bruised
Es passiert. Ständig passiert es.
Da sind die Zellen, die morgen früh im Staubsaugerbeutel verschwinden, und unter dem Wasserstrudel, der in dem Duschkopf, aus dem Duschkopf, um den Duschkopf herum, - alles, alles! Verstehen wegwischt, auslöscht, tilgt und bis ins letzte verrostete Rohr der Kanalisation bläst. Dorthin, wo alles Seiende Vergebung, -- nein: Vergessen findet.
Absolution.
Dabei ertrinke ich; ertrinke in dem Bisschen Wirklichkeit, das beim Augenaufschlag über mich brandet, mich mitreißt, raus, hinaus, aufs Meer. Zwischen die Wellen und die Leere, in dieses ständige Auf und Nieder. Es ist zu viel. Und es passiert.
Ich reiche mich in einem schwammigen Handschlag weiter, Guten Tag, ich bin [Hier Namen einsetzen]. Aha, wie interessant. Dein Herz schlägt schneller als meins. Meins. Deins. Die Hand rutscht wieder aus der Verankerung, und findet eine neue Hand. Auch hier wird geschüttelt und sich aneinander gerieben, bis die Fingerspitzen den Saum des Ärmels berühren und schließlich in den Hosentaschen verschwinden. Dann stehen sie beide vor mir, der junge Mann und die junge Frau, und in dieser Begegnung liegt ein bisschen Fremdheit. Dabei saßen wir schon beieinander, - morgens, mittags, nachts, - schliefen in denselben Betten, aßen von denselben Tellern, teilten ein paar Tage die Mansarde über den Dächern dieser Stadt. Das bist du. Ich kenne dich. Nur hast du mal anders ausgesehen.
Meine blauen, - blauen (!), - Augen hüpfen über dich, eilig, flüchtig, wie der Wind will ich dich ansehen. Doch ich schrecke zurück, säe stilles Seufzen in den Wipfeln, und verharre in kaltem Schweiß auf meinem Rücken. Das bist nicht. Du: Deine Schlüsselbeine ragen, knochig wie sie sind, aus deiner Haut heraus. Dieser Bronzehaut. Italienerhaut. Und ich zähle Rippen, - eins, zwei, drei, vier: alles will versteckt sein, nur bei dir ragt alles, sticht alles, es tut weh. Dein Gesicht ist zerbrechlich geworden, schmal und hohlwangig; deine grünen, - grünen (!), - Augen wirken von Schatten verschleiert, dunklen Halbmonden gleich, die niemals zur anderen Seite werden, niemals vollständig, niemals hell, und du wirkst so traurig, so resigniert, obwohl du lächelst. Deine Arme, Arme? Muskelstränge klebend an Knochen, Knochen! Die Knochen deiner Arme umfassen mich, ich drücke ein Skelett, das unter meiner Hand zerbricht, und es tut weh, schmerzt mir, denn ich spüre jede Rippe, jede verbliebene Faser, jeden Nervenstrang, der unter deiner Haut vibriert, und ich weiß nichts. Nichts zu sagen, zu denken, zu tun. Ich starre dich an, aus meinem Gehirn heraus, starre ich die Materie an, die dein Gehirn umgibt, und ich möchte deinen Verstand fassen, deine Seele, brainstew, meinetwegen, ich möchte dich fassen, aber es sind nur noch Knochen da. Ich berühre den Tod, denke ich, und erschrecke über meine eigenen Gedanken.
Du sagst, du seist endlich in Hamburg genommen worden, aber in Paris sei es jetzt sehr schön. Du sagst, das mit dem Modeln wird immer ernster, und du warst sogar im Fernsehen. Dir geht es gut. Sagst du. Und nickst bekräftigend mit dem Totenkopf, auf dem die Erinnerung deines Gesichtes liegt. Du sagst sehr vieles, - auch, dass es so viel zu sagen gäbe, - aber in Wirklichkeit bleibt alles stumm. Also stehen wir uns gegenüber, auf dieser Straße, und im Hintergrund rauschen die Autos, rauscht Weiß und Rot zu Fäden zerronnen, und grell: das Leben. Nur ich stehe still. Herzschlag trifft Atemnot. In genau diesem Augenblick bricht es über mich herein. Die Erkenntnis, das Bewusstsein: das kappende Gefühl der Kontrolle, der Lebendigkeit; die Ungewissheit, die wie ein Faustschlag alles zu Brei zerschlägt: Nichts bleibt. Ich schnappe nach Luft, doch sofort schießt das Wasser herbei, Wasser, tonnenweise, flutenreich, alles in einem ohrenbetäubenden Kreischen, wie Metall tost und bricht es, die Front von tausend Metern Höhe, gekrönt von weißer Gischt, die sich selbst verschlingt, und ich, als kleiner Punkt davor, ich stehe da, und schnappe nach Luft, nach einem rettenden Gedanken, nach einem Wort. Doch ich ertrinke. Rudere mit den Armen. Aber es nützt nichts. Es reißt alles fort. Ich. Verliere. Mich.
Du gibst die Hand zum Abschied, nach sieben Stunden Stillstand gehst du weg, und im Straßenlicht verklingt das Lachen deiner Freundin. Bis in zwei Wochen, sagst du. Ich komme dich besuchen.
Ich setze mich in das kleine Café, bestelle einen Cappuccino, und frage mich entsetzt, was ich tun kann. [Nichts]. Ich löse mich an den Rändern auf, während ich an der Tasse nippe, riesle als Asche und Staub zerstäubend durch Hohlräume, Weltenräume, Megapixelzoom. [Im Hintergrund: statisches Rauschen mit Hochfrequenzen]. Als Sand im Getriebe, als fallender Putz von Häuserwänden, - es passiert. Ständig passiert es. Und ich kann nichts dagegen tun.























