Donnerstag, 25. Oktober 2007

Ein Absprung in fünf Akten.

Wir lieben die Menschen nicht, weil sie perfekt sind, sondern weil sie da sind.

1.
Ich komme nach Hause und Deine Kleider hängen ordentlich am Haken, - Deine Liebe hängt chaotisch irgendwo daneben, - und ich schlüpfe leise aus den Schuhen, aus der Hose, aus dem ganzen Leben, und öffne die Tür, die Augen, ich öffne Herzen, und Du bist da. Du stehst einfach da, stumm, am Fenster, im Mondlicht der Straßenlampen, Dich selbst umarmend: die Hände an den Schultern und die Arme auf der Brust, wie zwei Liebende in einer einzelnen Person verschlungen, und dann siehst Du auf. Siehst verschleiert durch die Ferne. Siehst mich. An. Wie ein Licht geht Dein Lächeln an; es ist golden, und warm. Und mein Mund wird plötzlich furchtbar trocken, - ich brauche einen Schluck von Dir, - und doch verdurste ich mit jedem Schritt weiter. Trockne aus, werde rissig, brüchig, werde Sand.

Es ist alles glatt gelogen. Spiegelglatt. Ich seh mich darin warten, gehen, reden. Sehe den Wimpernschlag meines entzündeten Auges. Und es ist nichts okay.



2.
Lass los, sagst Du. Lass alles los.

Gut, dann also auf 3.

Eins!



Zwei!


Drei!

Absprung.
Ob ich nach oben oder nach unten springe ist doch mittlweile ganz egal. Die schiefe Welt ist eine Scheibe, die sich um sich selber dreht. Wolken, Erde, Partikel im interzellulären Raum, Mikrokosmos: Universum. Während ich durch die Nacht falle, finde ich den Tag; weiße Vorhänge, die im Luftzug leise rascheln, - transparent, aber nicht transparent genug, - alte Häuser, die aufblitzen, aufleuchten, dort draußen, Häuser, denen Putz und Farbe fehlt, und saubere Fenster, und jedes dieser Häuser zeigt eine andere Sphäre der Geborgenheit, der Einsamkeit, eine Variation von Leben, die beständig um sich selber kreist: Familienväter, -mütter, -kinder, Freunde an langen Holztischen, die gemeinsam essen, die schweigend streiten, die sich in die Arme fallen; Verliebte, das Fernsehflimmern Einzelner, Einsamer, Verlassener, - lauter Verlorene, Liebende. Reibung der Fragmente, - so viele, mein Gott so viele Menschen! Und sie essen, und sie trinken, und sie berühren einander, sie sind flüchtig wie der Wind, und so schrecklich zerbrechlich. Sie sehen sich mit Worten, hören sich in Farben, vergeben sich, verlieren sich, streben auseinander. Sie suchen nach Gott in einer gottlosen Welt, suchen so dringend nach Beständigkeit, und bemerken nicht, wie sie dabei allmählich vergehen; sie suchen nach Stärke in schwachen Momenten, und tragen doch meist mehr als ihre eigenen Sorgen; sie streben nach Liebe und Freundschaft, und verkaufen beides für Geld, sie verraten und missgönnen einander, sie streiten, und hassen, sie morden einander, berauben sich, führen Kriege und Fehden, und opfern sich zu selten selbst. Alles leuchtet auf, dort draußen, tobt in einem Anflug der Ewigkeit, in einem Beben, in einem Zittern der Welt, in einem Blick, verstehst Du? In einem einzelnen Blick erkenne ich, -- Fallend, fallend. Niemals Stop, niemals Ankommen. Lass los.


Wir haben so viel gemeinsam, denke ich. Die Welt und ich.
Und Haus um Haus, Leben um Leben, alles fliegt vorbei.


3.
Ich habe alles schon erlebt. Ich war dort, tausendjährig in Deinen Augen, ich habe mich selbst gesehen, habe mich selbst gefühlt; ich war in der Mansarde über den Dächern dieser oder jeder anderen Stadt, war in Deinen Armen zerronnen, war groß und immer größer, in Deinem Herzen, war ein steinerner Koloss der Ewigkeit, war ein Denkmal für Dich und mich. Und jetzt ist alles Staub, ist alles zerfallen. Wer braucht diese Zeilen? Wer braucht mich?

In meiner Wohnung sammeln sich die Spinnweben an der Decke, in meinen Poren sammelt sich der Sand, in jedem meinen Worten gerinnt der Überdruss, die Sättigung. Ich bin gesättigt, von mir. Von meinem unperfekten Mund, der nicht zu Dir spricht. Von meinen versehrten Augen, die Dich nicht sehen.


4.
Und doch falle ich nicht ewig.

In einem Bild vom Eiffelturm, in einem Lied von The National pralle ich auf. Es ist. Vorbei. Alles ist. Ausgeträumt, ausphantasiert, ausgerückt, - und jetzt? Kommt die Welt. Die Scheibe dreht sich konstant, Berlin bewegt sich, und was machst du? Ich? Ja. Ich bin endlich da.


5.
Ich habe Dich nicht verloren. Ich habe Dich nie verloren. Du bist immer da. Ich habe Dich nicht besessen. Ich habe Dich nie besessen. Du warst nie ein Teil meines Lebens. Du bist immer da.

Ich habe lange über Dich [und mich!] nachgedacht, und jetzt finde ich: Es reicht.






Kehren wir zu dem zurück, was ich in meiner Eile liegengelassen habe.


1984 vs. me
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Avalons Erben
Bahnbegegnungen
Cardiomania
Chaos, Unverstand und Wahnsinn
Cine-Mania
der ewige Kampf
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la tristesse
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Parallelwelt: Strich(er)leben
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