Mittwoch, 1. Juli 2009

Je veux te voir

Wachsein wollen, dazu klatschen die Hände unpassend den nächsten Takt auf die eignen Wangen: Durch dicke Watte dringt der Ton, das Gefühl von brennender Haut vergeht zwar zugegebenermaßen nur langsam, aber wirklich wach wird das Bisschen Mensch davon auch nicht. Stattdessen? Knochen jagen: mit den Fingern sich in die Brustmuskeln kneifen, unter der Haut, beim Rippenbogen, nach dem Nervengewebe schnappen, einfach so gehn die Nägel ins Schlüsselbein ein, - geliebtes, ewig besehnes, - und zerteilen dort die Fasern. Nein, das ist es auch nicht, rupf mir doch nicht so an den Haaren, bitte, --
Um was geht's hier eigentlich?
Yelle schreit mir ihr Je veux te voir so laut ins Gehirn, dass die Augen tränen, das ist nicht genug, natürlich nicht, zwing dich nicht zum Schreiben, tu ich doch, aber was weiß der Einzelne, was weiß der Mensch von der aufgebissenen Unterlippe und dem letzten Traum?, was weiß er vom Alkohol, der mir des nachts den Körper brennen lässt?, Blut, ins Waschbecken gespuckt, ein tiefer Blick von XY an der ersten Treppenstufe, - es wird dabei ein Hi in die hallende Weite des Foyers geflüstert, ach wie süß, sagt die Mademoiselle Manie, - gehn wir weiter vor oder nur noch zurück?

Ich bitte dich, schlechte Tage haben wir doch alle, nicht?
Nicht zum halben Preis, nein.

Also gib mir nichts mehr von der bittren Süße, gib mir Gift, gib mir das Beil in die Hand, gib mir Jasmin, den ich zerkauen kann, gib mir Stechapfel und Vogelbeere, und zum Ausgleich dafür zerschlage ich dir alle Uhren, ich hau dir alles in Trümmer. Besonders dein gottverdammtes Leben, das du mit dem grünen Seidenschal so schicklich trägst, mit deinen perfekten Haaren, ich schneide sie dir ab, und deine Kraft ist fort, nicht?, so heißt es doch irgendwo geschrieben; ich rasiere dir alle Haare ab, ich rupfe dir die Augenbrauen aus, die Wimpern, jede einzelne, ich rupfe dich wie ein Hühnchen und werfe dich dann den andren zum Fraß vor, das passt mir ziemlich gut.

Du fragst, - naiv, unschuldig, wie du bist, - was denn los sei. Du fragst das ernsthaft, am Telephon, - nach über einem Jahr hast du den Nerv, mich anzurufen, du und deine samtweiche Stimme, - deine Worte sind Baumwollkokons, weiß gebauscht gehn sie mir unter die Haut und stauen alles Blut, - und alles in mir, - verstehst du?, in mir, nicht in den Eingeweiden, nicht im Gewühl tausender Atome, in mir, - schreit nach der letzten Möglichkeit, die mir deine Küsse waren, - stattdessen kneifen mich die Knochen, die Hose rutscht beim Treppensteigen, und bald gehn dem Gürtel die Löcher aus, denkst du da dran? Nein, du bist das neue Gesicht von B***, wie wundervoll, hast du mir eigentlich überhaupt zugehört, bastardo, sciattona, du kannst den ganzen Scheiß behalten, weißte das?

Ich knirsche mit den Zähnen und reiße mir dabei das Zahnfleisch blutig; ich bin der Wolf, der hungrige, der verwahrloste, ich knurre die Menschen an, die mir den Weg versperren, ich knurre und schnappe nach ihnen, mit tollwütigem Maul, mit schäumendem Blick, was geht's dich an?

Wachgeküsst, sagt das Herz, wachgeküsst ist jetzt die Wut, kostbare, reinste, luzide; Stachelbeere unter den Gefühlen; zerkau mich und du beißt dir ins eigene Fleisch.

Sonntag, 28. Juni 2009

DubFX

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DubFX

Samstag, 27. Juni 2009

Licht stürzt wo keine sonne scheint

Morgen? Berechne mir alle Wahrscheinlichkeiten, - Narziss, du warst da mal so gut drin, nicht?, du hast gewusst, wie man die Gleichung richtig löst, also sag mir bitte, was da morgen auf mich zukommt, morgen und an allen weiteren Tagen, sag's mir bitte jetzt, denn die Ungewissheit ist ein Leichentuch, - es deckt mir die Träume zu. Was?, Narziss ist verstummt. Achja, und er hätt's mir ohnehin nicht gesagt.

Zum Ausgleich schütte ich mir Zucker übers Müsli, ich kippe Honig in die Milch, ich würze mein Brot mit Chilisaucen, ich streiche meine Lippen mit Gin Tonic ein. Das ist noch lange kein Kontrollverlust, oder? Das ist kein Eingeständnis.

Seit Wochen schlägt mein Herz zu schnell.

Ich zwinge mich zum Rausch, ich zwinge mich zum Aufstehen, ich zwinge & zwinge mich, - Schraubzwingen sind meine Hände & Finger, - und? a tragedy brings misery, misery loves company.

Ziehen wir uns also aus, ziehen raus, lassen Türen einschnappen, Bettdecken zerrollen uns die Laken, Körper, - denk dir: Der erste Geschmack des Tages ist Regen, der letzte ist Staub; so gehn die Tage, so geht der Zustand hin, - und morgen? Ich weiß es nicht, weiß nichts nimmermehr. Umziehen? Wie leicht das klingt. Einfach so einen andren Anzug aus dem Schrank nehmen, einfach so das bisschen Stoff von der Haut streifen, ganz neu, in ein andres Viertel schlüpfen vielleicht, - was die Wohnpreise sagen, das kann der Einzelne nicht wissen, aber genau beim Einzelnen wird's dann eben bleiben, - und versuchen, wirklich ganz von vorn zu beginnen, wieder, innerhalb der gleichen dreihundertsechzig Grad, das muss man eintragen, das steht nicht jedem.

An jedem Tag denke ich: Jetzt verlierst du alles, - es geschieht nur in Raten, es passiert nicht mit dem lauten Knall. Natürlich. Da helfen die tausend Bücher nur bedingt, mit denen ich mir tausend Mauern baue, ...

Sag's mir, A., - du hast mir die Stirn geküsst, ich weiß es noch, das war zum Abschied damals, in der Sturmhöhe, als die Wolken schon die Gedanken nach Osten zogen, da saß ich auf den Holzlatten meiner Couch, du standest neben den gelben Postpaketen, in denen die Bücher lagen, ein Zehntel dessen, was ich heute habe, - sag mir, wie ich's wieder leichter mache, sag mir, was du denkst; sollte ich es zerschlagen, mit der Handbewegung, die die Gläser von den Tischen fegt, sollte ich mich losreißen?, morgen, sag's mir, was fang ich damit an? Was?, A. wohnt nicht länger hier.

Vierundzwanzig Jahre, den Schock hab ich erstmal überwunden, ja, aber was geschieht jetzt, was resultiert daraus? Wenn das Chaos weiterzieht, wenn es aus Stadt und Augenblick zieht, was geschieht dann hier? Wenn der Don sich von der Sprache löst, gleichfalls von der Stadt, wenn es nicht geht, wie steht es dann?, liegt es? Wenn ich wieder nicht für die Fächer an der Uni zugelassen werde, wenn der Job Ende Juli endet, was beginnt dann? Mehr denn je ist alles Übergang, immer Zustand, die Sicherheit vergeht sobald die Freiheit kommt.

Spiel mir ein andres Lied,
das jetzt ist mir zu leise;
schenk mir ein,
das Süße will mir nicht auf der Zunge bleiben,
das Bittre kehrt immer wieder,
also gib mir ein neues Glas.

Bang, bang, bang, immer der Regen, der gegen die Fenster klatschen würde, wenn sie nicht offenstünden, so klatscht der Regen auf das Parkett, er klatscht mir ins Gesicht, und das Toben im Kopf, - es ist kein Donnergrollen, es ist ein Orkan, es fegt alles fort, es reißt alles ein, geh mal so weit, komm an meine Grenzen, ich zeig dir, was da für krasser Scheiß passiert. Also lügen die Menschen, also lügt die ganze Welt, wir wollen nichts verliern, und doch tun wir's jeden Tag, und so weiter und so weiter, und im Ampelrot flammt mein Blick, und im Drängeln der Touristen flammt die Haut, und ich will zerschlagen, was meine Augen berühren; als ich an dem BMW vorübergehe, schnappen meine Finger mit dem Feuerzeug, bei den Häuserwänden knistert das Papier in den Taschen, a tragedy brings misery, misery loves company, was schiefgeht, geht, das ist nicht das logische Argument, das ist keine Konklusion, man zieht mir nur die Tischedecke fort, auf der ich lebe, alles bleibt stehn, nur ich falle seitwärts aus dem Augenblick.

Kontrolle? Drauf geschissen. Ich hab diese ganzen Zwänge satt, die Verantwortung, die Sittlichkeit, die Moral; ich hab die Schnauze voll davon, also zerschlage ich die Teller in der Küche, die gespült werden müssen, ich zerreiße die T-Shirts, die nicht sauber werden. Der Vodka wird mir zum Verbündeten, er gibt mir neue Ideen ein: In jedem Zimmer öffne ich die Fenster und lasse den Wind herein, er wirbelt das Papier und den Staub, er faucht in den peitschenden Vorhängen, in jedem Zimmer drehe ich die Musik auf volle Lautstärke und spiele überall das gleiche Lied, sodass die Menschen auf der Straße stehnbleiben, sodass selbst der unermüdliche Verkehr nicht mehr zu hören ist, ich stampfe laut mit den Füßen auf das feuchte Parkett, ich singe schreiend mit und drehe mich im Kreis, es ist egal, was morgen ist, nicht?, es ist scheißegal, die Leere kriegt mich am Ende doch, der Tod reibt sich die Hände wund, also warum morgen? Es gibt nichts, was das Morgen besser macht.

Montag, 22. Juni 2009

Interlude: yes

& jetzt so n verdammtes yes-törtchen!

ich mein das ganz spezifisch. immerhin ist der magen in der revolte zwecks dem vielen bier, & der nacken schmerzt vom regen. da fehlt wirklich nur noch so ne yes-schnitte, - einfach, um diesem begonnenen, niemals enden wollenden manic monday eins draufzusetzen. (selbst eine verdammte stripperin, die aus der torte springt, - aus einer richtigen, - könnte mich jetzt nicht mehr begeistern).
thema? diese geburtstage, diese mittsommerfeste, dieses versunkene fête de la musique, - das essen? nen, això és molt car. aber drauf geschissen. ich bekomme ein matetrinkset & lindtschokolade. für die übermüdung genau das richtige. dem denken hilft's aber nicht viel.

grund? mit bellona & don toupo werden die nächte weiß, - nicht so weiß, wie sie in st. petersburg sind, natürlich nicht, aber weiß genug, um nicht schlafen zu müssen. wozu auch schlaf, wenn man solche menschen zu freunden hat. setz das in klammern: ( )

ja, ich bin ein faksimile des gestrigen abends. eine fußnote, direkt unter dem namen einer band (pitchturner). ja, ich bin eine zeitschaltuhr, deren blatt keine ziffern mehr hat. 24-stunden-leben, 24-jahres-tag. meine kleidung, - ein grauer hoodie, eine zerfranste jeans, - riecht nach rauch & eiligkeit. so jung kommt man nicht mehr zusammen, heißt es, aber ich denke: so alt falle ich nicht mehr auseinander. anders, yes-törtchenmäßiger: die cousine ruft am abend davor an, um mir zu gratulieren; der halbbruder, der früher als erwartet zu besuch kommt, weiß es dafür gar nicht; im verlag wird fast gesungen, aber dafür kennt man sich nicht gut genug. leben. das beginnt morgens um halb acht, - obwohl die nacht erst vier stunden später aufgehört hat, - auf einer roten couch, zugedeckt & eingewickelt, der mund trocken, die augen gerötet, das haar zur abwechslung perfekt, - geglückter atemzug. es ist zwar fast wie ein erstickungsanfall, aber was soll's? glück & unglück treten sich gegenseitig in die fersen.

tatsache ist: ich weiß nicht mal, ob yes-törtchen überhaupt noch produziert werden.

Samstag, 20. Juni 2009

Raise a Vein

Regen & Wind, -
sie sind mir wie Brüder.
Sie stehn im Verlorenen Treppenhaus,
rufen,
schütteln die Köpfe, gehn,
denn meinen Namen finden sie nicht.

Zweitens?
Die Nacht will mir Geliebte sein, -
sie flechtet das Haar im Dickicht der Träume,
bis Vater Krach den Morgen zerschlägt,
& nirgends rührt mehr der silberne Löffel.

* * *

Dem Affen gedenkend, der in der Schachtel begraben lag, saß A. am Fenster & scheuchte die Vögel, die sich auf dem Sims niederlassen wollten. Weil seine fahrigen Handbewegungen nicht dazu ausreichten, pfiff er, - es war mehr ein Luftzischen denn ein Pfeifen, aber die Vögel interessierten sich für den Unterschied ohnehin nicht; sie wollten dort sitzen, wo er saß, sie wollten dort sein, wo er war. Er ging bevor sie es merkten.

Sieben Stunden später stand A. auf einem Balkon in Kreuzberg & sah auf Berlin; der Himmel dunkelte himbeerfarben. Der Blick: Hinter schwarzen Balken blinkte der Fernsehturm, Sterne, - drei Sterne, - im rechten Winkel. So etwas wie Glück. Die Lippen schmeckten dem Astra-Bier nach, das Herz aller verlorenen Geduld.
There's a vein of pure gold in this stone, sang Gavin Clark & A. gefror Luft & Atem. In diesem seltsamen Gefühl eins zu sein, für ein paar Augenblicke, - die Finger am Geländer, der Wind im ewig störischen Haar, - ging die Stadt kreiselnd in eine andere Dimension über, in viele, in alle. Wien kam nicht in Frage. Das nur nebenbei bemerkt: Niemals kam Wien für irgendwas in Frage. Aber darum ging es nicht.

* * *
Zwei Brüder stehn auf der Dachterasse, Fremde aus unterschiedlichen Kulturen, Ländern, Zeiten, - ein bisschen auch Zeiten, ja, - & reden Glück & Seligkeit herbei. Es sind Worte im Umlauf, die Abschied & Versprechen sind, Aussicht & Möglichkeit; es muss nicht ahora es para siempre sein, nicht mehr, das ist nicht nötig. Rückblickend betrachtet, ist alles von Unglück durchsetzt, natürlich, von Tod & Veränderung, von Arbeitslosigkeit & Armut, von Reue & Unfähigkeit, das ist der Preis, das ist das Opfer, aber rückblickend betrachtet, - was wiegt es auf?

Ich bin dem Unglück müde.

Ich will diese Ader reinen Golds; ich will sie nicht sofort (will ich doch). Aber ich will sie betasten, mit meinen rauhen Fingern, will im Gestein wühlen, das mir Herz & Seele ist, will in die braunen Augen des Bruders blicken, in die blauen der Schwester, - meine Wahlfamilie, meine Herzbrechermenschen, - & darin das gleiche Funkeln wiederfinden, die gleiche Zeit, die drei Worte lang stillsteht, die gleiche Art der Ewigkeit, die mir das Bier im Mund verspricht, der Handschlag zur Begrüßung, - wenn man weiß: Die ganze Nacht liegt vor dir & den Menschen, die du magst, - & alles, - alles, - will gutgehn. Muss gutgehn.

* * *
Am nächsten Morgen sitzt A. im Schneidersitz in seinem Zimmer. Seine Haare, - sie reichen ihm bis zu den Augen, mittlerweile, - sind ihm lästig, er wird sie abschneiden, denkt er, den ganzen Kopf wird er sich scheren lassen. (Sollen die Moiren Teppiche aus den Haaren flechten). Einfach, weil er Geburtstag hat. Deswegen wird er sich auch den Silberring aus dem linken Ohr nehmen, - einfach, weil er 24 wird.
Er streicht sich über die Beine, die schmerzen, vom Training schmerzen, & aus Magnesiummangel, wie er vermutet, & denkt daran, die Wohnung aufs Neue aufzuräumen. Es ist nicht mehr viel. Die Bücher im Flur, sie liegen gestapelt auf der weißen Kommode, müssen in ein Antiquariat, die Zeitungsausschnitte, - über den Tod & das Mädchen, & auch über Habermas, - die auf dem Fußboden verteilt liegen (er tritt jedes Mal mit nackten Füßen darauf) müssen endlich gelesen werden.

A. schlägt eine Fliege aus der Luft nach draußen. Es wartet so vieles, denkt er, so vieles muss getan & gesagt werden, so vieles muss geschrieben werden, so vieles gelesen. Der Affe, der tote, der begraben in der Schachtel liegt, verschwindet allmählich aus der Erinnerung. Ja, so viel ist klar: Der alte Affe Angst sitzt ihm nicht mehr auf der Schulter.

Sonntag, 14. Juni 2009

High Road

1-
Nie zur Ruhe kommend, gehen wir durch Straßen und Nacht.
Was sehn?
Am Ende der Worte ist keine Stille zu finden, sondern Müdigkeit.
Wer müde ist, muss nicht mehr sprechen.
Also rücken wir Stühle und Tische,
rücken uns durch Treppen und Träume,
rücken uns raus, aus jedem Leben,
sodass wir nicht merken, wie fern wir uns sind.

2-
& plötzlich, & einfach so. alles bricht,
ein alles geht brechend,
zergeht,
alles geht (r)aus,
wie die finger, die nach dem lichtschalter greifen, greift zelltod nach mir, nach uns, alle greifen ins morgen-gestorben & niemals-gewesen. immer. wie gern gäbe man sich die schuld daran, wie gern spricht man vom unvermeidlichen, vom unvorhersagbaren; aber vom sprechen wird nichts realer, nichts besser. es gibt keinen adäquaten ersatz für's leben.

3-
In Berlin, - das ist hier, das ist dort draußen, - da gehen Gesellen, in den Zügen reden sie vom Lieben & sehen nach drinnen; die Buchseite zerknistert zu Fragen, die Fragen werden mit Zähnen & Unterlippe zerbissen, - mein eigenes Blut will mich Tag für Tag an den Herzschlag erinnern, aber der Schlag kommt wie immer viel zu schnell, er bleibt, zu leise, das geht vorbei. Wie geht es denn jetzt eigentlich weiter? Mit allem, meinst du? Ja.

Don Toupo sagt, ich solle ein Mann sein. Okay. Ich treffe mich also mit M., wir schlafen miteinander zwischen zwei Stunden, & als sie geht, nimmt sie ein bisschen Liebe mit. Nein, nicht die Art von Liebe, nicht diese prosaische, nicht die romantische Liebe. Die zum Leben, die eigentliche. Sie geht im Hüftschwung eines trunkenen Abends. Blick auf die Uhr, Blick zur Seite: Mein Bett ist zerwühlt & riecht nach dem Rauch ihres braunen Haars, - wohin mit der Kraft?, es ist doch nur ein Bild. Auch: Sie im Morgenlicht der Hinterhauslampen, der bittere Kaffee auf der Tischkante, daneben das angebissene Croissant. Fehler, aber nicht im eigenen Sprechversuch: Lebwohl. Ich zupfe mir am T-Shirtkragen, werfe zwei Minuten später die Tür ins Schloss & bin leer.

Nein, die Wohnung ist es, seit drei Tagen, alles leert sich aus.

Weswegen? Das Chaosmädchen trägt den Vater zu Grabe, den eigenen, den einzigen, das ist genauso plötzlich geschehen wie der Schlaganfall meiner Mutter, nur umso vieles tödlicher, - es ist zynisch wie sich diese Sätze im Lauten herausputzen. Wie sie irgendwie wehtun, wie sie rauh & geistlos sind, kein Gefühl, stattdessen die Leere. Eine große, eine unbegreifliche.
Don Toupo sagt, ich solle ein Mann sein.* Das geht mir zu Herzen, denke ich, das trifft mich wie eine Ohrfeige. An diesem Freitag Abend sagt er mir das, während mir Augen & Leber schon ganz im Bier ertrunken sind, & ich?, ich stoße an so viele Ecken, dass all das Selbstmitleid zum Ekel wird. Das ist der Preis der Freiheit, das ist das Leben, natürlich. Eine Phase, ein Teil davon, zumindest reduziert sich das mit der Zeit**, ich weiß, & doch ist der Kaffee schwarz & viel zu bitter.

4-
Nein, Reue ist kein Gefühl für mich. Ich bereue die zugeschlagenen Türen nicht. Auch nicht die ungewählten Telephonnummern, nicht die verpassten Dates. Ich bin niemandem etwas schuldig, zumindest jetzt nicht.




* Ein Mann sein. Das heißt, die Wunden ertragen lernen. Das heißt: Kampf, & Rebellion. Egal, ob ich nie müder war als jetzt, - müde von dem ganzen Scheiß, der immer & immer wieder aus Vergangenheit & Fersentritt hervorquillt, - egal, ob ich nie kraftloser, unmotivierter, einsamer war als jetzt, - darum geht es nicht. In dieser Welt zu leben heißt, Bürden zu tragen. Nicht irgendwelche. Menschliche. Es heißt, trotzdem zu lachen. Lauter als man sollte, länger als man müsste, verzweifelter als man dürfte. Okay, meinetwegen. Aber: Lachen.


** Die Frage ist, wie man heilt. Es ist nicht die Zeit, die mir die Wunden schließt; die Zeit macht das Gewebe nur narbig. Das ist keine Kunst. Die Zeit ist nichts als eine dumme Entschuldigung. Dabei macht man nur immer wieder Kompromisse.

Mittwoch, 10. Juni 2009

24/7

Gegen den Wind gehen als berührten fremde Finger Lippen & Kinn. Der Blick geht dabei ins Handinnere: im Liniennetz taucht ein Punkt auf, ein kleiner, stechend schwarzer, ein unscheinbarer, wie ein Splitter unter der Haut, - beim Entfernen wird er eine Narbe hinterlassen, - & möglicherweise ist es tatsächlich Schicksal. So, wie der Tod Salz aufs Essen streut, wie er Gin Tonic in all die Gläser schüttet; wie er im Handgemenge verschwindet.

Ich verschiebe Nagelbetthaut mit Nagelkanten, zerfasere Haut dabei als sei es nicht mein Körper, als seien es nicht meine Moleküle, & nirgends ein Blick für die blutigen Ränder unter den Nägeln.

Reue, das Wort wird laut ausgesprochen, aber leise gefühlt. (Ich).

Reue. Wegen einer Tür, die ins Schloss fällt. (Er).

Einer Telephonnummer wegen.

Eines ungelebten Lebens wegen.

Nervös atme ich mehr Wind aus als da ist. In meinen Träumen zergliedert sich alles in schielende Augen, in Worthülsen, in Fragmente, - schaff dir eine Welt, in der du existieren kannst, - gib mir Süße ein, - nichts als die Müdigkeit eines weiteren Tages.

Lächerlich. Das heißt nicht, dass jemand lacht. Es heißt, dass etwas schrecklich traurig ist. Aufstehen ist lächerlich. Am Tisch über die eigene Unfähigkeit zur Liebe zu sprechen ist lächerlich. In Träumen vor zerbrochenen Gehirnen zu stehen ist lächerlich. & doch geschieht es, ohne Konservenapplaus & -lachen. Nirgends ist dieser Gott, der mir Seligkeit einhaucht. Nirgends ist das Fernsehen, das mir die Augen verspiegelt. Nirgends sind die Ideale, weder die falschen, noch die fälscheren. Nirgends Ziele. Nirgends Wege. Nirgends die Unerträglichkeit.

Ich bin eine Gardine, ein Vorhang.
Ich zerwehe bei der leichtesten Brise.

& was ist mit dem, was in den Zeilen geschieht?

Situation eins. Ich stehe im Aufzug, den ein Stockwerk später Guillaume betritt. Man redet. Auch ich tue das, aber es geschieht ohne Bewusstsein. Ich lache sogar. Man tut das. Ich hab's bei den andren gesehn. Ich lache mit Guillaume über das Leben. Kurz nur. Zwei Stockwerke lang. Beim Schließen der Türen ist er vergessen.

Situation zwei. Im Handy blinkt die Nummer von dem Mädchen der Frau, die mich am Freitag auf dieser Party angequatscht hat. (Sie, die ich stundenlang beobachten musste; beim Tanz). Sie zu ficken ist eine Option; sie zu lieben?, - nicht. & dann also mehr Körper sein, mehr & restlos, Fleisch sein, einfach nur Materie, die endlich, - endlich!, - entseelt ist von allem Menschsein, die eindringt in diesen fremden, schwitzenden Körper, die sich ergießt in Salzgehalten & Proteinen, totes Leben. Die Nummer blinkt. Blinkende Nummern, vibrierende Handys, das ist das Jetzt.


ich verliere den kontakt zur welt.
die welt bin ich.


Durch die Türe vom D*** gehe ich, & für einen Moment, wirklich, da erwarte ich dich zu sehen. Eine Haarsträhne, ein Pullover, ein Blick über die Schulter, - etwas, das mir lange im Auge bleibt, - aber das geschieht natürlich nicht. Diese romantischen Momente passieren nicht. Männern erst recht nicht, uns nicht. Also gehe ich weiter, raus in Wind & Vogelgeschrei. Meine Lider sind zu schwer für die Menschen draußen.
Gott!, wie ätzend. Wie deprimierend!, widerlich. Ich seh's dem Blau eines Auges an, beim andern ist's ein Braun, alle Farben sagen das gleiche. Also reiße ich mich zusammen, straffe Schultern & strecke den Rücken durch, die Phrasen ergeben ein Bild: Der rechte Mundwinkel lächelt schief, die Haut ist unrein, - zumindest im S-Bahnlicht, - die Nase ist zu groß, die Haare fallen ständig falsch, aber das ist mir scheißegal. Wenn ich könnte, würde ich die Welt verschlingen. Was kümmern mich also meine beschissenen Haare?
Wenn ich könnte, ginge ich zum D*** zurück, würde deine Nummer wählen & wir hätten zwei Stunden später Sex. Bei dir, vermutlich, weil ich kein Schloss an der Türe habe. Oder vielleicht gerade deswegen auch bei mir. Ich weiß es nicht. Am Sex würde das nichts ändern. Aber was brächte das? Jeff Buckley spielt für jeden ein Lied.

Das ist die gottverdammte Situation drei.

Mir ist, als entgleite alles.
Darum trinke ich auf der Party so viel Whiskey & Rum, daher die Fünfminutenbiere, das bisschen Hunger nach dem Aufstehen, deswegen der wenige Schlaf & die Erinnerungen, zusammenhanglos ins Weiße gehustet. Ich wische mit den Handflächen Hautschuppen beiseite, Staub, Schamhaare, irgendein Blatt Papier mit Notizen drauf, & dann, kurz vor dem Abwischen der Finger am Hosenbein: Der Blick auf den schwarzen Punkt im Liniennetzwerk. Was heißt das? In zwölf Tagen mein 24ter Geburtstag. Zeit für Salz & Gin Tonic. (Halt die Schnauze, & gib mir Süße ein!)

Donnerstag, 4. Juni 2009

Vorsortierung

Sich bemühen, abmühen, sich zur Mühe ins Bett legen, zur Hure, die sie ist, & Unzucht mit ihr treiben, morgens: Ein Wegseufzen aller Träume, ein Aufschlagen im Kissen als sei es aus Beton, - von der Unkenntlichkeit verzehrt nickt das Spiegelbild dann dem Körper zu, dem leberfleckigen Rippenbogen, dem angenarbten Hüftknochen, den müden & ewig blicklosen Augen, & nichts vermittelt mehr Ungewissheit als dieses ganze Jetzt, als diese Bewölkung, die den Sommer tilgt.
Was? Der Satellitenmund kreist beständig um mich rum, küssen?, niemals. Nicht niemals, sag so was nicht. (Trotzig sag ich's). Das verliert den Sinn an der Kasse im Supermarkt, - mit Brot steh ich da, & lache, - an der Haltestation Stadtmitte, die stadtlos ist, weil ständig mehr & immer mehr Menschen ins Innere der S-Bahn strömen, Schultern schaben aneinander, Hände reiben sich, eine Brust, die an eine andre stößt, Lachen, Husten, Tanz um Silberstangen, - das ist irreal, das ist nicht die Wirklichkeit.

Die Wirklichkeit ist: Telephonklingeln, Münzscheppern, Augenbrennen, schmutziges Geschirr, Krümel auf den Socken, Berge von Wäsche, ungelesene Bücher, ein schweres Herz, fahrige Blicke, T-Shirts, - falschherum getragen, - Durst, Aufsein, nachts um halb eins, um halb drei, um fünf, wenn der Morgen graut, quietschende Schuhsohlen, Hunger, Geilheit, - verpackt in grellen Träumen, - Fußwippen, umgefallene Papierstapel, Denkfehler, Schreibzwänge, Becksflaschen, klirrende Wolken.

Gib mir Süße ein, längst ist das Bittere getrunken.


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