Samstag, 5. April 2008

supposed to be. 16

Zu dritt in den Unruhen der Stadt, zu dritt im Stakkato der Welt, zu dritt im weißen Rauschen der Nacht.
Hier. Das war irgendein Club am Rand der Stadtkarte, zwischen niedrigen Häuserschluchten und ein paar Ahornbäumen versteckt, wo es nachts nach kalter Asche roch, und auch nach Schweiß. Ein Laden voller Plastikschalensitze in mattem Grau, und Diskokugeln, denen ein paar Spiegelscheiben fehlten; der Boden war klebriges Katzengold, von tausend Füßen abgetreten, und an den Wänden hingen Flachbildschirme, auf denen abwechselnd Männer und Frauen in Großaufnahmen tanzten. Am Tresen stand ein Kerl im Achselshirt, der in seiner absoluten Freundlichkeit gegenüber jedem, - Ja, bitte, gerne, natürlich, ganz wie du willst, mach ich gerne, selbstverständlich, - völlig gelangweilt wirkte; routiniert, aber gefühllos. Im Hintergrund lief September von Earth Wind & Fire. Das ist die Welt, - nichts als eine Aufzählung von Dingen.

Ich saß am Tresen und trank mein, - was? drittes Glas Absinth? Vielleicht war es auch schon mein viertes. Oder mein fünftes. Ich weiß nicht mehr. Der Kerl auf der anderen Seite versuchte mich in ein Gespräch zu verwickeln, - ich war ja auch der einzige am Tresen, und ich ließ es mehr oder weniger geschehen. Er hätte ein Buch über Einstein gelesen, sagte er, und er fände die Zeit-Raum-Konstante so interessant, sagte er. Dann nickte er und lächelte mir zu, - nur mit dem rechten Mundwinkel, - und für einen Moment glaubte ich, er würde mich tatsächlich anmachen. In seinem Blick lag irgendetwas Schmutziges, Schmieriges, - es war so die Art von Blick, die man Pornoproduzenten zutraut, und vielleicht hätte ich ihm mit mehr Alkohol auch eine verpasst. Wahrscheinlich eher nicht. Stattdessen mmhte ich zurück, und beließ es dabei. Zeit-Raum, Raum-Zeit, dachte ich, Was ist da der Unterschied?
Kann man das überhaupt begreifen? Ein Zeiger, der über flache Flächen tickt. Eine Erdumdrehung mehr, ein Kreisen weniger um die Sonne. Würden wir es denn bemerken, wenn die Erde stillstände? Würde ein Ruck durch die Welt gehen, und Vasen von Kommoden fallen, - würden Bilder von den Wänden knallen, und Tassen, und Teller aus den Regalen kippen? Würden wir altern, wenn die Erde sich nicht drehte? Woher wüssten wir, wie viel Zeit vergeht?

Vielleicht sitze ich noch dort, jetzt gerade. In der Gegenwart. Berthe und Skeleton tanzen. Tanzten? Saß ich an einem anderen Abend hier? Sie tanzt, und er steht unweit daneben und greift sich ein paar Mal an den Sack. Das macht er gerne, wenn er geil wird. Rückwärts, geh zurück, - es geht nicht. Je mehr Drogen man konsumiert, desto unklarer wird das Bild, das man von der Vergangenheit hat. Von der Gegenwart. Vom eigenen Ich. Wer bin ich? Führe ich irgendein Leben, das völlig unverstanden blieb?

Während dem Tanzen konnten wir uns nicht missverstehen. Es gab einfach keinen Verstand, es gab kein Bewusstsein für die Leistungsmerkmale unseres Scheiterns. Es gab nur den Körper, nur die Bewegung, Reibung, die auf andere Reibung trifft. Das waren mechanische Gesetze, unser logisches Gebet:

Discordia unser auf Erden,
geheiligt werde dein Chaos.
Dein Pathomechanismus komme.
Deine Apoptose geschehe, wie im Herzen so im Stammhirn.
Unser tägliches Erlangen verwehre uns heute.
Und erdrücke uns im unerträglichen Streben nach Glück, wie auch wir erdrücken unser Leben.
Und führe uns in die Verzweiflung,
und erlöse uns von der Hoffnung.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.


Eins.
Eins. Nichts sonst. Ich sitze am Tresen und zähle bis eins. Wie ein Sturm, der durch die Stadt fegt, und Dachziegel mit einem einzelnen Hauch von den Giebeln reißt. Eins. Wie das Meer, das sich drohend von der Küste zurückzieht, um in einer einzelnen Woge den Strand zu begraben. Eins. Wie die Wolken zieht es sich zusammen, wie das Dunkel, das sich hinter unserem Rücken erhebt, sobald wir alleine die Treppen hinab in den Keller steigen, - undurchdringlich, und klebrig, wie Sirup bleibt es am Herzen hängen, wie Teer frisst es sich in uns hinein. Die Eifersucht. Der Zorn. Eins, - ein erster Akkord, ein erster Kuss, ein erstes Wort. Fege, Wind, fege, wie ein Besen reinigst du die Welt. Von ihr. Eins. Nichts soll von ihr bleiben, nichts als die letzte Berührung auf meiner Haut, ein Geruch in meinem Haar, und dunkel ist die Welt. Vertilgt, die Liebe.

Ich zerbreche. Gegenwart, Jetzt-Sein. Ich zerbreche das Glas in meiner Hand, und die Scherben teilen meine Hand wie die Schere ein Blatt Papier. Der Kerl im Achselshirt schaut mich erschrocken an, und fragt, ob es mir gutginge, und Tropfen für Tropfen Blut, rubinrot und funkelnd, benetzt das Katzengold, das Holz, meine Hand, mein Leben. Du hast nichts gesehen in Hiroshima. Ich spüre seinen Körper unter mir, spüre, wie das Leben aus ihm weicht, wie das Kissen sich immer tiefer in sein Gesicht gräbt, - meine Knöchel treten weiß hervor, und alles Blut hört auf zu fließen; seine Arme greifen nach oben, ins Leere und hämmern dann auf meine Brust, dumpf und taub hallt jeder Schlag. Du hast nichts gesehen. Eins. Am See. Grund, los schwebend, sinkend, als weißer Perlmutt meine Luft. Ich bin im Wasserstrudel verschwunden.

Berthe kam auf mich zu, von der Tanzfläche. Sie hatte ihr Haar zu einem kunstvollen Zopf zusammengeflochten, und sie lächelte mich mit geröteten Wangen an.

»Willst du nicht doch mit mir tanzen?«
»Och ... nö«, sagte ich. Und lächelte zurück, während meine Augen Skeleton musterten, der noch immer am Rand stand. Skeleton schaute mich wiederum mit seinen schönen blauen Augen an, den Seelenozeanen.
»Ach komm schon, sei nicht so. Nur ein Lied!«

Durch den Absinth gehend, stehe ich auf, folge ihr, berühre sie, tanze mit ihr, ihre Schenkel, die sich an mir reiben, ihre Hüfte, die an meiner kreist, und die Erregung, die ich dabei verspüre; durch den Absinth steige ich auf, steige über sie hinweg, noch in der Toilette nehme ich sie mir, und sie nimmt mich, und Skeleton? Wie das Dunkel erhebt er sich. Leise und drohend. Er wird alles nehmen, was er bekommt. Mich. Sie. Sich selbst.

Konzentrier dich. Seit wie vielen Tagen trinke ich? Wann stand ich auf der Brücke? Wann hat sie seinen vernarbten Schwanz in den Mund genommen? Wie viele Tage liegen zurück, seit ich das Glas zerschlagen habe? Zeit-Raum, Raum-Zeit, - eine Konstante permanenter Ausdehnung, die, von egal welchem Punkt im Universum aus betrachtet, gleich schnell und gleich weit expandiert. Es gab kein Zentrum für den Urknall. Es gab kein konzentriertes Medienereignis. Alles ist Ausdehnung. Ich zähle bis zwei.

Zwei.


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