Plastic Nights Solitude
Es Liebe zu nennen, damit fing sie eines Morgens an: Es Liebe zu nennen, jeden Tag, zu jeder Stunde, immer und überall, - wäre es denn so schrecklich falsch?
P L A S T I C
N I G H T S
S O L I T U D E
stand an der Häuserwand gegenüber. (Sie sah es durch die Fenster, denn die Vorhänge waren zur Seite gezogen worden).
Ja. Es war schlicht ein Fehler gewesen nur vom Hellen zu träumen, wenn es doch so viel Dunkles gab. Unausgesprochenes, Unbenennbares. Es war ein Fehler, ihm nicht die Wimpern von der Wange zu nehmen, das Salz auf seinen Lippen mit Wasser zu löschen;
ein grüner Pullover, der Hüfte zeigte, hochgerutscht nur für zwei Atemzüge;
eine Jugend, die unschuldig sein wollte,
hell und faltenlos;
ein Fehler!
sich einen Blick in seine Augen zu erlauben,
in diese Augen, Abgründe eigentlich;
und sein Herz erst: Es war Pandoras Büchse, - das hatte er ja selbst gesagt, damals, im Zug von Mailand nach Hamburg, als das Zugfenster nasskalte Luft ins Abteil gespien hatte, - und wurde es berührt,
und sei es nur mit einem Kuss, der flüchtig war,
so entkam ein Schatten, der seinem Gesicht die Schönheit nahm;
und nicht einmal die Hoffnung sollte so stark sein, es am Stillstand zu hindern.
Stumm legte sich der Duft nach Orangen auf seine Haut: Es schmeckte nach einem Ausflug ans Meer, - war es Morast, was da am Mund kleben blieb? Etwas muss es gewesen sein, --
Sie schreckte auf. Sah zum Fenster hinaus, durch die wehenden und immer wehenden Vorhänge eines vergangenen Tages. Wann war sie wieder eingeschlafen? Was hatte sie noch gleich geträumt? Ein Schatten im Nebenraum knisterte mit Briefpapier, das Radio spielte That's the way it goohos. Bald: Sich erheben. Durch die Kälte der Welt gehen, das Gesicht angefeuchtet vom Wasser und der Rachen rissig vom Durst. So kann es nicht weitergehen, dachte sie. So kann es nicht bleiben. Also schlug sie die Bettdecke zur Seite, glitt mit ihren Beinen hinaus in die Welt und öffnete die Fenster. (Ganz ungeachtet dessen, was im Nebenraum geschah).
Sie sagte sich: Schreibe mit einem roten Stift, sobald es dir um Sehnsucht und Liebe ist, und du wirst erkennen, wie stark dein Herzblut ist. Du wirst vor lauter Rot gar keine Abstände mehr zwischen den Worten erkennen können, ja, überhaupt gar keine Worte mehr. Alles wäre rot und ewig rot: das ist dein herz, & es schlägt, & es schlägt. selbst wenn die lippen sich versiegelten, weil keiner sie je geküsst hat; selbst wenn sich die haut von den fingerspitzen löste, weil du damit niemanden berührst; selbst wenn sich deine fähigkeit zur liebe in gleichgültigkeit verwandelte, ja selbst dann würde die welt im rot versinken.
DIE welt
DU SELBST
Nichts bliebe außer das Rot deiner Worte.
Sie zog sich die Schuhe an, verschnürte weißes Garn miteinander, - unwissentlich, durch wie viele Hände dieses Bisschen Existenz schon gegangen war, - und ging zur Tür hinaus und überließ ihn seiner selbst. Er. War er namenlos wie so viele andere vor ihm? Der Stift rutschte ihm aus den Fingern, die müde waren vom vielen Schreiben, vom vielen Worte-auf-Waagschalen-Legen. Er hatte nie den grünen Pullover getragen, er war nie derjenige gewesen, - ganz generell. Er war weder Rosenkavalier noch Schürzenjäger: Die Welt, in der er lebte, kannte ja nicht einmal mehr die Begriffe, - wie hätte er also dazu gehören sollen?
Als die Türe sich geschlossen hatte und der Andere gegangen war, sah er auf das zerwühlte Bett, sah zu den geöffneten Fenstern und rieb sich das Kinn mit den Händen. Es Liebe zu nennen, jeden Tag, zu jeder Stunde, immer und überall, - wäre es denn so schrecklich falsch?
A. griff nach dem Hemd, das über der Stuhllehne hing, und knöpfte einen der mittleren Knöpfe zu. Draußen roch es nach einem Sommer in Athen. Wie die Zeit bloß verging, wie schnell die Momente einander abtauschten. Er erinnerte sich: Vor einhundert Jahren hatten die Menschen noch Hüte getragen, heute waren es nur noch Frisuren, die wie Hüte wirkten. Heute gingen die Menschen in Kleidung umher wie Schaufensterpuppen und morgen? Was würden sie in einhundert Jahren tun? (Er würde es niemals erfahren). Wie schnell alles verging, wie endgültig die Entscheidungen im Leben waren. Wie endgültig die Zeit!
Er drehte sich um, zum Fenster hin und sah hinunter zu A., der an der Kreuzung stand, - hätte er ihn je so lieben können, wie sie ihn geliebt hatte? Hätten sie einander glücklich gemacht, in diesem Zimmer aus Sturm und Vogelgeschrei?, hätten sie einander erfüllt, hätten sie einander ganz gemacht?
Sie strich sich die schwarzen Locken aus der Stirn als sie vom Fenster zurücktrat, und seufzte sie? Alt würde sie werden, vielleicht so alt wie jeder andere auf der Welt auch. Sie würde gebrechlich werden. Und das Herz? Ach, was war schon das Herz? Es pumpte ja doch nur das Blut.
Also könnte A. je so von Liebe sprechen wie sie es getan hatte? Gestern morgen, als ein Kuss seinen Lippen entflohen war, - eine Blume, die er sich ins Knopfloch steckte, hätte nicht altmodischer sein können als dieser jungfräuliche Kuss auf stoppelige Haut, als der Geruch von Orangen, von einem Ausflug ans Meer. Aber wie hatten seine Hände gezittert, als die Fingerspitzen, - perfekt gerundete, sanfte Fingerspitzen!, - sich unter dem Grün des Pullovers in einer Haut versenkt hatten, die überhaupt keinem anderen gehörte. A. wusste es, jetzt, wo sie längst fort war.
Er nahm das Buch zur Hand, das auf den Boden gefallen war, und stellte es zurück auf die Kommode. Tausend Jahre lang dauert ein Tag, - aber am Ende, was bleibt am Ende anderes als die Erkenntnis, das es vorüber ist? Hatte er denn je daran geglaubt, dass er zurücksehen könnte, und erkennen würde, dass eine Chance vielleicht doch zurückkam? Ein Kuss, den er erwidern konnte? Ein echtes Gefühl auf Haut, ein Gefühl in dem Körper, der ihr solche Qualen bereitet hatte? Ach wie sie einander vermissten, dachte er, als er schließlich auch den Raum verließ. Die Tür ging sanft ins Schloss. Die Treppe knarrte kaum.
Hier draußen war Berlin.
Er sollte sie nie mehr wiedersehen.

