Reflex(io)
Wie etwas ist?, etwas, - was soll das sein?, na, hier, bei dir im Zimmer, in deiner Wohnung, in deinem Leben, - dein Alltag, ich kann mich dir nicht vorstellen, wie du deinen Alltag lebst, - du willst wissen, wie es so läuft?, ja, ich will wissen, was du so machst, was du tust.
Ich teile meine Freunde in Alltagsgegenstände ein: Der Stahlschwamm, der Garderobenständer, und ein Spiegel, was ich allerdings selbst bin, weiß ich nicht. Möglicherweise nichts als ein Fenster, durch das man sieht; etwas, das da ist, und nicht da ist; etwas, das seine Existenz durch seine Nichtexistenz rechtfertigt. Nein, so etwas meine ich nicht, was meinst du dann?, das Andere, die Normalität?, ja.
Auf meinem Schreibtisch stapeln sich die Bücher, - Lovecraft auf Mann auf Lenz auf Tschechow auf Miller auf Zweig auf Canetti auf Melville auf de Sade, - und drüben, auf den Brettern der Regale: dasselbe Bild. Ich bin papiernern. Überall liegen Notizblätter, gelbe, viereckige Post-Its zerkleben mir Tischkanten und Wände, und ich bin so unersättlich, so maßlos, - andere sagen, ich hätte es übertrieben, in den letzten drei Monaten; sie sagen, ich hätte jetzt mehr ungelesene Bücher in meinen Regalen als gelesene, - das stimmt!, - aber ich bin kein Sammler, weil ich den Besitz brauche, die Existenz. Ich sammle Erfahrungen, Wissen, etc.
Intellektuelles Gewichse, das will ich nicht hören, was denn dann?, ich kann nur über mich schreiben, immer ich, immer pures Ego, darum geht es nicht, wie gehen die Tage?
Sie gehen besinnungslos und in Armut: In einem Stoffbeutel von Neckarmannreisen klirren und klimpern die Münzen, Dank derer ich lebe, - schlechtlebe, wenn man's bedenkt. Ich bin schrecklich arm, ich hungere, ich vertreibe den Durst durch gekochtes Wasser und Bier, das mir R. ausgibt, - beim einen verbrenne ich mir die Zungenspitze, beim andren schreibe ich Schuldscheine aus, - und manchmal schickt mir die Mutter Fresspakete aus dem Süden; und doch: Ich wähle die Armut, den Hunger selbst, denn ich kaufe im Antiquariat tonnenweise mehr Bücher, - die letzten Silbermünzen werden rausgehauen, ich denke nicht darüber nach. Mein Kopf ist gierig, gieriger als es der Magen je sein kann. Aber die Tage gehen in Glück, in Aufregung. Ich verschulde mich, und überziehe mein Konto für ein Leben, das sich irgendwo zwischen Vorstellung und Realität abspielt, und das mich selbst mitten im Platzregen lächeln lässt, ...
Und was tust du?, was ich tue?, ja.
Ich wasche Wäsche, spüle Teller und Gläser, ich renne draußen von Kneipe zu Kneipe und diskutiere, diskutiere, - es ist anders als in Tubinga. Das alles ist größer, schneller, hässlicher, - manchmal, - aber es geschieht aus Notwendigkeit. Aber das erklärt nicht, was du tust, mein Gott, was soll ich tun?, ich existiere im brandenden Wahnsinn, im Pochen von Blasphemien, ich zergehe des nachts vor Sehnsucht, und beiße mir die Lippen blutig, weil die Sehnsucht keinen Ort mehr kennt, keine große (gescheiterte) Liebe, weil ich fort bin, von Keinemortnirgends entflohen, weil ich kein Exilant bin. Nichts beschreibt mich, nichts definiert mich, und trotzdem kann ich Seiten damit füllen; das ist ermüdend. Für alle. Also überlege ich viel. (Oder rede mir das Überlegen ein).
Ich lebe in einer Welt über der echten. Ich bin unwirklicherweise so real wie man als Skizze nur sein kann; wie der Lebensentwurf aussah, damals?, vor siebenhundert Jahren, - das weiß kein Mensch mehr, und was würde die Erkenntnis auch ändern? Jeder sieht sich im Spiegel und denkt sich seinen Teil darüber, - über die Nase, das Haar und vielleicht die Zähne, - aber in der Konfrontation mit dem Anderen, mit den Fremden, den Menschen, die jeden Tag aufs Neue mit einem kollidieren, da sind die Überlegungen nichts als Standbilder, nichts als Momente, die von den Augenblicken der anderen überlagert werden, - wer also ist man?, was tut man? Zwischen Geburt und Tod findet eine Ansammlung verschiedener Tätigkeiten statt, - sie kann mein Geist analysieren, in eine Reihenfolge bringen, - aber ehrlich gesagt: Wir wissen alle, dass die Beschreibung nicht lebendig wird; sie ist nur ein Ritual, die nachfolgende Geschichte eines Lügners. Allenfalls. Wir konstruieren Geschichte, wir konstruieren unseren Individualismus, das ist alles, - warum ihn jetzt also so dreist in den Vordergrund stellen?, - weil man es muss?, um zu überleben?, um sich zu rechtfertigen?, um zu erkennen, vielleicht, aber was sagt mir das Orakel von Delphi anderes als: Erkenne dich selbst, und du wirst dich ein Leben lang langweilen; die Öde der Erkenntnis ist der unausweichliche Ausgang aller Fehlerbeseitigungen, aller Entmenschlichung, - daher reiben wir uns an den Fehlern der Anderen auf, oder nicht? Deshalb blenden wir manchmal unsere schlimmsten Eigenschaften aus, und manchmal verbeißen wir uns in sie: Es gibt uns das Gefühl, alles zu durchschauen ohne dabei einmal zu blinzeln.

