[>>]

Sonntag, 29. März 2009

Beim Übertreten der Grenze

1.
Ich schlafe mit geöffneten Augen, rotgeränderten.

2.
Klardenken. Klarsehen. Klarwerden. Was heißt das anderes als eine Art der Durchsicht zu erreichen, - die eigenen Handlungen betreffend?; eine Art Masterplan für den eigenen Verstand. Falls A, dann B, du verstehst? Und doch: Auch in meinem Verstand tobt Asterion, - ihm (& nur ihm) gehört das Haus der Krankheiten, in dessen leeren Zimmern ich wohne.

3.
Das Leitungswasser ätzt mir die Lippen. Ich trinke es wie flüssigen Sauerstoff. (Rezitiere Dylan Thomas).

4.
Ich bin ein hoffnungsloser Fall. Generell, mein ich. Wenn etwas zu gut läuft, dann sabotiere ich es. Wenn du mir das Glück kochst, dann schmecke ich noch das Un- darin heraus: Ein bitterer, galliger Geschmack, der mir die Zunge lähmt. Wenn du sagst, du könntest ewig bleiben, dann sehe ich dich gehen. Wenn ich es sage, dann lüge ich.

Mit meinen Schraubenzieherworten und Zangenfingern verdrehe ich der Wirklichkeit Schrauben und Muttern: Je länger jemand bei mir sitzt und meinem gierigen Mund zuhört, desto weniger Realität bleibt dabei übrig. Ich bin der Dieb aller Anfangsbuchstaben; jedes meiner Worte haust in fremden Köpfen und schlägt bei Bedarf die Augen ein, um als Rauch zu entkommen.

5.
Es geht ums Planen. Planenplanenplanen, sagen sie. (Die Anderen). Und sie geben Funktionen und Alternativen, - die Blaupausen decken allerdings nie den Alltag ab. Also umgeht man Ecken und Kanten, zerschlägt Wände zu Türen und Fenster, - dabei übertritt man die Grenze: Was dir möglich ist, muss noch lange nicht möglich sein. Träumen ist einfach. Das Leben kümmert sich nicht darum.

6.
Gib mir eine Minute, und ich nehme dir den ganzen Monat, ich nehme dir ein ganzes Jahr. Fakt ist: Ich habe aufgehört an die Bedingungslosigkeit der Zeit zu glauben.

7.
An jedem dieser endlosen Tage übertrete ich Grenzen.

8.
Ich will die Geschichte der Verlorenen erzählen, - der Traum vom Tod zweier Liebender. Ich arbeite daran, auch wenn jedes Wort wie Leitungswasser ist, klar, ohne Geschmack, aber ich gebe ihm meine Traurigkeit ein, die sich unter meiner Zunge sammelt, lege ihm die Scherben zu Füßen, die mir Vergangenes sind: Die Party ist vorbei, die Gläser sind leer, aber der Taumel, die Besinnungslosigkeit haben mir nicht die Stille ersetzt, die mir die Erzählung ist. (Sie macht mir die Happen zu Steinen, die Träume zu Visionen, und das Herz, das Herz, das viel zitierte, spricht zur Abwechslung überhaupt kein Wort meiner Sprache mehr).

9.
Charlotte Marie-Anne Corday gibt mir das Messer.
Schneide, schneide, sagt de Sade.
Und ich schneide.
Ja, ich bin ein Schlächter.

10.
Ich habe Angst.