[>>]

Donnerstag, 2. April 2009

Kein Ort. Nirgendwo.

Sie sagt, wir müssten reden.
Aber wir reden nicht.

Sie geht zwischen Küche und Flur wie eine Königin umher: Die Nase stolz und gerade, die Lippen zum Lächeln, die Schritte vom Laufstegtraining perfektioniert. Dem braunlockigen Haupt fehlt nur die Krone. Dann steht sie da, mit Paprikadips auf dem Teller, später mit einem Warsteiner in der Hand, und sie nickt. Sie lächelt. Sie spricht mit dem Argentinier über Kunst, - eine ältere Frau mischt sich mit ins Gespräch und sie reden über einen, der erst kürzlich einen Buchpreis gewonnen hat, er ist sechsundzwanzig, vielleicht ein Jahr älter, und das Buch ist hier, wie auch der Typ, und beides reicht man weiter ins Gespräch, ah, da ist er ja.
Und hier, irgendwo, da bin ich.
Stehe am Rand, mit einer Türklinke im Rücken und beobachte die Szene, in dieser Küche, in der unmöglich dreißig Leute Platz zum Stehen finden sollten, und die es dennoch tun. Ich stecke meine kalten Hände abwechselnd in die Hosentaschen, halte mich abwechselnd an Tellern und Gläsern fest, bin abwechselnd hier und auch nicht.

Es wird gegessen, man fragt nach den Berufen. Einer sagt, er sei Künstler. Ein anderer betont die Photographie. Die meisten studieren. Spanisch. Italienisch. Französisch. Meine drei Sprachen: Die Zukunft, der Schmerz, die Poesie. Ich versuche mir das leichte Zucken um die Mundwinkel nicht anmerken zu lassen. Ich zerstäube alle Erinnerungen im nächsten Schluck Bier. Lachen von links zerschneidet mir Herz und Nieren, und serviert sie kalt der jungen Französin, die mich ansieht, mit blauen schönen Augen, und die schließlich fragt, wer ich sei. Ich gebe ihr meinen Namen in einem Handschlag weiter, aber ich vergesse ihren noch bevor sie ihn ausspricht. Wer sind all diese Leute, und wie komme ich hierher?
Jemand reicht mir das Buch, dessen erste Seite ich lese, - gefallenhalber, um nicht aufzufallen, (denke ich, und merke nicht, dass es nichts auffälligeres gibt, als einen großen Mann, der mitten in der Menschenmenge ein Buch liest, - gibt es ein größeres Anzeichen von Langeweile?), - und das ich nicht mag. Es ist ein beschissenes Buch. Der Neid ätzt mir Rachen und Herz, die Missgunst, das Unverständnis. Nebenbei. Versteht sich. Das geschieht alles nur so nebenbei.

Schließlich stehe ich plötzlich neben ihr, gegen sie, im Wind mit dem Ausblick auf den Fernsehturm, und sie nippt am Bier, ich beiße in eine Paprika, sorgsam zurechtgeschnitten, - die Gastgeberin hat sich wirklich Mühe gemacht: Es gibt auch russischen Zupfkuchen, den hat sie selbst gebacken, echt?, ja, russischen Zupfkuchen, mit süßer Sahne?, ja und Quark, ach Gott. Aber darum geht es nicht.
Es geht darum, wie ich zwischen diesen Menschen stehe. Wie sie mich ansehen, wie sie lächeln, wie ich nicke, wie ich spreche ohne je den Mund zu öffnen, und alles, - alles, - was ich tun kann, ist, mich an ihren Augen festzuhalten, die bei jedem Blick in etwas anderes kippen. Sie geht an mir vorbei, sagt, wir sollten endlich reden, und verschwindet zwischen Küche und Flur so wie sie gekommen ist. Und ich bemühe mich, - wirklich!, - bemühe mich, lächle, rede, nicke, aber es bleibt eben nur eines: Mühe. Diese ganzen Gesten bleiben an der Oberfläche zurück.



Ich sage zu früh auf Wiedersehen. Umarme sie, und jedermann, und sage Entschuldigung, weil ich mich nach meiner Jacke greifend an einer jungen Mexikanerin vorbeidrücken muss. Die eine, die echte Erkenntnis verfolgt mich auf dem Nachhauseweg: Die Party war nicht schlecht, sie war an sich sogar ganz schön. Nur ich. Ich habe nicht dazu gepasst. Nirgendwo.