an dich
Die Kerze flackert unruhig, oder zumindest möchte ich es mir einreden; die Bewegung, die tanzende Flamme in dem kleinen roten Glas, und rund herum das Zimmer, nur das leere Zimmer, Schatten, und ein Hauch, draußen vor den Fenstern, der das Laub aufwirbelt, fortbläst, in die Höhe schleudert und niederdrückt. Nirgends wirkliche Bewegung, nur das Blinzeln müder Augen, ein Wischen mit der Hand und Haut, immer Haut, die sich berührt, die sanft ist und weich, und kalt wird, wenn man sie in die Kälte streckt, hinaus, zum Fenster raus, den Sternen entgegen, die da sind; dort hinter den Wolken, dort, verdeckt vom Blau, und Schwarz und Grau, aber was sind schon die Sterne? Was sind die Sterne neben der Schwärze, die sie umgibt? Und die Sonne und der Mond, was die Welt?
Manchmal bist du wieder da. Ganz unvermittelt, wie Rauch, den der Wind nicht fassen kann, da bist du, mit deinen Haaren, und dem Lächeln, und dann tut es weh. Zwischen Rippen und Lungen, Schmerzen, ein Stechen und Ziehen, als grabe man nach meinem Herzen, und du bist da, stehst irgendwo, vielleicht zwischen der Tür und rauchst deine Zigarette, vielleicht links neben mir und schaust mir über die Schulter, vielleicht draußen auf der Straße, du bist da. Und dann folgt der Stein, dieser stachlige schwarze Dornenkranz, nimmermehr, Gewissheit, mörderische Gewissheit, die es im Leben sonst nicht gibt, die es normalerweise nie gibt, außer jetzt, hier, in diesem Augenblick, wenn du vor mir stehst. Mich anlächelst. Winkst. Und wieder verschwindest.
Und ich, ich würde so vieles gerne sagen, so vieles schreiben und tun, aber ich starre nur, starre dir entgegen und seh dich gehen, immer seh ich dich gehen, und was muss man tun, wenn es zu sehr schmerzt? Was muss man sagen, was muss man denken, damit es besser wird? Die großen Augenblicke, - sie ziehen in Wirklichkeit an uns vorbei; nicht weil sie so groß sind, und schwer und urgewaltig in ihrem Auftreten, sondern gerade weil sie einfach passieren, weil es diese eine Sekunde gibt, in der nichts geschieht, und eine weitere Sekunde, in der das Leben bricht und taumelt, lacht und liebt, und man spürt es, spürt es vielleicht, dieses Blitzen und Huschen, aber das Gefühl kommt erst viel später. Es ist gerade so, als hinke das Herz dem Leben hinter her. Vielleicht sind die Gefühle die eigentlichen Trägheitsmomente in uns, die Schwerkraft, die uns bindet und fesselt und uns nicht lässt, und wir denken, wir wüssten wie es ist.
Ich saß im Bus, draußen Regen und der Friedhof, und ich, nein, ich weinte nicht, sondern ich saß nur da und starrte raus, und ich wusste, ich würde gehen, müsste gehen, und dann würde alles wieder werden. Irgendwann, irgendwie. Ich würde zum Bahnhof fahren, ich würde den nächsten Zug nehmen, ich würde nach Hause kommen und lachen und reden und glücklich werden, und trotzdem: irgendwie sitze ich noch immer in diesem Bus, in diesem Augenblick. In meinem Leben existieren tausende solche Augenblicke, die sich nicht mit der Zeit auswaschen, die bestehen bleiben, und schmerzen, und ich versuche wirklich, wirklich sie zu lieben, sie als das zu sehen, was sie sind, und doch will es nicht funktionieren.
Ich seh dich, und ich weiß nicht, weiß nicht weiter, weiß wirklich nicht weiter, wie es gehen soll und wohin, und dann geht die Sonne auf und der Tag reißt mich mit, mit Ebbe und Flut, und irgendwer lacht und irgendwer spricht und ja: die Gefühle, die großen Gefühle sind in jedem Atemzug, aber dann geht die Sonne wieder unter und ich bin allein.
Und ja, ich würde gerne wieder zurück, zurück in die Zeit, in der es die Sorgen nicht gab, oder den Schmerz, die Leere, die Einsamkeit; ich würde gerne wieder dahin, wo ich war, und ich wäre gerne und ich würde gerne, aber es ist alles nur ein Wunsch. Die meisten Wünsche bleiben unerfüllt. Nicht, weil man sie nicht verwirklichen könnte oder weil sie unmöglich sind, sondern weil es die Zeit ist, die sie uns in Wirklichkeit raubt. Wir sind immer anders und nie dieselben, und ich wäre auch im Damals nicht glücklicher als jetzt. Ich weiß, was du sagen würdest, wenn du mich so sehen könntest, und trotzdem: ich weiß nicht weiter. Alles erscheint mir gedreht und gewendet und der Sinn bleibt letztlich auf der Strecke, und dann klingelt wieder der Wecker, und die Züge fahren alle halbe Stunde und ich fülle meine Listen und ich spreche meine Worte und ich schreibe meine Text, aber du?
Du bist nicht mehr da.
Nirgends.
Niemand kann mir sagen, weshalb. Niemand kann mir zeigen wohin. Die Kerze flackert in ihrem roten Glas, und der Wind bläst seine Blätter gegen meine Fenster, und niemand rettet mich. Rettet mich vor mir selbst, und dem, was noch immer schläft und wartet. Ich weiß nicht, wann es angefangen hat; ich weiß nicht mehr, was aus all dem geworden ist, aus den Versprechen und Träumen und den Tagen, an denen es besser war. Ich erinnere mich nicht.
Rauch und Blätter und fahrende Busse,
das ist alles, was geblieben ist.






















