[>>]

Montag, 3. August 2009

Die Weltzeituhr

1.
A. und r. begegnen sich zum ersten Mal an der Weltzeituhr; es ist eine gewollte Begegnung, eine verabredete, und dennoch denkt A. als er r. auf sich zukommen sieht, dass es genauso gut tatsächlich eine zufällige sein könnte.
Dabei trifft sich niemand hier ernsthaft, an dieser beschissenen Uhr, der Ort war ein ironisches Zwinkern, - ein Witz, eigentlich, und doch: A. und r. treffen sich genau dort, beim silbernen Band und den wirbelnden Atomen. (Es könnten auch Planeten sein). Menschen gehn als Striche und Punkte, und die Uhr rotiert; Männer schaben sich über ihre schwarz gestoppelten Wangen, Frauen rufen ihre Kinder beim Namen, die Kinder hören es nicht, und die Uhr rotiert; ein Junge, - vielleicht siebzehn, - im gelben Pullover, steht an der Mauerkante des U-Bahn-Schachts, wo ein anderer sitzt, und spricht von Drogen und Schwuchteln, und die Uhr rotiert, die Uhr rotiert, das Mädchen mit den funkelnden Ohrringen geht über den Alex als gehörte ihr Berlin und Berlin verschlingt sie im Touristenschwarm, der zwitschernd multilingual die Bordsteine überstolpert, photografierend, überwältigt vom Schatten des Fernsehturms, der die Wolken zersticht, und die Uhr rotiert. Bis 15 Uhr. Was danach kommt, ist nicht mehr bezifferbar.

2.
Groß und schlank, das ist r., zierlich, vielleicht, und vor allem wie ein Phantom aus einer anderen Zeit, - denkt A. (Was r. denkt, weiß A. nicht). r.s Gesicht ist das einer Erinnerung, eines Menschen, den A. kannte, noch im ersten Blick überlegt er. Wie Narziss, denkt er schließlich, beim flüchtigen Schauen, wie Narziss aus vergangenen Kindheitstagen, ein bisschen das Kinn, die Nase, die Stirn, sogar das Haar könnte Narziss gehören. Nur der Duft ist r.s eigener. Und die Augen, natürlich, die Augen gehören ganz allein r., beim Blinzeln, beim Lachen vor allem, ganz und gar seine, wenn sie von einem Punkt zum andren eilen, wie die rastlosen, ungezügelten Gedanken, die er denkt, die A.s Gehirn so sehr entgleiten, heute, für immer. Möglicherweise.

3.
Es ist ein bewölkter Montag Nachmittag, und es regnet, - vereinzelt, wie es der Wetterbericht sagte, - stecknadelkopfgroße Tropfen Wasser, sie zerstechen Jeans und Pullover, und A. geht an r.s Seite zum Wind- und Tunnelgeschrei, zupft sich Fusseln von Ärmel und Brust, geht gerade, mit durchgestrecktem Rücken, obwohl die Schulterblätter sich einrollen wollen, und macht weite, ausholende Schritte. Sie lachen, beim Reden lachen sie, vielleicht ein bisschen aus Verlegenheit, vielleicht aus Unsicherheit, aber das Lachen wird darum nicht weniger wichtig, es wird darum nicht weniger echt, und so, mit dem Ticken der rotierenden Uhr verlassen sie den Alex.

Seit Monaten schon haben sie einander gejagt, zumindest auf die ein oder andre Weise, aber gefunden haben sie sich nie. Beim Blick zur Seite, - r.s Augen sind irgendwo in A.s Augen, - fragt sich A., ob sie sich jetzt gefunden haben. Im selben Raum, zur selben Zeit, zwei Menschen auf der Suche nach Menschen, und so springen sie von einem Gleis zum nächsten. Auch dort, überall: die Männer und Frauen, die lachenden Kinder, dieselben Menschen in verschiedenen Positionen, Resonanzkörper hallend im Zischen der Kabel, im Rattern der Gleise, und da, die Kurve, sie wirft die alte Frau fast aus dem Sitz, aber schon greift ihr Mann nach ihrem Handgelenk und hält sie fest, - ungleich sanfter als es der drohende Fall hätte erwarten lassen, und A.s Blicke tanzen in r.s Gesicht: Je länger sie tanzen, desto sicherer ist sich A., dass r. überhaupt keine Ähnlichkeit mit Narziss hat.
Natürlich nicht.
Was verliert man nicht alles beim ersten Mal?, welche Sicherheiten, welche Ungewissheiten?, welche Melodie legt sich auf A.s Lippen, und warum singt er sie nicht?, alles verschlossen durch die Eile, durch das Gefühl, einander nur einmal begegnen zu können, weil die Vergangenheit bewiesen hat, wie schlecht A. zu organisieren weiß, aber was weiß eigentlich die Vergangenheit?, nichts als entschuldbare Fehler, nichts als Versehen und Irrtümer, das muss man abhaken können, von vorn beginnen, denkt er. Nur was r. denkt, weiß er nicht.

4.
In der Bergmannstraße sitzen sie dann später, in einem amerikanischen Café, in der Ecke, beim Fenster zum Hof. A. bestellt grünen Tee und vergisst ihn zu trinken; r. bestellt sich einen Bagel und schenkt A. die Tomaten darauf, weil er Tomaten nicht mag; sie sitzen da, in der Ecke, beim Fenster zum Hof, und unterhalten sich, - nein: sie springen weiterhin. Von Gleis zu Gleis, nur fahren jetzt weiter, weiter Worte ein: Sie verwirren einander, sprechen das Laute leiser aus und das Leise lauter, und verfolgen die Augen des jeweils andren mit Unsicherheit, mit einem Lächeln, manchmal, oder einem Lachen, und die Weltzeituhr rotiert weiter, auch wenn sie nicht mehr in ihrer Nähe steht. Es nimmt ihnen fast den Atem, so viel wollen sie sagen. Und aus 15 wird 16 und dann ist es plötzlich zu spät.
A. könnte eigentlich noch ein bisschen länger dort sitzen, nicht nur des Springens wegen, sondern des andren Nomaden wegen, des Spiegelnomaden, in der Ecke, beim Fenster zum Hof, aber sie tun es nicht. Wie unter großer Geschwindigkeit rotieren sie jetzt mit im Atomzeitlauf; die Welt reißt ihnen an Händen und Fingern, sie zerrt sie an den Beinen die Straßen entlang und wieder hinab ins Gebrüll der Tunnelwände, zu den Wartenden, den Ewiggleichen, den Gesichtslosen.

5.
Was r. denkt, weiß A. nicht zu sagen, und weil sich alles so schnell bewegt, können die Augen nicht folgen. Nur ein bisschen mehr Zeit, denkt A., denkt es weniger laut als er sollte, weniger bestimmt als er könnte, (denn er kann es nicht), und beim Abschied, - er passiert zwischen zwei Stationen, - fragt A. sich, ob er irgendeiner Erwartung je gerecht werden kann, irgendeinem Bild, irgendeiner Vorstellung, die sich die Menschen von ihm aufgrund seiner Worte machen, und nie, und nirgends, er erfährt nur die Uhr, und einen letzten Blick von r. und ein Versprechen, das etwas nach Wien kommt, und ein vorsichtiges Herantasten der Wahrscheinlichkeiten an die Realität, und dann schluckt ihn Berlin in der Menge der Menschen.

Doch auf der Treppe, hochwärts, zum Licht, raus aus dem Tosen der einfahrenden Züge, da denkt er: Das nächste Mal.

Wenn sie sich nicht an der Weltzeituhr treffen.