Dienstag, 15. Januar 2008

zum Thema Telephonanrufe

Forsa-Umfrage. Es geht um irgendeine Sendung mit einem Schokohasen im OP, eine junge Ärztin, wahrscheinlich auf RTL, - lustig, lustig und so weiter, - die freundliche Frauenstimme fragt frenetisch. Ich antworte dagegen eher unbeteiligt, mit Schaum vom Spülen an den Händen. [Im Hintergrund tobt Subsonica, und bei dem Versuch, die Tür zu schließen, um somit Telephonatmosphäre zu schaffen, fliegt mir der Schlüssel um die Ohren].

Sie fragt, was ich mir unter dem Titel [Hier Namen der Sendung einfügen; theoretisch: Dr. Soundso, Schokohasen im OP] vorstellen würde. Ich sage trocken bis desinteressiert: etwas Komödiantisches. Daraufhin sie: Komödiantisches? Sie müssen Student sein. Ich bejahe zähneknirschend, sie lacht. Ha...ha, ja. Ich kann tatsächlich lesen, ich habe eine Schule nicht nur pro forma besucht, und ja, ich benutze alltägliche Worte, die allmählich in Vergessenheit geraten, ohne dabei gleich in Kichern auszubrechen.
Sie fragt mich nach meiner Religion, ich antworte: Katalanisch. (Es war zwar ein Versprecher, aber ich hab das recht selbstüberzeugt gesagt). Sie fragt mich, welche Partei ich am Sonntag wählen würde, wenn Bundestagswahl wäre, und ich sage: keine. Sie fragt mich, welche Zahl ich auf einer Skala wäre, - eine Skala, die das Gleichgewicht zwischen links und rechts respräsentiert, - wobei 10 extrem rechts und 1 extrem links ist, und ich sage: 4, und bereue es fast. Eigentlich bin ich mehr als ne 4. Oder ... äh. Dann weniger.

Nach fünf Minuten lege ich auf. Etwas irritiert vom ewigen Reden im Hintergrund des anderen Endes der Leitung. Das Spülwasser ist kalt. Ich lache über Schokohasen im OP, und denke daran, wie dumm die Welt ist, um wie viel dümmer sie pro Tag wird, pro Umfrage, pro Junge-Ärztin-Sendung, pro Klingeltonwerbung. (Würden sie mich doch nur immer nach den Büchern fragen, die ich zuletzt gelesen habe). Ich denke daran, wie relativ und nichtssagend diese fünf Minuten waren; zwei fremde Menschen, die per Zufall (?) zum Sprechen genötigt werden, - doch anstatt über etwas zu reden, das von wert ist, bleibt man auf diesem unter niederschwelligen Niveau. Hätte sie mich nach meiner letzten großen Liebe gefragt (M.), oder nach dem letzten Essen, das ich gekocht habe (Putenbrustpfanne caraïbe); hätte sie mich nach meiner Lieblingsfarbe gefragt (rot), oder nach meinen schönsten Erinnerungen (ich am Meer sitzend, bei Freunden; ich im Bett liegend und dabei ein bisschen verliebt sein; beim McDonald's Schneeflocken zählen; in Strasbourg als Weihnachtsmann verkleidet Kinderaugen zum Leuchten bringen, - tatsächlich, - und dann in einem Café fremde Menschen beobachten; in Paris sein, in Berlin sein; Kleinigkeiten, die in der Familie passiert sind, schöne Momente, Stunden, in denen man lachte und so miteinander sprach, als hätte es nie Kummer gegeben; auf einer Bank im Sonnenschein sitzend wissen, dass es die Freiheit nicht nur als abstrakten Begriff gibt), hätte sie mich nur gefragt, nach welchen Ländern und Orten mein Herz verlangt (Frankreich, Italien, Dänemark, Sansibar, Japan, Israel), - und was hätte ich sie nicht alles fragen können.

Stattdessen: Schokohasen im OP.
Woher haben die nur immer meine Nummer?


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