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Dienstag, 12. Mai 2009

Kaltblütig

ich wärme das müsli in der mikrowelle, - eineinhalb minuten gekochte seligkeit, - denn das eis schmilzt nicht. das eis, das mir in den knochen sitzt, das mir nervenfasern & muskeln ist. auch das heiße wasser hilft nicht: ich schütte es mir über & über, jeden morgen. es ist, als stammte ich nicht von affen ab, sondern von eidechsen. in meinen adern fließt kaltes blut.

zähle minuten. in wedding. unter der anzeige, beim aufzug stehe ich. sehe männern & frauen nach, wie sie reibungslos an mir vorübergehn. zwei blicke, einander im zug zugeworfen, stoßen sich später ab wie gleiche enden zweier magnete. traurigkeit atme ich dabei aus wie mundgeruch.
ich denke nicht an mein zimmer, denk ich nicht, nein. nicht an die pullover, die über der couch hängen, & das jackett, das zusammengefaltet auf dem hocker liegt; nicht an die beige schreibtischlampe vom treptower flohmarkt, die auf dem teppich steht & auch nicht an die vielen bücher. ich denke an die leere, die das alles umgibt. kurz nur. man will ja nicht völlig depressiv sein. wieder ein blick, kurz vorm aussteigen, er geht ziellos, gängelt über körper & kopf, verfängt sich im blauen auge, im grauesten aller blauen augen, stählern, eisern, hämmernd im blinzeln.

die tage, - die werktage, - fühlen sich noch nicht wirklich richtig an. das bohème-leben ist verwirkt, das gehört sich so. ich weiß. sollte es wissen. & doch: am ende der arbeit seufze ich auf, weil ich den stress, - den unermesslichen, - tatsächlich überstanden habe, ohne dabei größeren schaden zu nehmen. währenddessen beobachte ich die menschen beim lachen, mache meine witze, - ich bin ich bin du bin überall bin nirgends. mir ist jeder tag ein schauen über den schützengraben. kalt fühlt sich meine haut an, beim trinken & essen, kalt beim schlafen & träumen, kalt bis der sommer kommt, bis der sommer kommt, der sommer, was ist der sommer noch?

trenne auf. trenne ab. in einzelteile zerfallen die träume zu standbildern: A. geht durch den Bahnhof, ich auch. Viele Menschen. Koffer, Taschen. Durchsagen, verzerrt von Lautsprechern, Zugdampf in der Ferne. Wir gehen also aneinander vorbei, mit den Blicken jeweils versenkt im andren, gehen weiter, sehen zurück, gehen im Zurücksehen weiter, lassen uns mit den Augen nicht los, gehen weiter, - dann schiebt sich die Menge zwischen uns. Und wir verlieren uns. wir haben uns verloren, aktualisier das. vielleicht beginnt heute das trinken früher, vielleicht schmilzt das herz ja dabei, & der splitter im auge.