Heftklammer
Desweiteren. Es gibt diese Ergänzung, diese eine kleine silberne Heftklammer, die zwei, drei, - zehntausend, - Dinge miteinander verbindet, nur, n-n-nur. Stotterst Du, oder was? Ja, mehrfach. Tausend Mal am Tag. Das Problem ist nämlich: Ich vergesse zu viel. Ich habe mittlerweile (tatsächlich) das Gefühl, - und immerhin: wenigstens das lässt sich nicht sofort vergessen, eher: verdrängen, - dass sich in meinem Gehirn eine Art Negativzone aufbaut, Antimaterie, schwarze Löcher kreiselnd in dem walnussschalengroßen Nervensystem, - ist zufällig Stephen Hawking anwesend? Es passiert ständig irgendwas, und wenn ich versuche, mich darauf zu konzentrieren, entsteht nur theoretisches Bla. Viel Bla.
Ich habe Zahnschmerzen, oder genauer gesagt: mein ganzer Mund ist ein Epizentrum; da sind aufgebissene Lippen, mit fasrig weißen Löchern, Zahnfleischbluten, - ich tippe auf Vitaminmangel, - und Phantomschmerzen bezüglich Zähnen, von denen ich mich schon längst verabschiedet habe, oder von denen ich mich sicher in den nächsten drei Jahren noch verabschieden werde (manchmal habe ich das Gefühl, meine Zähne wären genauso brüchig wie Basaltgestein); meine Zunge ist wund, und aufgerissen, weil ich schätzungsweise des nachts meinen Kaureflex nicht unter Kontrolle bekomme, oder, weiß der Teufel, ich einfach nicht genug esse, und mein Gehirn daher im Traummodus auf Auto-Reboot schaltet. [Iss mehr, oder du verschlingst dich selbst. Das ist optionaler Kannibalismus. Aber wie auch immer]. Überhaupt: Ich frage mich zu oft, ob sich ein Gehirn so verhalten sollte, wie es meines tut; ständig rutschen mir pietätslose Sätze raus, die Bilder, die visuell hochauflösend und mit Dolby-Digital durch die Augen fegen, hinterlassen in meinem Hals oft dieses unerklärliche Kichern, und dann später sogar dröhnende Lachen, das ich einfach nicht unter Kontrolle bekomme, und dann wäre dann auch noch ... ähh, ja, die ... Vergesslichkeit?
Ich bin glücklich, auch wenn ich die Randbedingungen nicht im Griff habe. Die Wohnung in rottencom ist gekündigt, - hab ich das schon mal geschrieben?, - und das Chaosmädchen und ich sind nun auf Wohnungssuche. Offiziell eigentlich noch nicht, d.h. die meisten Freunde und Freundesfreunde wissen noch nichts, die Familie ist zwar informiert, aber mehr oder weniger noch im Unklaren bezüglich der Ausführung der in den letzten Monaten so pathetisch geschwungenen Sätze, und aufgelisteten Pläne. Haha, hyperventiliere ich da gerade?
Unileben? Reduziert sich. Natürlich könnte man einwerfen, dass ich die letzten zwei Jahre in Tubinga vergeudet habe, wenn ich jetzt alles wegschmeiße, - für eine Stadt, die mir nichts gibt außer sich selbst; ihre Gleichgültigkeit, ihre Grausamkeit und ihr kolossaler Veränderungsdrang, - und ja, tatsächlich: ich werde von Februar bis Oktober in Erwartungshaltungen zerfließen, und jobben, j-j-jobben, und darauf hoffen, dass ich mit meinem Schnitt, die NCs dieser Welt knacke, denn, man höre und staune: es gibt an der FU tatsächlich einen Studiengang, der mir zwar mehr abverlangt als ich habe, der mir aber vielversprechender erscheint als alles, was ich hier habe, - und das trotz der Tatsache, dass ich einen Erfahrungsschatz eines Abiturienten mitbringe, der naiv an das Bessere glaubt; und vielleicht freut sich schon der masochistische Teil in mir, diese Illusionen endgültig an der Wirklichkeit aufzurauhen. Ich drücke RESET, und sehe den Countdown rattern. Noch wenige, - wenige was? Tage. Ja, auch, hauptsächlich aber Sorgen. Ich verfüge über keine Sorgen mehr, - ich setze meinen Willen durch, behaupte mich groß und immer größer werdend gegenüber all denen, die mich mit Zweifeln bewerfen. [Da steht ein großes FUCK YOU auf meiner Stirn, - nachts sogar fluoreszierend].
Wenn ich daran denke, wie leicht und einfach plötzlich alles geworden ist, dann möchte ich über mich selbst lachen. Das Kreisen um sich selbst erscheint mir heute wie ein Fiebertraum. ey, schau mal, da draußen gibt es echt noch ne Welt. Klar, ich weiß, es wird nicht bei dieser einfachen Lebenseinstellung bleiben, und ich kenne mich gut genug, um zu wissen, dass die Zeit zurückkommen wird, in der wieder alles schief läuft, aber ... was soll's. So ist das eben. Besonders wenn man Ich ist.
Ich arrangiere mich. [Sogar mit dem Licht, das das Chaosmädchen ständig vergisst auszumachen, wenn sie ein Zimmer verlässt]. Ich befreie mich. [Ich glaube, das hab ich allerdings schon mal geschrieben]. Also versuche ich jetzt richtig zu sein. Jetzt, wo die Details auch überhaupt nicht mehr von Belang sind, weil die Sichtung längst abgeschlossen ist; ich kenne den Weg, ich kenne die Umstände, also weshalb noch Worte darüber verlieren?
Die Frage ist noch immer: Was verändert das Wesen eines Menschen?
Mittlerweile, ja, da erscheint mir die Antwort fast greifbar, - allerdings nicht eindeutig. Ich denke, es geht um Entscheidungen, es geht um den eigenen Willen, und den Entwurf. (Wir sind die, die wir sein wollen, pah, immer in den eigenen Rahmenhandlungen. Aber immerhin!) Selbst Passivität ist eine Entscheidung; ich für meinen Teil, hab es satt, passiv zu sein.
Ähh, was wollte ich ... doch gleich noch mal?
weiter.

