Odessas Träume
In Seide gewickelt,
betreten wir Odessa.
Die Hand,
die geliebte,
sie geht weiter auf Fingerspitzen durchs Haar,
auf Hautmeeren umsegelt sie
Lippen
die wie steile Klippen ragen,
in den Kuss gesenkt, in einen letzten, in einen ersten, in den Morgen als Weidegras unsre Knöchel umtanzte, jung Vermählte, am Brunnenrand sitzend, drüben, im Fenster des verlassenen Hauses gespiegelt, im Rauschen der Zunge, des süßen Speichels, niemals Gesehene. Unser Geheimnis versiegeln wir mit unseren Mündern.
Ich wache auf. Es ist Dienstag, es ist zehn nach sechs, und draußen reißen Bagger die Straßen auf. Die Punkte, gerade noch gesehen, gerade noch real, wollen plötzlich nicht mehr halten, - nur der Name J.T. streift flüchtig die Lider, und den Stift, der die Finger führt, er schreibt auf zerissenes Papier. J.T.? War das ein Junge, den ich mal kannte? War das ein Mensch, ein richtiger, mein ich? Noch nackt tippe ich ihn ins Weiß, zur Kontrolle, gegen dieses Gefühl. Das Internet spuckt nichts als Kriege aus. Viele T.s sind gestorben zwischen 1914 und 1945. Soldaten im Schützengraben, --
Senfgas, das dir die Lider aufreißt wie Jalousien,
und nichts als Blut, das dir auf die Schuhe klatscht, im wilden Dröhnen der Granaten, einsickert in die Risse, die der Schlamm zerweint, und Sirren und Feuer und Gängeln im Leichtsinn, wahnsinnig Gewordene, aschene Tote,
-- in Stadtruinen, --
Odessas letztes Rot, im Körper der Armee angerückt, zu Tausenden, die Aeroplane erschüttern den Himmel und Wolken stürzen, wo kein oben mehr wartet, kein Gott, kein Wiehern der Pferde, im Rot Ertrunkene, im Tod Geborene,
-- und in Konzentrationslagern, die namenlos bleiben. Still.
Wie ein Fluch entschlüpfe ich zwanzig Minuten später ins Badezimmer, reibe mit der Narbenhand über Kinn und Oberlippe, - die Stoppeln werden schwarz, - und was bleibt zu denken?, was geschieht heute?
Bücher und Worte begleiten mich den ganzen Tag. Im Zug drängt sich die Menschenmasse an mich, ein Körper aus Männerschweiß und Frauenblicken, rauhe Seide reibt mir an den Handgelenken, -- Bücher und Worte, daraus baue ich mir Mauern und Wände. Auf der Straße streift mich der Blick eines jungen Mannes, der mir die Haut von den Wangen schält; grüne Jadeaugen, die nicht blinzeln wollen und auch ich blinzle nicht, -- Bücher und Worte, ich spinne und webe sie zu neuer Kleidung. Raus, raus, in den Wind der Treppenaufgänge, raus, und ins Foyer, wo XY wartet, ein Mensch aus Rauch gemacht, Sandelholz, Myrre; ich vermisse den Geruch von Kernseife. Mein roter Pullover wirkt falsch an mir, er wirkt falsch im Sonnenlicht, und doch zupft Mademoiselle Manie daran und sagt: Wie schön, wie schön?, wie eiskalt muss dir sein. Das sagt sie nicht. Natürlich nicht. Alle fragen mich nach der Hitze. Nie nach der Kälte.
Seit wann bin ich wach?

