus als ging es ums Reisen, spiele mit dem Gedanken, vielleicht doch für zwei Monate zu gehen, um dann hungrig wieder zu kommen. Lange schon spiele ich mit dem Gedanken. Erwähne ihn aus Trotz. Ich tausche nur ständig die Namen aus, die Ziele. Es braucht zu viel Zeit für das Konkrete, befürchte ich. Aber das Konkrete schiebt sich schon unter die Haut & nimmt den Raum ein, vollständig. Es bleibt kein Platz mehr für Zwischentöne. Ist das Konkrete erst in mich eingegangen, dann gibt's kein Zurück mehr in dieses Alte. Das Ich, das sich aufgegeben hat für das intensive Leben, dieses Ich, das sich nach Hesse auflösen muss, um lebendig zu sein, dieses Ich wird zur Idee, zum Griff zu den Waffen, zur Revolution. Dieses Ich kann nichts verlieren. Es besitzt längst alles.

Samstag, 30. Januar 2010

Der Tanz.

In die Tiefe gehen, durch das Viereck der Dunkelheit, eintreten in den Raum, wo sie sitzen. Die Treppen sind beleuchtet von gelben Kerzen, ein Fremder hat sie an die Kanten gestellt, & auf die Kanten treten auch wir. Wir, Männer in dicken Jacken, mit nassen Schuhen, - uns hat man Raureif in die Gesichter gehaucht, ins Haar ist uns das Eis gewoben, - & nichts als die Nacht begleitet uns durch den Gang, wo sie sitzen. Die Jacken lösen sich schnell, darunter kommen Menschen hervor, man hat sie im Schnee fast vergessen. Wohin?, wohin bringt uns die Nacht, die nicht wartet, nicht singt, wohin bringt uns der Wein in den Gläsern, wohin der nächste Schritt? Gib mir das Glas, Bruder, ich trinke auf dich, heute Nacht, ich trinke nur Wasser.

Hinein, durchs Viereck Licht; dort erkennen wir, dass eigentlich alles wie immer ist, - der Club, in den jemand Licht geschüttet hat, Farben, die über die Tanzfläche rauschen, & hinter der Theke, unter den roten Lampen, lächeln die Bartender milde, wenn sie dir dein Wasser reichen, dein bisschenwas in einer Flasche, sehr schön. In Karohemden tanzen Körper, in dünnen T-Shirts, vom Begehren auf die Haut gemalt, vom Begehren angezogen wie von der Mutter & vom Vergessen wieder abgestreift, hinab in die Ecken hinein, nicht jeder kann tanzen, aber das ist egal. Weiter, weiter. Rüber auf die andere Seite geht der Blick, wo der DJ ist, der Zerberus: Er hat drei Köpfe, - auch sechs Arme & Beine hat er; dreimal rutscht Stoff über Haut, dreimal schiebt sich sein Kopfhörer über die Ohren & verdrängt die Welt, drängt sie hinaus & bis über den Rand, dorthin, wo sie sitzen, & sechsmal heben sich seine Augen zum Erkennen & Gruß, bevor sie weiter über das Mischpult zucken.

Jeder ist bunt.
Die Blicke sind es auch,
& in die Blicke will jeder eingetaucht sein.
Bis das Herz versagt...

Aus dem Wir heraus, aus dem Wir lächeln die Lippen einander zu, & sie sagen: Wir sind ruhig, wir sind zufrieden, wir sind, was wir sind, & das ist genug. Zum Andren hinüber gebeugt, den Mund dicht ans Ohr gelegt, raunen die Worte, sie springen aus der Kehle; wir reden viel über alles. Wir reden wenig im Lauten. Licht & Körper, & vereinzelt die Glut einer Kippe, ein bisschen Rauch, ein flüchtiger Blick, das ist genug. Was war das Morgen, was war, --

Da tritt mir jemand auf den Fuß, & das, was Wir ist, wird zu Kopf & Körper, zu Armen, Händen, die sich in den Hosentaschen verstecken, - zur Kälte im Leib drängt sich die Wärme, - zu Beinen, die sich gegen die schwarze Wand drücken. & plötzlich steh ich mitten in der Nacht in einem Club, mit dem Stempel auf dem Handgelenk, & die Gedanken zerstäuben beim Ansehen, bei den Gerüchen, die fremde Frauen, fremde Männer mir beim Vorübergehen aufs Gesicht hauchen wie Küsse, fragen sie?, wen?, was?, wer hat mich berührt?
Weil ich nüchtern bin, & der Rest der Welt besoffen vom Vielen, denke ich: Seltsam, wie manches beginnt, wie vieles endet, & durch die Musik dringt der Nebel der Maschine, in der das tanzende Volk ertrinkt, - alle Blicke nebeln sie ein, es lässt sich so besser nach der Hüfte greifen, der Mund findet schneller den Mund, der Körper schmiegt sich an den nächsten & es riecht plötzlich nach Sex; ihren Ascheregen, den sie ihr Leben nennen, stoßen sie funkenschlagend von sich: Hier bin ich, hier ist mein ganzes Verlangen, hier ist das leere Blatt, es wartet auf ein Wort, hier ist das leere Bett, es wartet auf Träume. & alles, mein ich, alles ist nur die Suche nach Halt, die Suche nach Liebe, die sich im Bass aufwirft zum Tanz, alles ist Wahn, ist Exzess & Atem. Bevor ich's verstehe, stehe ich dazwischen, in den Nebel gestellt & auf die Straßen getrieben, tanze.

Tanze.
Beiße mir auf die Lippen,
sehe in Augen, die meine Augen um deren Blick ergänzen.
& der Körper geht auf in der Bewegung, zergliedert, verflüchtigt sich im Nebel, der aus der Maschine hineinweht in den Raum, verflüssigt sich im Nebel, der den Augen die roten Lampen nimmt & die Bartender, den tanzenden Schatten, das Haar, das die Hände flüchtig berühren. Tanze. Zertanze, den Nebel fegst du weg mit den Händen, der Nebel ist ja dein Leben. & Haut rutscht über Haut, & Hosen schieben sich über die Beine, eine Hand streift die Hüfte, es geschieht so nebenbei, & allmählich teilt sich das Weiß. Kein Ich, kein Wir; es ist überall. Ein Überall nimmt den Platz, es kommt zum Viereck Dunkelheit herein & steigt die Treppen hinab; es hat das Gesicht eines Mannes, die Worte der Frauen zwitschern süß dazwischen; es kommt durch das Viereck Licht ins Bunte & zerteilt im Wind, in der leisesten Brise zerteilt es die Gedanken & jede Liebe ist in der Liebe aufgegangen, jeder Verlust im Verlust. Alles ist unmittelbar da, nichts ist verloren. Tanze!, tanze, der Boden zittert unter den Füßen, die Decke ist einen Handgriff vom Himmel entfernt, tanze, alles Schlechte fällt von dir ab, von uns, die Männer in den Mänteln & Jacken...

& das, was Raum ist, & Zeit, was im Traum kam, um die Sehnsucht zu wecken, öffnet sich, entfaltet sich, wird Licht.

Alles ist Licht. In diesem Moment.

Donnerstag, 28. Januar 2010

The Shape Shifter. 1/2

Das Kind beim Namen nennen, das Übel an der Wurzel packen, immer.

1.
Er beißt in das Plunderstückchen. Er reißt mit den Zähnen die Zuckerglasur entzwei. Er beißt & reißt, die Zunge drückt die Brocken gegen den Gaumen, sie wälzt Speichel hinein, - wie es gemacht wurde, so geht es kaputt, & in die Kehle rinnt schließlich der Teig. Das macht ihm nichts, er sieht's nicht mit an.

2.
Kerzengerade hat man ihn ins Gerippe geschüttet, in diese Haut, in diese, - was? Hülle. Eine Gardine, in die der Wind fährt. Ein Blatt Papier auf der Straße, Stanniolpapier, glitzernd rollt's über den Gehweg, & hoch. Nur hoch.

3.
Wird er angesehen, so hebt sich sein Gesicht; es ist schartig an den Kanten, & sanft rund um den Mund. Im schwarzen Bart beißt sich ein Wolf ins Freie, eingenäht hat der Jäger ihn ins Menschenkostüm, & auch seine Augen sind dunkel. Er hat Augen wie die Tollwut sie hat.

4.
Mir sitzt er gegenüber, im Café an der Ecke, in der Grimmstraße. Seine braune Lederjacke ist aufgeknüpft bis zur Brust, darunter: der graue Pullover, - er sieht damit aus wie ein Student aus den 50ern. Sein schwarzes Haar ist auf der einen Seite kurz, auf der anderen hängt ihm eine lange Strähne ins Gesicht; sie ist gewellt. Das erinnert mehr an die 20er. Neben ihm, auf der Sitzbank, liegen drei Bücher: Pessoas Buch der Unruhe, Nins Delta der Venus, Malapartes Haut. Mal à part? Quelle part? Je ne sais pas. Mais tu dois connaître quelle peau, n'est pas? Non, je ne sais rien. Ein bisschen gehn mir die Worte durch, bei diesen Büchern. Sie stehn alle zu Hause, ungelesen.

5.
Mir pumpt es nur Blut durch die Adern, - was pumpt es bei dir?, - Einfalt, - ein Pinsel für deine Gedanken, - wozu das?, - um ihn dir um die Ohren zu hauen, - es würde mich zum Lachen reizen, - zu nichts würde es dich, gar nichts würde geschehen. Nein, vermutlich nicht. Du hast niemanden berührt. Wir würden uns selbst beim Zerschlagen verpassen. Beim Treten & Prügeln. Beim ausgespuckten Zahn, beim aufgekratzten Knöchel, beim blauen Fleck. Aus reiner Dankbarkeit würden wir uns verpassen. Selbst dann, wenn wir uns in die Arme nehmen müssten, um einander zu verzeihen, um uns die Luft aus den Lungen zu quetschen, - selbst dann stünden wir in zwei verschiedenen Räumen, in zwei verschiedenen Häusern, in zwei verschiedenen Städten. Selbst die Länder würden sich unterscheiden.

& dann?, was geschieht dann am Grab? Wenn man den Toten ins Erinnerte bettet, in den Sarg, in dem nicht mal mehr die Luft zu Atem kommt, in dem alles versiegelt ist mit Vergessen. Was dann? Ich meine. Was? Nichts. Nein, sag schon. Ich meine, was weißt du von mir? So viel wie du von mir. Ich weiß, was du getan hast. Aber du weißt nicht, was ich gefühlt, was ich gedacht habe. & wenn ich es wüsste? Dann wärst du ich. & wenn ich es dennoch nicht wäre? Dann wärst du geborgt, & alt, blau vom Saufen & neu an jedem verdammten Tag, - du wärst das Geschenk der Braut, du wärst der Kranz auf ihrem Grab, eine tote Leitung, - das geht nicht, nur damit du's weißt. Alles, - ein Gedanke für einen Penny, zwei Stück auf die Augen gelegt für den Alten, drei auf die Zunge gelegt, damit der Kupfer ins Blut geht, denn Kupfer fehlt uns allen. Kupfer leitet den Strom besser. Ich versteh nicht. Wir gehen aneinander vorbei wie zwei Lichter, geblendet. Wir berühren uns wie Kugeln den Leib berühren, gleichgültig. Wir sagen uns Worte, wir nehmen die Haut auf in unsere, halten sie warm, hauchen sie kalt, - jeder Ton ist uns das Wesen des andren, seine Taten sprechen für sich. Aber dann? Am Grab? Was legen wir schließlich zwischen die Astern, wem schenken wir die Lilien & Nelken, wem geben wir Rosen? Wer ist der, der neben uns sitzt. Wer ist es, der an der Ampel den Blick in den eigenen schraubt.

6.
Er isst langsam, er trinkt schnell.
Mir läuft die Nase beim Essen.

7.
Als er meine Wohnung betritt, lässt er seine Jacke in den Flur fallen als zwinge ihn die Schwerkraft dazu. Als er mein Zimmer betritt, stülpt er sich den grauen Pullover über den Kopf & sagt, es sei doch sehr heiß. Die Heizungen sind auch an, draußen liegt Schnee. Verdammt, es ist Winter. Er kommt aus der Wüste Sonora, er sollte frieren. Stattdessen setzt er sich im weißen Unterhemd aufs Parkett & reibt mit den Händen die Windrosen. Ein schöner Boden, - danke, aber ich bin nicht dafür verantwortlich, - Glück haben, um etwas zu finden, ist kein Glück, - sondern?, - es ist schon sehr heiß, & er zupft sich am Hemd. Ich stelle die Heizung ab, & öffne eines der Fenster; eisig dringt der Wind ein & bringt die Pflanze unterm Sims zum Zittern, - es sieht so aus, als sei wenigstens ihr kalt.

Er zeigt auf den Spruch an der Wand: Tener el valor, sabiendo previamente que vas a ser derrotado, y salir a pelear: eso es la literatura. Er stammt von Bolaño, - ja, ich hab ihn erst vorgestern dorthin geschrieben, - er passt zu dir, - ich hab überlegt, ihn wieder wegzuwischen, - das geschieht immer mit Bolaño, - nicht deswegen, nein, er passt vielleicht zu gut, - lass ihn stehn, er passt. Die Schlichtheit will mich zerreißen.

8.
Später steht er im Flur & putzt sich die Zähne, ich sitze auf dem Badwannenrand & putze die meinen. Wie das wohl aussieht, zwei ungleiche Brüder, Tiere in der Falle. Ich muss an all die Füchse denken, die in dieser Stadt nachts durch die Straßen schleichen, dünne, ausgemergelte Tiere auf der Suche nach Fressen; sind wir Jäger?, sind wir die Beute? Kurz leuchten seine Augen auf als hätte er mir die Gedanken abgenommen. Wie wenn sich einer den Kaffee einschenkt. Ein Glas, von der Gabel angeschlagen zum Toast & schließlich an der Kante zerbrochen. Unheimlich ist mir sein Blick; er sieht mir zu tief, zu lang in die Augen. Wenn meine Arme, wenn die Gelenke, wenn dies alles nur halten würde. Stattdessen falle ich unter der Tollwut auseinander. Ein Anschauungsskelett ohne Leim. Ich spucke den Schaum ins Becken, er spuckt ihn mir nach.

An der Schwelle steht er, jetzt nur in der Leinenhose aus dem Koffer, & lacht mit dem Arm an den Türrahmen gelehnt, - er muss sich zeigen, der verlorene Bruder, der rachitische Sohn, mit seinem ganzen Körper muss er sich beweisen. Dass er wirklich existiert. Dass er wiedergekommen ist aus der Wüste. Dass er hier ist & nirgendwo sonst, an keinem Ort sonst, an keinem. Was tust du jetzt?, - ich werde weiter korrigieren müssen, sonst werde ich morgen nicht fertig, - & wie lange wird das dauern?, - ich weiß nicht, vermutlich drei Stunden, - & weiter?, - nichts weiter, das ist mein Leben, - aber morgen gehn wir weg, nicht?, morgen gehn wir weg, - & er reibt sich den Bauch mit der Hand & zerwühlt sich das Haar. Adrienne schlägt mir die Tür zu, Adrienne wirft das Glas an die Wand. Sicher gehn wir weg, egal wohin du willst, ich führ dich da hin.

9.
Er geht nicht.
Zum Lesen legt er sich auf den roten Teppich vor meinem Bett. Ein Kissen im Nacken, so liegt er da. Ein hingegossener Mensch, ein verschütteter, ein Mensch, dessen Stimme nach Wüstensand klingt, Sand, der einem unter den Füßen fortgleitet, immer rutscht er raus, immer fehlt dort der Tritt. & weil er dort liegt, denke ich an Adrienne, auch an Karin, viel an Marie. An die Sirene, das Weib an der Klippe, die Loreley, sie hat mir aus Köln geschrieben, sie komme bald wieder nach Berlin, vermutlich im März. Ich denke ans Volle, ans gebrannte Kind, an den schmerzenden Hals & die dunklen Ränder unter den Nägeln. Er liest etwas von mir, ein dummes Gedicht, ich weiß nicht weswegen. Seine Kamera liegt neben ihm.

10.
Das Kind beim Namen nennen, das Übel an der Wurzel packen, immer. Ist es das?, ich meine: Der Augenblick. War's das, was eigentlich nicht erzählbar ist? Hinter den sprechenden Mund, hinter die schreibenden Finger gelingt kein verstohlener Blick, dahinter ist ein Fremder. Er sitzt jetzt am Fenster. Zerknülltes Papier & leere Medikamentenschachteln sammeln sich zwischen Notizen, zwischen Photographien. Wo ist der Mensch dahinter? Wer ist da? Wer.

Shape Shifter.
Mal à part.
Mais c'est ma peau.

Ein Gedanke geht raus ins Kalte, hin zum Kanal, der erfroren da liegt, erfroren & stumm. Unter der Nacht schieben sich Menschen durchs Eis, dort hinaus geht der Gedanke; er zupft an den Eiszapfen & er reißt den Schnee auf zu Pfaden: Wohin?, wohin hast du gesagt, ging der Mensch? Ich finde nur alles andere. Ich finde alles, alles, alles andere. Aber von mir finde ich nichts.

11.
Es geht weiter.

Dienstag, 26. Januar 2010

Interludes

Es hat minus fünfzehn Grad als ich meinen Job kündige.

Ein Junge, nichts als ein Junge, mit furchtbar braunen Augen, geht mir durch die Schleierwolke, die mein Atem ist, & bleibt schließlich stehen, draußen vor der Tür, dort, wo sich das Licht noch nicht durchs grüne Glas frisst, durch die mattierten Fenster, & der Junge, nichts als der Junge grüßt mich beim Betreten des Raums, beim Verlassen dieses optionierten Vonvorn... Er sagt: Du gehst schon, warum gehst du denn schon?, & ich erwidere: Na, ich hab grad gekündigt, - wir lachen drüber als müssten wir's tun, - und warum bist du dann überhaupt erst gekommen? Ich atme Schleierwolken, die Fingerspitzen schaben Kopfhaut unter der Mütze, die Füße zerscharren Eis & Streusalzreste. Na, das gebietet der Anstand, sage ich dampfend, & er lacht sich seinen Mund breit. Es sind wirklich schneeweiße Zähne. Außer der links unten, der hat einen schwarzen Fleck. So als wohne der Teufel drin. Aber darüber denke ich nicht nach, ich seh's nur. Immer seh ich alles nur. Er reicht mir die Hand als müsste er mich verprügeln, sie stößt mir gegen die Schulter, sie stößt mich aufs Eis; er sagt: Na denn, goodbye, & die Tür öffnet sich hinter mir & atmet ihrerseits Dampf aus.
Drinnen stehen sieben Menschen, sie sitzen auf schwarzem Leder & Chrom, die Dame hinter der Rezeption hat ihnen Kaffee gereicht. Keiner traut sich zu trinken. Alle sehn sich an. Dann schwingt die Tür wieder ins Schloss, & derjenige, der rauskam, geht durch den Hof, geht zur rot-weißen Schranke, der Wächter am Tor bellt einen Gruß. Längst sind wir zu dritt, das Mädchen, - sie hat eine Haut wie Nougat, - steht jetzt dabei. Sie sagt: Wie kannst du jetzt schon gehn?, du hast doch erst angefangen, & ich denke: Das ist mein Los.

Ich verabschiede mich mit einem Handdruck von ihr, dabei will sie mich in den Arm nehmen; ich halte das für übertrieben. Wir kennen uns erst seit fünf Tagen. Sie sagt: Wer erzählt mir in den Pausen jetzt von den Büchern?, & ich sage nichts. Mein Jackenkörper will die Schultern hinaufziehen, nach oben, in Richtung des Kopfes, aber es ist zu viel Stoff dran, das will sich nicht ziehen lassen, das sinkt nur nach unten, aber immerhin lächelt mein Mund. Tschüss, sag ich. Nur dieses Wort, das nichts besagt. Wir werden uns nicht wiedersehn. Gott sei Dank.

Samstag, 23. Januar 2010

Über Revolution & Macht. (1)

Der Grund dafür, dass die Macht herrscht, dass man sie akzeptiert, liegt ganz einfach darin, dass sie nicht nur als neinsagende Gewalt auf uns lastet, sondern in Wirklichkeit die Körper durchdringt, Dinge produziert, Lust verursacht, Wissen hervorbringt, Diskurse produziert; man muss sie als ein produktives Netz auffassen, das den ganzen sozialen Staat überzieht und nicht so sehr als negative Instanz, deren Funktion in der Unterdrückung besteht.

Michel Foucault

Es ließe sich Napoleon ebenso zitieren. Auch Warhol hatte revolutionäre Gedanken. Was die Beatles besangen, hat auch Mao Tsetung gewusst. Et cetera, et cetera.

Der Widerstand als solcher definiert sich nicht per Definition, - die Revolution ist weder Contra, noch Pro, sie ist weder die gewalttätige Handlung einer Klasse, die eine andere stürzt, noch ist sie die Brüderlichkeit zwischen den Wölfen; die Revolution ist Gedanke, sie ist Atem & Bewegung. Sie ist Erkennen. Eine Handlung & eine Gegenhandlung, ein Begreifen. Sie ist Weigerung.

A will to say NO.

1. Die Revolution wird nicht allein durch den Einsatz der Messer zur Revolution, nicht durch das Sprengen von Stein & dem Zerschmettern von Glas. Ein gelegter Brand ist nicht revolutionär, es ist nichts als Feuer. Die Versicherung, die den Schaden deckt, die der Brand verursacht hat, ist revolutionär; sie als solche zu begreifen ist entscheidend.
2. Ein geworfener Stein ist nicht revolutionär, - auch dann nicht, wenn er den Kopf trifft. Ein kaputter, ein toter Mensch ist nicht Teil der Revolution, er denkt nicht mehr, er fühlt nicht. Ein toter Mensch ist nicht hinzunehmen. Tote Menschen ergeben kein Ganzes, sie haben kein Anteil am Guten. Ein toter Mensch ist ein verlorener Mensch. Verloren für den Kampf, verloren für das Bessere. Solche Verluste sind nicht tolerierbar.
2a. Das Leben zu achten ist revolutionär. Jedes Leben. Einem Menschen ein Gesicht zu geben, aus einer Zahl von Toten unbegreifliche Verluste zu machen, einen Toten schon als Schaden zu empfinden, & die Rettung eines Lebens als wertvoll, - das ist Revolution. Jede Nachricht über den Tod eines Einzelnen, über den Tod des Unglücks, des Krieges ist als Nachricht ans eigene Ich zu empfinden, mitzufühlen, jedem entsprechend des Denkens, - sich den Tod im Bewusstsein zu halten ist entscheidend, - nur weil der Tote ein Fremder ist, nur weil er in der Ferne sein Leben verwirkt hat, heißt es nicht, man könne über ihn hinweggehn. Gleichgültigkeit ist falsch. Gleichgültigkeit heißt: Wider der Menschlichkeit.
2b. Auch das tote Tier, auch das Fleisch im Plastikkleid als Leben zu sehen, es nicht als Konsumprodukt hinzunehmen, es nicht als Ware, als Ding a posteriori zu kaufen, sondern als verlorenes Leben, - das ist Revolution. Das Bewusstsein, Teil einer intelligiblen Welt zu sein, Teil einer fühlenden, lebendigen Form von Existenz gegenüberzutreten, & zwar mit demselben Respekt, mit derselben Ehrfurcht, die ein Mensch gegenüber dem Menschen empfindet, ist revolutionär.

Was Foucault sagte ist obsolet. Der Grund dafür, dass die Macht herrscht, dass man sie akzeptiert, liegt darin, dass sie nie als Gewalt auf uns lastet, - weder als neinsagend, noch als bejahend, - sie tritt als Gewalt überhaupt nicht mehr in Erscheinung. Die Macht ist keine Fessel, sie ist kein Kerker, sie ist kein Gewehrlauf.

1. Macht ist das langsame Erhitzen des Wassers: Die Angst vor dem Terror, die Angst vor dem Sterben, die Angst vor Alter & Krankheit, die Angst vor dem Verlust des Besitzes & vor dem Zuwenig, die Angst vor dem Andren & dem Eigenen, die Angst vor der Angst;

2. Macht ist kapitalwirksam, es lässt die Wirtschaft florieren, lässt sie kollabieren;

3. Macht ist medienwirksam, sie bestimmt den Menschen zum Klatsch: Ein Mensch vor dem Fernseher ist ein ruhiger Mensch, ein Mensch vor dem Fernseher ist ein Mensch, der nicht auf revolutionäre Ideen kommt.

4. Macht ist das Wissen, das Begreifen & Erkennen. Diese Macht kann missbraucht werden, & wird missbraucht, sie wird sondiert, selektiert, zentralisiert.

Macht besitzt der Einzelne, Macht besitzt Niemand. Macht wird gewählt, Macht wird genommen, Macht wird fundiert & ausgehöhlt im Wissen um die Machtlosen. Der Machtlose ist jener, der sich der Gewalt bedient, denn Gewalt ist die Konsequenz der Hilflosigkeit, - sobald ein Staat mit Gewalt gegen den Einzelnen agiert, so ist diese Gewalt abzulehnen, denn sie ist nichts als ein hilfloser Versuch Pro der Kontrolle. Macht ist Mittel, ist, was in Wirklichkeit den Verstand durchdringt, Dinge produziert, Lust voraussetzt & künstlich verzögert, Wissen konstruiert & sortiert, Diskurse vortäuscht; man muss sie längst nicht mehr als Netz auffassen, das den ganzen sozialen Staat überzieht, denn der Sozialstaat ist Hypothese, das Netz nur Theorie.

Grundlage zur Revolution ist die Kritik an der Macht.
Nur wer kritisch ist, nur wer hinterfragt, ist Revolutionär.