Mittwoch, 6. Dezember 2006

das Gefühl

Manchmal frage ich mich, wo ich gewesen bin. Während dem Fernsehen oder wenn ich in den Zug steige, - kurz, eindringlich, wie ein Kratzer, den man plötzlich entdeckt, wie eine Schramme auf der Haut, die man zwar sieht, aber nicht fühlt. Dann sage ich mir, dass natürlich alles wie immer ist.

[Das ganze Leben schnörkellos und trotzdem schrecklich überladen.]

Ich wache am Morgen auf, mit klebrigen, rotgeränderten Augen, tapse mit viel zu kleinen Schritten ins Bad und es kommt das Wasser und es kommt das Shampoo, und die ganze Bewusstlosigkeit treibt die Zahnbürste in den Mund, und danach den heißen Kaffee und irgendwann fällt die Tür ins Schloss. Dann sitze ich im Zug, - ständig sitze ich im Zug, - und die Welt rauscht, brandet, es sind lauter Bäume dort draußen, die vom Asphalt verschlungen werden, und ein, zwei Gesichter, die ich kennen, in die ich mich verlieben könnte, aber man zerrt und man stößt; die Mutter rammt mir den Kinderwagen in die Fersen und der alte Mann hustet viel zu laut, und alles ist voller Menschen. Menschen, die miteinander reden; Menschen, die lachen und sich in die Arme fallen, küssende Menschen, blinzelnde, atmende, lebende Menschen, und ich möchte in dieser Sekunde daran glauben, dass sie ein bisschen mehr sind, oder ein bisschen weniger. Ich möchte daran glauben, dass sie glücklich werden können, dass sie mich vielleicht nicht sofort vergessen, wenn sie mich sehen, dass sie mich in ihr Herz schließen können. [Doch was ist das schon? Egoismus? .] Der Glaube nimmt ab mit der Zeit. Mit der Menge der Menschen schrumpft man - und dann ist man schließlich ganz klein.

Ich habe manchmal das Gefühl, es gäbe zu viele Menschen, die etwas zu sagen hätten. Die rothaarige Frau von nebenan, die es mit einem Unbekannten treibt; der Teenager, der seinen Vater verloren hat; der schwule Kerl, der sich unglücklich verliebt und die arme Kellnerin, die ihren Traum nicht verwirklichen kann, weil die Realität irgendwann alle Träume aufrauht, - so lange, bis sie zu Staub und Asche zerfallen, im Wind zerstäuben, bis sie vergessen sind. Manchmal denke ich, die Welt sei zu schön, um so deprimiert zu sein. Ich sage mir dann, es wäre die Endphase der Pubertät; es sei normal, dass man mit einundzwanzig Jahren noch so denkt; dass man in der Zwischenwelt des Lebens feststeckt. Zwischen der überschäumenden Jugend und dem manischen Erwachsensein. Aber auch dieser Gedanke vergeht irgendwann, und ich sehe mich im Spiegel, ich sehe mich in den vorüberrauschenden Fenstern, in den Reflektionen, überall, vielleicht sogar in einem Gesicht, in einem fremden Auge, in der Erinnerung von irgendwem.

Und ich frage mich, wo ich gewesen bin.


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