Eis. Pt. 2
ich bin nicht vorsichtig genug. für die nächste türkante, übrigens. für alle kanten. (schabe kopfhaut über schartige ecken, verfange struppiges haar in der weißen tapete).
ich gehe schließlich betäubt durch enge gänge. meine hände streichen über das holz der bücherregale: babels bibliothek kennt vierzehn [unendliche] türen, und alle führen sie zu einem mann mitte zwanzig, der an einem fenster sitzt: ein buch auf dem schoß, der erste hemdknopf offen, das gesicht in der sonne, die zum geöffneten fenster --
also reibe ich mir die augen am wind.
ich verliere schwarzen staub auf weißen stoffen.
ein mann, der sich aus der dunkelheit schält, lächelt im vorübergehen einem anderen zu. (einer davon bin ich). später, in meinem träumen, erinnere ich mich, ihn zu kennen. (oder gekannt zu haben). den anderen. einen gleich großen, gleich blonden, gleich blauäugigen mann, eine kopie (einer kopie), mit einem anderen mund zwar, der anders spricht, (oder?), der aber immerhin lächelt. sein kinn ist trotzig, die hände verschwinden in den hosentaschen. vermutlich denkt er auch anders, fühlt anders (vielleicht), & sein skelett trägt die muskeln, haut & nerven als gehörten sie ihm: er geht über die straße & streift mich mit einem blick, erfasst mich, - ein scheinwerfer könnte in diesem moment nicht blendender sein, - & geht weiter, geht auf die andere seite der nacht, & verschwindet dort im gedränge.
es gibt keine alternativen, keine andere art als so unter dem ampellicht die straße zu überqueren. das bild wird vergessen. der wind nimmt das echo der schritte. der verkehr rauscht im fahrwasser & der himmel verschüttet sein grau.
1.
einen freund verlieren. (verschwende mich). das geht mir in diesem augenblick durch den kopf: einen freund verlieren, immer wieder. ist dieser sprung aus dem fenster nicht viel schwieriger, wenn man den boden nicht sieht? einen boden zu sehen bedeutet ein ende zu kennen. (oder nicht?) vielleicht ist es auch andersrum. vielleicht ist der boden das einzig grausame am sprung. am fallenlassen.
2.
irgendwann entschlingen sich die hände voneinander.
aus den bänden werden sätze, dann spricht der blick nur noch einzelne worte, bis auch das verstummt.
3.
wann beginnt der verrat? (an sich, am anderen).
was bekommt man für dreißig silberlinge, heute noch?
sich bewegen! aus stein gelöst, im feuerregen sodoms; aus stein geboren, im drachenblut: sich selbst der fremde sein, der sich verrät.
ich lebe nicht mehr in diesem kopf, der tausendmal und mehr gegen weiße wände schlägt; meine augen tragen die welt nicht mehr, mit den blicken: sie verdunkeln die ferne, die zwischen mir und den dingen liegt, und schließen sich müde beim rattern der züge; meine lippen küssen nicht mehr, die hände spüren nicht mehr, - der schlaf dreht sich aus vierzehn [unendlichen] bildern heraus in einen tag hinein, an dem ich im café sitze, die beine unterm tisch, die hände liegen drauf, und der blick, - der ewige, der suchende, der haltlos eilende, - ist nicht zu befriedigen, an niemandem kommt er zur ruhe.
schwarzweiß. und farbenblind gehe ich durch die straßen dieser stadt. (kaffeeschwarz & eierschalenweiß). das blut vergisst mich. es ist doch immer & immer & immer wieder dasselbe.
dann gehen türen auf, und die menschen kommen.
das eis schreckt mir die träume.

