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Donnerstag, 22. Oktober 2009

Exodus

1.
Manche Träume machen mich hungrig. Wirklich hungrig. Ich stehe dann mit dem Gefühl auf, ich hätte seit Wochen nichts gegessen. Zwischen den Zähnen zerrieben heißt es Eitelkeit, im Wachen in den Kühlschrank gestarrt bedeutet es Armut; kein Wunder.

So geht das Leben ins Tausendste über.

Ich habe die Namenschilder wechseln lassen. Ich habe die Küche und das Badezimmer geputzt. Ich habe vom Vergangenen geträumt, und gewusst, dass es vergangen ist. Nichts ist geblieben. Und wenn schon, I went away for love, heißt es. Und genau so sitze ich im Kino auf dem falschen Platz. Der Kuchen, der beste der Stadt, wird über der Alufolie zerbissen, zerkaut und dann mit Rotwein geschluckt. Es stimmt, was sie sagen: Das Leben geht weiter, es ändert nur die Frequenzen.

Und nicht in alles mischt sich Traurigkeit; die Menschen sind in der Regel zu lange traurig, denke ich. Bewusst wird ihnen alles erst im Nachhinein. Also suche ich ein verlorenes Buch. Ich umarme einen Fremden als würden wir uns schon ewig kennen, und bemerke viel später, dass die Fremdheit abzuschälen ist wie die Häute der Zwiebel, und dass darunter nichts als Menschen stecken; Menschen, die lachen, die fühlen, die mir in verschiedenen Sprachen Einhalt gebieten, - staunend, - und die mich doch nur um Verständnis bitten, das ich ihnen gebe als gehörte es ihnen längst.

2.
Zuhause. Denke ich. Angekommen. Sage ich. Die Finger schließen das Telephon an, die Hände richten die Schränke, die Augen verschlingen die Zeilen. Es gibt nichts als den beständigen Rhythmus von Alltäglichkeiten; die großen Abenteuer liegen im Kleinen: Nicht heizen und dabei nicht unmäßig frieren, sich nicht am Gin Tonic verschlucken, und auch nicht am goldenen Abend, der einer der letzten ist, die man miteinander teilt, nicht zu wehleidig sein und schon gar nicht verbittert. Es geht ein Geist um, der sagt: Die Jugend?, man hat sie mir auf die Haut gelegt wie einen schweren Mantel, ein Leinesack ist mir die Jugend, und in ihm schreien die Katzen um ihr Leben, versenkt, versenkt, aber so wie er die Türen ins Schloss haut, wie er die Teekannen auf dem Steinboden zerschlägt, so sagt er: Die Hände aneinander reiben erzeugt noch lange keinen Funken.

3.
Etwas tanzt als Staub zwischen Wimpern und Lid.
Ist denn tatsächlich wieder Winter?
Es senkt sich das Glas,
es senken sich Wolken und Grau,
und Berlins Straßen werden leer.
Das ist kein Grund,
das ist kein schlüssiges Argument:
Spaniens Himmel sind blauer als diese, denkt man, aber wer will sie sehen? Wer kann sie mit dieser Stimme beschreiben, mit diesen Worten, wenn alles, was gesprochen wird, nichts ist als Flügelschlag und Flugzeugdröhnen? Es liegen eintausendachthundertzweiundsiebzig Kilometer zwischen den Tagen. (Und was Mainz ist, ich bitte um Anstand, das wissen wir auch). Aber gut, gut gut gut!, es geht der Geist durch die Zimmer und verwirbelt Staub und Asche.
Es ist niemandes Kind, das dort im Hellen sitzt.

4.
Ich lerne neue Menschen kennen, die noch keine Namen haben, obschon sie Namen haben, - sie bleiben unerwähnt im Gewühl der Minuten.

Ich kann nicht recht begreifen, was passiert ist. Ich kann nicht begreifen, wie schnell sich alles fügt und wie schnell alles wieder auseinander bricht. Es ist mir fremd, ich selbst bin es mir; ich, schon das klingt falsch: ich, der sich im Spiegel ansieht als könne er, der Fremde, der Buchstabe, sich selbst erkennen, - wie er lacht, wie er spricht, wie er die Traurigkeit in sich einschließt wie eine Kostbarkeit, um sie dann hoffentlich irgendwann völlig zu vergessen. Doch die Reliquien des Abschieds sind nicht aus Gold gemacht, sie sind aus Blei. Man erinnert sich immer der Dinge aus Blei.

5.
Reminiszenz, schreibe ich, Reminiszenz. Dabei bleibt jede Überraschung aus. Ich habe alles kommen sehen. (Auch wenn Kassandras Träume das Meer und die Wolken zerwerfen, mich werden sie nicht bekommen).

6.
Alles geht ein ins Unbekannte, alles wird fremd und zerfällt in Fragmente, alles ist im Begriff, sich aufzulösen, ohne zu verschwinden. Die Menschen verschwinden nicht. Nicht im herkömmlichen Sinne. Sie ändern nur die Position, sie verlassen den Raum, sie verlassen die Zeit, aber sie verschwinden nicht. Es als solches zu begreifen... Es anfassen und von allen Seiten besehen... Den endlosen Kampf des Lachens nie verlieren... Das, was sie Exodus nennen, hat begonnen. Das, was sie Veränderungen nennen, nimmt mir die Freunde. Wisch dir das Gesicht, wisch dir die Augen, und streich dir das Haar aus der Stirn. Schwimme, schwimme, die Flut hat die Spuren gelöscht und löscht sie weiter, aber du bist nicht dort, am Strand, du beginnst zu schwimmen, während du ertrinkst, das ist es, das ist der Kern, das ist die Wahrheit, aber was bedeutet es? Wir waren so nahtlos glücklich, wir alle, so sehr, dass wir erblindet sind. Wir waren so glücklich, dass alles, was wir berührten, zu singen anfing, alles war ein einziges Lied, - einer von diesen Songs, du weißt schon, du hörst sie und denkst: Genau das, das ist es, das wurde für mich geschrieben, und selbst nach tausend Jahren, du bist tot, und das Lied ist vergessen, aber dieser Moment... Auch er ist nicht verschwunden.
Sie haben nämlich gelogen. Es gibt Dinge, die ewig bleiben. Seien sie aus Gold oder aus Blei, - sie bleiben. Sie zeigen dir den Wert, sie zeigen: Sieh her, dieses hier, das darfst du nicht vergessen. Also sortiere ich Papier, schreibe meine kleinen unbedeutenden Notizen, an denen schon jetzt der Tod nagt, und schütte Wasser in den Topf; ich lese während es kocht, lese Jane Eyre, lese Maurice, lese Gedichte von Anne Sexton und Sylvia Plath, und lese und lese, und irgendwann gebe ich die Tütensuppe ins Wasser und sehe, wie es Blasen wirft. Drüben, auf der andren Seite, dort, im Hinterhof, da sind neue Leute eingezogen, ein junges Paar (vielleicht); er steht am Fenster der Küche und zupft am Basilikum, sie richtet die Vorhänge im Wohnzimmer. Ich sehe sie ganz genau, während ich dort stehe, mit Anne Sextons letzten Worten auf der Zunge: live now, live now, und es ist ein Schleier, den man mir vom Gesicht zieht, es ist ein Tag im April 2009, es ist alles, alles Glück, es war Glück, das reinste, was wir bekommen konnten, und nichts, was sich später Unglück schimpfte, und Umzug, und Wut, und Kapitulation kann es je berühren.