Mittwoch, 9. Januar 2008

onde quadre

Berlin.
Ich höre Gogol Bordello auf voller Lautstärke, und rieche dabei die vertrockneten Cannabis-Blätter, die in Vincents Zimmer auf dem Boden verstreut liegen, und die kalte Asche. Überall riecht es nach kalter Asche. Ich inklusive. Überall sind Zigarettenstummel in gläsernen Palästen, fettige Pizzaschachteln in der Küche, einzelne Haare, die sich auf meinen Socken zu einem Fell verdichten. Hier bin ich, und nur hier. Ich weiß schon gar nicht mehr, seit wie lange schon. Vier Tage, oder sind es schon fünf? Ich weiß nicht mal, ob wir heute Dienstag oder Mittwoch haben, und vielleicht ist das tatsächlich nicht mehr wichtig. Ich bin hier. Im Mittelpunkt, am Weltenende, Wedding.

Die Wohnung, für die das Chaosmädchen und ich morgen (hoffentlich) den Vertrag unterschreiben werden, liegt in Moabit. Naja. Zwischendrin eigentlich. Irgendwie überall zwischendrin. Nur zwei Minuten von der S-Bahn entfernt, in einem Altbau von 98 Quadratmetern, und einem Gefühl von, -- Möglichkeit? Ich weiß nicht. Meine Überzeugung bezüglich der Wohnung kippt im Minutentakt; ich frage mich seit gestern Abend, ob ich die Sache nicht überstürze, aber selbst wenn: ich habe auch ein Recht auf überstürztes Verhalten. Ich muss, ich werde, ich kann. (Die Uhr tickt bis zum 31.01., verstehste?) Die Wohnung ist schön, die Miete beträgt fast die Hälfte von Rottencom, und wir sind innerhalb des Rings. (Auch wenn ich mich eigentlich in die Wohnung in Schöneberg verliebt habe, - aber gut. Ein andermal). Diese Wohnung hat ein gottverdammtes Potential, und auch wenn mir der Straßenname noch ungewohnt auf der Zunge liegt: ich kann es mir vorstellen. Berlin, verdammt. Zukunftslos, und hoffnunglos naiv, aber glücklich.

Meine Gedanken sind (noch) flüchtig(er) geworden. Ich denke kaum noch an A., ich denke nicht mehr an I., ich denke nicht mehr an Tubinga, mia disgrazia, weil das Leben mich hier packt, und nicht mehr loslässt. Maria ist ewig Gestriges, die Hörsäle, die Projekte. Bäng, hier, du brauchst nichts anderes als deinen eigenen Willen.

[Natürlich muss ich zwischenzeitlich mit Widerstand seitens meines Vaters kämpfen; aber ehrlich gesagt bin ich es leid. Ich lasse nicht mehr mit mir über etwas diskutieren, das mir zusteht. Ich lasse mich nicht mehr sabotieren].

Ich werde allmählich von Vincents Kreativität gefressen, seinen Ideen, und ich sitze mit dem Chaosmädchen beim Frühstück über dem Kaffee und male mir in Ungeduld das Morgen aus, gehe mit ihr im Sog der Straßen von einem Punkt zum nächsten und verliere mich sogar in den trüben, von Sorgen gezeichneten Gesichtern der U-Bahn-Passagiere, und sitze dann abends am Tisch, esse, trinke ein Glas Wein, höre Musik, und fühle mich erst jetzt (!) wieder richtig lebendig. Mir gefällt die Vorstellung, - jede Vorstellung, selbst die trostloseste. Selbst die trostloseste Vorstellung beinhaltet Leben. Das ist kein Vergleich zur Vergangenheit.
Daher lache ich endlich wieder. Lese wieder. Es ist nichts mehr so verhangen, ich kreise nicht mehr nur um mich. (Pah!) In Gedanken richte ich die Wohnung ein, in Gedanken fahre ich zur Uni, gehe Schrippen kaufen, verliebe mich in den Alltag neu. Ich muss nicht mehr dieselben Vierwände sehen, dieselben Straßen, dieselbe Abgeschlossenheit. Ich habe das Gefühl, ich könne mich dieses Mal tatsächlich mit dieser fremden, dieser harten und unpersönlichen Außenwelt vermischen.

Ich lächle über einen Mann in der U-Bahn, - er trägt seinen roten Schal nachlässig, und die obersten Knöpfe seiner Jacke stehen offen, - denn er wiederum lächelt sanft, jugendlich, als er diesem Zeitungsverkäufer seine klimpernden Münzen in die Hand drückt. Ich lächle über den Emojungen, der mir schräg gegenüber im Bus sitzt, weil er immer wieder flüchtig Augenkontakt sucht. Ich lächle, über die unpersönliche Stimme der Verkäuferin hinter der Theke, und liebe sie für eine Sekunde so sehr, - ihre vertrockneten Lippen, ihr strähniges Haar, ihre fleckige Bluse, - dass ich mich über den Tresen beugen, und ihr einen Kuss auf die Wange hauchen möchte. Ich freue mich über das Mädchen in Schöneberg, das uns fragt, ob wir Hilfe brauchen, weil wir so verloren aussehen, mit unserer überdimensionalgroßen Stadtkarte, und den vom Wind verwirrten Haaren. Ich freue mich über die Musik in den Schächten unter der Erde, die weit und lang hallt, freue mich über kurze Frequenzen Sonnenschein genauso wie über das Blitzeis, das die Straßen zur Eisbahn macht, auf der Alt und Jung, Gangster und Unbescholtene gleichermaßen rutschen; ich freue mich über das knarzende Parkett unter meinen Füßen, freue mich, berauscht, orgiastisch, und manchmal sogar recht körperlos. Ich bin endlich zu Hause.


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