Salz
Zu Salz erstarrt: Das Herz.
Man spricht man lacht man denkt nicht an Morgen.
Zu Salz erstarrt: Die Worte.
Du sagst, es ginge immer um die, die uns verlassen. Nicht um die, die zurückbleiben. Ich schiebe meine Flasche über den Tisch, als könne ich damit etwas ändern, - eine Spur aus Wasser bleibt übrig; ich sitze da, eingepackt in drei Schichten Stoff, eingetütet in Blau, in graue Watte gehüllt, und der Wind streicht dein Hemd, dein schwarzes, dein falsch geknöpftes, und der Wind gehört dir, - der Sommer, die Goldpunkte, die dir über Stirn und Wangen tanzen, der traurigste Blick, all das ist deins. Ich sitze da, sitze auf diesem Stuhl, diesem beschissenen blauen Plastikstuhl, und sitze und sitze, wie eine Statue, zu Salz erstarrt, schon jetzt blicke ich zurück ins Gestrige, - der Geist der vergangenen Weihnacht, das bin ich, - und nichts fühlt sich in dem Maß real an, dass ich daran glauben könnte.
Du sagst, du seist hilflos und ohnmächtig, du wüsstest nicht weiter. Und ich? Ich sage, ich sei starr vor Angst. Und es stimmt. Das bin ich wirklich. Ich sage: An jedem Morgen erneut weiß ich nicht, wie ich den Tag überstehen soll, - einer der sieben Herrscher des Universums der Angst, das bin ich, - und du siehst mich dabei so ernst an, als könne ich mit diesen Worten irgendetwas ändern; wie soll es weitergehen?, wie macht man das, - weiter? Nach und nach fallen mir die Steckbausteine aus der Hand, denke ich, und sitze, sitze und schiebe diese beschissene Bierflasche von einem beschissenen Punkt zum andern.
Ich erzähle von Opfern, von großen Opfern, die Berlin weiterhin verlangt, von meinen Opfern, - andre begreifen das ja nicht, - ich würde sehr vieles tun, für dich, als Freund, als Bruder, wenn du verstehst, ich würde so gut wie alles tun. Und du?, ja, du auch, ich weiß. Aber du hast dich entschieden, das seh ich dir an, deinen Augen, den blau geschlagenen, den braun geweinten, du bist schon fort von hier. Von dieser Stadt, die alle heimgesucht und dann schließlich verlassen haben, und ich, der ich hier bleibe, ich, zu Salz erstarrt, ich bleibe hier, bleibe und immer bleibe ich, sehe denen nach, die Koffer und Kisten packen, die sagen: Wer weiß, vielleicht komme ich wieder, und die wissen, dass sie's nicht tun, nicht für mich und nicht für die Stadt, - schon gar nicht für sich selbst; und dann, mit dem Protest auf den Lippen, möchte ich fast von Fairness sprechen, von dieser Ungerechtigkeit. Ich spar es mir. Wer hat das alles je gerecht genannt? So ist es, das ist der Deal.
Im Gehen umbrüllt mich die Hitze, - ich sei zu warm angezogen, sagen alle, die mir begegnen; sie bitten mich, dass ich meinen Pullover endlich ausziehe, das T-Shirt darunter, aber mir ist kalt. Mir ist so kalt wie nie. Ich reibe mir die Oberarme, ich zittre im hellsten Sonnenschein. Und die Zimmer sind leer, und die Worte schmecken nach Salz, und das Herz, das beschissene, das pumpt kein Blut mehr. Die Sitzplätze füllen sich, in der nächsten Station sind sie vergessen. Die Gesichter sind zu Bildern geworden, die Stimmen zu Echos, die Abende zu Erinnerungen, und die Tage und Wochen, die einzelnen Jahre, die in den Stunden waren: Alles nur ein Blick, ein Atemzug, --
Ich habe keine Worte mehr übrig. Es bleibt nur das Salz.

