Szenen einer Ehe
Nachts strecke ich schlafend die Hände von mir,
und sehe in der Ferne die Finger.
Niemandes Haar rollt sich mir um Handgelenke und Arme;
jemandes Wahnsinn streicht mir die Lider zurück in den Schlaf.
Hinten, am Fenster, rauschen die Reifen,
und Licht sprüht die dunklen Straßen fleckig weiß;
draußen gehen die Kinder.
Nach langem Wachsein entrollt sich die Welt vor mir als wäre sie nur aus Papier. Was gibt den Dingen eigentlich ihre Dimension? Du nennst es Wahrheit, ich lüge um zu gefallen. Aber wirklich wissen kann es keiner. (Doch!, einer weiß es: Sein Haar ist aschen und knistert im Wind).
Wie oft kann man die Traurigkeit entfalten, bis sie vollständig in mich passt? Bis sie mich ausfüllt? Bis aus dem Aleph nichts anderes wird als ein Punkt vieler Punkte, von den Augen zerblinzelt, von den Zähnen zerkaut, - ein Endpunkt, ein Omega allenfalls, mit dem man sich die Augenpartie salbt?
Du gibst mir Adjektive, und reihst sie zwischen andere: Ruhelos, nennst du mich, und es stimmt: Ich bin nicht fürs Warten gemacht, ich bin nicht als Müßiggänger geboren, und nichts ist mir unerträglicher als im Warten zu müssen. Als im Müssen zu warten. Als zu müsswarten, als zu wartmüssen. (Ich finde kein Wort, das es beschreibt). Es ist die Ruhe, die mich erstickt, es ist das Starren, das mich blendet, - Untätigkeit bekommt mir nicht, daher meide ich dich. (Du nimmst mir die Zeit, und ersetzt sie durch Leere). Meine wippenden Beine nerven dich, weil du die Unruhe nicht kennst, die Rastlosigkeit. Weil du nicht weißt, wie es ist, getrieben zu sein, verbietest du es. Ein Windstoß könnte nicht unbändiger sein.
Müde, nennst du meine Augen. Und es stimmt. Ich bin müde, verliere Worte, die sich wie weiße, abgestorbene Hautfetzen von meinen trockenen Lippen lösen: Ich zupfe sie ab und lege sie dir zu Mustern, die der Wind, die Rauch und Ewigkeit wieder zerstören, und dann beklagen die Leute mangelnde Liebe. Ich bin den Diskussionen müde, den Belehrungen, den Maßregelungen, dem Besserenwissen. Ich will Unrecht haben, ich will darin baden. Lass mir tausend Allerweltswahnheiten und behalte Formeln und Logik: Ich will im Irrsinn toben und lachen, ich will argumentieren und allen zuvor gesagten Sätzen widersprechen. Ich möchte nicht im Rauch ertrinken, den mir Glaslungen in die Kleidung husten; ich brauche die Luft, die mich nicht müde macht. Ich brauche keine Kompromisse mehr.
Mit den Worten Grausam, Egoistisch, Undankbar schmückst du mich als wären es Krone, Zepter und Hermelin, und ich nicke verzückt. Ich bin ein König der Falschheit. Und doch: Im richtigen Augenblick, abends, unter goldenen Decken, drehe ich einen Zwanzig-Euro-Schein aus der Tasche, schenke ihn denen, die mich um meiner selbst willen mögen, und bin schließlich selbst arm. Meine Großzügigkeit ist maßlos: Ich preise alles doppelt und verschenke es ganz. Von dir wird der Rest in Einkaufstüten aufgewogen. In kupfernen Centstücken, die nicht geschätzt werden, bis das Kupfer schwarz ist und die Zahl unleserlich: Über Geld reden wir lieber nicht weiter. Ich will nicht. Ich bin ein Prinz der Armut, ein Fürst des Hungerns. Ich habe nichts, und die Opfer, die ich gebe, die siehst du nicht. (Immer endet alles im Darüberreden, in Einigungen, im Nicken und Lachen, Weinen, aber nichts ist wirklich Loyalität dabei, sondern Verpflichtung). Ich gebe alles, was ich habe, und der Undank ist der Welten Lohn.
Meine Türe kennt eine Schwelle und sie überstolpert man stampfend. Meine Türe kennt kein Schloss. Meine Türe ist der Zugang zu einem Zimmer weit über dem Herzen, und keiner achtet darauf. Immer wieder denke ich an Trutzburgen, an Wachtürme, Selbstschussanlagen.
Ich komme nicht zum Luftholen: Ich schöpfe meine Geduld an der Oberfläche des Tiegels ab, der mein Leben ist, und speie Gift darauf, das sich bitter unter den Worten meiner Verachtung sammelt. Das ist nicht so pathetisch wie man glauben mag; es ist auch keine Poesie.
Jede Kopie, die man von mir anfertigt, nimmt mir die Kraft. Ich will Trennung, Auflösung, Seperation, - ich will das Einzelne zurück, etwas, das mir Sturm und Vogelgeschrei waren; ein bisschen davon will ich wieder. Für mich.
Für. Mich. Sein.
Ganz allein.
In eine Welt, die sich nicht in Wachsblasen miteinander verbindet, will ich eingehen, will ich durch die Straßen gehen; ich will nicht Daumen schrauben, will nicht bei jedem Wort unter goldenen Decken abwiegen, will nicht rechtfertigen. Ich führe keine Ehe, ich bin kein Bindeglied. Ohne die Freiheit will ich die Verpflichtungen nicht tragen, ich bin ihnen überdrüssig.
Die leeren Zimmer durchwandere ich in Adjektiven.
Aber bald (sehr bald) endet es. Endet die Chiffre.
Und die Geduld wird abgeschöpft sein.
Das Hinnehmen. Das Verstummen. Das Nicken.
Alles wird aus mir herausgetrennt sein.
Und dann wird keine Stimme mehr Ja sagen.

