Samstag, 7. November 2009

in memoriam amicae, adrienne mesurat

ich bin aufgeschreckt
des nachts
& habe im schrecken glatt alle träume vergessen.
so saß ich auf der kante,
das gesicht in der hand & die hand an die wände gedrückt,
& sah den mond draußen, -
der mond sprach mir von adrienne.
ich hörte sie die treppen hinaufgehn,
in ihrem schwarzen trauerkleid,
so ging sie die stufen hinauf, sie sang das lied ihres vaters,
selige, geliebte;
aber es half nichts. ich musste aufstehn,
ich nahm die decke & wickelte sie mir um die nackten beine,
um die nacktheit, die absolute, bataille hat davon geschrieben,
so nackt bin ich gewesen in dieser nacht,
in jeder nacht,
nackt bis auf die haut, völlig bloß, nur die narbe an der hüfte,
nur die narbe im nacken, am oberschenkel, unterm arm,
in allen nächten,
nur das weiße licht des mondes trennte mich vom fall,
die decke wog schwer, so ging ich durchs zimmer.

möglicherweise bin ich nicht angekommen, dachte ich im halbschlaf als die wolken das mondlicht zerstreuten. möglicherweise habe ich auch ein krokodil im badezimmer liegen, das nach menschenfleisch schnappt; eine venusfliegenfalle, die wein trinkt; eine geliebte, deren lachen die ratten lockt. möglicherweise zähle ich jeden schritt, den ich nehme, & multipliziere ihn mal drei. (zwölftausendsiebenhundertdrei&siebzig). möglicherweise gehn die möglicherweise aus, mit jedem wort ein kleines bisschen mehr. wen hatte ich geliebt als ich berlin verließ? welches herz hatte geschlagen bei ihren worten, - sie, deren name ist wie ein fluch, - das erste, was pandoras büchse entkam, - als rauchwolke fliehen die silben, zerstäuben auf meiner zunge zu bittermandeln, zu dem geschmack von schnee.

ich höre die nachbarn laut streiten.
sie streiten möglicherweise auch deinetwegen.

immer & immer & immer,
adrienne,
ich habe dir auf der treppe etwas zugeflüstert,
kleine, süße, mein herz, -
als dein vater deinen namen sagte,
da war es mein kuss, der dich rasend machte.
ich war es, der bei dir saß,
adrienne,
ich, der mit dir die nacht durchwachte...

& so lege ich das buch zur seite, des nachts, während draußen andere hunde den gleichen mond anheulen; getriebene, wilde tiere. ich höre manchmal ihre krallen auf dem asphalt aufschlagen, dann, wenn sie rennen. mir ist so, als jagten sie etwas. (es könnten die ratten sein). eine nacht ist es, in der das glas der fenster im rahmen zittert. eine kalte, eine ewige nacht. ich, der ich die decke um mich gewickelt habe, stehe da, sehe mond & hunde, ich sehe das glas dort eingerahmt von holz, & denke: adrienne, wie war dein name?, & merke dabei nicht, wie absurd diese frage ist. ich habe immer gewusst, wie du heißt.

adrienne mesurat.

Sonntag, 1. November 2009

Der Hauch

Ich wache auf von dem Geklapper des Postkastens, eines kleinen Metallschlitzes in der Haustür; eine unbekannte Hand, - ich hab sie nie gesehen, - steckt mir die Zeitung ins Haus. (Sie wird an eine Zukunft geliefert, die noch nicht anlaufen will, aber okay). Ich wache auf, es ist 3 Uhr 44. Jeden Tag ist 3 Uhr 44. Schon weit länger als die Zeitung überhaupt geliefert wird. Ich bin wach wie ich wach bin, und schäle mich aus dem Dickicht von Kissen und Decke hinaus in die Kälte der Gruft; ich entzünde Kerzen, sie stehen auf dem Tisch, und dann, im Dämmer der Nacht und des Morgens, da schlüpfe ich in dicke Wollsocken, hüpfe trunken vom Schlaf durchs Zimmer, und die Welt? Die Welt ist ganz still. Niemand bewegt sich. Mir hat ein Geist die Schlagzeilen von Morgen gebracht, ich höre ihn nicht mal verschwinden.
Meine Hände nehmen das Kufiya vom Haken, draußen im Flur, und wickeln es mir um Hals und Schultern; sie setzen Wasser auf, sie schütten Mate-Blätter in den Kürbis, sie zupfen die Zeitung aus dem Schlitz in der Tür, und wieder: das Geklapper. Jeden Tag, jeden Tag, jeden Tag. Der Krach weckt das ganze Haus, denke ich, aber niemand hört mich durch die Zimmer gehn. Niemand ist jetzt schon wach, oder immer noch, ich habe den Unterschied vergessen. Das Müsli kommt in die Mikrowelle, ich ertrage nichts anderes mehr seit ich davon gelesen habe; ich erhitze die Milch so, dass sie kochend Blasen wirft. Geschmack brauche ich nicht, es zählt allein die Wärme...

Am Schreibtisch trinke ich meinen Tee, er kühlt recht schnell ab. Die Zeitung sagt mir nichts Neues, die Zeilen langweilen mich. Sie töten mich. Ich weiß wirklich nicht, wem das Gängeviertel gehört. Ich empfinde keine Wut mehr über Westerwelles Aussagen, die Plattitüden der Politik sind vorhersagbar geworden, die Menschen bleiben ignorant, sie bleiben dumm, sie fressen sich selbst, ich habe aufgehört, an die Demokratie zu glauben, - ja, die Welt könnte in Flammen stehen, es würde mich nicht weniger kümmern. Wann habe ich eigentlich zu resignieren begonnen? Wann ist das passiert?
Der Dampf der Milch beschlägt mir die Brille, die ich nachts trage, um die Wirklichkeit näher zu holen. An mich. Jeden Tag. Näher, näher! Ich zerblättere die Seiten, ich raffe Papier, ich zerknülle es und werfe es fort, Papier, Papier, die Druckerschwärze verstopft mir die Poren. Die Welt ist so alt geworden, denke ich, sie ist so schrecklich alt trotz all der neuen Dinge. Ich mache den Computer an; manchmal erwische ich A., zwischen zwei Schritten, zwischen Bett und Kommode, ein Hund, der ihm über die Füße hüpft, pero, pero, die Tablettenschachtel liegt immer in seiner Nähe, denke ich, und dann sage ich irgendetwas mit meiner Stimme, ein Englisch mit deutschem Akzent, laut, klar, über tausende Kilometer hinweg, und ich denke: Wie ist das?, wie fühlt sich das wohl an?, und die Augen, wenn sie A. losgelassen haben, ihn und die Welt, in der er lebt, lesen: Diese schweigende, regungslose Nacktheit versetzte uns in eine Art Ekstase: der leiseste Hauch hätte uns in Lichter verwandelt*, und der Verstand zernickt das Buch zur Seite legend. Der leiseste Hauch, der leiseste. Die Synapsen verbinden sich knisternd, und Berlins Straßen sind weniger leer.

Wenn nur alles einfacher wäre, eindeutiger. Wenn ich morgens nicht diesen Augenblick hätte, nicht diese eineinhalb Stunden Rastlosigkeit, wenn nicht die Leere wäre, die Kälte des Winters und die Glasglocke, die sich über mich senkt, über mich und jeden Tag, wenn es dieses Näher nur gäbe, und immer: Näher!, doch stattdessen erzähle ich bei jeder Gelegenheit dieselben Anekdoten. Die Leute lachen meistens. Selbst dann, wenn sie das alles schon kennen. Ich weiß nie, ob sie das ehrlich meinen, ich hab es nie begriffen, - ich weiß nicht, warum niemand die Wahrheit sagt, weshalb alle immer nur Ausreden benutzen. Sie wollen sich den Schmerz sparen, nicht?, sie wollen einander nicht verletzen. Also lügen sie sich an... Wir sind alle Kinder unserer Zeit.

Wenn dann die Zeitung gelesen ist, und der Mate-Tee getrunken, wenn das Müsli gegessen ist und die ersten Autos wieder auf der Straße vor dem Haus fahren, unermüdlich wie sie's immer tun... Was dann?
Ich habe alle Briefe beantwortet, obwohl ich mir keine Mühe mehr mache; ich habe alle e.Mails geschrieben und nie das Richtige gesagt; die Zeilen einer Geschichte schälen sich von meinem Hirn ab wie tote Haut, und es ist irgendwie recht trivial; ich höre immer wieder die gleichen Lieder. Nein, denke ich: nein. Ich brauche die Tabletten nicht, ich brauche sie nicht, diese Alternativen, diese Protestlieder und der zur Missbilligung verzogene Mund, niemand hat Depression gesagt. Ich bin nur müde. Es ist 3 Uhr 44, an jedem Tag. Andere Menschen schlafen um diese Uhrzeit. Ich schlafe nicht.


Später am Tag, es sind mittlerweile fast 13 Stunden vergangen, stehe ich in einer Wohnung, die schön ist, weil Leben in ihr ist; weil die Möbel durcheinander sind, und benutzt; weil es nach frischen Kräutern riecht und Obst; weil die Farben im goldenen Licht des Tages aufglühen und alles berauschen. Der leiseste Hauch, das geht mir durch den Kopf, während ich den Menschen zusehe, wie sie am Tisch sitzen, wie sie ihrem Leben nachgehn, lachend, aufgrund der Zwiebeln heulend, von Sehnsucht zerfressen und auch von Kummer; sie, die am Topf steht und den Deckel hebt, und er, der nach dem Dosenöffner sucht, wie sie lebendig sind, wie sie eingebettet sind in dieses Alles, in diese Unmöglichkeiten, in dieses Nahezu und Überall, - nicht am Wahnsinn, nicht am Tod, weit über alle Definitionen und Grenzen hinaus, ins Licht, ins Licht und in die Wärme, ins Gold eines Tages. Und auch wenn der künftige Winter schon die Blätter braun nagt und zu Boden wirft, - der leiseste Hauch hätte uns in Lichter verwandelt.


Ich wache auf, wieder wache ich auf, es ist ein anderes Leben, es ist ein neuer Tag. (Ist es nicht, es sind nur ein paar Stunden vergangen). Ich habe von Norma Desmond geträumt. Und es stimmt, was sie sagte: Es sind die Filme, die zu klein geworden sind; es sind die Vorstellungen, die uns begrenzen. Also raffe ich mich auf zum Neuen, zum Besseren. Ich werfe die Kleidung von mir ab als würde dies allein schon Veränderung bedeuten; das Wasser unter der Dusche ist so heiß, dass meine Haut dampft und die Spiegel beschlagen. Es fehlen Pflanzen im Badezimmer, es fehlen Pflanzen in der Küche.
Sag: Ich lebe.
Sag: Ich sterbe.
Sag: Erinnere dich an alles und vergiss es für immer.
Superlative helfen. Jeden Tag, jeden Tag. Auch heute nehme ich die Zeitung, heute lese ich sie von Wut zerfurcht, mir glüht das Blut in den Ohren.
Ich schreibe weiter, schreibe, schreibe, stundenlang, bis ich mit Don Toupo am Tisch sitze, er trinkt sein Bier, ich trinke nicht mehr, nur Heißes, nur immer und immer Heißes, weil ich nicht auskühlen darf, weil das Eis nicht geschmolzen ist, weil es nie schmilzt, aber so sei es. Ich lese weiter, lese, lese, die Erzählungen von Stevenson berauschen mich, ich brauche Pausen, bis ich mit Fremden, die nicht so fremd sind, in ihrem Bus sitze, einem ausgebauten Fossil, in das ich passe, und wieder nicht passe, und die beiden sind so sehr hier, so sehr verwurzelt, dass ich mich kurz darüber wundere, weshalb es mir nicht einfacher fällt mit ihnen zu reden, über Schauspielerei, - das läge ja doch sehr nahe, und wirklich: Ich bin von Neugier zerfressen, während ich da diese Gitarre halte, während Berlins Straßen abrollen wie Wollefäden, das da sind Schauspieler, Künstler, - und deren Anwesenheit mich doch zufrieden macht. Irgendwie. Wer versteht das eigentlich? Das Leben als Licht. Und das Gras tanzt. Überall das Laub, überall: Papier. Wenn jetzt der Wind käme, wenn jetzt die Kinderfüße tanzten, wenn alles aufgehoben wäre und von allem gesäubert, von allem geläutert...

Und ich stehe am Fenster, es senkt sich die Sonne.
Und der Hauch kommt.
Und der Verkehr und die Zeitung und die Menschen,
schlicht und einfach alles,
an jedem Tag,
wird...





*Georges Bataille - Die Geschichte des Auges

Dienstag, 27. Oktober 2009

Salze, Ilsebill, salze so viel du kannst!

Er sagt, ich wisse nicht, was Hunger sei, und ich?, ich salze die Salami auf meiner Pizza nach. Draußen gehen Menschen vorbei, sie gehen im Takt von Simian Mobile Disco, das ist Musik, die ich erst seit kurzem kenne, das ist eine Einstellung, deren Knöpfe nicht Teil des Zierrats, des Stucks sind: Man kann tatsächlich daran drehen, die Frequenz ändert alles... Bitte?, ich schmecke immer noch nicht genug, ich salze und salze. Nein, ich meine, um was geht's hier eigentlich?

Es geht um meinen Idealismus, von dem ich genau weiß, dass ich ihn mittlerweile nur noch der Dekoration wegen erwähne. Fühle ich das, was ich sage?, spür ich es? Dann sagt er, ich wisse nicht, was Hunger sei, und alles, was mir dazu einfällt ist: Ich weiß es, und diesen Satz wiederhole ich, und wiederhole ich, als bedeute ein Wechsel der Wörter einen Verlust meiner Integrität. Blödsinn, das alles, also nicht alles. Eigentlich nur ich.

Natürlich will ich nicht bei Axel Springer arbeiten. (Das kategorische Warum?, das mich an Donner erinnert, bringt mich zum Achselzucken; steckt hinter irgendeinem meiner idealisierten Argumente denn überhaupt irgendeine Logik?)
Draußen gehen die Menschen, - es sieht so aus, als hätten sie einen Plan, als wüssten sie ganz genau, was sie da tun. Die Mütter schieben ihre Kinder über S-Bahngleise als gäbe es keinen Lust mehr, als hätten sie die Kinder aus den Wolken geschöpft. Dabei ist ihr Makeup verschmiert, jetzt sehen sie aus wie billige Nutten. Alle Männer sind schön hier, abstrakt schön, ich würde weinen, wenn ich nicht so gut gelaunt wäre, wenn ich nicht wirklich und verdammtnochmal so verdammt gut drauf wäre, denn ich sitze hier, salze meine Salami, und bin connected. Trotz Exodus, der die Stadt vom Laub befreit. Von Menschen, die meine Familie sind... Sei's drum, sagt die Tapferkeit und sagt der Stolz. Eine halbe Stunde später schüttle ich jemandem die Hand, - er ist vermutlich auch wieder älter als ich, denn das sind sie alle, irgendwie, - dessen Leben so völlig anders ist als meines, der lebt, als gäbe es diese Notwendigkeit, der seinen Alltag hat, seinen Humor, seine Erfahrung, sein Leben. Einfach nur das, sein Leben.
Und ich, der ich meine Salami salze, und der zu diesem Zeitpunkt nicht weiß, dass er den Film, den er unbedingt sehen will, doch nicht sehen wird, der da noch nicht weiß, dass er stattdessen wieder bei N. zu Hause sitzen wird, wo man ihm Schokolade und Eistee anbietet (das er dankend, - höflich, aber bestimmt, - ablehnt, weil er den Zucker darin fürchtet), ich, der nichts begriffen hat und nie begreift, der sein Leben oft verfolgt wie ein Zuschauer beim Tennis, ich salze nur nach und widerspreche vehement mit dem Satz: Ich weiß es, Ich weiß es, was Hunger ist, ja, das weiß ich.

Meine Wohnung ist eine Gruft; seit die Geister fort sind, deren Namen draußen am Klingelschild standen, hallt es in manchen Zimmern. Dafür brennen jetzt überall Energiesparlampen. Das ist die Entwicklung. (Keiner spricht von den Zurückgelassenen, denn jeder, der zurücksieht, erstarrt zu Stein. Die, die zurück bleiben, die versuchen weiter zu machen. Sodom und Gomorrha gingen im geschäftigsten Gewühl des Tages unter). Also schreibe ich meine Bewerbungen, ich bin arrogant dabei und dreist, aber man sagte mir, ich solle das sein, also setze ich mein bestes Grinsen auf. Ich bringe die Sachen zur Post, versiegelt und frankiert, und nachts sind meine Träume unruhig. So ist das. Ein Preis, den ich zahle. Der Preis der Freiheit. Es ist wie ein Fiebertraum. Ich erwache nicht als Käfer.

Stattdessen werde ich nach mehr und immer mehr Details gefragt. Wer ist N. und wer ist A. (es ist mittlerweile schon ein drittes A. aufgetaucht, wieder mit denselben Initialien, AP, - manche haben deswegen Lieder komponiert, andere sind wahnsinnig geworden), und warum ist dein Leben nur so unklar? Gute Frage. Das neigt zur Wiederholung. Vergiss das. Ich hab selbst nicht die geringste Ahnung. Tatsache ist doch die, dass ich mir immer wieder einrede, ich würde alles verstehen. Ich sitze da, salze damit ich etwas anderes als das Öl schmecke, und sehe N. an, von dem ich nichts weiß, eigentlich, gar nichts weiß, nur kleine Details, und diese sammle ich, weil ich zu begreifen versuche, weil ich die kausale Kette gerne betasten würde bevor sie mir als Schmuck gereicht wird, und so hat es angefangen und so geht es weiter, diese Veränderungen*...


* Salze, salze:
* * * ** ** * * *

was die stadt war, im traum eingehauchtes, war im wachen nichts als rauschen. die dinge gingen auseinander, die menschen, die möglichkeiten. das, was sich liebstes nannte, im schlaf bis auf den kern geschältes, nackt & auf die zunge gelegt, damit es dort zerginge, wurde wieder schale, ein altes bild, gelbstichig & abgegriffen, - der verstand schickte rettungsboote aus, um das verbliebene an sichere gestade zu bringen, doch was vermag man zu retten? ich meine: ernsthaft? hier brennt dein haus, & hier hast du alles, was dein leben definiert. dein verstand ist dein haus. was dein leben definiert sind erinnerungen. niemand überlässt dem feuer etwas freiwillig.

dennoch. antworten aufs band gesprochen, endlos aufgespultes: hello love, hello darling, hello, hello, but love's a killer. gegenantwort, im hintergrund ins wetter gehustet: do doves cry sometimes?

dann schiebt sich das lid über das auge, & der abbruch beginnt im entwickeln des kissens aus dem gesicht. wecker, spuck mir zahlen aus, - wie viele tage sind in ohnmacht ertränkt worden?, wer hat mir nur immer so viel gin ins glas getan?, & welcher der vielen wege war eigentlich der richtige? es bleiben nichts als schulwege. wendeltreppen. eine hand, die etwas verstohlen in den mund schiebt.

haben wir je darüber gesprochen?, haben wir je einander gesehn?

ich habe begonnen über das alles nachzudenken. neues zu schaffen ist schmerzvoll. die geburtswehen des neuen existieren, - ihnen ausgesetzt zu sein heißt, destruktive gewalt zu erleben. etwas zu verändern heißt, etwas zurückzulassen. es bedeutet risiko. in der erwartungen, erneuerung könne von selbst geschehen, verharrt man. (du hast verharrt, zu lange). die alten zöpfe, von denen man sagt, man müsse sie abschneiden, an ihnen webt der einzelne selbst, - die idee etwas zu kappen, - ein seil, eine brücke, rapunzels haar, - heißt, die möglichkeit in betracht zu ziehen, bisher unrecht gehabt zu haben. es heißt, eine rückkehr auszuschließen. wer verändert, brennt das land hinter sich nicht unbedingt nieder, aber er übergibt den flammen ein ich, das es nicht bis ins rettungsboot schafft.

tatsache ist: das vielleicht, das möglicherweise, das irgendwann & später sind keine optionen. es wird nie ein leben geben, zu dem alles besser passt als jetzt. ein vielleicht ist keine zusage, ein möglicherweise keine perspektive.

hier ist dein boot. jetzt rette, wer zu retten ist.

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Exodus

1.
Manche Träume machen mich hungrig. Wirklich hungrig. Ich stehe dann mit dem Gefühl auf, ich hätte seit Wochen nichts gegessen. Zwischen den Zähnen zerrieben heißt es Eitelkeit, im Wachen in den Kühlschrank gestarrt bedeutet es Armut; kein Wunder.

So geht das Leben ins Tausendste über.

Ich habe die Namenschilder wechseln lassen. Ich habe die Küche und das Badezimmer geputzt. Ich habe vom Vergangenen geträumt, und gewusst, dass es vergangen ist. Nichts ist geblieben. Und wenn schon, I went away for love, heißt es. Und genau so sitze ich im Kino auf dem falschen Platz. Der Kuchen, der beste der Stadt, wird über der Alufolie zerbissen, zerkaut und dann mit Rotwein geschluckt. Es stimmt, was sie sagen: Das Leben geht weiter, es ändert nur die Frequenzen.

Und nicht in alles mischt sich Traurigkeit; die Menschen sind in der Regel zu lange traurig, denke ich. Bewusst wird ihnen alles erst im Nachhinein. Also suche ich ein verlorenes Buch. Ich umarme einen Fremden als würden wir uns schon ewig kennen, und bemerke viel später, dass die Fremdheit abzuschälen ist wie die Häute der Zwiebel, und dass darunter nichts als Menschen stecken; Menschen, die lachen, die fühlen, die mir in verschiedenen Sprachen Einhalt gebieten, - staunend, - und die mich doch nur um Verständnis bitten, das ich ihnen gebe als gehörte es ihnen längst.

2.
Zuhause. Denke ich. Angekommen. Sage ich. Die Finger schließen das Telephon an, die Hände richten die Schränke, die Augen verschlingen die Zeilen. Es gibt nichts als den beständigen Rhythmus von Alltäglichkeiten; die großen Abenteuer liegen im Kleinen: Nicht heizen und dabei nicht unmäßig frieren, sich nicht am Gin Tonic verschlucken, und auch nicht am goldenen Abend, der einer der letzten ist, die man miteinander teilt, nicht zu wehleidig sein und schon gar nicht verbittert. Es geht ein Geist um, der sagt: Die Jugend?, man hat sie mir auf die Haut gelegt wie einen schweren Mantel, ein Leinesack ist mir die Jugend, und in ihm schreien die Katzen um ihr Leben, versenkt, versenkt, aber so wie er die Türen ins Schloss haut, wie er die Teekannen auf dem Steinboden zerschlägt, so sagt er: Die Hände aneinander reiben erzeugt noch lange keinen Funken.

3.
Etwas tanzt als Staub zwischen Wimpern und Lid.
Ist denn tatsächlich wieder Winter?
Es senkt sich das Glas,
es senken sich Wolken und Grau,
und Berlins Straßen werden leer.
Das ist kein Grund,
das ist kein schlüssiges Argument:
Spaniens Himmel sind blauer als diese, denkt man, aber wer will sie sehen? Wer kann sie mit dieser Stimme beschreiben, mit diesen Worten, wenn alles, was gesprochen wird, nichts ist als Flügelschlag und Flugzeugdröhnen? Es liegen eintausendachthundertzweiundsiebzig Kilometer zwischen den Tagen. (Und was Mainz ist, ich bitte um Anstand, das wissen wir auch). Aber gut, gut gut gut!, es geht der Geist durch die Zimmer und verwirbelt Staub und Asche.
Es ist niemandes Kind, das dort im Hellen sitzt.

4.
Ich lerne neue Menschen kennen, die noch keine Namen haben, obschon sie Namen haben, - sie bleiben unerwähnt im Gewühl der Minuten.

Ich kann nicht recht begreifen, was passiert ist. Ich kann nicht begreifen, wie schnell sich alles fügt und wie schnell alles wieder auseinander bricht. Es ist mir fremd, ich selbst bin es mir; ich, schon das klingt falsch: ich, der sich im Spiegel ansieht als könne er, der Fremde, der Buchstabe, sich selbst erkennen, - wie er lacht, wie er spricht, wie er die Traurigkeit in sich einschließt wie eine Kostbarkeit, um sie dann hoffentlich irgendwann völlig zu vergessen. Doch die Reliquien des Abschieds sind nicht aus Gold gemacht, sie sind aus Blei. Man erinnert sich immer der Dinge aus Blei.

5.
Reminiszenz, schreibe ich, Reminiszenz. Dabei bleibt jede Überraschung aus. Ich habe alles kommen sehen. (Auch wenn Kassandras Träume das Meer und die Wolken zerwerfen, mich werden sie nicht bekommen).

6.
Alles geht ein ins Unbekannte, alles wird fremd und zerfällt in Fragmente, alles ist im Begriff, sich aufzulösen, ohne zu verschwinden. Die Menschen verschwinden nicht. Nicht im herkömmlichen Sinne. Sie ändern nur die Position, sie verlassen den Raum, sie verlassen die Zeit, aber sie verschwinden nicht. Es als solches zu begreifen... Es anfassen und von allen Seiten besehen... Den endlosen Kampf des Lachens nie verlieren... Das, was sie Exodus nennen, hat begonnen. Das, was sie Veränderungen nennen, nimmt mir die Freunde. Wisch dir das Gesicht, wisch dir die Augen, und streich dir das Haar aus der Stirn. Schwimme, schwimme, die Flut hat die Spuren gelöscht und löscht sie weiter, aber du bist nicht dort, am Strand, du beginnst zu schwimmen, während du ertrinkst, das ist es, das ist der Kern, das ist die Wahrheit, aber was bedeutet es? Wir waren so nahtlos glücklich, wir alle, so sehr, dass wir erblindet sind. Wir waren so glücklich, dass alles, was wir berührten, zu singen anfing, alles war ein einziges Lied, - einer von diesen Songs, du weißt schon, du hörst sie und denkst: Genau das, das ist es, das wurde für mich geschrieben, und selbst nach tausend Jahren, du bist tot, und das Lied ist vergessen, aber dieser Moment... Auch er ist nicht verschwunden.
Sie haben nämlich gelogen. Es gibt Dinge, die ewig bleiben. Seien sie aus Gold oder aus Blei, - sie bleiben. Sie zeigen dir den Wert, sie zeigen: Sieh her, dieses hier, das darfst du nicht vergessen. Also sortiere ich Papier, schreibe meine kleinen unbedeutenden Notizen, an denen schon jetzt der Tod nagt, und schütte Wasser in den Topf; ich lese während es kocht, lese Jane Eyre, lese Maurice, lese Gedichte von Anne Sexton und Sylvia Plath, und lese und lese, und irgendwann gebe ich die Tütensuppe ins Wasser und sehe, wie es Blasen wirft. Drüben, auf der andren Seite, dort, im Hinterhof, da sind neue Leute eingezogen, ein junges Paar (vielleicht); er steht am Fenster der Küche und zupft am Basilikum, sie richtet die Vorhänge im Wohnzimmer. Ich sehe sie ganz genau, während ich dort stehe, mit Anne Sextons letzten Worten auf der Zunge: live now, live now, und es ist ein Schleier, den man mir vom Gesicht zieht, es ist ein Tag im April 2009, es ist alles, alles Glück, es war Glück, das reinste, was wir bekommen konnten, und nichts, was sich später Unglück schimpfte, und Umzug, und Wut, und Kapitulation kann es je berühren.

Sonntag, 18. Oktober 2009

In der Zwischenzeit.

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Asche. Wir zerreiben sie zwischen unsren Fingern. Heizt die Hochöfen!, und als Ruß steigen die Träume auf, die wir im Dunst erdachten, nach denen wir uns sehnten. Asche, Asche. Sie senkt sich wie Blei auf uns, wir nehmen sie ein mit der Luft, und Luft ist es, was wir sein sollten. Federleicht sollten wir sein, in diesen Tagen. Zwischenkrise, nennt man unsre Epoche. Es ist eine neue Zeitrechnung, Zwischenkrise. Wir haben uns das Unglück zur Hure gemacht, wir haben die Hoffnung in Plastik geschweißt, wir haben Kostenbilanzen aufgestellt, die niemandes Rechnungen ausgleichen. Und doch: Wir sind glücklich. Asche, Asche, Asche. Ein sanfter Regen aus grauen Eiskristallen. Der fruchtbarste Boden, ein Segen.

Das Neue ist.
Das Alte ist aufgestiegen wie brennendes Papier.
Die Stadt hat sich gehäutet, und das, was übrig bleibt, ist nackt.

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Sonntag, 13. September 2009

Ecce homo

Ich habe Lust auf etwas Neues.

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... .--. .-. .- -.-. .... .?

Nein. Ich behalte all meine Vokale & Konsonanten, - es ist das Andere, Wände & Haut. Die Gedanken. Berlin ist nicht weit weg, es existiert nicht mehr (im Exil existiert nix als dieses X-beliebige); Berlin wartet mit seinen Räuberleitern: Das leere Zimmer der Frau wird zum bewohnten Zimmer des Mannes, - this Room of One’s Own is still unisex, - & was möglicherweise Zukunft sein will, auch sexuell, auch beruflich, auch künstlerisch, auch politisch, & auch auch, das man an alle gestellten Fragen hängt, diese Zukunft ist alles; schlicht ein Wollen, das größer ist, groß & unermesslich, mehr als jedes X & i grec, mehr als neue Möbel & neue Ideen, denn nein: Berlin wartet nicht, es hat nie gewartet, auf Niemanden, Berlin hat mich nie gewollt, uns alle nicht, darum sind sie alle dort, diese Menschen, darum wälzen wir uns durch diese Straßen, darum suchen wir & suchen, & finden keine Antwort auf die wichtigste aller Fragen.

Qui?,
quiquiqui?,
qui je suis?

Striche, gezogen aufs weißeste Papier, folge dem Stift, folge der Quadratur des Kreises, & du siehst, siehst du?, ich meine mich?, siehst du jenen, der auszog, um der Welt das Fürchten zu lehren, & der stattdessen selbst zum Ängstlichen wurde?, - das ist alles längst Geschichte, es ist alles längst gewesen, wir haben uns gejagt, & wir jagten die Liebe, aber das Neue, - schön wie schrecklich, - wartet nicht auf unsre Beute. So gehn die Tage, genauso geht unser ganzes Leben, wir warten & sehn zurück, ständig sehn wir zurück oder wir sehn zu weit vor, denn ja, wir planen, wir setzen uns Ziele, wir setzen unser Leben aufs Spiel, jeden Tag, aber darüber sprechen?, es sagen!, dieses Danke, dass du da bist, dieses Ich liebe dich, dieses Du hast mein Leben verändert, wir sagen es nicht, stattdessen lassen wir die Zeit vorübergehn, unpathetisch & logisch, wie diese Welt nun mal ist, wie sie nun mal im Chaos versinkt, in Krieg & Hunger, die uns an den fremdesten Gestaden stehn lassen, bei den stillsten Kranken, den Schlaganfallopfern & plötzlichen Herztoten, bei den Anachronisten, die uns vom Wetter erzählen, vom vereinzelten Regen, der ja doch nie so kommt, wie er vorhergesagt wird, & was?, & wie? Das Neue überrollt uns mit seiner Unachtsamkeit. & nichts ist mehr, wie es war. Niemand bleibt unberührt. Alle andren erstarren zu einer Säule aus Salz.

Also sag mir nicht, was logisch ist. Nichts an dieser Welt war je logisch. Nichts an unserem Tun, nichts an unseren Worten, in denen sich der Tod ins Freie nagt, ist es, denn Logik ist nur ein Prinzip von vielen, also setz dein Kreuz dahinter, du hast es gehabt, du hast es gelebt, du hast es verloren, so sind wir alle Teil deines Verlusts, aber Abersagen, aber das Trotzdem fordern, nie diese Ruhe, nie dieses Fallengelassene!, hier, das gesuchte Gold im dunkelsten aller Minenschächte!, eine Ader reinen Golds, das ist es, was wir Hoffnung nennen, nicht?, & so reißen wir uns die Kleider vom Leib, so haben wir Sex, so zeugen wir Kinder, so geben wir unseren Kinder die Namen von Heiligen, auch wenn sie nie heilig werden.

Ich sitze im Exil & betaste die geschwollene Mandel, ich sitze im Exil & denke an Berlin, wie es ist & war, vor allem, wie es sein wird, denn neue Menschen stehn vor der Tür & verlangen Einlass, - manche haben auch ein Anrecht darauf, - noch Namenlose, i grecs, sí, - & ich, der ich nicht länger ich bin, nicht länger der, der ich war, nicht?, einer, der müde ist vom Vielen, müde von sich, ja, & zum Teil auch müde von allem, was kommen wird, - dem Umzugschaos, der Arbeitssuche, - ich, der Jimmy versprach, nicht mehr zu jammern, ich, der ich A. bin & A. liebte, & I. liebte, ich, der ich mit all den M.s schlief, den ungezählten Marien, ich, der sich immer nur um sich selbst dreht, hier, im Weiß, ich, der lauter wird mit jedem vergangenen Tag im Nichts&niemalstun, einer der sieben Herrscher des Universums der Angst, manischer Chaot, Narziss (sic!), ich, der müde ist & niemals müde, ein Hund, der seinem Schwanz nachjagt, Phantom, Antipode,

moi
moimoimoi
je dis: au revoir.

Das Neue kommt.

Samstag, 12. September 2009

Quand le vin est tiré, il faut le boire.

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Mein Kopfinhalt. Heute Morgen. Verfilmt.

Was mich allerdings wirklich berührt hat (& zwar nicht des Videos, sondern des Lieds, des Inhalts wegen) von der Mademoiselle, ist folgendes:

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Dienstag, 8. September 2009

נגב

1.
Alle Frauen tragen die gleichen Frisuren. Blondbraunes Haar: toupiert zu Stahlwolle; sie tragen es wie Helme, - Soldatinnen, die sie sind, hochgewachsene, schlanke Frauen, - die bunten Sommerblusen flatternd im Wind & die Stretchhosen straff auf der Haut, die cremefarben ist, - so marschieren sie mit den kleinen Kindern, so exerzieren sie mit Kinderwägen, links, links, die sehnigen Hälse gereckt, die Blicke kühl alles Fremde zerblickend, so zerstoßen sie das Eis mit den adrigen Händen, so geben sie es in die Limonade & reichen die Gläser an die Söhne weiter, die morgens draußen auf dem trocknen Rasen liegen, - braungebrannte Kibbuzsöhne, die Haare von tausend Jahren Sonnenlicht zu Stroh gemacht, knisternd im Südwind, - oder die abends am Fenster stehn, die Haut vom Wasser rein gewaschen, nackt, mit dem Blick ins Zimmer gegenüber, wo Monsieur Mort, wo A. am Fenster hockt, das Buch der Wilden Detektive auf dem Schoß, & blätternd, weiß geblieben, struppig vor Wut & Müdigkeit, der nicht merkt, wie man ihm winkt, wie man seinen Namen über die Straße ruft, durch Negev, durch Sand- & Steingebrochnes, im Südwind tanzend, & der erst dann aufschreckt von Rippenbogen & brauner Haut, wenn der erste Kieselstein ans Fenster fliegt.


2.
Saint Gregory stand jeden zweiten Abend wie ein griechischer Held vor meinem Fenster und rief meinen Namen ins Samtene dieser ersten Septemberwochen, ins Betäubte, Schlaflose dieser golddurchwirkten Herbstspielereien. War Troja gefallen?, war Odysseus je nach Hause zurückgekehrt?, und ich?, was hatte ich je getan?, - es blieb nichts als das Buch zur Seite zu legen und Saint Gregory zu begrüßen, den Unversehrten, den Heiligen aller Schlaflosen, und um mit ihm durch die Straßen des Ghettos zu gehn, das am Rande des Orts aller Orte stand, dort, wo Angst und Schrecken einander Zwillinge sind und an den Geschlechtern miteinander verwachsen.

Wir gingen durch die Wüste Negev
und die Wüste Negev ging mit uns.


3.
Sie reden über die kommende Trockenheit, über Sexualität und Religion; am nächsten Tag gehen sie zusammen in ein Geschäft, in dem ein Mann Kleidung verkauft, - die Zimmer sind zur Hälfte ausgeräumt, Kisten und Kartons stehen unter leeren Regalen, nur noch wenig Stoff lässt sich finden, - dort führen sie sich gegenseitig Hemden und Hosen vor, sie lachen viel dabei. In Unterhosen verfolgen sie einander durch Spiegelkorridore, sie kneifen einander in die Brustwarzen, sie sammeln die silbernen Haken der zerbrochenen Kleiderbügel und werfen sie um die Wette wieder fort. Sie sind wie Kinder. Sie kennen keine Unterschiede zwischen Gut und Böse. Sie wissen nichts von der Sehnsucht. Sie haben die Ferne vergessen. Sand und Dornengestrüpp zergehn zwischen ihren nackten Zehen zu Asphalt und Flaschenscherben. Nachts sitzen sie am vertrockneten Wasserlauf und trinken, - diesmal nicht um die Wette.


4.
Er sagt, erzähl mir von deiner Mutter. Der andre macht's.
Er sagt, erzähl mir von deiner letzten Freundin. Der andre macht's.
Er sagt, erzähl mir und erzähl mir und erzähl mir vom Leben.

Und der andre?
Er sagt:


5.
Ich ertappe mich dabei, wie ich lose werde, wie mir die Geduld abhanden kommt; an manchen Tagen ist alles, an was ich denken kann, die Liebe, wie sie war, & dann lege ich mich zerwühlt von fremder Haut & blauen Augen ins Bett, zwischen weiße Laken, unter weiße Decken, ein schwarzer Punkt im Blauen, & frage: Wie weiter?, aber nur die Hand weiß eine Lösung zu finden, nur die Finger, nur die zitternden Netzhäute, die vom Vielen phantasieren, den geöffneten Lippen, dem ersten Kuss, & cetera, aber die Mutter kommt ins Zimmer & fragt ihre Fragen, & die Schwester am Telephon stellt ihre ultimativen Ultimaten, & die Gier frisst sich tief in jeden Nerv, - nur ich, der hilflos in der Wüste ist, findet keine Worte mehr; ich streiche mir die Augenbrauen struppig, verheddere mich in meinen spitzen Wimpern, während der Bruder sagt: Tu dies & tu es sofort, so wie es die Mutter sagt, & die Räuber zwischen den Ruinen, wie es der immerneue Morgen sagt & das Herz aus Porzellan. Ich stehe am Wegesrand, - die Hosen staubig, das Hemd verschwitzt, - & sehe den marschierenden Müttern bei ihren Manövern zu, sehe die Kibbuzsöhne in ihren perfekten Kostümen, & nie, & kein Tag, es ist, als gebe es hier keine Zukunft, als stünde alles still. Alle Uhren zeigen die gleiche Zeit.

Aber was hätte Jammern je geholfen?, so sind die Tage, so sind die Wochen & Jahre, - solange die Lippen noch lächeln können, bleibt man am Leben. Das ist alles, was ich dir erzählen kann.


6.
Doch als wir uns trennten, als jeder wieder in seine eigene Behausung ging, da kam der Sand in Spiralen und der Himmel tobte im Sturm.

Ich hatte es vergessen:

Ich war die Wüste Negev
und die Wüste Negev verschlang Bäume und Ernten,
sie verschlang die Städte und Dörfer, die Menschen,
sie verschlang selbst das Meer.
Und nichts, und niemand konnte ihren Hunger stillen.
Bis sie die ganze Welt verschlungen hatte.


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Chaos, Unverstand und Wahnsinn
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