Dienstag, 19. Juni 2007

Briefkasten Interlude.

Sie steht vor den Briefkästen, die nette alte Dame aus dem ersten oder zweiten Stock, die mich jedes Mal so herzlich grüßt wenn sie mich sieht. Ich höre gerade The Fight Song von Marilyn Manson auf dem einen Ohr, bin ansonsten ein feiner Schweißfilm und ein bisschen außer Atem. [Denn: ich bin die letzten paar Meter zum Haus gejoggt]. Sie lächelt und ich lächle zurück, dann steckt sie ihren Briefkastenschlüssel in das Schloß, macht das schmale, weißverkleidete Metalltürchen auf und sieht hinein. Es ist leer. Sie sagt: Ach, niemand schreibt mir, und sie lächelt dabei.

Ich mache zeitgleich meinen Briefkasten auf, und denke insgeheim dasselbe. Auch mein Briefkasten wird leer sein, - selbst meine Amazonbestellung lässt auf sich warten. Aber zu meiner Überraschung fischen meine Hände einen grünen Flyer heraus, mit großen, weißen kyrillischen Buchstaben. [Warum denken die Russen eigentlich immer, ich sei einer von ihnen? Namen sind doch nur Schall und Rauch]. Daher sage ich stattdessen: Na, ich hab wenigstens noch Werbung, und lächle schief zurück.

Während ich im Aufzug nach oben fahre, überlege ich, ob ich der netten alten Dame nicht einen Brief schreiben soll, - oder eine Postkarte, oder etwas dergleichen. Vielleicht etwas Unverfängliches, aber eben Handschriftliches. Sie würde sich darüber freuen, da bin ich mir ziemlich sicher.

Die Frage ist nur: was?

Putting Holes In Happiness

Ich mache die Tür zu und stehe plötzlich mitten in Paris. Verkehrslärm brandet links und rechts, und Menschen drängeln sich an mir vorbei, ins Carré. Da sind die Eisentische, die im Freien stehen; das Popcorn, das in kleinen gläsernen Schälchen angeboten wird wie sonst nur Erdnüsse; die Bilder, die Musik, der Kellner, - es ist alles noch wie vor einem Jahr. Bunt, und grell, und furchtbar gut gelaunt. [C'est le marais]. Nur nicht plastisch genug, nur nicht zum Greifen nah.
Ich stehe immer noch im Hochhauskomplex 2b, immer noch rottencom: da vorne der Aufzug, und ich, wie ich die Treppen nach unten stolpere; dann die Straßenschilder links und rechts und alle sind sie deutsch, und der Zug, mit den ewig-gleichen Gesichtern, die immer gleich an mir vorübersehen, und das Gedränge beim Aussteigen. Das ist typisch deutsch. In Paris war alles leichter. Alles federnd, selbst das Fahren in überfüllten Zügen, selbst das Anstehen in Warteschlangen, selbst der Taschendiebstahl. Der Gestank und die Hundescheiße auf den Gehwegen. Es war alles leicht und ungekannt, - als könne man den Horizont für dieses Leben nicht mehr überblicken, als bliebe alles geheimnisvoll und in der Fremde. [Ich (ge)brauche die Fremde wie ein Destillat].

Stattdessen also hier. Okay. Uni-Leben. Ich wische die Sehnsucht mit Musik zur Seite und trinke mein Wasser in Sturzbächen. Auf der Toilette werde ich dann schließlich mit irgendwem verwechselt und in ein Gespräch verwickelt, das sich mir einfach nicht erschließen will. [Was hat das mit mir zu tun?] Ich versuche dieses Mal nicht komplett durchzudrehen, versuche mich nicht in dieser Sphäre zu verlieren: lebe jetzt, lebe hier, spar dir dein Verlangen. Also mache ich, was alle machen: ich reihe mich in die falsche Essensschlange, unterhalte mich über das schwache Bildungssystem, kaue meine Beruhigungstabletten mit ein bisschen Brot und Wasser vermengt, und nenne es Nektar und Ambrosia. Ich bin korrekt gekleidet, nicht zu leger und doch elitär in diesem Rahmen, und ich spreche Worte, die jeder leicht versteht, - Widersprüche müssen draußen bleiben. Ich rede lachend hallend atmend, und stoße meine Gedanken gebetsmühlenartig aus: das wird schon alles werden, nur immer weiter, nie die Hoffnung verlieren, das wird schon alles werden.

Und doch: das Aneinander-Rempeln bringt mich aus dem Konzept. Es passiert ganz unvermittelt: eine kurze Berührung an der rechten Schulter, und in meinem Kopf zerbricht etwas. Nein. So nicht. So gottverdammt nicht. Also fange ich an, die Menschen anzubrüllen, ich scheuche sie auf wie Vogelschwärme, ich blockiere ihre Schlangen, stoße ihnen das Kleingeld aus den Händen. Ja, ich warte an der richtigen Stelle und auch zur richtigen Zeit, mir ganz egal, was ihr sagt. Ich erbreche Ehrlichkeit, ätzend und bitter, und jeder verletzt sich daran. Nein. So nicht. So gottverdammt nicht.

*

Also fragst du mich, was in mich gefahren sei.

Ich kaue dabei weiter auf den Nägeln, und kritzle schmierend ein Gesicht nach dem anderen auf das Papier. Was? Der Teufel, vielleicht, höchstpersönlich und kanarienvogelgelb, und ich bin nur willenloses Fleisch. Ich wische meinen Schreibtisch mit einer einzigen Handbewegung leer, und zerbreche die Teller in der Küche in einem Anfall von Ekel und Wut. Zugrunde gehen! Zerfressen sein! Es ist, als brenne glühend ein Stückchen Kohle durch die Haut: darunter das Herz, und immer nur das Herz, und jedes Wort, das ich sage, höre, lese, schreibe, alles erscheint mir nicht explizit genug. Nicht exakt, nicht im Gefühl Vermengtes, sondern nur Einzelteile, nur Massenware, Gebrauchsgegenstände. Nein. So nicht. Noch drei Tage und ich bin 22. Noch drei Tage und es ist alles gleich. Da hilft es nicht, dass ich jetzt von dem Tattoowierer weiß. Da hilft es nicht, dass ich mich wieder mit Marie treffe. Da hilft es nicht, dass ich volltrunken im Unterricht sitze und darüber nachdenke, wie ich es dieser verkommenen Welt heimzahlen kann. [Denn im Grunde fordere ich nicht mehr als Anarchie]. Es ist aufgerauht und in meinen Händen zerstreut.

Warum schlägt keinem die eigene Existenz auf den Magen? Warum ist alles akzeptiert und in Aktenschränke sortiert? Nicht mehr als Rahmenhandlungen, - melancholisches Geschwätz auf allen Sendern, und im Hintergrund das Verlangen individuell-kollektiv zu sein. Du bist was du bist und nicht, was du sein musst, - also kauf dir verdammt noch mal noch so einen Ringelpullover und steck dir eine Kirsche ins Haar, oder ordne dich irgendeiner anderen Klasse unter, - sei Künstler, sei Bildzeitungsleser, sei schwul; mein Gott, mach was du willst. Aber eben das tust du nicht. Du bist nur das Skript.

Ich kratze mir die Haut an Stellen auf, an denen es mich gar nicht juckt. Logisch?! Steck dir deine Logik sonst wohin. Die Welt ist ein Faß, und sie läuft mit jedem Tropfen Ekel und Wut weiter über. Mit jedem Glas Absinth verwischt die Grenze zur formalen Gültigkeit, - zu angeblichen Freundschaften, die sich im Selbstmitleid suhlen, zu großen Liebesschwüren, die sich beim nächsten Fick im Stöhnen verlieren; satt, und Übersättigung. Der große Zauber verschwindet, und übrig bleiben Falten und kalte tote Haut. [Ich bin schrecklich destruktiv].
Also klatsche ich mir jetzt kaltes Wasser ins Gesicht und zucke unter meinen eigenen Augen zusammen. [Ich erkenne mich nicht im Spiegel, das bin nicht ich. N-ich-t, in einem Wort vereint]. Ich werde mich nicht mehr rechtfertigen, - weder gegenüber meiner Familie, noch meinen Freunden. [Da sagt einer, ich sei heteronom, okay. Okay! Meinetwegen. Und dann blockiert er den Versuch, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen, belächelt mich und meine Idee. Ein anderer saugt alle meine Vorschläge aus mir raus wie Natterngift, und macht sie dann mit seinen geschliffenen Worten kaputt. Müssten sie nicht an mich glauben?]

Ich denke, ich habe mir mein Glück hier nur eingeredet.
Und überhaupt: das Glück im allgemeinen.


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