Montag, 21. November 2011

Das Gewicht der Liebe

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1.
Du lässt mir nichts als Bedrängnis, als Widerrede und Widerspruch, nichts lässt du mir ganz. Keinen Namen, und kein Herz. Also versiegle ich mir den Mund mit deinen Lippen.

2.
A. hat sich verändert. Er ist größer, ist kleiner, ist ungleich 2. Das ist einer, der zur Begrüßung nicht stehen bleibt - der fällt dir in die Arme wie Brennholz, der geht dir in Flammen auf, und mit ihm deine eigenen Hände.

3.
Wie viel Tag bleibt übrig? Wie viel Nacht?
Ich seh ihm dabei zu, wie er einen Teelöffel voll Honig in den Quark mischt; er isst mit Kussmund und geschlossenen Augen. Er verlangt weder nach Brot, noch nach Kaffee, er braucht kein Frühstück am Tisch, wo man sich wie Scharfrichter gegenüber sitzt, jeder mit einem Henkerschwert in den Fäusten und ein spitzes Wort auf der Zunge: Urteil auf Urteil, so folgt man der Sitte. Das muss ich nicht haben.

4.
Was ein Gedanke sein will, und meistens keiner ist: Dutzende Menschen ergeben sich nicht der Lust. Auch ihrer Bestimmung folgen sie nicht. Stattdessen ist jeder damit beschäftigt, diesen einen, diesen ganz gewissen Zustand aufrecht zu erhalten. Liebe? Ja, aber bitte mit Freiheiten. Und Freiheiten nur mit gewissen Sicherheiten. Am Ende haben sie dann nichts von beidem, und seufzen viel.

5.
Wir stehn uns gegenüber wie Flüchtlinge; wir lassen uns kaum aus den Augen. Wir sehn uns so an, als wären wir offene Fenster, ein Ausblick aufs Meer. Alles, was man vom Leben wollen kann.

6.
Wie viele Jahre soll das eigentlich so weitergehn? Unbeantwortete Anrufe, Nachrichten auf dem AB. Blinklichter einer verlorenen Jugend. Immer, wenn du in der Stadt bist, knallen mir die Lichter aus; ich bin reizbar, vergesslich, besinnungslos. Ich sehne mich nach Vergessen, und Ruhe, nach einem Nachmittag im Park, wo die Sonne scheint und wärmt; ein Tag am See, der endlos ist und voller umgeschlagener Seiten; am Abend dann der Rotwein aus bauchigen Gläsern und Kerzenlicht... Ein Cliché wünsch ich mir zurecht, einen fernen, unglaubwürdigen Traum...

Stattdessen: Das Riesenrad und sein müdes Flimmerlicht - von ganz oben winkt ein pinker Handschuh ganz nach unten, und keiner winkt ihm nach. Lautstärken, die sich verdoppeln: Karussellmusik, Geschrei, Hundebellen. Wir sitzen im TXL beieinander. Deine Beine, meine Beine, ganz viel Hitze dazwischen.

Und ganz viel Hass drum herum.
Die tolerante Gesellschaft ist eine erlogene Gesellschaft. Das weiß ich jetzt. In diesem Bus ist niemand tolerant. Ich spüre Blicke wie Nadelstiche; die ganze Fahrt über verlangt es Mut, deine Hand zu halten. Beim Aussteigen werden wir vorwärts gestoßen. A. lacht. Ich stoße zurück. Es kommt fast zur Schlägerei. Was die Leute sich einbilden, hör ich irgendwen sagen, und denke: Ja, was diese Scheißleute sich bloß einbilden.

7.
Nothing hurts but your mouth*

Zoey sitzt mit Joseph in der Küche, und beide sehn auf, als wir reinkommen. Wir sind wie Brüder, wie Diebe, wie Mörder. Ich trage deine Tasche, und du meinen Schal. Ich hab vergessen, dass sie hier sind. Sage: Das ist A., und A. strahlt.

Wir haben uns schon getroffen, sagt Zoey und lächelt im linken Mundwinkel. Das macht sie wunderschön. Wir nicht, sagt Joseph, steht auf, wischt sich die Hände an der Schürze sauber, schüttelt A. die Hand, und setzt sich wieder; schneidet Karotten, Paprika, Zucchini. Sagt: Er sieht echt gut aus; das passt zu dir. Und zeigt auf den Schal.

Sie setzen sich nebeneinander, und Zoey fragt: Was machst du diesmal hier?, und A. sagt: Ich hab ein Shooting in Mitte, und Joseph fragt: Wofür?, und A. sagt: Fashion, Fashion, immer Fashion, und lächelt. Dialoge, die man ausführt wie Hunde. Nicht wie Debütantinnen. Könnte mein letztes Shooting sein, überhaupt. Bin nicht mehr bei 2Morrow, und bald auch bei keiner anderen Agentur mehr. Das ist alles nicht gesund. A. greift zu ein paar Karotten, kaut.

Es geht auf einmal ein Windstoß durch den Raum, eine Brise eigentlich, nur ein Hauch, der die Blumen in der Vase in Unordnung bringt, aber ich atme plötzlich Welt, atme ein ganzes Leben, eine ferne Kindheit und eine Jugend voller Wunder - was? Berlins Himmel sind alle weit, und das Licht ist wie geschaffen für einen trägen Tag im Bett. Ist das dein Leben? Ein ewig letztes Tanzen direkt am Abgrund,... Ein ewig Wollen, ein ewig Wollen. Ich sehe zu Zoey, die sich ihr kaffeenes Haar zum Zopf knotet, und zu Joseph, der das Gemüse schneidet, und zu A. Hier zerschellen alle Blicke. Hier bricht sich Feuer frei. Und mein Blick fängt Flammen.

Glück tut sich auf wie eine Tür, es ist ein Rippenstoß. Glück tut dir Gewalt an, es lässt dich zerschmettert zurück und voller Sehnsucht nach mehr. Es heißt immer: Vergiss nicht. Immer: Erinner dich. Immer: lebe ganz - mit allen Drohungen, mit allem Scheitern - lebe ganz. Und meide Kompromisse, sag Ja, sag Nein, und nie Vielleicht - entscheide dich. Alles führt zu diesem Augenblick, zu diesem einen, niemals reversiblen: Das ist dein Leben.


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8.
Wir sitzen beim Southern Comfort in der Küche, und du erzählst mir von Korsika. Von den Wolken dicht bei den Bergen und dem Rauschen der Korkeichen, den Gerüchen der Zypressen, Dattelpalmen, Feigenbäume... Du erzählst von dem smaragdgrünen See zwischen den zerklüfteten Felsen, der Weite der Sonne, die über alles Land strich und es erwärmte, und dem alten Mauerwerk in den Dörfern. Der schwarze Strand von Nonza. Du erzählst von dem Mädchen, das du geliebt hast - einen Sommer lang -, und dann an einen anderen verloren, und sie, ganz zierlich mit dichtem braunen Haar und braunen Augen und einer Haut wie Rohrzucker, sie war wunderschön - ach, warte, ich zeig sie dir: Und da, auf der Photographie, ist sie dann mit einer Sonnenbrille, den Kopf nach unten geneigt, und im Hintergrund ein beiges Haus mit grünen Fensterläden, ein blauer Himmel, groß, und weit, eine sonnige Wolke ganz in der Ferne; und sie lächelt.

Ich sage nichts. Höre nur zu. Lasse Korsika in mich einziehen wie einen Sommersturm. Alethea. Der Name klingt mir im Mund nach, ich will ihn immer wieder sagen.

9.
Ist das nicht alles, was ich vom Leben immer wollte?

Ich erzähle dir von Paris im Januar, den warmen Tagen, als wir in Schal und Winterjacken am Gare du Nord ankamen, im schwülen Regen zur Rue Lamarck, und nach Hause, in die Wohnung vom Parisien, in sein chaotisches Zimmer, wo wir saßen und lachten und Dido and Aeneas von Purcell hörten, wo wir in Kneipen mit fremden Freunden tranken, und der Blick vom Centre Pompidou - auf ein goldenes Paris. Ein ewiges Nachhausekommen ist diese Stadt, sind die Häuser und Straßen, die Cafés, die Büchereien, der Geruch in der Metro ist ein Erinnern...

Ich erzähle dir von København im Mai - den wilden Blicken am Morgen, und dem Hunger nach keiner Stunde Schlaf, vom Müll der vergangenen Nacht in der Strøget, dem vielen Regen, als wir ziellos durch Christiania gingen, mit dem Blick an den Häusern und Menschen, dem Hasch auf den Markttischen, und Unglauben und Wollenmüssen, und eine Fahrt mit dem Höhenkarussell im Tivoli, wo wir schrieen wie Kinder während die Kinder schwiegen, und die Tour durch die Kanäle, wo ein amerikanischer Tourist von Venedig sprach, das untergeht, und Luke in seiner Bar, wo er uns Getränke mixte, bevor wir abfuhren - in eine helle, fast weiße Nacht.

Von Barcelona im Juli erzähle ich dir, und all der Hitze in den Straßen, der Carrer de Còrsega, wo es laut war vom Lärm des asiatischen Restaurants und der russischen Familie unter uns, die viel fluchte und wenig lachte. Ich erzähle von Feliu Elias und seinem Bild - dem Bild des jungen Mannes in der Galerie -, das ich im Museu Nacional d'Art de Catalunya entdeckt hatte - und dem räudig-grauen Himmel über der Stadt,... Ich erzähle dir von Tomás in der Carrer del Tigre, über den ich bisher mit niemandem gesprochen habe, über sein nüchternes Zimmer und die Bücher von Lenin, Marx und die kritischen Schriften und Werksausgaben, sein wildes Haar, und erzähle von dem Konzert mit Don Toupo und seinem Kumpel Alex, und erzähle von einem Sommer unter dem rotierenden Ventilator, als alles Erwartung war und besseres Wissen und Sehnsucht nach Küssen.

Und London, im September - davon erzähl ich. Von der Irrfahrt vom Flughafen, dem Freitagnachtsirrsinn in der Liverpool Street, als uns die besoffene, junge Frau auf dem Gehweg nach was zu trinken fragte, und uns dann den falschen Bus empfahl; die Suche nach Kensington Garden Square und das übervolle Hotelzimmer, wo niemand schlief und die Wände blau erleuchtet waren vom Facebook-Widerschein; ich erzähle von der Suche nach der T-Bar, die es nicht mehr gab, weil man das Haus niedergerissen hatte, und dem Abend in Brixton, wo ich tanzte, und tanzte, und alles vergaß, was Kummer war und Ärger und wunde Herzen.

Ich rausche beim Erzählen, ich überschlage mich selbst, und du sitzt da, lächelst, fragst: Und was kommt als nächstes?

Ich stehe am Fenster und sehe raus, zu den gelben Bäumen hin, da auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Berlin vielleicht, sag ich. Diese immer andere Stadt,... Wo die Leute laut sind und grell, wo die Touristen vor den Rolltreppen stehen bleiben, wo man klar und gierig in die besinnungslosesten Nächte taumelt - mit Matthieu und dem Hedonisten -, wo man leichtliebt und schwerenttäuscht - nur in den Theatern nicht, wo aller Widerstand in sich zusammenbricht, oder auf den Konzerten, die vergessen machen, was es heute wieder für Probleme gab; die Nächte und Morgen, die frühen Stunden vor den Bäckereien, die nie früh genug öffnen... Ich weiß es nicht - einfach zu Hause sein, vielleicht. Oder Korsika.


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10.
Zwei Tage erst, dann drei sind wir zusammen. Erzählen und erzählen, und unsere Geschichten sind wie ganze Leben; sie wollen nicht enden. Und enden doch - ganz plötzlich.

11.
Am vierten Tag kommst du spät von dem Shooting und siehst schlecht aus, müde, verbraucht; ich erinnere mich plötzlich, wie es war, erinnere mich all der Vergangenheiten wieder, die man in die oberste Kiste zum Staub gelegt hat, zu den Photographien, die irgendwann gelbstichig werden: all dieses bessere Wissen...

Das Bisschen Haut,
das uns vom Herzen trennt.
Das Bisschen Mund und Lippen,
das uns den schlimmsten Kummer bringt.

Am fünften Tag bringst du diese Frau mit, sie heißt tatsächlich Beatrice, und ich kann sie kaum ansehen, so schön ist sie. Mich umgibt zu viel Perfektion seit dem du im Haus bist, sag ich, und du lachst. Was ist an Perfektion schon schlimm? Wir alle wollen von schönen Dingen umgeben sein. Ich stattdessen, ich gehe an all den Spiegeln vorbei, als könnte ich mich an ihrem Bild verbrennen. Perfektion... Was ist Perfektion im echten Leben wert? Wie viel die Geschichten, die Berührungen, das Herzflimmern...?

Ich sitze über den Photos. Zoey. Wie war ihre Liebe leicht, und unbestimmt, ihre Geruchlosigkeit, ihr kaffeenes Haar, die tiefbraunen Augen, ihre Aprikosenhaut... Ich erinnere mich ihrer, als säße sie nicht zwei Meter weiter in der Küche, und spräche nicht mit dieser Beatrice über Tokyo. Komisch, wie die Dinge zu Selbstläufern werden, wie sie unserer Kontrolle entgleiten und einen Wirbel erzeugen, der alles mit sich reißt, alles Wollen und Fühlen, alles Verstehen - warum nicht Zoey, warum nicht sie?

A. legt mir die schmale Hand auf die breite Schulter, und sagt: Komm mit, und ich drehe mich um und sage: Gleich.

Nein. Nicht in die Küche, sagt A., Komm mit nach Italien. Diesmal. Komm mit nach Mailand, ins Haus meiner Tante, es steht jetzt leer bis August nächstes Jahr, direkt an der Porta Magenta, du wirst es lieben. Du kannst da schreiben, denken, ich zeig dir die Stadt.

Eins, zwei, drei - wie viele Herzschläge noch, um mich zurück in Fugen zu setzen? Wie viel Atem, wie viel Blinzeln? Ich habe das Gefühl, die ganze Erde drehte sich um diese Antwort, the shade of things to come, und ich? Sage nichts. Kein Wort.

12.
Wir sind uns Magnet und Eisenspan, sind uns Treibsand und Wanderer - einer verliert immer, wird angezogen, eingesogen - umgebracht. Ich sterbe deiner. Ich kann nicht sagen, was es ist; was mich aufbraucht, mich entzündet und verbrennt, deswegen schweige ich deiner. Ich kann nicht Teil deines Alphabets sein. Kann nicht so sein, wie C., den du erst in Wien, dann in Paris zurückgelassen hast, oder wie I., die vergebens unter dem Flieder gewartet hat, gewartet, gewartet. Auf dich. Alle warten deiner.

Ich nicht.
Ich sehnsuchte nicht mehr.

Im Grunde tu ich überhaupt nichts. Ich gehe durch die Tage und Wochen wie ein Kind, unbedarft berühr ich die und den, verliebe mich schwer und entliebe mich leicht, vergesse Namen, Telephonnummern; ich bin dein Spiegelbild. Den Wind fängt niemand, den kriegt keiner zu fassen. Ich tanze und esse, lese, rede - leicht entschlüpf ich jeder Verpflichtung, ich gehe keine Bindungen ein. Nein. Das Gewicht der Liebe hab ich lang genug getragen, es ist mir zu schwer.

13.
Am sechsten Tag verabschieden wir uns, wie wir uns immer verabschieden. Ich will sagen, es sei jetzt endgültig vorbei, will etwas Pathetisches sagen können, etwas, das den Umfang dieser sechs Tage zusammenfasst, und deren Konsequenz, aber ich küsse dich, umarme dich - und lasse los.

When I am older,
I will change,
back to the way I once was,
when we first,
set our eyes on it.
**


Das ist alles.



*Bush, Mouth
**Panda Su, Eric is dead


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