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Samstag, 18. Juli 2009

Finisterre

Wie sie aneinander vorbeigehn, - in Blicken verwickelt, die Hände ruhig, der Atem leise, - vorüber und von einem Raum zum andren; sie gehen gemessenen Schrittes. Die Szene ist einfach: Da ist ein Fenster im Hintergrund, es zeigt in den Innenhof
(Wände überwucherten Efeus, knisternde Blätter, grün und ewig grün)
und darüber der Himmel, der heute grau ist, grau und in der Schwüle lastend von Wolken, ein tropischer Himmel, möchte man denken, irgendwo bei der Lagune, wo Sumpf und Meer sich mischen, und Stechmücken fliegen, wo der Wind Salz und Tod umwälzt, möchte man denken und tut es nicht, denn da sind noch drei weitere Stockwerke oder vielleicht vier, und die Müllcontainer im Hof machen viel zu viel Krach für Meereswellen. Das Zimmer ist weiß, es hängt ein Rahmen drin, schief, aus Holz, und daran wiederum ein Wecker aus Kupfer, der keine Zeit anzeigt; in dem Rahmen steht ein Buch, es heißt Das Manifest. Überhaupt beherrschen Bücher den Raum, sie stehen gestapelt auf Holzbrettern, sie liegen quer in Regalen, auf den zwei Tischen liegen sie, sie stützen den Computer. Sie stützen einander.

Es kommt ein Widerspruch von A.: Nichts ist einfach. Daher geht die Szene auch entzwei, die Wohnung ist im Grunde gar nicht wichtig. Die Menschen gehn, sie gehn wie sie gehn, draußen klirren Flaschen und eine Katze miaut so laut, dass man sich erschrocken danach umdreht, und sie gehn.

Warum. Fragt das A.?, fragt er das mit einer neuen Flasche in der Hand?, ja, und er blickt ernst, die Stirn ist aufgeworfen zu Falten und er fragt: Aber du liebst sie? Der andre bejaht. Er fragt weiter: Und sie? Sie liebt dich? Der andre bejaht erneut. Schließlich kommt das Warum. Es ist kein großes, kein auf den Tisch gehauenes, kein Gläser und Teller zerbrechendes, eher ein leises, ein stilles Warum, - eines, das man nur angesichts des Freundes fragen kann. Der andre sagt, es sei nicht so einfach. Und wieder, Warum?, - wenn nicht die Liebe, was dann? Der andre sagt, die Vorstellungen vom Leben seien anders, sie seien nicht vereinbar miteinander, er wisse es nicht.
Drei Stunden später, es geht jetzt schon auf halb zwölf zu, sitzen sie auf niedrigen Stühlen, in einer Bar mit orangenen Lampen, und einem Ofen, in dem drei Teelichter statt Scheite brennen, - es wäre auch zu heiß für echtes Feuer; draußen ist der Monsun, draußen ist der entfesselte Himmel über der Lagune, und der Verkehr rauscht durch die Pfützen und die Fußgänger spannen ihre Regenschirme auf, und nirgends die Mücken. Drinnen spielt ein Kerl mit einer Gitarre, es ist wenigstens nicht mehr Johnny Cash.

A. hält eine Rede. Zumindest wirkt es so. Er ist ganz und gar aufgegangen in seinem Pathos, in seinem wilden Gefühl, wie es heißt, in Sturm und Drang; er ist nur noch Mund, und der Impuls, der sein Bewusstsein sein mag oder nichts als Elektrizität, die ihm durchs Hirn schießt; er redet große Dinge herbei, Hoffnungen, Horizonte, er redet und redet, und manches Eingeständnis schmerzt ihm im Herzen, aber er muss es sagen. So sitzen sie sich gegenüber, sitzen zu Salzsäulen erstarrt, sitzen in den jeweils größten Ängsten; sie schaben sich mit Blicken aus, sie holen ihr ganzes Innerstes in diese Bar, ihre Träume, ihre Wahnvorstellungen, ihre Seelen, - glaubt A. noch an Seelen?, - und Sehnsucht und Abschied spielen einander ein letztes Lied, bevor der andere aufsteht, mit der Hand an den Schläfen, und sagt, er habe Migräne und er müsse jetzt wirklich gehn, und ja, es ist ja schon spät; also geht man durch den Monsun, geht wieder an den Hermannplatz, an den A. jetzt schon seit tausend Jahren geht und zum ersten Mal, und sie stehen sich gegenüber, an der Treppe zur U-Bahnstation, und reichen sich die Hände. Der andre bedankt sich, und A. weiß nicht wofür, - er hat das Gefühl, er hätte noch mehr sagen sollen, andere Dinge, größere, realere; er denkt, er hätte mehr von der Freiheit erzählen sollen, der großen Freiheit, die ihm manchmal die Lippen mit Gift bespritzt, - oder von der Liebe, von der Chance der Liebe; vielleicht hätte er den Spruch seiner Mutter wiederholen sollen, und zwar, dass es kein Problem gebe, das man nicht lösen könne; oder vielleicht hätte er den andren nicht nur flüchtig mit der Hand berühren sollen, vielleicht hätte es einer Umarmung bedurft, oder einem leichten Schlag auf die Schulter, irgendeiner Geste, aber A. geht schon längst die Treppen hinab, geht längst in den Wind der Tunnel und ins schummrige Licht, in die Gesichter der Menschen, die dort unten stehen und warten.

Zuhause schießt es A. noch einmal durch den Kopf. Er stellt sich vor, wie sie in dieser Wohnung sind, wie sie miteinander streiten, wie sie sich missverstehen; er spürt in seinen Träumen den Bildern nach, den Situationen: Sie, die mit dem lockigen Haar, die in der Küche steht und ein Glas aus dem Regal nimmt, um sich Wasser einzuschenken, und er, der mit den braunen Augen, kommt zur Tür herein, und sie sehn sich an, nur solange wie das Wasser aus dem Hahn rauscht, bis das Glas voll ist, und dann? War es das? War das alles, was schafft die Liebe nicht?, fragt sich A., der aus den Träumen schreckt, das Herz schwer, die Lippen trocken, in seiner eigenen Wohnung, am Rande der Welt, in seinem Finisterre, - so wird er sie in Zukunft nennen, - dort, wo sich das Staubsaugerkabel in der Tür verheddert, wo Zeitungen und Magazine auf dem Boden verstreut liegen, Manuskripte und Bilder und nichts eigenes, nichts, was für die Zukunft lebt, nichts, was verwirklicht werden will, und was denkt er dabei?

Es wird Zeit mit dem Fragen aufzuhören.