attack of the copycats
Ich huste meinen Namen in die Telephonleitung und hoffe, man versteht mich nicht. Was bedeutet ein Name, wenn ein Land niederbrennt? Alles, - der Rest ist nichts als gleichgültiges Bejahen. Sagst du, von der anderen Seite. Du wirst durch die Bilder, die du siehst, schon längst nicht mehr berührt. Was auf der Oberfläche schwimmt, mag Entsetzen sein, aber im Inneren ist die Casualty Insurance, die dich vom Schlimmsten schützt. Es ist zu weit weg, für dich, viel zu weit weg. Aber ich träume davon; ich träume schon seit Wochen keine anderen Träume mehr. Es ist nicht weit weg, es ist in mir drin. In jeder Nacht sehe ich brennende kreischende Flammen, die mir ins Gesicht schlagen, und Ruß und Rauch vermischt drängt sich in den Himmel hoch. Die Blutsonne, die sich durch die schwarzen Wolken schiebt, verfolgt mich wie Saurons Auge, und zeigt, und deutet, und ruft.
Mein Satellitenmund redet in der Ferne von großer Menschlichkeit, und die Touristen und die Touristen? Sie sitzen federleicht fliegend über Meeren. Unten: Ein Panorama aus kochendheißer Glut. Da werden Existenzen ausgelöscht, aber bei Peter Kloeppel gibt's nur einen Nebensatz zu den grellen Bildern, die sich an das übrige reihen: Ein neunzehnjähriger Kannibale, der in Österreich einen Mann geschlachtet hat; ein Fußballspieler, der mit seinen zweiundzwanzig Jahren einem Herzinfarkt erlag; dann folgt vielleicht der Sport. Brennend heiße Glut, als Asche auf unseren tränenlosen Augen.
Während ich mich so durch das Fernsehprogramm schalte, bemerke ich, wie es geschieht. Unmerklich, und wirklich wie aus großer Entfernung: ein Peitschenhieb, der das letzte Bewusstsein für die westliche Welt durchtrennt. Ich lese in einem Blog über Geldsorgen, in einem steht ein Diätplan für die nächsten paar Wochen; wieder anderswo ein bisschen Schwanz und oder auch Kultur. Wir teilen das Leid nicht mehr, sagst du, wir klammern uns daran, sobald wie unser eigenes haben. Die Summe unserer Vergehen ist größer als die Tragödie selbst, erwidere ich, und bleibe am Ende daran hängen.
Meine gierigen Augen fassen nach neuen Bildern, und entdecken die übereinander stürzenden Fluten, die die Welt in Informationen ertränken. Was davon wahr ist und was nicht, bleibt letztlich der Zensur überlassen. Ich sehe Benedikt XVI. auf WDR. Er sagt, der Mensch sei von der Sünde befreit, in dem er liebe. Ich sehe Angela Merkel im ARDlastigen Sonderprogrammgehabe, und sie sagt, es werde besser. Ich sehe lauter angebliche Prominente, die was, was? Dastehen und reden, die sich durch die Haare streichen und reden und sich die Haare abrasieren und darüber reden und Drogen nehmen und darüber reden und Ehen schließen und darüber reden und sie machen einen Film oder zwei und reden darüber und dann haben sie einen Autounfall oder zwei und einen Totalabsturz und sie reden darüber, sie schreiben Bücher, die sich fantastisch verkaufen, und sie machen Filme, die nicht mal unterhaltsam sind, aber sie nehmen Millionen damit ein, und sie kreieren Parfums, die genauso austauschbar riechen, wie 80% aller Parfums heutzutage, und sie lassen Mode machen, mit ihrem Namen drauf, und alle wollen sie haben, alle wollen sie so aussehen und riechen und reden, denn ständig reden sie darüber.
Da klafft Saurons Auge in meinem Kopf auf und verschlingt sie in der Glut von tausend Sonnen, in der Wucht von Hiroshima brennen sie aus, und sie reden weiter. Ein Werbeblock später, und es ist egal, was vorher noch gesagt wurde. An jedem Tag schiebt sich eine Zeitung unter meiner Tür durch, und sie relativiert jede Zeile von gestern. Immer, überall. Wirklich gefühlt wird nichts, mais l'orgasme est l'ennemi de l'amour. Hier, Papst, hier ist deine Tütensuppenliebe. Hier, Merkel, hier ist deine Besserung. Brave New World meets 1984, und alle klatschen Applaus.
Auf den Grabmälern der Zukunft liegen die Leichen der Vergangenheit, sagst du, und ich ersticke dabei gekonnt unauffällig im Hintergrund. Ja. All das. Nur bleibt etwas zurück, über das ich nachdenken muss. [medico international].

