Samstag, 24. November 2007

Gespenster

Du trägst einen Schmetterling dicht an deinem Herzen; mit seinen Flügeln schneidet er mich entzwei. [Wünsch dir was].


Ich inhaliere die Fanta, Strohhalm kauend; meine Knie ragen gegen die verfilzte Rückseite des blauen, quadratisierten Sitzes; mein Kopf schwimmt in Subsonica. Die Uhr tickt hinter dem Glas. (Das Glas sind meine Augen). Zweiundzwanziguhrirgendwas. Sieben, zehn, später eher weniger. Wann fährt endlich der Zug? Wann bewegt sich der Bahnhof, die Schienen, - wann dreht sich die Erde wie eine Schallplatte zu einer neuen Rille weiter?

Mit jedem Schlürfen trinke ich Kälte; mit jeder Bewegung zerreibe ich Knochen; mit jedem Nicken schwappt die See. Ich überlege, woher ich die Leute kannte, die mir auf der Straße vorhin meinen Namen in einem Handschlag weiterreichten. Ich überlege, woher ich diese Augen kannte, diese blauen Adrenalinaugen, - vollgepumpt mit Leben, und trotzdem starr und kalt wie Eisen, - die mich im Bus so gründlich vergewaltigt haben. Begehrend, aber heimlich; vorsichtig, aber grausam; schmerzhaft, aber maßlos. Ein Blick, der Beton zerbröckeln möchte.
Meine Finger flattern zur Nasenwurzel, - verwurzelt in Gedanken, - und krabbeln weiter zu den Augen, meinen, deinen, verdammt: Jedermannsaugen. Denk nicht darüber nach, sagt irgendwer, irgendwas, das könnte ich sein. Und so hole ich aus meinem Rucksack den Ekel (von Sartre), und möchte darin einsinken, möchte mich mit Aurora Sogna und den Tagebuchnotizen Antoine Roquentins auflösen, in diesem Kerker der Übersättigung, der Müdigkeit, der Sehnsucht. [ETC].

Doch dann schaue ich auf, - die Türe hat sich geöffnet, und ein kalter Windstoß bringt zwei Menschen rein; erst einen Mann, - so fett, dass seine Arme wie zerbrechliche Zweige von seinem massigen Körper abstehen, ein Berg aus Fleisch; sein doppeltes Doppelkinn wippt mit jedem Schritt, seine flatterigen Kleider hängen an ihm als hätte man eine Hügelkuppe dekoriert, auf der es ständig windet, und seine polternden Schritte, seine wackelnden Arme, alles wirkt wie aus Gelee, - und dann taucht eine Frau hinter seinem kilometerbreiten Rücken hervor, -- Ich will schon wieder nach unten schauen, als ich sie sehe; sehe, wie sie zielstrebig auf mich zuhält, wie sie direkt auf diesen freien Platz neben mir zusteuert, und sie schaut mich an, schaut mich ganz und vollständig an, mit ihren schwarzen Universen von Augen, - und ich kann mich nicht von ihr lösen, kann mich nicht von ihrem Gesicht lösen, diesem bekannten, diesem vergessenen Gesicht, hell wie eine Maske aus Perlmutt, und trotzdem kalt, so unnahbar, und wie aus Marmor gehauen. Sie schaut mich an, Lichtjahre von dem Verarbeitungsprozess meines Gehirns entfernt, und es vergeht keine Zeit, es vergeht keine Distanz, - sie nähert sich, und ich bleibe sitzen; draußen tickt der Zeiger, schwarz von dem hellen Zifferblatt abgehoben, und irgendwo piept eine Uhr zur halben Stunde, - aber das alles gehört nicht mehr dem Raum an, diesem Zug, diesem Planeten. Es ist alles fern, unendlich, fort.

Ist das ein Lächeln? Ich spüre etwas auf meinen Lippen, und sehe es in ihrem Gesicht gespiegelt; lächeln wir uns an? Ich versuche mich auf ihren Mund zu konzentrieren, diesen sinnlichen Schrägstrich vertrockneten Mund, und erkenne keine Veränderung, - erst, wenn ich wieder in ihren Augen versinke, glaube ich, ihre Lippen lächeln zu sehen. [Postkartentricks].
Plötzlich bleibt sie stehen, schaut mir noch einmal zögernd ins Gesicht, hebt ihre Jacke, und setzt sich auf den Sitz schräg vor mir.

Sie sieht aus wie Sophie. Einszueinszuzwei. Mein Herzschlag ist nicht mehr messbar, denke ich, und überlege kurz, ob ich nicht die Kopfhörer aus meinen Ohren lösen sollte, um sie zu fragen. Sag mal Sophie, was machst du denn, -- sie ist es nicht, kann es unmöglich sein, - und selbst wenn? Was würde es ändern? Es sind jetzt fünf Jahre. Fünf Jahre Unsterblichkeit.

Der Zug fährt los: Schienenruckeln, der Funkenschlag aus den Stromleitungen, die tickende Uhr verschwindet in der Dunkelheit. Ich habe mein Buch weggepackt, und stattdessen mein Notizbuch rausgeholt. Ich habe ein Gespenst gesehen. Aber ich sehe es nicht nur, ich rieche es auch. Einen Duft von Lavendel, - süß wie der Frühling, schwer wie der Sommer, - und Mandarinen. (Sophie, ma fille de mandarines). Ich wische mir über die Augen, um, -- um was? Ich weiß es nicht. Also versuche ich klar zu denken, versuche nicht ihre Blicke in der Fensterscheibe zu sehen, die sich auf mich fokussieren, - auf mich, verstehste?, - und so schaue ich ein paar Meter weiter, -- und vergesse schließlich zu atmen. Rechts, schräg neben mir, zwei oder drei Reihen entfernt, sitzt A.
Seine schwarzbraunen Haare verstrubbelt, lässig im Klappsitz lehnend, - seine grünen Augen fixieren mich, diese Smaragdaugen, diese Jadeaugen; sie fressen mich auf, verschlingen mich mit unstillbarer Neugier, verspotten mich mit gelangweilter Gleichgültigkeit, zerren an meinem Jackenkragen, trennen mir die Nähte auf, versengen die Haut, versengen die Gedanken, -- Blinzle, sagt der Verstand verzweifelt zu den Augen, Blinzle, und er ist weg. Aber er bleibt, er verschwindet nicht. Er sieht direkt in meine Richtung, sieht in mich hinein, sieht das Butterfly dicht bei meinem Herzen, sieht Mjölnir an seiner dünnen Lederkette baumeln, sieht jede Faser, jede Erinnerung, und ich bin gebannt, starre zurück, starre direkt durch Sophie hindurch, die nicht Sophie ist, starre direkt zu A., der nicht A. ist. (In meinem Hinterkopf spielt: Crysta, sweet Melina, - eine Super-Nintendo-Erinnerung, die mir halb das Herz zerreißt).
Ich schaue runter, auf den Pappbecher, in dem die Fanta schwappt, und versuche nicht darüber nachzudenken. (Warum schauen die mich alle so. Ist das doch. Könnte er. Ist sie. Sollte ich). Gespenster. Nichts als Gespenster. Es ist keine Option, es in Betracht zu ziehen; nicht hier, nicht um diese Uhrzeit.

Ich stehe auf, als der Zug stehen bleibt; und finde mich hinter ihr, und vor ihm stehend. Sie sind es nicht, natürlich nicht; sie sind es nicht einszueinszuzwei, sie sehen ihnen nur sehr ähnlich. (Es könnte zumindest ihre ältere Schwester sein, und sein jüngerer Bruder). Trotzdem: dieser Geruch, dieser Meerundewigkeitsduft umschlingt mich, während ich darauf warte, dass der Koloss die Türen öffnet, - denn wir alle vier steigen aus, - und ich schließe meine Augen, um die Musik in meinem Kopf besser zu hören. (Liberi tutti). Seine fleischigen Finger drücken auf den Knopf, - ich schmecke Mandeln auf den Lippen, rot, bittersüße Schokolade, rot, Salz, - und ich möchte die Augen aufmachen, und mich in dem Licht gebadet sehen, das mich hinter meinen geschlossenen Lidern umfängt, - aber dann spüre ich den Windzug der geöffneten Tür. Draußen ist alles lichtlos, und finster. Draußen gibt es kein Licht.

Und ich gehe raus.

Raus, mit einem einzelnen Schritt,
und bin plötzlich selbst nicht mehr als ein Gespenst.

Nicht mehr als eine Erinnerung.
In den Köpfen anderer.



[Wünsch dir was].


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