supposed to be. 21
Wie sich die Menschen aneinanderreihen, Schlangen schlängelnder Leutseligkeit, wie Kind um Kind treten sie sich auf die Füße, und dann? Ein Lachen aus dem Zimmer nebenan. Ich beobachte ihre Schuhe, Sohlen, Schnürsenkel, auf dem Boden liegen zwar keine Worte, - sie verlieren sich noch in ihren Mündern, - aber trotzdem starre ich nach unten. Schweigsam, auf das Linoleum. Kein Leben ist wie dieses, denke ich, und weiß nicht, was ich fühlen soll.
Die Krankenschwestern in ihren weißen, gestärkten Kitteln schieben das Essen in die Zimmer, und ich bin kurz vorm Ziel. Zimmer 120: ein freundliches Guten Abend von drinnen, draußen echot es zurück; Zimmer 121: nichts als das Schweigen; Zimmer 122: der Besuch, der sich durch die Tür ins Freie stiehlt; Zimmer 123, - und die Welt bleibt stehen. Ich erstarre noch für einen Moment unschlüssig an der Tür, schaue nach unten, dann auf die Uhr. Danach trage ich nie wieder eine Uhr, aber in diesem Moment ist sie wichtig. Sie zeigt 18.19 Uhr. Eine Zeit, in der es, nein, nicht es, in der alles möglich gewesen wäre. Eine Zeit der Unschuld, vielleicht.
»Kommen Sie doch rein«, sagt die blonde Schwester, die das Tablett gerade ins Zimmer balanciert. Kommen Sie doch rein, eine Aufforderung, ganz selbstverständlich. Wie sollte sie wissen, dass zwischen hier und da gar alles liegt? Vergangenheit? Zukunft? Enttäuschung? Verlust?
Abschied?
Sie sieht ganz süß aus, mit ihren blonden Zöpfen. Ein bisschen wie Heidi, oder irgend so ein Mädchen vom Land, aus einem Heimatfilm, vielleicht zu bayrisch für meinen Geschmack. Da hilft auch das Lippenpiercing nicht. (Reiß dich zusammen). Ich nicke stumm, und gehe rein. Schwanzjucken, Kopftätscheln, ein Blick auf ihren Arsch, und dann die verschmierten Fenster, - wie Popcorn im Kino verliert sich die Alltäglichkeit in solchen Momenten. Unvorstellbar, dass es wirklich normal ist, dass im Hintergrund keine melodramatische Musik spielt, - ein Krankenhaus ohne Geigen gibt es nicht, - aber so ist es, so und nicht anders. Zimmer 123. Ein Raum wie eine Abstellkammer: ein Einzelbett, ein weißer Beistelltisch neben dem Bett, und ein kleiner brauner Holztisch gegenüber dem Bett, ein Schrank, eingefasst in eine Wand, und sonst nichts. Nur Alan.
Alan. (Sprich seinen Namen aus).
Ich zähle stumm bis drei.
Eins. Zwei. Drei.
»Was ist das?«, fragt er, und wischt sich mit der Hand über das Gesicht. Kein Nebel. Kein Schleier. Seine Augen sind wie Spiegel allmählich erblindet. So blinzelt er der Schwester entgegen, und wehrt mit der anderen Hand das Tablett ab, das sie ihm auf den Beistelltisch stellen will.
»Ihr Essen«, sagt sie, und lächelt, - sie lächelt mehr in meine Richtung als in seine, »Eine Suppe mit, -- «
»Ich hab keinen Hunger«, erwidert er, und er klingt trotzig dabei, - so, als hätte er es schon tausend Mal gesagt.
»Aber Sie müssen etwas essen«, synchronisiere ich ihre Lippen, aber sie sagt es nicht. Sie bleibt stumm. Ihre Augen funkeln noch nicht einmal. Worüber sollte sie diskutieren? Sie stellt das Tablett hin, auf den anderen Tisch, nickt mir zu, und verschwindet lautlos aus dem Zimmer. Ich bleibe stehen.
Alan ist nicht wiederzuerkennen. Seine Arme sind bandagiert, seine Haare abgeschoren. Kenne den Schmerz, und du wirst erlöst, - das sagt auch das Kreuz über dem Holztisch, aber das sieht Alan nicht. Seine Kreuze haben ihn vom Sehen erlöst, vom Denken, Leben, willkommen in der Transzendenz des Niemalslandes. Und doch sieht er zu mir herüber.
»Is da noch wer?«, sagt er.
Das ist das Cliché des Blinden. Und ich muss sagen: Ich bin's, und dann herrscht Stille, und dann irgendwann sage ich doch was, und so weiter, aber es geht nicht voran. Also sage ich lieber im Vornherein nichts. Er blinzelt aus seinen Augenhöhlen, und ich weiß plötzlich, dass er sehr wohl etwas sieht, ich weiß, dass er mich erkennt, und mehr noch: ich weiß, dass er mich braucht, aber ich stehe nur da. An einer Stelle. Unverrückbar wie der Baum, der da steht, wohin er gepflanzt wurde. Ich weigere mich, diesen Anblick zu akzeptieren. Ich weigere mich, diese Tatsache zu akzeptieren. Hier ist die Linie, und nicht ich habe sie gezogen.
»Seh ich denn so schlimm aus?«, fragt er in den Raum hinein.
»Schlimmer als sonst.«
Er lacht, oder nein: er versucht es, aber seine Lunge zwingt ihn zum Husten, und so wird er von seinem eigenen Körper geschüttelt. Haut und Knochen schieben sich übereinander, reiben sich aneinander, und bleiben dann verschoben stehen.
»Meine Leber versagt«, sagt er. »Un meine Nieren sind auch am Arsch. Aber ich hatte gestern schon die Op.«
Es war sein Weg.
»Klasse«, sag ich, und das Wort schnürt mir halb und halb die Luft ab. Es war sein Weg. Seiner, ganz allein. »Bist also n kleiner Sonnenschein auf dem Weg der Besserung.«
»Jep.«
Die Stille, zwischen den Worten atmet die Stille. Ich sehe ihn an. Und ich möchte zurück, nur für einen Augenblick will ich zurück, nur ganz kurz. Und auch nicht für lange. Zurück in die Kindheit, als alles noch so einfach war, und die Zukunft noch unerreichbar weit fort. Es geht nicht, ich bleibe stehen.
Man sagt immer, man sei ein bisschen traurig gewesen, damals, man habe manchmal geweint, und dann setzt man hinter die Geschichte einen Haken, man verarbeitet sie, man spricht darüber und fängt an, es zu verändern, - aber vielleicht bin ich darüber sogar mehr als nur ein bisschen traurig, - vielleicht bin ich richtig traurig, angefüllt mit so viel Salz, dass ich den Meeren ihren Geschmack zurückgeben könnte, so traurig, dass all die Worte, all meine kostbaren Worten ihren unwiderruflichen Sinn verlieren, all die Seiten nichts als Vakuum, als Stille. Aber warum? Das Alles geht mit dem Nichts diesen einen Pakt ein, und man lebt. Und man stirbt. Reicht das denn nicht? (Nein).
»Ich werde das schon schaffen«, sagt er, »Ich hab die OP ja auch überstanden. Der Rest is ganz einfach.«
Ich nicke, nicke mit dem Heliumballon meines Kopfes, - weit und klein ist die Welt, - und bewege mich zu ihm hinüber, ganz langsam, ganz vorsichtig, der Boden könnte wanken, die Wänden könnten stürzen, jetzt, sofort. Es könnte alles vergehen. Ich rücke dichter an das Bett heran.
Aus der Nähe betrachtet sieht er noch viel schlimmer aus. Rote Pusteln bedecken sein Gesicht, seine Lippen sind aufgesprungen, die Wunde an seiner Stirn eitert. Seine Hände sind keine Hände mehr. Warum ist draußen der Himmel nur so verdammt blau? Es sollte regnen. Stundenlang sollte es regnen.
»Gott ist mein letzter Gedanke, und wenn ich sterbe, verschwindet die Welt, und alles wird vergessen.«
»Besonders meine hässliche Visage«, sag ich.
»Ja, ganz besonders die.«
Habe ich seine Hand gedrückt? Habe ich geweint? Habe ich irgendetwas Bedeutungsvolles gesagt, - oder überhaupt etwas verdammt? Ich wünschte, ich hätte! Stattdessen stand ich nur da. Genügte es denn?
Draußen war es warm, und die Leute saßen in ihren T-Shirts im Grünen. Draußen war alles so, wie es sein sollte. Es gab keinen Ort des Sehnens mehr, keine Trutzburg, die man erobern musste. Ich musste keine Treppen mehr steigen, um anzukommen. Ich musste nicht den Schlüssel in der Tür umdrehen, und darauf warten, dass es geschieht. Es war alles da: Ein Universum der Angst, das mit dem Universum der Liebe verschmolz. Ein altes Ehepaar, das sich nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Falten liebt. Der letzte Sommerferientag, an dem die Zeit zerrinnt, und die Möglichkeiten doch schier endlos bleiben. Berthe auf dem Hausdach, und ihr Kirschmund lächelnd, und ihr langes Haar tänzelnd im Wind, und in der Ferne die Schwalben. Ein Schokoklecks im Mundwinkel. Ein Gefühl des Fallens, und Fliegens, eine Berührung meiner Lippen auf ihrer Haut, ihrer seidigen Haut.
Ich spürte nicht die Art Katharsis, die man spüren will, - es tat auf eine bestimmte Art und Weise weh, es schmerzte so sehr, dass ich zu atmen vergaß, aber vielleicht war das meine Art von Katharsis. Wie sollte es nicht weh tun?
Ich stand in meinem Pullover da, in meiner Jacke, in meinen 54 Grad Fahrenheit, in diesem weißen perfekten Raum, neben ihm, nur neben ihm, und ich wusste, oder ahnte viel mehr, was alles verloren war, wie lange es brauchen würde, bis auch mich der Verlust treffen würde, und es war nicht bloß ein Nadelstich, den man mit einem Achselzucken erträgt, es war nicht bloß einfach ein Abschied, es war endgültig, für immer, - für eine Ewigkeit, die sich nicht auf der Raum-Zeit-Konstante erstreckt, eine Ewigkeit, die nicht expandiert, weder in eine Richtung, noch in alle gleichzeitig. Es ist die Ewigkeit meines Lebens, die auch irgendwann erlischt, und vergessen wird, in nur wenigen Jahren, in ein paar Jahrzehnten. Keines der Worte wird das aufhalten.
Und doch. Ich sah, -- der Traurigkeit ins Gesicht? War es das? bear the sadness of itself? Ich sah dem entgegen, was unweigerlich kommen musste, - den Prozessen der Trauer, den gewöhnlichen Handlungen des Alltags, - das Abspülen, das Einkaufen, das Fernsehen, - und auch wenn ich vielleicht in Zukunft zögern würde, zu lieben, so würde ich es doch irgendwann wieder tun. Ich würde wieder hoffen, würde mich wieder in eine wie sie verlieben, würde wieder einem Freund helfen, - helfen bis zur Selbstaufgabe, und ich würde es trotz aller Reden nie bereuen. Aber der Moment der Katharsis verging, und ich verabschiedete mich von ihm. Eins, zwei, drei. Mit drei Worten.
(Man glaubt, man wüsste. Und dann doch nicht. Niemals). Nichts hast du gesehen. Hiroshima mon amour.
Der Tod kam plötzlich. Er kommt im Nachhinein immer plötzlich. Das macht seine Grausamkeit aus. Bei Alan geschah es am nächsten Tag, irgendwann am frühen Morgen. Die Schwester dachte, er würde schlafen, - schlafen, nur für einen Augenblick. Ich hörte es erst Wochen später. Im Zug, die Cashewkerne, das viele Salz auf meinen Lippen.
Wie nah ist die Erlösung für einen Märtyrer? Wie selbstverständlich ist die Flucht für einen Träumer? Wie hoch kann man fliegen, bevor man sich an der Sonne verbrennt? Das bleibt offen, natürlich bleibt es offen, - das ist der einzige Ausweg. Es bleibt alles offen. Letzten Endes. Das gibt den Dingen ihre Schönheit, und ihre ... Zerbrechlichkeit. Wie flüchtig das Leben ist, und wie wenig wir es begreifen, - vielleicht ist das unsere größte Schwäche. Vielleicht aber auch unsere einzige Stärke. Ich weiß es nicht.
Draußen, am See zieht sich das Herz zum letzten Schlag zusammen. Still, flüstert es, der Herbst kommt, und danach der Winter, und allmählich frisst das Vergessen. Dabei waren drei übrig. Drei. Wie ein Ausruf auf dem Hochhausdach! Drei Gedanken, drei Menschen, drei Leben.
Und am Ende blieb nur eines.
Und am Ende blieb nur davon zu erzählen.
Und am Ende, und am Ende?
Ich habe nichts verloren. Das ist alles.
Ich habe nichts von all dem verloren. Es ist alles da.




















