Donnerstag, 22. Mai 2008

der gläserne mensch

du fragst mich, wie es mir geht, & ich denke: wie kann ich nicht lügen? also zucke ich mit den achseln, & bleibe sprachlos im zimmer sitzen. die welt ist blau, weil der rollo blau ist. meine augen sind blau, weil ihnen der farbstoff fehlt. wenn ich wieder so blond wäre, wie ich es als kind war, dann würde das auch für meine haare gelten. fehlende farbstoffe. nein, ich bin einfach nicht so bunt, wie ich gerne wäre.

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mir tun nur ein bisschen die beine weh, aber ich brauche wirklich kein aspirin, danke. durch mein rückrat windet sich der stracheldraht, aber ich will wirklich keine tabletten mehr. ich wache jeden morgen auf, & fühle mich noch ein paar augenblicke geborgen. schmerzlos. eingelullt in träume, die mich berührt haben. aber ich fühle mich nur solange gut bis ich aufstehe. dann fühle ich mich vom morgengrauen betrogen.
aber ich bin nicht so. ich bin kein melancholischer mensch. ich bin kein pessimistischer mensch. ich bin manchmal ein soziopath, aber in anbetracht meiner mitmenschen halte ich das für verzeihlich. notwendig sogar. in gedanken schreie ich sehr viel; stehe schreiend an klippen, stehe schreiend in zügen, stehe schreiend in kirchenschiffen. (& auch in krankenhäusern). es ist mehr als nur ein gefühl, mehr als nur eine laune. windsein heißt farblos sein. aber toben-dürfen. ich tobe gern. der rest von mir ist zerbrechlich.

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aber es gibt etwas, das mich berührt. betroffen macht. das ist die sache mit dem krebs, den mir ein telephongespräch in hauchdünnen scheibchen in die wirklichkeit reicht. meine tante hat es, diesen krebs. & es stellt sich immer wieder heraus, dass sie weiter kämpfen muss.
ich hingegen stehe nur daneben, neben meiner mutter, & meinem bruder, & auch neben mir, & ich weiß nicht, wie ich damit umgehen muss. in gedanken rekapituliere ich die letzten augenblicke, - das mache ich schon seit jahren, archiviere momente in einmachgläsern, die ich bei bedarf freilasse, für eine szene oder zwei, aber das erleichtert nicht den umgang. ich versuche andere zu analysieren, versuche meine umgebung zu analysieren, aber es ist nur ein dumpfes schweigen, ein darüberreden, dem die worte nicht gerecht werden, ein heimlicher schrecken, ein betäubtsein, eine hand, die zaghaft durch die haare streicht. es ist eine geschichte, die tausendfach gelebt wird, es ist ein leben, das tausendfach in krankenhäusern stirbt, es ist die vielzahl, krebse an stränden, dicht bei der gischt. das hört man, das sieht man, das hat man in der eigenen familie, das kennt man von bekannten, von freunden, aus dem fernsehen, von liedern, - im schlimmsten fall hat man es sogar selbst. dieses haben, dieses nicht-haben.
ich werde zum man, objektiviere mich, weil ich nichts spüre, keine echte empfindung, - nichts, was sich beschreiben lässt. es ist dumpf & taub, als tauche man in den marianengraben hinab, glitzernde luftperlen unter der glasglocke, & die brodelnde schwärze, tausend bar druck, kälte, hitze, unfähigkeit, sich zu bewegen, zu schreien, zu denken; ein gefängnis, dem man nur dann entkommt, in dem man sich auf etwas anderes konzentriert. (seit jahren konzentriert man sich schon auf etwas anderes). beileid, mitleid, das blut in den venen, das dicker sein will als wasser, & das doch nur flüssigkeit ist, transportmittel.

alles ist zerbrechlich.

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aber es gibt die lebenslust in bauchigen rotweingläsern, in weißen betten. wie riecht es eigentlich in sacré-cœur? ich versuche es zu schmecken. mozarella auf roten tomaten. melonen vor dem ventilator. ich sitze in der s-bahn, & fange unermüdlich an zu grinsen. eigentlich hatte ich doch noch glück, mit allem. eine currywurst, dazu pommes. ich weiß, wie es nach dem ersten sommerregen riecht. ich weiß, wie das erste eis des jahres schmeckt. ich weiß, wie es ist, wie es nicht ist, bin ein liebesblöder vollidiot. das heißt: kein leben nur aus zweiter hand. daher lache ich auch gern.

ich kann alles vergessen, jeden splitter unter der haut, jedes gefühl der sterblichkeit, ich sauge mich an einem körper fest, den ich begehre, & es ist mir ganz egal, was man von mir denkt. (es ist alles nicht genug). ich raufe mir die haare, & verschütte mein bier. ich bin einer der gläsernen menschen. (ein falscher schritt, & meine welt & ich sind kaputt). das ist okay. was kann man denn sonst auch tun? wie lebt man richtiger besser vollständiger? es gibt zu sich selbst keine alternativen.

GROSSstadtGEFLÜSTER, Pt.3

Graue Einheitsfassaden, aufgerissene Straßengräben, bunte Kopftücher vor dem H&M, und ein Geruch von verbranntem Fett. Mitten in der Stadt, Großstadt, Kreisstadt, - ein Blick in eine Welt der Slowmotionbewegungen, in der das GROSSE um das KLEINE kreist.
Wir gehen stumm und zielstrebig an den Gebäuden vorüber, die nach dem Krieg in großer Hast errichtet wurden: große graue Einkaufshallen, die sich viel zu dicht aneinanderdrücken, - ihr Glas ist trübe geworden, die Spiegel sind blind, - und Geschäfte, die mit Schildern werben, die von tausend Jahren Sonnenschein farblos geworden sind, mit Produkten, die im Gedränge untergehen. Vor einem der Geschäfte, - es ist ein Schreibwarenladen, - sitzt ein Mann und trinkt Cola vom McDonalds; daneben steht ein Becher mit Kleingeld, und ein schiefes Pappschild mit krakeliger Schrift: Ich bite um 1 Milde spende. Als gäbe es die Armut nur in der Großstadt, denke ich, und bemerke, wie es keiner merkt. Auch Peppermint Patty nicht. Worin liegt also der Unterschied?

In der Theorie sind wir alle gute Menschen.

Dabei versucht man es! Man will es: Anschluss an die Welt von Morgen! Daher die neuen Fugen im Kopfsteinpflaster. Daher die neuen Schilder. Daher neue Glasbauten. Alles will Leichtigkeit vermitteln, und ist in Wirklichkeit nur schrecklich schwer.
Zwei Minuten später verscheucht der Verkäufer den Bettler vor seinem Laden; er droht ihm mit der Polizei. Steine zwischen Steinen, zeige kein Mitleid. Keine Milde, spende!

Wir gehen an kleinen Gruppen junger Männer vorbei, immer wieder. Selbstbewusste junge Männer, in gestreiften T-Shirts und geringelten Pullovern; in ihren Ohrläppchen glitzern geschliffene Glassteine. Sie stehen vor der Kirche, und rotzen auf die Treppen; sie stehen vor den Brunnen, und streuen ihre Zigarettenasche hinein; sie sitzen auf den Wippen der Kinder, und telephonieren. Sie sind so bemüht cool, so bemüht lässig, so bemüht stark, in ihren kleinen elitären Gruppen, aber was sind sie allein? Ich versuche in ihren Gesichtern zu lesen, versuche zu ermitteln, welche Ängste sie quälen, welche Wünsche sie haben, aber ich sehe alles wie durch das Pigmentrauschen des Fernsehers. Es ist zu weit weg. Eine andere Generation. Eine andere Welt.
Wir gehen an Frauen vorbei, immer wieder. Selbstbewusste junge Frauen, in zu engen Klamotten; auf ihren Lippen glänzt roter Lippenstift, ihre Titten hüpfen beim Gehen. Sie wirken billig, und aufdringlich, zu laut, zu grell, zu viel von allem, - ein Gegenentwurf zur Emanzipation, oder seine Verwirklichung? Sind das die Mädchen, die in HipHop-Videos mit ihren Ärschen wackeln? Sie tragen kleine Einkaufstüten, in denen kleine Dinge rascheln. (Glück gibt es zu kaufen). Zum Ficken reicht es allemal.

Die Bildzeitung hat einen neuen Menschen geschaffen. [Ich denke an den Film Idiocracy, an eine Welt degenerierter Glückseligkeit].
Zwischen der Nordsee und dem Kaufhof beginne ich daher Peppermint Patty ein bisschen zu mögen, weil sie alle mit der gleichen Verachtung straft. [Jeder, der sich erniedrigt, verdient die Probleme, die er sich schafft]. Mit jedem Schritt: Ich gehöre nicht zu euch, mit jedem Blick: Eure Dummheit ist Teil des Problems, mit jedem Atemzug sagt sie: Auch wenn es Jahre, oder Jahrzehnte dauert: Die Revolution wird kommen. Futur II. Die Revolution wird gekommen sein. (Es sind nichts als Privilegien).



Ich bin zu Hause, ohne zu Hause zu sein, gehe durch Straßen, deren Namen ich nicht kenne, an deren Ecken und Kreuzungen aber billige Erinnerungen stehen, bleibe mit meinen Augen an Auslagen hängen, die mir bedeutungslos sind, und die trotzdem eine Art Begehren wecken, versuche dem eine Bedeutung abzuwringen. Ein Rückblick in die Kindheit. Ein Rückblick in die Jugend. Und dann? Es ist nur eine Geisterstadt, in der die Gespenster der verlorenen Zeit ihr Unheil treiben. Ticktack. Wo bin ich gewesen?
Ein leerer Platz in der Métro verfolgt mich durch den Sommer, Herbst und Winter, ein Kuss auf nackter Haut, ein Rippenbogen, der nicht meiner ist, auf dem sich straff die Sehnen spannen. hush my darling hush, und nichts als das Rauschen des Windes, der durch die Baumwipfel streicht. Ist es. Systematischer Verlust, rote Sekundenzeiger, ein Ausblick eines Himmels über einem roten Ziegeldach? Oder nur: Erinnern?

Mein konvexes blaues Zyklopenauge über dem Display.
>>Klack,
macht die Uhr, und das Herz, und der Zug fährt weiter durch die siebenundvierzig Minuten Felder, Wiesen, Fachwerkhäuser. (Ich muss zurück).


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