Donnerstag, 27. September 2007

take me to the ballroom

Sie legt mir die Pillenschachtel auf den Tisch, und sagt: Bitte nimm sie mit. Sie will mir das verschnürte Päckchen mit den Büchern reichen, - Sartre & Flaubert, - und lässt es schließlich fallen. Dann lacht sie. Nuschelt vielleicht Entschuldigung. Und streicht sich durch das Haar.

[Nein, das ist sie nicht].

Sie bleibt in der Türe stehen. Die Sonne wickelt sie in diese Lichtfolie ein, in diese goldene Helligkeit, die hell und heller durch die Fenster fließt, und sie lächelt, ganz sanft, ganz flüchtig lächelt sie, und wirkt so zerbrechlich in dem Gegenlicht. Sie atmet ein, ihre Lippen öffnen sich, schließen sich, öffnen sich wieder, - so, als suche sie noch ein letztes Wort zum Abschied; doch sie bleibt stumm.

Ich winke auf der letzten Stufe, öffne die Türe und werfe sie schließlich wieder zurück ins Schloss. Draußen peitscht der Wind den Regen, der Himmel ist grau und rissig, wie der Beton in meinen Schuhen. In meinem Herzen pocht der Stahl. Ich fische in meiner Hosentasche nach den Pillen.

Regen. Immer mehr Regen.
Trägt mich zum Taxi.
Zum Bahnhof.
Zum nächsten Ziel.

Ich schreibe ihm, dass ich nicht kann. Nicht heute. Ich schaffe es nicht nach Paris, ich schaffe es nicht rechtzeitig. Schon wieder: meine Unfähigkeit. [Das letzte Mal in Hamburg]. Dabei freut er sich so sehr auf mich. Dieser ausgemergelte Körper. Die Knochen. Das melodische Lachen. Und vor allem seine Augen.
Ich wäre gerne da, - existent, lebendig, und weniger besessen von mir selbst. [Besessen trifft alles, was ich gerade mache, ganz gut]. Stattdessen kaue ich also auf der Tablette, kaue weißes Lithium, kaue starkes Antibiotika, kaue Knochenmehl. Meine Kieferknochen zermahlen [mich] schlicht alles, was mein Körper braucht, und sei es das giftige Tonikum, das mich willenlos macht. Ich atme mit einem Atemzug den Regen ein, und huste Staub. Wie nahe bin ich? Wann komme ich an? Am Fenster rinnt das Wasser, die aschenen Glasfassaden, - wie blinde Spiegel reflektieren sie nichts, - die Schlote der Fabriken, Flugzeuglichter, Fußgänger in gelben Gummistiefeln, Anzüge in Menschenform, die Aktenkoffer tragen. Es ist, als zerrinne alles, die ganze Wirklichkeit.

Überschreitung (!)

Ampeln, die rot, die orange, die grün werden, die ausgehen, die verrosten, die von all dem Wasser weggewaschen werden. Wir bleiben stehen. Der Taxifahrer dreht sich in seinem Sitz um, in diesem Taxifahrersitz, - der Holzperlenüberzug in Beige und Dunkelbraun klackert leise, - und seine feine Adlernase, seine buschigen Augenbrauen, sein Muttermal auf der Wange und sein Kinn: alles fleht nach Erlösung, in dem sein Mund nach dem Fahrtgeld fragt. Ich drücke ihm fünf Euro in die warme Hand, und sage, es stimmt so, dabei fehlen noch drei Euro achtzig.

Soll er froh sein, dass ich ihm nicht auf den Rücksitz kotze.

el duelo vs. la alegría

Die Wahrheit ist.

Die letzte Treppenstufe, die ich übersehe.

it's about to.
[Fall].



* Blaue Himmel wirbeln über mir.
Wolken. Vögel. Blätterlaub
stößt sich ab,
trudelt,
legt sich nieder.

[Mein Satellitenmund kreist in der Ferne].

Und wieder ist es der Stoß, der Wind, die Augen vielleicht.

Ja.


Seit den Pillen rutscht es. [ES, dieser ALLTAG, diese Wiederholung!]

* Ich ziehe mich langsam aus, in dem weißgekachelten Badezimmer, und bleibe einen Augenblick zu lange vor dem Spiegel stehen. Sehe mich an. Von Kopf. Bis Fuß. Ich sehe Haut, Knochen, viele Knochen, aber nicht genug Menschlichkeit, - ich sehe Masse, Materie, sehe Existenz, aber mein Verstand fasst nicht danach, greift durch die Spiegelung hindurch, durch die Augen, - durch das Bisschen Blau, - durch das braune Haar, und ich inhaliere tief. Tiefer! Es geht durch Mark! und Bein! Es dringt vibrierend durch die obersten Hautschichten, durch die Artieren und Venen, durch die Nervenstränge, durch Atome, verdammt, und ich frage, was mich zusammenhält. Mich. Das ist diese.

Es klopft an der Türe.

Telephon für dich. Für dich. Das wird wie ein alttestamentarischer Fluch ausgespuckt. Du bist ich. [Nur gibt es dich nicht]. Meine Finger greifen vorsichtig nach den Boxershorts, ohne mir bewusst zu sein, warum. [Es ist ein Reflex, und er geschieht begrifflos]. Der Stoff verdeckt, was jeder kennt, von dem jeder weiß: Schwanz, Hoden, Schamhaare, - das gibt es in dutzenden Variationen überall auf der ganzen Welt; beim Nachbarn von gegenüber, beim Bäcker, beim Moslem und beim Christen, - in allen Längen, Größen, Formen und manchmal sogar Farben. Es ist belanglos, wenn man darüber nachdenkt; es ist nicht mehr als ein Sexualwerkzeug. Ein Gebrauchsgegenstand. [Sexualität erscheint mir plötzlich furchtbar austauschbar].

Trotzdem ziehe ich die Boxershorts an, reiße die Türe auf und stehe mit nacktem Oberkörper zwischen den Wänden. Zwischen Zimmern, Leben, Universen. Und aus dem rostroten Dämmerlicht reicht man mir den Telephonhörer. Ich habe keine Zeit zu fragen, wer es ist.

- Hallo?
Hi.
Wer ist da?
- Ich bin's.
Oh. Hi!
- Na, biste beim Essen.
Nein. Wollte gerade duschen.
- Ah, okay. Ja, dann stör ich grad?
Naja, ich wollte duschen ...
- Verstehe. Okay, ja, dann ruf ich einfach später noch mal an.
Gut, klar, mach das.
- Super, dann bis später.
Ja, bis später.

Während ich das Freizeichen höre, leuchtet die Sonne durch die Wolken. Wie viele Minuten sind vergangen? Wie viele Leben? Mit wem habe ich da gesprochen? Ich weiß nicht, nichts weiß ich, - stattdessen atme ich ein, - einmal, zweimal, dreimal, - aber es wird nicht besser. Also gehe ich wieder von der einen Wand zur anderen, schließe die Türe, löse den Stoff, schiebe den Duschvorhang zur Seite und. Wasser! Unendlich viel Kälte, Rinnsal, Sturzbach, Sintflut. [Ich ertrinke].

Nein.


* Sind denn meine Augen offen? Sehe ich denn wirklich? Meine Finger berühren mich, meine Hände, die Haut, all die Nervenbündel, und ich denke wieder an den Tod. An das Sterben. An die Vergänglichkeit. Ich denke an V.W. und F.K., und an Tuberkulose. Ich denke an das Aneurysma. Und an Krebs. Alles weht wirbelnd durch mich hindurch, und ich erkenne. Ich begreife den Tod vollständig. Oder überhaupt nicht. [Es gibt nur diese zwei Möglichkeiten, denn:]
Ich fühle nichts. Ich bin organischer Stillstand, ich empfinde keinen Schrecken, nur eine gähnende Leere, - gähnend, weil es mich langweilt. Dabei befasse ich mich damit [immer] eindringlich[er], immer intensiver, - seit Ts Tod, seit Ms Selbstmord, seit Ks Autounfall, seit dem Krebs meiner Tante, seit Richards HIV-Erkrankung, seit den Bildern, die mich im Wachen genauso verfolgen, wie in meinen Träumen, seit den unzähligen Berührungen, die ich mit dem Tod hatte. Das Leben rückt in die Ferne, alles verschwindet, plötzlich verschwindet alles, und ich höre mein Blut in den Ohren rauschen. Der eigentliche Zustand ist das Nichts, die Kapazitäten des Vakuums, die Absolutheit der Stille. Das Leben hingegen ist ein Flackern, eine Erscheinung, - eventuell auch ein Wunder, aber vergänglich. Eine Geschichte von Licht und Finsternis. Ich bekomme das nicht mehr aus mir raus, es ist ständig da, makaber in meinem Humor und makaber in meiner Gefühllosigkeit. Und ich verliere die Kontrolle. Verliere die Realität aus den Augen, weil die Realität nur die Masse an Interpretationen ist; eine Gewöhnung, praktisch der Status Quo des Verstandes. Und ich berühre mich, weil ich fühlen will, realisieren will, muss! Lebendigkeit und alegría! [Aber die Ouse erscheint in meinen Träumen].

Nein.


* Vergiss nicht deine Tabletten einzunehmen, sagt Mutter Darko während sie ins Bett schleicht. Dabei ist Medikation nicht die Lösung des Problems, - es ist nicht der Katastrophenschutz, sondern nur eine Vorsichtsmaßnahme.



Beim Lesen überkommt mich das Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Es bricht aus den Worten nur so heraus, sprudelt über und über und färbt mir die Seiten schwarz. Wozu? Wozu all das? [Weil es kostbar ist]. Ich verschwinde, - ja, Chaosmädchen, auch ich verschwinde, - aber es ist ein allmähliches Verblassen.



Also überlege ich.
Ich bekomme das Gefühl nicht los, nichts zu erreichen. Das könnte es sein. Ich bin unzufrieden, und daher kontraproduktiv, destruktiv in meinen Gedanken. Ich zerstöre mit Blicken, weil ich nichts finde, was sich lieben lässt. Dabei liebe ich, liebe so stark, dass es all dem widerspricht, was ich gerade geschrieben habe. [Das ist das eigentliche Paradoxon meiner Existenz].

Ja.

* Ich finde alles wunderschön, in diesen kurzen Phasen, - dann, wenn die Pillen ihre Wirkung verlieren, - dann weckt der Kaffeegeruch Erinnerungen, und im Wind liegt das Versprechen auf Besserung. Dann beginnt die Welt rote Fäden auszulegen, die mich zu den Fügungen führen. Zu den Menschen, die ich lieben kann. Zu den Ereignissen, die mich aus dem Winterschlaf reißen. Zu der Musik, die mich von mir selbst befreit, von der unsäglichen Schwere, die sich Tag für Tag in mir ansammelt.



In einer Welt wie dieser ... erfüllt nichts und alles einen Sinn.

Ja.


Das eigene Unglück lässt sich nicht definieren. Es bleibt unausgesprochen, still. Wie Treibgut schwimmt es unter der Oberfläche, stößt sich an schönen Augenblicken kaputt und treibt dann tiefer seine Splitter.





Nein.

Das ist ein unsortiertes Chaos.


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