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Mittwoch, 7. November 2007

Heftklammer

Desweiteren. Es gibt diese Ergänzung, diese eine kleine silberne Heftklammer, die zwei, drei, - zehntausend, - Dinge miteinander verbindet, nur, n-n-nur. Stotterst Du, oder was? Ja, mehrfach. Tausend Mal am Tag. Das Problem ist nämlich: Ich vergesse zu viel. Ich habe mittlerweile (tatsächlich) das Gefühl, - und immerhin: wenigstens das lässt sich nicht sofort vergessen, eher: verdrängen, - dass sich in meinem Gehirn eine Art Negativzone aufbaut, Antimaterie, schwarze Löcher kreiselnd in dem walnussschalengroßen Nervensystem, - ist zufällig Stephen Hawking anwesend? Es passiert ständig irgendwas, und wenn ich versuche, mich darauf zu konzentrieren, entsteht nur theoretisches Bla. Viel Bla.

Ich habe Zahnschmerzen, oder genauer gesagt: mein ganzer Mund ist ein Epizentrum; da sind aufgebissene Lippen, mit fasrig weißen Löchern, Zahnfleischbluten, - ich tippe auf Vitaminmangel, - und Phantomschmerzen bezüglich Zähnen, von denen ich mich schon längst verabschiedet habe, oder von denen ich mich sicher in den nächsten drei Jahren noch verabschieden werde (manchmal habe ich das Gefühl, meine Zähne wären genauso brüchig wie Basaltgestein); meine Zunge ist wund, und aufgerissen, weil ich schätzungsweise des nachts meinen Kaureflex nicht unter Kontrolle bekomme, oder, weiß der Teufel, ich einfach nicht genug esse, und mein Gehirn daher im Traummodus auf Auto-Reboot schaltet. [Iss mehr, oder du verschlingst dich selbst. Das ist optionaler Kannibalismus. Aber wie auch immer]. Überhaupt: Ich frage mich zu oft, ob sich ein Gehirn so verhalten sollte, wie es meines tut; ständig rutschen mir pietätslose Sätze raus, die Bilder, die visuell hochauflösend und mit Dolby-Digital durch die Augen fegen, hinterlassen in meinem Hals oft dieses unerklärliche Kichern, und dann später sogar dröhnende Lachen, das ich einfach nicht unter Kontrolle bekomme, und dann wäre dann auch noch ... ähh, ja, die ... Vergesslichkeit?

Ich bin glücklich, auch wenn ich die Randbedingungen nicht im Griff habe. Die Wohnung in rottencom ist gekündigt, - hab ich das schon mal geschrieben?, - und das Chaosmädchen und ich sind nun auf Wohnungssuche. Offiziell eigentlich noch nicht, d.h. die meisten Freunde und Freundesfreunde wissen noch nichts, die Familie ist zwar informiert, aber mehr oder weniger noch im Unklaren bezüglich der Ausführung der in den letzten Monaten so pathetisch geschwungenen Sätze, und aufgelisteten Pläne. Haha, hyperventiliere ich da gerade?

Unileben? Reduziert sich. Natürlich könnte man einwerfen, dass ich die letzten zwei Jahre in Tubinga vergeudet habe, wenn ich jetzt alles wegschmeiße, - für eine Stadt, die mir nichts gibt außer sich selbst; ihre Gleichgültigkeit, ihre Grausamkeit und ihr kolossaler Veränderungsdrang, - und ja, tatsächlich: ich werde von Februar bis Oktober in Erwartungshaltungen zerfließen, und jobben, j-j-jobben, und darauf hoffen, dass ich mit meinem Schnitt, die NCs dieser Welt knacke, denn, man höre und staune: es gibt an der FU tatsächlich einen Studiengang, der mir zwar mehr abverlangt als ich habe, der mir aber vielversprechender erscheint als alles, was ich hier habe, - und das trotz der Tatsache, dass ich einen Erfahrungsschatz eines Abiturienten mitbringe, der naiv an das Bessere glaubt; und vielleicht freut sich schon der masochistische Teil in mir, diese Illusionen endgültig an der Wirklichkeit aufzurauhen. Ich drücke RESET, und sehe den Countdown rattern. Noch wenige, - wenige was? Tage. Ja, auch, hauptsächlich aber Sorgen. Ich verfüge über keine Sorgen mehr, - ich setze meinen Willen durch, behaupte mich groß und immer größer werdend gegenüber all denen, die mich mit Zweifeln bewerfen. [Da steht ein großes FUCK YOU auf meiner Stirn, - nachts sogar fluoreszierend].

Wenn ich daran denke, wie leicht und einfach plötzlich alles geworden ist, dann möchte ich über mich selbst lachen. Das Kreisen um sich selbst erscheint mir heute wie ein Fiebertraum. ey, schau mal, da draußen gibt es echt noch ne Welt. Klar, ich weiß, es wird nicht bei dieser einfachen Lebenseinstellung bleiben, und ich kenne mich gut genug, um zu wissen, dass die Zeit zurückkommen wird, in der wieder alles schief läuft, aber ... was soll's. So ist das eben. Besonders wenn man Ich ist.
Ich arrangiere mich. [Sogar mit dem Licht, das das Chaosmädchen ständig vergisst auszumachen, wenn sie ein Zimmer verlässt]. Ich befreie mich. [Ich glaube, das hab ich allerdings schon mal geschrieben]. Also versuche ich jetzt richtig zu sein. Jetzt, wo die Details auch überhaupt nicht mehr von Belang sind, weil die Sichtung längst abgeschlossen ist; ich kenne den Weg, ich kenne die Umstände, also weshalb noch Worte darüber verlieren?


Die Frage ist noch immer: Was verändert das Wesen eines Menschen?

Mittlerweile, ja, da erscheint mir die Antwort fast greifbar, - allerdings nicht eindeutig. Ich denke, es geht um Entscheidungen, es geht um den eigenen Willen, und den Entwurf. (Wir sind die, die wir sein wollen, pah, immer in den eigenen Rahmenhandlungen. Aber immerhin!) Selbst Passivität ist eine Entscheidung; ich für meinen Teil, hab es satt, passiv zu sein.


Ähh, was wollte ich ... doch gleich noch mal?


weiter.

Avalons Erben.

Ich habe den Brief mit rotem Wachs versiegelt. Es riecht nach dem abgebrannten Streichholz; der Geruch verliert sich rauchend, wirbelnd in dem Wind, der durch die undichten Fensterritzen zieht. Da sind, -- Worte. Meine Worte an Dich, - mein Leben für Deines, so war es damals, so würde es für immer sein, dachte ich, aber was war davon wirklich und was nicht?
Ich hab auf uns zurückgesehen, als ich Dir diesen Brief mit meiner schwarzen Tinte schrieb, mit dieser krakeligen, eilig hingeschmierten Schrift, die Du wahrscheinlich nicht mal als die meine erkennen wirst. Ja, das ist mein A, mein B, mein S und C und H, mein I, mein E und auch das D ist meines. [IRGENDWO BLÜHT DIE BLUME DES, +s]. Es ist alles anders, murmle ich alle vier Zeilen. Es hat sich alles verändert, und das Bild, das ich von Dir hatte, das muss ich erkennen, - das warst nie Du; es entsprach Dir nicht. Allenfalls diese braunen Augen, und das braune Haar, das lichter wurde, mit den Monaten, mit den Jahren, das immer so schien, als würde es allmählich ausfallen, - das und nur das war etwas, das ich benennen konnte. Du als Körper. Als reine Materie. Als junger Mann mit neunzehn, zwanzig, einundzwanzig Jahren, deutlich anders als der Rest, aber ungleich ähnlicher mit denen, die sich im Sport verlieren, die sich in der puren Bewegung finden. Ich kannte Dich nur als Sportler, als Fußballer, als Athlet, aber in voller Unperfektion: zerbrechlich, leidend bei jedem Stoß gegen das Knie, - die Kniescheiben, die sich wund gerieben hatten, - und leidend bei jedem möglichen Schlag. [Wusstest Du denn nicht, dass man sich im Leben ständig blaue Flecke holt? Dass selbst das Herz nicht bricht, sondern nur vernarbt, gefühllos wird, mit den Jahren, taub und blind wird, angesichts der Enttäuschungen, in die man sich verliebt].

Während ich Dir schreibe, denke ich an dieses unbegreifliche Damals, an diese vergängliche kleine Dann, das nur noch in mir existiert, und nur in mir, und das sich aus mir löst, das sich wie der Kohlenstoff aus meinem Mund löst, aus meinem Kopf, aus der Erinnerung, - und ich begreife nicht, zweifle daran. Waren wir denn je Freunde, Narziss? Dort fliegt Rom, - ich erinnere mich, als wir auf der Spanischen Treppe saßen, erinnere mich an die Bungalows, an unsere Tour mit Nathalie, - dort fliegt Berlin, - ich erinnere mich, als wir in der Nacht durch die Straßen irrten, erinnere mich an die stillen Stunden, an das Lachen, im Bus, und an die beiläufigen Gespräche; ich erinnere mich an die Sterne, - dort fliegt dieser eine letzte Geburtstag, den wir zusammengefeiert haben, auf der Burg, mit der Lady of Hearts and Sorrows, und ihren sonnenhaften Blicken, die uns beide gleichermaßen verzauberten, und vielleicht verstehe ich. [Du hattest gesagt, Du würdest niemanden vermissen; hattest gesagt, die letzten Jahre wären Dir ganz egal, und dann saßen die Lady und ich uns gegenüber und waren zutiefst schockiert, enttäuscht vielleicht, und einsam, in unserer Freundschaft zueinander].
Ich habe an so vieles geglaubt, in dieser Vergangenheit, und vieles ist verloren. Ich habe immer gedacht, ich sei derjenige, der eine falsche Vorstellung hat, - von Freundschaft, von dem, wie es eigentlich sein sollte, - und als Du Dich entfremdet hast, als Du Dich losgerissen hast, in einem Blick, der mehr besagen sollte, als er tat, in einem verbitterten Nebensatz, den Du Amy an den Kopf geschleudert hast, und damit auch mir, als Du Dich aufgemacht hast, Dein vernarbtes Herz einzubalsamieren, als Du Dir selbst vergeben hast, in Deinen Bemühungen, in Deinem Willen, den Du unbedingt durchsetzen musstest, obwohl ich Dich davor gewarnt hatte, dann ist mir bewusst geworden, dass nicht ich der Fehler war, zwischen uns allen, sondern Du.

Warst Du Dir denn nie der Konsequenz bewusst? Hast Du gedacht, ich könnte dabei tatenlos sein, könnte schweigen, während Du eine (funktionierende) Beziehung sabotierst? Könnte zu Dir halten, während ich Dir sagte, ich empfände es als falsch? Meinetwegen, dann hat sie Dich geliebt, aber nie gewollt. Meinetwegen, dann habt ihr miteinander gefickt, aber ihr habt euch nicht begehrt. Meinetwegen, dann warst Du eifersüchtig, dann warst Du rachsüchtig, und egoistisch, aber Dein Schmerz wurde nie gestillt. (Auch Du zählst zu denen, die ihr Leid lieben).
Ich habe in der ganzen Zeit, in der wir uns kannten, immer gesagt, dass mir Loyalität alles bedeute, in einer Freundschaft. Und ich war immer für Dich da, - ich habe mir Zeit genommen, obwohl sie mir immer zwischen den Fingern zerrann, für Deine Sorgen, für Deine Probleme, ich habe lange Strecken in Kauf genommen, bin zu Dir gefahren, habe zu Dir gehalten, als die ganze Welt gegen Dich war, ich habe Dich verteidigt, habe Dir nicht nur eine Hand zum Halt gereicht, sondern beide, und habe dabei noch selbst den Halt verloren; ich habe auf Dich eingeredet, habe versucht, Deine Sturheit mit meiner Demut zu mildern, habe versucht, einen Gegenpol zu Deinem Egoismus zu sein, habe versucht, mit meinen Worten Deine Welt facettenreicher zu machen, -- und was war davon wirklich? Was davon war authentisch? Die Veränderung, die Du wolltest, war nur in mir, - und die konntest Du nicht haben.

Ich habe so lange Zeit geschwiegen. Ich habe alles hingenommen. Ich dachte, Freunde müssten selbst über solche gravierenden Fehler hinwegsehen. Aber jetzt, zwei Jahre des Schweigens zwischen uns, zwei Jahre des Abschmetterns meiner Versuche, meiner Briefe, meiner Worte, zwei Jahre der Flüchtigkeit, - was ist nach diesen zwei Jahren die Vergangenheit noch wert? [Eine Vergangenheit, die im Grunde nur von Enttäuschungen geprägt war, von Opfern, die Du nicht wert warst].

Du hast mich als Gegenstand benutzt, Narziss, hast mich als Inventar betrachtet, das irgendwann ganz selbstverständlich wird. Jetzt, wo Du ein neues Leben beginnst, und ich im Vorübergehen davon erfahre; jetzt, wo ich mit Dir mal wieder reden will, und Du mir Ausweichtermine gibst; jetzt, wo alles Vergangene von meinen eigenen Entscheidungen und Gedanken weggewaschen wird, - jetzt bleibt kein Platz mehr für diese Freundschaft, für diese Antigravitation, die nur ich selbst bedinge, für Dich oder das, was uns mal zusammengeschweißt hat.

Das Bittere ist, dass Du Dich wie alle anderen in das einreihst, was vergessen werden wird. Du bist Vergangenheit, Narziss. Diese Freundschaft ist es. Du bist von jeder Verantwortung entbunden, bist von jedem Gefühl befreit. Liebe Deine Freundin wie man lieben sollte, Narziss, - liebe sie nicht auf dieselbe Weise, wie Du die Frauen bisher geliebt hast: egoistisch, einnehmend, zerstörerisch. Finde bessere Freunde als mich, Narziss, finde Menschen, die sich selbst nicht mehr brauchen, und die Dir mehr geben als ich es je konnte. Alles, was Du je gesagt hast, war Betrug, war ein Bruch in meiner Loyalität, - deshalb breche ich jetzt mit Dir. Es ist alles vergessen, vergangen, es ist alles fort; der letzte Faden ist gekappt, der mich zum Stolpern brachte.


Ich versiegle den Brief mit rotem Wachs. Ich trage ihn noch zwei Tage mit mir herum, - immer in meiner Brusttasche, dicht bei meinem Herzen, und dann, an der Ecke, fühle ich mich befreit. Ich werfe den Brief ein, in diesen schwarzen Schlund. Und sehe dabei zu, wie sich das letzte Kapitel schließt, wie sich der letzte Punkt in das Papier drückt, und ich realisiere, was es bedeutet, mit der Vergangenheit abzuschließen. [Und ich glaube daran, dass ich richtig fühle, richtig handle; ich glaube an die Konsequenz]. Dies ist meine Vergangenheitsbewältigung.


Heute habe ich Dich aus der Liste gelöscht.
Aus jeder Liste.
(Lebwohl).