Eleanors Stimmen
er: über etwas sprechen, nur sprechen, zwei treppenstufen lang.
ein bild mitgeben, ein schönes, nur solange es geht.
zum beispiel? er wieder:
ich weiß nicht, ein zimmer. ein weißes. ganz und gar weißes. die vorhänge, das bett, - weiße wände, aber nicht klinisch, es ist kein krankenhauszimmer. der dielenboden ist dunkel, und auf dem fenstersims steht eine pflanze, eine grüne, eine ganz und gar grüne.
du sagst, du wüsstest nicht, und benennst alles ganz genau.
er: das licht wird durch die vorhänge gefiltert, es wird verwandelt. und draußen rauscht leise, gedämpft, der verkehr, man hört die menschen gehen und reden, ... musik müsste gespielt werden, die schallplatten liegen auch gestapelt neben dem bett, dem weiß bezogenen, leicht zerknautschten, ein faltenbett, in dem sich die hände nicht verlieren, in dem sich nichts verliert. eleanor heißt die pflanze.
vögel gehen ein in die luft, sind wind, sind atemzug.
am grab sitzen wir, am grab, das keines ist, und befühlen mit den fingern die zahlen. die sonne steht schief über uns, es riecht nach sommer, überall, es riecht nach grünem gras und namenlosen blumen. pollen fliegen, schwerelose riesenatome, überall.
warum gibst du nicht ein ganzes weiter?, er. ein ganzes? wie sollte das gehn? sie hat alles genommen, die räume sind leer.
eleanor,
du bürstest dein schwarzes haar
am fenster
blickt die stadt dir ins auge.
das lied vom weißen nebel besteht aus perkussion.
du gibst keinen raum. das hier passiert an keinem ort, nirgends.
dir ein gesicht geben, dir, der du da sitzt, junge aus gutem haus, armutsjunge, spielst im männerkörper jungenspiele, denkst dir träume aus, gesichtslose, rauhfasrige. so ist das sterben, er. so fühlt es sich an, wenn man alles fühlt, wenn man aufwacht, aus diesem weißen rausch, wenn man aufschreckt aus den zeilen, die ich ins treppenhaus halle, mit der hand am geländer, dem fuß auf der vorletzten stufe. du fragst nach orten? ich gebe sie dir:
in der küche stapelt sich geschirr, schon seit wochen; die gläser sind schmierig und werden nie mehr ganz sauber, in schüsseln schimmelt quark, faules gemüse liegt in der spüle und kleine fruchtfliegen kreisen über den tellern. auf dem boden sind krümel, brotreste, zwiebelschalen, müsliflocken, kaffeeflecken; klebrige limonadenflaschen stehen auf dem fenstersims, darunter liegt ein gelber lappen, der nach fäulnis stinkt.
im badezimmer sammeln sich die haare, die ausgebürsteten, die ausgefallenen, die mit dem handtuch abgeriebenen, zwischen mülleimer und waschbecken klebt staub vermischt mit fusseln, haargummis, überall, die wäsche riecht giftig in der trommel, man sollte noch mal waschen, vielleicht, das alles liegt zu lang im feuchten. zahnpasta klebt am waschbeckenrand, der spiegel ist von wasser zerspritzt, abrasierte bartstoppel verstecken sich hinter dem seifenspender, der schmierig ist, und leer. im eck ist ein eimer mit putzwasser, seit wochen schon steht darin das wasser.
im zimmer liegen cds auf dem boden, bücher stapeln sich schief auf den tischen, leere flaschen stehen da und dort, überall. ein leeres glas mit aspirinflocken am boden, ein teller mit brotkrumen, eine gabel, ein messer mit butterrand; tablettenschachteln, - baldrian, aspirin, pantoprazol, erkältungskapseln, - und kaugummi am tischrand verteilt, taschentücher, notizen. überall: an der wand ein schuldschein, an der tischkante die geburtstagserinnerung, in bücher gesteckte erinnerungen. untergehen, in allem, im überall.
er: aber du. was ist mit dir?
ich sitze da, die hose hängt auf dem hüftknochen und rutscht bei jedem schritt. das t-shirt ist weiß, zu weiß, und tut auf den schlüsselbeinen weh. ich betaste die venen, die mir der sport aus haut und muskeln treibt, ich betaste die muskeln, die haut, die endlose, die von malen übersäte, und umfasse mit zwei fingern das handgelenk. zweipunkt, dreipunkt, vierpunkt. herzschlagzählen, ist doch komisch, wie das funktioniert. was noch? eine plastiktüte könnte nicht mehr über sich erzählen; ich passe in den raum, ich passe zur unordnung der wohnung, ich passe zum chaos. zur zeit. all das findet sich in meinem kopf. überall.
er fischt sich den tabak von der zunge, legt mir das buch von goetz auf den tisch und lächelt quer zu meinen augen. das ist das buch, das dir gehört, dir allein. nur und immer dir. dann küsst er eleanor auf die lippen, streicht ihr durchs haar, und verlässt das zimmer, das weißeste aller zimmer, mit einem winken der hand.
es wird zeit aufzuräumen.

