Der Manie zweiter Teil.
Eine Aufzählung. (Privatnotiz).
Ich bin gierig, unersättlich. Unentwegt schütte ich mir Buttermilch in den Rachen, wische mir Fisch auf die Lippen, beiße in Äpfel. Die Zähne malmen weiter. Nach sieben sechs, nach fünf! Stunden Schlaf schlagen die Augen die Bettdecke zurück und die Wände zu Scherben: Die Zähne malmen weiter, weiter und unermüdlich: Die Träume betäuben mich nicht länger, sie rauben mir den Schlaf. (So gehen die Beine angeschraubt auf tausend Metern Stahl über Fließbandbahnen).
Santogold speit mir Lieder ins Gehirn.
Ich knicke Kunderas Seiten mit unruhigen Fingerspitzen.
Seit dem ich zugesagt habe, im Sommer nach Jerusalem zu fliegen, dort zu leben, - für eine Weile, - um dort zu schreiben; seit dem mir R. ein bisschen Barcelona in die Augen gestreut hat; seit dem die Gedanken sich wieder an Paris reiben, wie vor drei Jahren, ein Leben lang; seit dem mir Berliner Straßen versus Menschen den Herzschlag in die Höhe treiben, jeden Tag, zu jeder Stunde, --
da bleibt Irrsinn zurück,
aufbrechen, Strukturen einreißen,
Photographien, die von den Wänden fallen,
-- fühle ich mich außerstande wirklich zu begreifen.
Mein Körper entmenschlicht mich nicht, obwohl ich genauso wie all die anderen in diesem Fitness-Studio bin, auf fixierten Rädern irgendwohin fahre (ohne dort jemals anzukommen), in Eisenquerverbindungen Quermuskeln trainiere (ohne zu wissen, ob mir dieses Kostüm überhaupt stehen wird): Obwohl, müsste es heißen: Obwohl mich mein Körper nicht entmenschlicht, bin ich glücklich. Unbändig. (Nicht niemals so frei wie ich denke, aber frei genug). Trotz den Problemen. Will ich sagen. Trotz oder gerade wegen den Problemen.
An den Einzelpunkten schlage ich mir den Kopf blutig. Meine Augen sind so rot wie vor Monaten zuletzt, und ich habe vorhin gelesen, gegen große Poren (auf der Nase) helfe Zitronensaft. Was? Genau. Ich lese über die französische Revolution und sympathisiere mit Marat; ich spiele Schach gegen mich selbst und gewinne immer; ich lasse zerwühlt das Bett zurück und zerwühle mich selbst: Das Haar wächst strähnig weiter bis über die Augen, aber ich schlage es jetzt hinter den Ohren zurück wie Buchseiten; der Bart wird gestutzt, die Oberlippe rasiert, und vielleicht bin ich tatsächlich die Skizzen meiner Aufschriebe.
Auf dem Tisch (weiß) stehen drei Kerzen (weiß); sie entzünde ich mittags, abends, sie entzünde ich nachts und Celans Lyrik färbt mir die Sprache. Natürlich reißen mir die Finger die Reißverschlüsse kaputt, und ich überlege angestrengt, wie ich jemals besser aussehen soll, wenn mich keine Kleidung schmückt, aber scheiße, ich bin kein Christbaum, also muss mich nichts weiter schmücken; meine Gedanken reichen völlig aus.
Ich verwechsle Sollen mit Wollen, und denke konstant ans Müssen. So bin ich. Aber damit bin ich gerade ganz zufrieden. Trotz der Armut. Trotz der Zukunft. (Oder ihrer Möglichkeiten).
Ja. Die Gefahr liegt immer in der Manie.
Sie zerschlägt alles, sie zerfurcht, sie malmt mir die Zähne. Und ich, - der ich ganz zum Mund werde, der Grübchen lächeln will, und der doch nur Falten lacht, - ich spare mit Erklärungen. Lest zwischen den Zeilen, Mann. Erst dann heißt es: Ach, so ist der drauf?, ja, hätt ich nie gedacht.

