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Donnerstag, 30. August 2007

die deutschlandfrage, pt.2

Julian:
wir können uns nicht durch das definieren, was wir waren. der krieg hat uns von der vergangenheit abgeschnitten und von der ichheit des kollektivs gelöst, hat uns anonym gemacht und in eine welt gestoßen, die sich jetzt selbst fremd ist. wir wissen, aber wir erinnern uns nicht. wir erinnern uns, aber fühlen nicht. du kannst nicht im ernst erwarten, dass wir nur dann etwas sind, oder zu etwas werden, wenn wir uns dieses SEIN setzen, - die reinheit des mordens hat den stein des sisyphos zur lawine verwandelt, - daher sind wir nie so, wie wir uns selbst sehen.
es bleiben teilwahrheiten, die sich nur wieder aufs neue zersplittern, und letztlich bricht man sich selbst zu scherben. die frage nach der deutschen identität ist älter als du und ich zusammen, und eine klare "so ist es und so wird es immer sein" antwort wird es nicht nie niemals geben. dafür sind wir zu sehr europäer, veränderung, umbruch, kriegsgetümmel.

ich denke, es geht dabei um die akzeptanz des zersplittertseins, des zweifelns, des infragestellens. ich für meinen teil übernehme die rolle des skeptikers, des verrückten wissenschaftlers, des manisch-depressiven autoren und des weltfremden philosophen in einem atemzug, aber deutschsein ist in der auflösung der grenzen gleichgültig, oder was?

*

[Nachtrag meinerseits].
Hat uns tatsächlich der Krieg von der Vergangenheit abgelöst, oder nicht viel mehr die Tatsache, dass es so etwas wie die Deutsche Geistige Einheit niemals gab? [Ich bräuchte einen Geschichtsprofessor, der mit verstaubter Bibliotheksstimme den Finger auf die Deutschlandkarte legt und sagt: Im historischen Kontext müssen wir natürlich folgendes beachten ...] Natürlich hat der Krieg alles verändert, aber es liegen jetzt zweiundsechzig Jahre zwischen dem Ende des Krieges und Heute; Deutschland hat mehr gesehen als Bomben und Ruinen. Allein meine Generation kennt weder Armut, noch Hunger, - von den anderen Schrecken des Krieges ganz zu schweigen. [Es ist wahrscheinlich komplexer, oder einfacher. Je nach dem].

Die Sprache, die Sprache!, schreien die Altvorderen aus den letzten Reihen und werden ganz hysterisch. Ja, die Sprache. Aber auch die Sprache entfremdet sich, die Inhalte, die Worte selbst entfremden sich und werden von der Macht des Anderen erniedrigt. [Um auf Péguy noch mal zurückzukommen]. Wir stammeln heute und werden auch in Zukunft stammeln, und absorbieren mit Gleichmut die Anglizismen, die uns die Globalisierung auf dem Silbertablett reicht, - das ist okay. Die deutsche Sprache hat das schon immer getan, hat immer Worte ihrer eigentlichen Sprache entlehnt, gebeugt und an sich gerissen, - deshalb ist sie letztlich auch so flexibel und vielfältig, diese Sprache. Natürlich bleiben immer Teile zurück, Relikte, die sich benutzen und lieben lassen, - Dinge, die einsinken und ruhen können, und die nicht unter den Hieben der Zeit entzwei brechen. Aber kann man unter diesen Voraussetzungen von dem Element sprechen, das Sachsen, Bayern, Baden-Württemberger und Berliner Deutsche sein lässt?


[Das ist eine kindische Analyse].


Was Julian gesagt hat, fühlt sich richtig an. Das Gefühl des Zersplittertseins, des Unvollständigseins, des Zerissenseins. Bedeutet das Deutsch-Sein?

die deutschlandfrage, pt.1

»Die moderne Welt erniedrigt, sie erniedrigt den Staat; sie erniedrigt den Menschen. Sie erniedrigt die Liebe; sie erniedrigt die Frau. Sie erniedrigt die Rasse; sie erniedrigt das Kind. Sie erniedrigt das Volk; sie erniedrigt die Familie. Sie erniedrigt sogar (immer innerhalb unserer Grenzen), ja, es ist ihr gelungen, den zu erniedrigen, der auf dieser Welt vielleicht am schwersten zu erniedrigen ist, weil er in sich, gleichsam in seiner Beschaffenheit, eine besondere Art von Würde besitzt, wie eine eigentümliche Untauglichkeit zur Erniedrigung: sie erniedrigt den Tod.«

Charles Péguy

*

Huch. Entschuldigung. Ich bin gerade wirklich in der richtigen Stimmung dafür.

Das Buch von Henry Miller ist wird war so schrecklich bezaubernd, dass ich jetzt augenreibend den Mond anheule. [Kein Witz]. Ausgerechnet ein Amerikaner muss mich noch mehr von Frankreich bezaubern, und das in einer (guten) deutschen Übersetzung. Ist das Globalisierung? Quatsch, übersetzt wird immer dort, wo Mangel herrscht. In meinem Kopf herrscht immer irgendeine Form von Mangel, - meist nachhaltig und selbstverschuldet, daher ist das zur Abwechslung mal ganz okay. [Ich liebe die deutsche Sprache, und solange ich nicht das Gefühl habe, gerade Auszüge aus einem Rosamunde-Pilcher-Roman zu lesen ... whatever]. Das Buch Remember to remember [Frankreich. Ein Land der Erinnerungen] handelt von Millers Erinnerungen über ein Land, das mir selbst so sehr am Herzen liegt, dass ich mich manchmal nicht deutsch, sondern französisch fühle. [Doch vermutlich ist das nicht mehr als feige Fahnenflucht]. Ich habe es durch Zufall in Berlin gefunden, - es war der Wind, der mir leise den Namen ans Ohr trug, - und zu einem Spottpreis gekauft. Es waren die ersten fünf Sätze, die mich in den Bann gezogen haben, die mich gefangen genommen haben. Allein der Satz, mit dem Miller de Nerval zitiert, reibt sich an Xibalba und den verlorenen Träumen der Todgeweihten. [»Nicht einmal Gott vermag mit dem Tod alles auszulöschen.«] Da ich vor kurzem erst mit Der Schatten des Windes [von Carlos Ruiz Zafón] fertig wurde, kam ich erst jetzt dazu, und habe es in einem kurzen Anfall von Langeweile zwischen zwei Stunden gelesen. Ich fühlte mich dabei teils so alt wie die Welt, mit dem Wissen von Gezeiten und Flut, und teils so kindlich unreif, so unwissend und naiv. Warum hatte ich von all den Autoren bisher noch nie etwas gehört, warum hatte ich noch nie ein Buch von ihnen zwischen meinen Fingern, durch die ständig Bücher gehen? Dann noch mehr Namen, und eine Flut von Erinnerungen, - der deutsche Untertitel, und auch das englische Original mögen also tatsächlich berechtigt sein, - und im Hintergrund La Cigarette von Mélanie Pain, und Opium von Émilie Simon, und irgendwie fügte sich einer dieser Bausteine, die bisher immer schief im Herzen lagen.
Alles, was Miller schreibt, seufzt melacholisch, aber glücklich, - orgiastisch, irgendwie. Mir hing stammelnd die Sehnsucht an den Wangen und säuselte von der Schönheit Europas. Europäersein. Das ist schon ein Glücksgriff, zugegeben. Da schluckt man tatsächlich den bitteren Beigeschmack herunter, der mit auf der Zunge liegt, wenn man auf die Vergangenheit beißt. (Die Geschichte ist ein Bollwerk aus Schuld und Sühne, aus Blut, dem Gewitter der Kriege und Zerstörung. Aber meine Hände sind [noch] rein).
Während ich Remember to remember gelesen habe, musste ich darüber nachdenken, in welcher Zeit und in welcher Welt ich eigentlich lebe. Durch die Reflektionen Millers über das Wesen der Franzosen, musste ich über das Wesen der Deutschen nachdenken. Sicherlich hat Miller den Kern der Europäer auf seine amerikanische, - aber auch sensible, - Art und Weise erkannt; ein bisschen pathetisch vielleicht und aus der Sicht seiner Zeit, aber nichtsdestotrotz möchte man daran glauben, wenn man das liest:

[...] Europa ist im Geiste zentrifugal; es zieht die Kräfte der Welt an. Wenn Amerika das Maschinenhaus der Welt ist, kann Europa mit Fug und Recht als ihr Sonnengeflecht bezeichnet werden. Jeder Europäer ist sich des Vorhandenseins dieses unsichtbaren Dynamos, dieser sozusagen schwelenden Sonne bewusst. Das hält ihn lebendig, gefährlich lebendig. Der mit genialem Schöpfergeist begabte Europäer gar ist eine besonders bedrohliche Kraft. Er strebt ständig danach, alles von Grund auf umzugestalten, die Welt von innen heraus zu verändern. [...]

Man möchte an diesen Dynamo glauben, den er in das Sonnengeflecht Europa setzt, und an das ewige Feuer, das uns Europäern [angeblich] zueigen ist. Vielleicht tatsächlich eine Art Antrieb, ein Ehrgeiz und eine Sehnsucht, - oft auch Fernweh, - die uns an die Gestade ferner Länder, neuer Entdeckungen und Entwicklungen tragen treiben. Ein Glaube an die Menschlichkeit, an das Bessere, an Schönheit. Jetzt mal ideal gesprochen ... Denn da ist sie, die Scherbe der Wirklichkeit, die sich bei jedem Wort Millers in den Verstand gräbt: Wenn das die Europäer, mitunter auch an Millers Idealmaß der Franzosen, sind, was sind dann wir Deutsche? Was sind unsere Eigenschaften, was eint uns und was macht uns innerhalb dieses Sonnengeflechts zu etwas Besonderem, - kurzum zu etwas Notwendigen?
Erst kürzlich dachte ich, dass wir berühmt für unser Dicht- und Denkkunst waren [und wir überfordern selbst heutzutage noch einen George W. Bush mit unserer Denkkraft]. Wir haben so viele Philosophen hervorgebracht, die das Angesicht der Wirklichkeit entscheidend verändert haben; sicher: kein Freud oder Darwin, keine große Kränkung, - außer die Nietzsches, als er Gottes Tod diagnostizierte, oder Kants kategorischen Imperativ. Trotzdem: Schopenhauer, Fichte und Hegel, Marx (!), Heidegger, Bloch und die Frankfurter Schule (!), - sie sind im Alltag nicht [mehr] gegenwärtig, sie werden heute mit der typischen Verachtung der Arbeit abgegolten, mit der Verachtung derer, die Philosophie als welt- und lebensfremd bezeichnen, die die Philosophie zur Magd degradieren, und mit Irritation beobachten. Dass sie dennoch da ist, dass diese Männer und Frauen in unserem Denken verwurzelt sind, und etwas zu dem beigetragen haben, was wir Werte und Moral nennen, bleibt Kernmoment unserer Kultur. Sicher: sie haben weder Kriege noch Leid verhindert, - aber dazu braucht man die Schablone der Zeitgeschichte.

Ich finde es merkwürdig, dass wir unsere Philosophen nicht so ehren, wie es bspw. die Menschen in Frankreich mit ihren tun. Selbst der kleinste Franzose kennt seinen Sartre, seinen Camus, seinen Descartes und Foucault. [Und halten wir, clichéhaft wie wir gerade aufgelegt sind, die Banlieus draußen]. Sie sind stolz auf ihre Denker. Und was sind wir?
Da kommen die Dichter und Autoren. Wir haben Goethe und Schiller, klar, die beiden Würdenträger Deutschlands, und wir haben Lessing, Jean Paul, Kleist, Novalis, die Gebrüder Grimm, wir haben Storm, und Fontane, Wedekind, Rilke, die Manns, wir haben, - gottverdammt, - Hesse, Musil, Döblin, Brecht, Kästner, - sogar den ollen Grass, - und Zweig, Tucholsky und Fried, umstritten auch den Kafka [er wird ja von allen irgendwie beansprucht], und so viele mehr. Unsere Geschichte ist von Sprache durchtränkt und hat uns letztlich auch geeint, hat uns etwas verliehen, das wir Kulturgeschichte nennen, hat uns zu einer Gesellschaft gemacht, die ein Thema faszinierte: die Literatur. Und heute? Diese guten deutschen Autoren gibt es sicher noch, nur meist drohen sie im Sog der Trivialliteratur zu verschwinden. Geschrieben wird nur noch, wenn es gesellschaftsfähig ist, die Verlage nehmen wenige Wunderkinder und die meisten Autoren sehen sich schon als gescheitert an, noch bevor sie mit Schreiben angefangen haben, - irgendwie scheint alles gesagt und gedacht zu sein. Tja, das Rad kann man nicht neu erfinden, egal wie viele Speichen man ihm auch gibt. Denken wir. Aber was ist mit Frankreich? Man hält dort immer noch den Atem an, wenn man sagt, man sei Autor. [Oh un écrivain]. Es ist ganz egal, ob du Schundromane produzierst, oder Werke unbeschreiblicher Schönheit. Du bist Schriftsteller, du hast das Shining.

Frankreich ist ein Land der Leser, - in den Pariser Métrostationen stehen oft Buchautomaten, wo man sich neue Bücher, - oder Bücher, die einem in einer Stadt wie Paris irgendwie helfen könnten, - für ein paar Münzen rauslassen kann. [Bei uns holt sich die dicke Erna nur ein neues Snickers]. Man sieht sie überall lesen; in den Cafés, wenn sie die Straßen überqueren, wenn sie telephonieren. Egal, ob ein Auto sie fast totfährt. Egal, ob sie den Zug verpassen. [Sie verpassen ihn nie]. Es liegt fast schon Magie in diesen Büchereien und Büchergeschäften, wo man nicht nur die übliche nullachtfünfzehn Empfehlung auf die Nase gedrückt bekommt: Schauen Sie doch mal bei den Bestsellern. Bestsellerlisten gibt es überall, aber echter Geschmack richtet sich nicht nach Verkaufszahlen. [Danach richtet sich nur ein schlaues Marketing]. Was lesen wir, schreiben wir? Was gibt uns die Literatur heute noch außer ein bisschen Ablenkung, außer müdes Amüsement wenn nichts im Fernsehen kommt?

Okay. Haken. Kreuzen wir das auch durch. [Das ist die Geschichte auf unseren unschuldigen Lippen]. Wenn es das nicht ist, muss es doch irgendetwas anderes sein, was uns von den anderen Europäern unterscheidet. Außer unsere Vergangenheit. Darauf kann und sollte man sich ohnehin nicht berufen, in keinem Fall, haha. Ja, Zynismus, du Arschloch.
Also seien wir zynisch. Wir können uns auf die Wirtschaft berufen. [Lassen wir auch Einstein und Heisenberg, und Planck, und die ganzen anderen Ikonen der Wissenschaft außenvor; ist ja eh alles auch nur Vergangenheitsbewältigung]. Wir bauen sehr erfolgreiche Autos, ... Wir ... ehm, sind recht fleißig in der Bürokratisierung. Immerhin: wir haben das Grundgesetz, - auch wenn man sich das ab und zu zurechtbiegt. [Nää, Herr Schäuble?]. Es heißt, wir seien sehr ehrgeizig, und pünktlich, auch wenn ich persönlich mehr als genügend Leute kenne, die eher zu Faulheit und Unpünktlichkeit neigen, und wir sollen auch sehr freundlich sein. [Letzteres halte ich für ein Gerücht]. Achja, wenn wir uns selbst den Spiegel vorhalten, sehen wir meist nichts Schönes, - daher nörgeln wir auch so viel. Selbst über die nichtigsten Probleme können wir uns aufregen, als hinge unser Leben davon ab. Unsere Medienlandschaft gleicht eher einer Mondlandschaft und die Sache mit der Bildung lassen wir jetzt auch besser. Deutschland. Ja. Blüh im Glanze, heißt es. Und was tun wir? Wer sind wir? [Wie können wir tun, was immer wir tun, wenn wir nicht wissen, wozu wir es tun, weil wir nicht wissen, wer wir sind?]

Ich weiß auch nicht.
Soll jemand anderes zu Ende denken.

[Ich werfe den Ball an den weiter, der ihn fangen kann; ich bin gerade zu müde und zu betrunken].