Mittwoch, 5. Dezember 2007

Interlude: the shortbus is leaving the town

Liebe? Liebe. [Es ist, was es ist]. Meine Füße halten nicht still. Der Kopf sitzt schief. Und die Augen blinzeln im Neonröhrenlicht. Das ist. Das könnte. Vielleicht, - Liebe?

Liebe!

Morgens: Der Blick auf die Straße zeigt Geschäftigkeit. Mittags: Ein Kaffee zum Mitnehmen macht das Herz munter. Abends: Da sind irgendwo kleine Fenster, die in der Bahn zu Wunderkerzen zusammenschrumpfen. Da ist kein Platz für. Da findet sich kein Stop neben der. Zwischendrin berühren sich zwei Körper, flüchtig, eilig, wie Wind das Haar zerzaust, und der Tag reibt müde Augen wund. Man geht einen Schritt weiter, lässt die Menschen an sich vorbei, ins Innere des Abteils, schlüpfen, und sie lächeln vielleicht. Wer weiß, was es bedeutet? [Wunden vernarben besser. Kraft schöpft sich leichter. Angst verdirbt sich schneller den Magen]. Atme aus, und du spürst, was sie ist. Wahrscheinlicher ist das Granit, aus dem ihre Gesichter bestehen. Tobsuchtsaugenbrauen, die sich zum Brummen verziehen. Atme ein, und du spürst, was sie ist.

Liebe!

Im Waschsalon bittet mich eine junge Frau, - blaues Kleid mit weißen Gänseblümchen, - auf ihre Wäsche aufzupassen. Im Supermarkt fragt mich ein junger Mann, - Piercing und blondes Stachelhaar, - ob er sich vor mich in die Schlange stellen kann. Im Aufzug stoße ich mit der Tür zusammen. Zu Hause fühl ich mich allein. [Küss mich, Leben]. Da bleibt ein schönes Lied zwischen zwei Treppenstufen auf den Lippen hängen. Alle Fragen führen zu. Jeder Mensch will. Ich wische mir Sand von der Jacke.
Da ist Verbundenheit. [Hier: drei Ausrufezeichen]. Ein begriffsloses Stammeln in Anbetracht der Möglichkeiten. Was Liebe ist? Das willst du doch gar nicht wissen. Wärme, vielleicht, und unermessliche Sehnsucht. Mein Kopf sitzt schief, aber mein Herz schlägt beständig weiter den Takt zum Soundtrack meines Lebens. Was? Man will es einfach. Lieben. Da fragt man nicht nach dem Warum?, oder Wieso? man fragt nur nach dem Wann?, und vielleicht auch nach dem Wie lange? Es erklärt sich von selbst. Wortlos. Sprachlos. Verzücken blitzt auf, - Blitzlicht-Zucker, - von Innen heraus wärmend. [Du darfst nicht gehen].

Liebe!

Ich bin auch 22 und arbeitslos, und ich habe tatsächlich dasselbe T-Shirt wie Horatio. [We're all gonna die alone]. Ich sitze ständig in Zügen, stehe ständig in anderen Städten, schlafe ständig in fremden Betten, - und denke nach, was ich suche. Die Sehnsucht nach Menschlichkeit ist mein Benzin, ist mein Reaktorkern, aber das ist keine Liebe. Liebe ist das Ausatmen im Vakuum, das Öffnen von Kapillar-Venen, das Begreifen kurz vor dem Aufprall. Unmöglich, sagt das Herz, aber es ist da. [Es ist, was es ist]. Es lässt mich schlafen, und von Besserung träumen. Von dem kleinen glitzernden Stück Unendlichkeit, das in uns begraben liegt, - in Phosphor und Citronensäure, in ein bisschen Stickstoff und jede Menge Proteinen, Aminocarbonsäuren und Fett; hier bist du, wie du sein willst, weil du dich darin auflösen kannst, weil du frei wirst, wenn du zu deinen Bestandteilen zerfällst. Es ist die Überwindung des Todes in einem Augenblick. So soll es sein, sagt das Herz, so war's erdacht.

Ein letzter Kuss von Romeo und Julia, ein letztes Auflehnen von Tristan und Isolde, ein süßes Sterben von Julius Cäsar und Cleopatra. [Es gibt immer eine Penelope, die auf ihren Odysseus wartet, - immer eine Kalypso, die ihn verliert]. Honey Moon, - das ist ein Lied. Das ist, das muss, das könnte. Setze jetzt einen Schrägstrich und vergleiche die Optionen. Wir suchen ständig danach, und finden in der Regel selten Worte, die es uns erklären.

Liebe!

Das Erwachen und Tasten nach Leere. Laub, sterbend. Unfalltode, Mutterschaftsurlaub vom Gestern, Mitgift in Herzen vergoldet. Wenn die Liebenden fallen, die Liebe fällt nicht, Ophelia, und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben. [Sterbliche, die wir sind, können wir nur in weitergereichten Gefühlen unsterblich leben]. Das kann man nicht erklären, - das kann man nur verträumt fragen, kann man sich ersehnen, draußen im Wunderkerzenbummelzug, im Wind, in einer einzigen Nacht, die alles zu Staub und Asche zerstäubt, - du, und ein Bewusstsein, das nach Wärme sucht. [Alles außerhalb von uns ist kalt, - hier sind 37° und das ist meine Betriebstemperatur]. Also hier: Funktion, Entstehung, Körper, - aber das ist es nicht. Das erklärt nichts. Daher:

Liebe?

Das ist mehr, als es das Herz verkraften kann.
Und trotzdem: alles, gar alles, was uns am Leben hält.






das wird dich nicht zufrieden stellen, oder?


*



[veröffentlicht am 23.07.2007 als chasseur; dann vergessen, & verlegt, - heute wiedergefunden. sowohl den text als sachliches ding als auch als inhalt, als Ich. was ich damals geschrieben habe, passt heute viel besser].


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