Das Lied des Rattenfängers
Sie sagt: Jeden Morgen erwacht man als Ungeziefer aus unruhigen Träumen und nie wird hinterfragt, nie fühlt man sich entmenschlicht: Das eigentliche Menschsein bleibt an der Oberfläche zurück, im Wegwischen der Fühler, im Abschälen des Kissens von der Panzerhaut. Es ist nun mal so: Wir sind nichts anderes als Insekten.
Bald zerblinzeln Augen den Staub in den Ecken, bald zertreten die Füße das ausgerissene Haar. Ich gehe als Phantom durch leere Räume, setze mich als Gespenst auf angejahrtes Mobiliar. Im Wind, der durch die Flure geht, die Türen in die Schlösser haut, und verwirbelnd sich in Laub und Müll verliert, höre ich meinen Namen, but the name is gone: ich bin nicht, wer ich war, ich bin nicht, wer ich sein werde. Als Skizze verlasse ich die Spitze des Kohlestifts, als Entwurf bin ich Vielfalt. So vergehen die Tage, so reihen sich die Stunden blind aneinander. Die Hände, die so tun, als wären sie von tausend Jahren Arbeit aufgerauht, blättern gierig Seiten um, streichen über Türklinken wie zum Abschied und nehmen den Schlüsselbund aus dem Korb, schräg gegenüber des Spiegels, - immerhin sehe ich mich jeden Tag nicht als Käfer, - und öffnen schließlich ein Rechteck Welt, das überall sein will und nirgendwo ist, außer im perfekten Rund der Augen. Die Stille dabei ist wie ein Rettungsfloß.
Ich bin aus dem Haus, und mitten in der Stadt, immer dort, auf den Straßen; schichte Bücher in kleine Kartons um und denke ans Sterben, rede über Verlage und atme die Zukunft, trinke zu viel Bier und esse zu wenig, taumle als Herzschlag durch die Häuserschluchten, - verschenkt sich so die Ungeduld?
Ich achte nicht auf das Klopfen an der Türe, sobald der Wind daran vorüberstreicht. Ich achte nicht auf das ausgerissene Haar in den Ecken, auf den Staub an den Füßen, - es ist nicht mein Lebensentwurf, der sich beim Aufstehen um halb vier, am Nachmittag aus dem Warmen ins Kalte drängt.
Also stampfe so lange du willst. Drehe die Musik so laut auf, wie du kannst. Ich bin unerreichbar. Ich bin unberührbar. Ich bin vogelfrei. Ich bin das Lied des Rattenfängers, und da ist die Entführung der Träume.
Abseits.
Auf einer Bank in Kreuzberg, - Alkohol pulst mir dunkel im Gehirn; der Himmel möchte sich drehen, - kämpfe ich meine Übelkeit nieder und höre stattdessen dem Spanier zu, wie er über Freiheit, Unabhängigkeit, und Freundschaft spricht, und erkenne, wie sehr ich immer Gebrauchsgegenstand bin, wie selbstverständlich ich war. Monsieur werden schon Zeit haben, Monsieur werden schon zuhören, Monsieur werden es schon richten, - aber Monsieur, und das ist keine Chiffre, ist kein Monsieur sondern Monster und ich fresse die kleinlichen Ansprüche im Telephontuten. (Hier fragt man sich dann spätestens wer ein Anrecht auf Wut hat, und inwieweit es der Rechtfertigungen bedarf, - aber mein Motto für das neue Jahr lautet ganz entschieden: Darauf geschissen!) Oder was heißt selbstverständlich, es ist mehr der Anspruch auf Gleichberechtigung, oder Gleichheit.
Das, was man so leichthin Ich nennt, - Identität, - ist instabiler denn je. Ich will pathetisch sein, und mich lieber Wirbelsturm nennen, aber was würde es ändern? Es ist immer alles nur eine Frage der Begriffe, und wie einfach verdreht sich das Bewusstsein den Nacken, wenn's ums Verstehen geht: Was dir jetzt richtig erscheint, muss es morgen lange nicht mehr sein. Pah! Moral ist das, was zeitlos ist, heißt es, aber das ist nur Etikette.
Man erzählt mir, wie wenig selbstlos die Menschen sind, und wie wenig möglich das Gute, - später wird mir meine entschiedene Haltung als Vorwurf ausgelegt. Nein. Am wenigsten dulde ich Inkonsequenz. (Und natürlich zeichnen sich gerade die Menschen im allgemeinen am wenigsten durch Konsequenz aus, nicht? Aber wer sagte, ich duldete die Menschen im allgemeinen?)

