Interlude: Mensch vs. E = mc²
Ich bin irgendwo geblieben. Keiner hat mich je dort gesehen, aber es muss so sein. Sonst gäbe es keinen Straßendreck im Flur, sonst läge das Halstuch nicht zerknüllt auf der Kommode, und ich hätte keinen Abdruck vom Schlüsselbund in der Innenfläche meiner Hand. Alles nur ein Spiel mit Raum und Zeit, nur ein Versuch. Meinetwegen.
Vom Dach preisen mir die Leute ihre Sicht und ich stehe auf der Straße, reibe mir die Lunge an dem Bisschen Luft auf, das durch die U-Bahnschächte heult, und denke: Wie schade, dass das Leben irgendwann endet, und meine damit überhaupt nicht das Sterben, sondern viel mehr die Tatsache, dass manche Begegnungen, viele Beziehungen nur auf Zeit funktionieren. Einatmen. Heißt das Schmerzempfinden? Wenn plötzlich der gute Freund aus dem Hier ins Dann verschwindet, aus dem Hier ins Dort, und wie kann es sein, wenn doch jedes Alleinesein nur ein Blinzeln ist? (Blinzle tausend Jahre lang, dann weißt du, was ich meine). Wie kann sich auflösen, was für die Ewigkeit gedacht ist?
Dabei könnte ich mich jetzt tatsächlich ans Glück gewöhnen. Ans Zufriedensein. (Trotz der Nächte, in denen ich wach liege, die Augen gegen die weiße Wand und die weiße Wand ganz entschieden gegen mich). An die Tatsache, dass es einen All-Tag gibt, - einen Tag, der etwas in sich einschließt, nur um es am nächsten dem Vergessen zu schenken. Geht schon in Ordnung. Ernsthaft. Ich erwarte nichts mehr, weil ich das Feuerwerk von den Häuserdächern dieser Stadt gesehen habe. Weil ich ein Buch auf Französisch lektorieren konnte. Weil es Lammfleisch gab, Salate, frischen Orangensaft, viel Wein. Eine Bewegung morgens im Badezimmer, ein Hauch von Parfum, alles im Begriff zu verschwinden. Macht nichts. Ist schon okay.
Flüchtig streift mich die Liebe. Es riecht nach Regen und Lavendel, die Sonne bricht durch die Wolken bis die Sonne niederbricht, und alles ist kalt, die Hände sind gefühllos von Eis und Schnee, aber das ist plötzlich Liebe. (Nicht klassisch, versteht sich). So kann es nicht ewig sein, kann es nicht ewig sein?, nein, kann es nicht, bloß warum eigentlich nicht? Halte fest! Und die Hände greifen aus dem Universum der Angst in einen Moment hinein, um ihn zu halten, aber die Finger umschließen nur das Gespenst einer Möglichkeit. Du kannst nicht fassen, was du lebst. Du kannst es weder fassen, noch begreifen. Also geht man weiter an den Flohmarktständen vorbei und schichtet sich Bücher auf die Arme, greift Schallplatten heraus und bezahlt schließlich nur die Hälfte des eigentlichen Preises, weil dem Verkäufer das andere Gesicht gefällt, und später spürt man den Sahneschaum der heißen Schokolade auf der Oberlippe, Hände und Füße tauen langsam wieder auf und nie hat es weniger Raum für den Schrecken gegeben.
Die Zeit geht vorbei, und ich, der ich nicht Er bin, sehe mir morgens ins Spiegelbild und erkenne feine Falten, die sich um meinen Mund in die Haut graben. Ich sehe besser damit aus, Falten stehen mir. Das Struppige ist weg, das Verwahrloste, und das, obwohl die Augen, - die blauen? oder eigentlich: grauen?, - immer noch voller Angst sein können, voller Tobsucht, voller Irrsinn, stell dir nur vor, was man alles denken kann, und so brodelt der Verstand weiterhin, lauter als jemals zuvor, hinter einem Gesicht, das sich der Zeit anpasst, dem Raum, hinter einem Mund, der die Worte spricht als gehörten sie ihm.
Ich kaufe mir Bücher über spanische Grammatik.
Ich lese jeden Tag.
Ich träume nicht mehr.
Nächste Woche geht's nach Basel, dort werde ich lesen, irgendwas lesen, und ich hoffe, ich werde betrunken genug sein, um mich mutig zu fühlen; ich schreibe an Kurzgeschichten wie am Fließband, und jeder Tag endet mit einer neuen Idee; ich ändere meine Handynummer, ich melde mich bei Facebook an, ich flirte mal unabhängig von allen Wahrscheinlichkeiten, ich taumle durch eine Welt, die selbst taumelt, und bekomme keinen Grip, - egal, egal!, das ist nicht weiter wichtig. Nur jetzt, jetzt, keine Vorstellung von Zukunft, kein Interesse an der Vergangenheit. Verdammte Relationen, zur Hölle mit Einstein!
Nein. Das sind keine Beschreibungen. Ich kann nicht beschreiben, was vor sich geht, weil ich es selbst nicht überblicken kann. Die Besinnungslosigkeit bleibt.

