Was, wenn es noch nicht zu spät ist?
Ich sehe aus dem Fenster raus, und in den anbrechenden Tag hinein. Habacht. Unerklärlich. Das Zittern in den Fingerspitzen. Draußen beugen sich die Bäume, der Wind trägt einen Vogel von links nach rechts, und wieder hoch hinaus, aus meinem Blick. Nein. Draußen ist nichts, außer Dänemark. Oh Horatio. Ich wische mir über die Augen. Was, wenn es noch nicht zu spät ist?
Aufstehen! tickt die Taschenuhr.
Die Beine, Muskelstränge, Sehnen, Haut, - es setzt sich alles in Bewegung. Der erste Fall in Richtung Boden ist der erste Schritt in Richtung Zukunft. Nein. Streich das. Etwas riskieren heißt, für kurze Zeit den Boden unter den Füßen zu verlieren; nichts zu riskieren heißt, sich selbst zu verlieren? Nein. Das ist noch nicht verlangend genug. Die Musik öffnet mir die Venen, - Mia, Zirkuskind, - und draußen bricht die Wolkendecke auf und wieder ein. Ich ziehe mich aus, schälend, zerrend, häutend, und dusche eine halbe Stunde lang, abwechselnd heiß und kalt, und für einen Moment empfinde ich Schuld dabei. [Eine halbe Stunde Wasser, - das ist Verschwendung. Trinkwasser]. Aber das geht vorbei. Im Spiegel: meine Augen. Blaue, irisierende Augen. Eigentlich will ich schon lange weg sein. Zitternde Finger. Ich schaue auf. Ka-Bang.
Genau das ist es: Ka-Bang! Ein lauter Knall in meinem Kopf. Plötzliche Schieflage.
Meine Hände finden die Knöpfe nur mit Mühe. Ich knöpfe falsch. Knöpfe wieder auf. Noch mal von vorn. Ich verhake mich in der Jeans. Hüpfe von einem Bein zum anderen. Das ist langweilig. Das treibt mich plötzlich in Rage. Ich werde von mir selbst getrieben. Eile zurück an die Balkontüre, reiße sie mit einem Knarren auf, und stehe dann schließlich draußen, an der Brüstung. Atme. Please let me wake up. Das muss lächerlich aussehen. So aus der Ferne. Wenn mich jetzt jemand sehen würde, ... Doch ich bleibe da stehen. Fünf Minuten, oder mehr.
Was, wenn es noch nicht zu spät ist?
Oh Horatio.
Ich packe meine Tasche blind, werfe ein Buch hinein, ziehe stolpernd meine Schuhe an und dann, kurz vor dem Aus-dem-Haus-Sein, noch mal umdrehen. Ich versuche mir bewusst zu werden, was es bedeutet. Alles, jede Kleinigkeit, jeder Handgriff, jedes Tapsen. Was heißt es, ein Leben in Freiheit zu leben? Niemals Ruhe. Niemals Sicherheit. Niemals nur Schönheit. Einsamkeit, vielleicht, und niemals Liebe. Die Freiheit ist unerbittlich, ist grausam, - die Freiheit kümmert sich nicht, sie existiert ohne Begriffe. Ich stehe in der Tür, mit der Tasche in der Hand, - zitternde Finger, - und mit einem Blinzeln breitet sich mein ganzes Leben vor mir aus. [Das ist einer dieser magischen Augenblicke, die man manchmal im Supermarkt hat, oder im Stau, - einer von diesen Momenten, in denen plötzlich alles klar wird]. Risiko! Ich will niemals Reih um Reihe hausen, mit Gartenzaun und Totensonntagsmontagdienstagmittwochdonnerstagfreitagsamstag. Niemals mich an das binden, was mir bitter auf der Zunge liegt: Wohlstand. Jetzt, hier, so. [Ich kann nicht feiern, solang ich in Babylon leb]. Ich kann nicht weiter in dieser Kleinstadtidylle leben, in diesem studentischen Smalltalk, flimmernd, genußsüchtig, theoretisches Wissen eines theoretischen Lebens. Ich muss. Muss raus. Einstehen für das, was ich denke. Für was ich lebe. [Für Liebe und Frieden, und gegen jede Form des Faschismus]. Es ist noch nicht zu spät, los, lauf gegen den Strich!
Dann haue ich die Tür ins Schloss. Ein Mal, zwei Mal dreht sich der Schlüssel. Eile die Treppenstufen runter. Kein Aufzug, heute. Keine Linien mehr. Kein Guten Morgen, und wie geht's der Familie? Raus, raus, raus.
*
Ziele für die nächsten Wochen:
[ ] Basel; meine erste Lesung.
[ ] Paris
[ ] Berlin
[ ] Gießen / Frankfurt