in memoriam amicae, adrienne mesurat
ich bin aufgeschreckt
des nachts
& habe im schrecken glatt alle träume vergessen.
so saß ich auf der kante,
das gesicht in der hand & die hand an die wände gedrückt,
& sah den mond draußen, -
der mond sprach mir von adrienne.
ich hörte sie die treppen hinaufgehn,
in ihrem schwarzen trauerkleid,
so ging sie die stufen hinauf, sie sang das lied ihres vaters,
selige, geliebte;
aber es half nichts. ich musste aufstehn,
ich nahm die decke & wickelte sie mir um die nackten beine,
um die nacktheit, die absolute, bataille hat davon geschrieben,
so nackt bin ich gewesen in dieser nacht,
in jeder nacht,
nackt bis auf die haut, völlig bloß, nur die narbe an der hüfte,
nur die narbe im nacken, am oberschenkel, unterm arm,
in allen nächten,
nur das weiße licht des mondes trennte mich vom fall,
die decke wog schwer, so ging ich durchs zimmer.
möglicherweise bin ich nicht angekommen, dachte ich im halbschlaf als die wolken das mondlicht zerstreuten. möglicherweise habe ich auch ein krokodil im badezimmer liegen, das nach menschenfleisch schnappt; eine venusfliegenfalle, die wein trinkt; eine geliebte, deren lachen die ratten lockt. möglicherweise zähle ich jeden schritt, den ich nehme, & multipliziere ihn mal drei. (zwölftausendsiebenhundertdrei&siebzig). möglicherweise gehn die möglicherweise aus, mit jedem wort ein kleines bisschen mehr. wen hatte ich geliebt als ich berlin verließ? welches herz hatte geschlagen bei ihren worten, - sie, deren name ist wie ein fluch, - das erste, was pandoras büchse entkam, - als rauchwolke fliehen die silben, zerstäuben auf meiner zunge zu bittermandeln, zu dem geschmack von schnee.
ich höre die nachbarn laut streiten.
sie streiten möglicherweise auch deinetwegen.
immer & immer & immer,
adrienne,
ich habe dir auf der treppe etwas zugeflüstert,
kleine, süße, mein herz, -
als dein vater deinen namen sagte,
da war es mein kuss, der dich rasend machte.
ich war es, der bei dir saß,
adrienne,
ich, der mit dir die nacht durchwachte...
& so lege ich das buch zur seite, des nachts, während draußen andere hunde den gleichen mond anheulen; getriebene, wilde tiere. ich höre manchmal ihre krallen auf dem asphalt aufschlagen, dann, wenn sie rennen. mir ist so, als jagten sie etwas. (es könnten die ratten sein). eine nacht ist es, in der das glas der fenster im rahmen zittert. eine kalte, eine ewige nacht. ich, der ich die decke um mich gewickelt habe, stehe da, sehe mond & hunde, ich sehe das glas dort eingerahmt von holz, & denke: adrienne, wie war dein name?, & merke dabei nicht, wie absurd diese frage ist. ich habe immer gewusst, wie du heißt.
adrienne mesurat.

