Ja, nichts läuft eigentlich so, wie ich es geplant habe. Alles ist anders, und fremd, und tut im Magen weh. [Vielleicht gehört das so].
Da ist die Zugfahrt morgen, und meine Ankunft um 17 Uhr auf Gleis 7, und mir ist schwindlig. Da ist die Uni und die Wohnungssuche und alles ist größer als es sein sollte. Da bist du, und da bin ich, und die Handbewegung, die alles wieder auseinander reißt. [Sag Bleib und ich werde gehen]. Die Tage gerinnen zu fester Materie, und der Körper zersprengt zu Atomen. Realität ist, was du daraus machst.
Mich juckt der Gaumen, wenn ich an all das Bier denke, das ich im Laufe der Woche widerwillig trinken werde, und an die Wut, die wie ein Bandwurm in mir nistet und sich an allem Schönen und Lebenswerten satt frisst, das meine Augen mit fließenden Blicken zu fassen versuchen. Nichts gelingt, und alles geht kaputt, gestern heute und erst recht morgen, und ich stehe schräg im Dunkeln und atme kochendes Wasser. Das Denken ist an der Kasse abzugeben, denke ich, und bleibe widerspenstig unrasiert.
Jetzt gibt es also lauter Auswege, die tatsächlich begehbar sind, - sie alle führen in Richtung B Punkt. Es folgt nun die Reise in die von mir geliebte Schrägstrich gehasste Stadt der Träume. Das sind begrenzte Baustellen, gefühlte Tiefen, unentdeckte Sicherheitslücken, und jede Menge Schlaglöcher, - es ist, als öffnete sich eine Tür, aber gleichzeitig verschließen sich zwei andere. Die sich Öffnende ist die Zukunft, - die anderen beiden sind Vergangenheit und Gegenwart. Ja, zugegeben: Die Zukunft existiert eigentlich überhaupt nicht; die Zukunft ist nur der unausgesprochene Sammelbegriff für alle möglichen Situationen, die aus dem Jetzt resultieren. Das heißt, die Zukunft ist nur eine Wahrscheinlichkeit, eine Mischung aus potentiellem Erfolg und Scheitern, oder nein, weniger: Nur ein Begriff des Sich-Tröstens. Was ich heute nicht schaffe, krieg ich vielleicht morgen hin. Morgen? Das ist ein Datum ohne Zahlen. Das ist ein Tag ohne Inhalt. Das ist die Zufälligkeit einer Verknüpfung in einem Kopf, - in vielen, in allen Köpfen. Vor allem in deinem eigenen. Da kann man stundenlang darüber nachdenken reden wahnsinnig werden, - das ist eine liegende Acht, die sich quer durch den Weltraum kugelt. Die Zeitfrage ist nicht mehr als eine Interessensfrage. Also vergessen wir das.
Ich stehe morgen zerknautscht auf, erstarre zu einer Säule aus Salz während ich vor dem Spiegel stehe, und dann später vor dem Bahnschalter, um eine Platzreservierung zu ergattern, dann sitze ich müde im Zug, steige euphorisch aus, und bin ganz und gar, und vor allem ein Stück weit weniger Ich als jetzt im Moment. Das ist im Grunde ganz interessant, würde daran nicht der Alltag nagen. Das meiste geschieht aus Notwendigkeit. Die Musik im Ohr, - Nikka Costa und Jack's Mannequin werden mich federleicht machen, - und der Blick aus dem rauschenden Fenster. Wieder Freiheit.
Andrea schrieb mir mal, er fühle sich erst dann normal, wenn er reise. Und ja, genau das ist es. Das denke ich mir auch jetzt noch. Es ist dieses Stück Normalität, das mir Unsterblichkeit verspricht. Vielleicht ist es der Gedanke, ein Atom zu sein, - meinetwegen auch ein Molekül der Einsamkeit, - das durch eine Fülle von Schalen springt, ein ungebundendes Stück Ewigkeit, das innerhalb eines Lebens aufleuchtet, um dann zu verlöschen. In mir, den Knochen, dem Blut, in den Synapsen, - da ist dieses Denken, dieser Bewusstseinstrom. Ich wache mit dem selben Blick auf, ich ziehe an, was ich vielleicht gestern schon trug, stolpere die Treppenstufen hoch oder runter, und es ist ein Tag wie jeder andere auch: alles zerspringt zu Einzelteilen, die für sich unbeweglich bleiben. Und trotzdem, trotzdem, - Irrationalität!, - geschieht etwas. Unbedeutendes, Alltägliches: ein Nippen am Kaffee, eine Windböe, die an der Kleidung zerrt, die Ampel, die von Grün auf Rot springt, und Menschen, die neben dir in der Synchronität stehen. Da ist es, da versteckt es sich: Was wäre alles möglich? Wer könnte da neben dir stehen? Rütteln, Eisenstreben, die sich kreuzen, um auseinander zu driften, und natürlich verliert sich das alles wieder. Der erste Schritt bedeutet Distanz, in den Häuserschluchten bleibt es windstill, und der zweite Schluck Kaffee ist zu bitter für den Augenblick. Da hilft auch der Pathos nicht. Man reicht mir die Sonne und ich verbrenne mir den Rücken dabei; man reicht mir verschwitzte Menschen, die nach Alkohol stinken, und mir wird schlecht davon; man reicht mir gehetzte, unausstehliche, wütende, unzufriedene Gesichter, und ich werde ein Teil von ihnen. Das ist irgendwie doch unausweichlich. Ich versuche mich an mir festzuhalten: das bist du, und das bist du nicht. Ich versuche mich zu erinnern. Wie war es, als es noch nicht so war. Und irgendwann ... überliste ich mich selbst, und mit mir die ganze Welt. [Nenn es Selbstbetrug, aber was bindet uns ans Leben?]
Ich bin meine eigene Distanz, denke ich. Ich werde mich nie zurücklegen, ich werde mich selbst nie überwinden, - egal wie sehr ich mich auch bemühe. Ich werde es nie so schaffen. Eher anders. Weiter Bauchschmerzen und Verspannungen im Nacken. Aber ich bin bereit. Bereit für etwas mehr Bewegung. Mehr als es versuchen kann ich nicht, - daher: los, vorwärts, mehr, und niemals zurück.