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Sonntag, 8. Juli 2007

Lullaby for Cain

An Dich, geliebter, verstoßener Bruder.

Ein bisschen sind wir verwandt, denke ich, und sehe Dich im Vorüberfahren winken, breit grinsend, Du nickst freundlich zum Gruß. Wir haben uns im Frühling getroffen, haben Kaffee getrunken, haben über die Zukunft gesprochen, und auch über Literatur. Dann vergehen Monate, und ich seh Dich nicht mehr. Ich höre Dich nur noch übers Handy, knackend und rauschend, immer wieder verliert sich Deine Stimme im Nichts. Belehrend willst Du sein, ein großer Bruder willst Du sein, der dem kleinen einen klugen Rat mit auf den Weg gibt, und nicht mehr halb und halb, jetzt, wo ich studiere. Es geht um ganz lapidare Dinge dabei, um Geld, die meiste Zeit, und lastend: die Zukunft. Dann vergehen Monate, und ich hör Dich nicht mehr. Ich lese nur noch Deine e.Mails, klagend und wütend, am Rande fragst Du nach dem Leben, - ich habe Probleme, und Du bügelst sie aus, aber Du fluchst dabei, weil Du es musst. Ich habe kein Geld, Bruder, ich bin in Armut gebettet. Unser Vater ließ Dir Dein Los, und Du hast es gezogen. Jetzt bin ich Dein Mündel. Dann vergehen Monate, und ich lese nichts mehr von Dir, - Du bist nur noch bei anderen, und redest über mich.

Du machst Dir nicht die Mühe, mich kennenzulernen, Bruder, Du verurteilst mich lieber gleich. Ich habe auch Bier im Kühlschrank, Bruder, bei mir liegt auch der Playboy im Zimmer, aber das reicht Dir nicht. Weil ich mir nicht zwei Mal im Satz an den Sack greife, bin ich kein Mann. Weil ich nicht Deinen Musikgeschmack teile, besitze ich überhaupt keinen Geschmack. Ich jage nicht, Bruder, weil mir das Leben zu teuer zum Jagen ist, und daher bin ich kein Kerl. Ich spreche nicht so, wie Du sprichst, denke nicht so, wie Du denkst. Alles was ich bin, bist nicht Du, und das siehst Du mit Missgunst. Wozu sonst machst Du mich schlecht? Sagst unserem Vater, ich tauge nicht viel, ich sei unzuverlässig und faul? Sagst, ich sei schwul? Sagst, ich sei geldgierig und falsch informiert? [That's the shame of Cain, my brother].
Ich bin nicht geschieden, Bruder, ich habe keine zwei Kinder, die ich von einem zum anderen reiche, und ich bin nicht das Opfer unseres Vaters. Mir gehört nicht die Firma, und die Probleme, aber Dir, - weil Du sie wolltest. Ich bin Nichts, von Dir, kein Teil Deines Lebens, ich bin nur Dein Ballast. Dass ich Deine Träume lebe, kannst Du mir daher auch nicht verzeihen. Ich studiere was ich will, wohne wo ich kann, - ich bin frei, von unserem Vater, und frei von den Losen, die er uns hinstreckt. Das kannst du nicht akzeptieren. Warum lachst Du mir sonst ins Gesicht, und schneidest dann hinter meinem Rücken Grimassen? Warum ehrst Du meine Mutter nicht, wie ich Deine Mutter ehre, - warum schenkst Du mir keine Liebe, sondern nur Missgunst und Trotz? Ich bin nicht meines Bruders Hüter, sagst Du, aber Du bist es doch.

Du bist Kain, mein Bruder, und nimmst mir das Leben.

Du legst mir Steine zwischen die Füße, und wartest, dass ich stürze. Aber ich stürze nicht. Du hoffst darauf, dass ich einmal undiplomatisch bin, dass ich scheitere, dass mir der Kragen platzt, aber den Gefallen kann ich Dir nicht tun, Bruder. Ich bin mehr als Du je sein wirst, Bruder, und ich mache Dich klein. Das ist alles, was ich weiß, von Dir, Bruder. Alles. Und es reicht, um Dich zu kennen. Du kannst mir die Wahrheit nicht ins Gesicht sagen, deshalb lügst Du mich an. Du kannst mir nicht in die Augen sehen, deshalb schaust Du weg. [The shame of Cain].

Ich höre ein Wiegenlied, während ich Dir diese Zeilen schreibe. In der Kindheit habe ich Dir nichts bedeutet, und auch nicht in der Jugend. Du warst nicht da, als ich meine erste Schlägerei hatte; Du warst nicht da, als mir der erste Bart wuchs; Du warst nicht da, als ich meinen Führerschein gemacht habe, mein Abitur. Du hast mir nie geholfen, hast mich nie helfen lassen, Du hast mir nie zugehört. Du bist erst in mein Leben getreten, hast in mein Leben rein getreten, als ich erwachsen wurde. Und selbst jetzt bedeute ich Dir nichts.

Also: egal.
Egal, Bruder.
Du, und all Deine Lieben.
Sind mir egal.

Du stirbst jetzt, für mich. Und bist ewig bei den Toten. Bruder, Kain, liebster, (ver)stoßender, lügender Bruder Kain. Behalte Dein liebend Dein. Wie Du bist. Nichts. Schau zu mir auf, mein Brüderchen klein. Denn alles, alles, bin ich, und Du bist es nicht. Alles, nur ein Lächeln, mein Erfolg, meine Freunde, meine liebende Familie, - nur Du nicht, - und das Leben liegt mir zu Füßen, jung, wie ich [noch] bin, [un]frei, in Unglück und Glück gleichermaßen genießend badend, lachend, und immer wieder lachend über Dich und alles, nichts, was Du bist. Mein Brüderchen klein. Ich bin froh, und herzend, voll Vertrauen und milde dabei,

Dein Brüderchen dein.

Eine Fuge: together we will live forever

Ich bin so müde.

So bleiern gegossen hinab
sinkend, zu Boden, los
schwebend, nach unten.

Ich schließe
Fenster und Augen,
und bei jedem Weckerklingeln doch wieder das Blei.

Nichts. Nur die Zweifel. Nichts als Zweifel. In allem, was ich denke, sage und mache; überall hingestreut und wie im Gehen verloren, - unachtsam, lieblos: das ist dein Leben? Warum fühle ich mich so, als wäre alles gescheitert? Als wäre alles nur ein Gähnen im Aufzug und ein Kondolenznicken, ein Schulterklopfen, Anstupsen, Weiterschieben, - das sind keine Berührungen. Das geht weiter, durch und durch, und bleibt niemals stehn. Nur links ein Schmerz, der mich im Kreis drehen lässt. Nichts, nur chronisch, begleitend. Eine Schwalbe am Himmel. [Freiheit].

Ich kann mich nicht zusammensetzen. Die Steckbausteine bleiben nach Farben sortiert, aber einzeln. Das ist kein Ganzes. Nur ein flüchtiges Streben, ein Griff nach dem roten Stoppknopf, ein Abrutschen an der Eisenstange im Bus, und dann die fliehenden Blicke der Passanten. [Ich bin so müde]. Du bist nicht gut genug, sagt mir der Wind, du bist nichts genug, weder schön, noch intelligent, und trotzdem von allem zu viel, - nur von dir selbst bist du zu wenig. Ich sitze stehend liegend neben mir und verpasse, vergesse, verliere den Blick. Für alles. Irgendwie. Nur ein Haschen nach Wind, sagt das Buch, und es bleibt nur das Gähnen, und Zweifeln, und Suchen. Leise, und wie aus der Ferne: Das bist du, und dir gehört auch der nächste Moment. Müdigkeit. Sterblichkeit. Sich gegenseitig verfolgend, verschlingen sie Sterne und Mond. Küss mich. Leben. Muse. [Liebe!]

Küss mich, irgendwer.
Und gib mir ein Ziel.

Nur eine Richtung, in die ich laufen muss. Es reicht auch ein Wink mit der Hand, ein Finger, im Sonnenschein badend, tief, eingesunken, in den Wind. Ohne Fugen, los geht's, hinaus in die Welt. Aber wo? Wo, wo, wo? Mein Gott, nirgends ein Ziel.

Und dann, nur leise, buddhistisch geflüstert, von draußen, irgendwo über das offene Fenster: drop the thought, mate, und dann überkommt mich der Schlaf. Morgen. Morgen wieder. [Ich brauch einen Weg].