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Donnerstag, 19. Juli 2007

Im Herzen der Finsternis.

Ich habe am ganzen Körper Gänsehaut, als der Abspann läuft; ich zittere, ich bebe vor Wut. Es herrscht Stille, im Raum, eine undurchdringliche lastende Stille, - dann seufzt jemand. Langsam geht wieder das Licht an; ich sitze auf der Couch und starre auf die Namen, die dicht an dicht gedrängt verlöschen, - neben mir kaut man Chips, trinkt Bier. Ich bin so wütend. Auf die Leute um mich, auf die Menschen in Europa, auf mich selbst.

Ich bleibe wütend.
Ich stehe wütend auf, ich gehe wütend ins Bett, meine Wut verraucht nicht einfach.

*

Der Victoriasee in Afrika ist der größte See Afrikas, und mit einer Fläche von 68.800km² der zweitgrößte Süßwassersee der Welt. Sein Nordufer berührt den Äquator und in den angrenzenden Ländern Kenia, Tansania und Uganda leben mehr als 30 Millionen Menschen in unmittelbarer Umgebung des Sees.

Der See, früher ein blühendes ökologisches System, ist heute zum größten Teil nicht mehr als totes Wasser. Der Nilbarsch, eine nicht in das natürliche Ökosystem des Sees gehörige Fischrasse, - ein Raubtier unter den Fischen, - hat das biologische Gleichgewicht gestört, in dem er sich erstens exponentiell fortgepflanzt und zweitens so gut wie alle anderen Fischrassen dezemiert bzw. gefressen hat. Der Nilbarsch ist für uns in Europa, und auch für Asien, eine Delikatesse, und ein rein kommerzieller Fisch für die umliegenden Länder des Victoriasees, d.h. die Normalbevölkerung zieht aus den Fischen nicht mehr als ein paar Dollar, - also weder Nahrung, [sie ernähren sich von den Resten, die von den Firmen übrig bleiben], noch großen Reichtum [die Fischer leben in Armut und bringen arme Kinder zu Welt, die arm sterben]. Pro Tag essen ca. 2 Millionen weiße Menschen Nilbarsch, schwarze Menschen hingegen nicht mal fünf.

Die Flugzeuge aus der westlich-zivilisierten Welt, die in Mwanza [Tansania] landen, um den Fisch nach Europa zu transportieren, bringen im Ausgleich Waffen und Munition aus Europa, und Russland, um die umliegenden Länder mit Schmuggelwaffen für zukünftige Kriege zu versorgen. [Das heißt also wirklich: Fische für die Welt - Waffen für Afrika]. Die Flugzeuge, die auf dem schlecht überwachten und instand gehaltenen Flugfeld in Mwanza landen, bleiben im Zwielicht. Die Bevölkerung, wird von Hunger und AIDS ebenso heimgesucht, wie von der schlimmsten Form der Globalisierung: Der strategischen Versklavung eines Staates zum Nutzen eines Konglomerats von Staaten.

Massive Epidemien, Hungersnöte und natürlich die niemals endenden Bürgerkriege passieren beinahe unbeachtet vom Rest der Welt. Diese bewaffneten Konflikte sind seit dem 2. Weltkrieg bei weitem die blutigsten in der Geschichte. Allein im Osten des Kongos sterben täglich ebenso viele Menschen gewaltsam wie am 11.September in New York. Jeden Tag, das ganze Jahr, findet ein 11. September statt. Wenn nicht total ignoriert, werden die Konflikte oft als Stammeskriege qualifiziert, wie etwa in Ruanda, Burundi oder Sudan. Der wahre Hintergrund ist aber meistens der Einfluss von internationalen Interessen um Rohstoffe.

Die Menschen, die am Rand von Reichtum und Wohlstand leben, gehen elend zugrunde. Ihre Söhne werden zu unterbezahlten Wächtern und Soldaten, ihre Töchter zu Dienerinnen und Huren.


Hubert Sauper, der Regisseur von Darwin's Nightmare, über seinen Film:

Ich habe versucht, den kurzlebigen Boom, den die bizarre Erfolgsgeschichte eines Fisches ausgelöst hat, in eine ironische, erschreckende Allegorie über die so genannte Neue Weltordnung zu verwandeln. Ich könnte den gleichen Film in Sierra Leone machen, nur wären die Fische dann Diamanten, in Honduras Bananen, in Libyen, Nigeria oder Angola Roh-Öl. Nach hunderten von Jahren der Sklaverei und Kolonialisierung in Afrika ist die Globalisierung der afrikanischen Märkte die dritte und tödlichste Demütigung für die Menschen dieses Kontinents.

Ansehen!

*

Wie, frage ich dich, können wir dabei so untätig bleiben? Wie können wir unser Leben weiter leben, wenn es diese Welt wirklich gibt, die da neben unserer existiert? Nein: wenn es unsere Welt wirklich gibt, die sie verklavt hat?

Wir blenden aus, schleudern einen Euphemismus nach dem anderen von uns, nur um uns zu sagen, dass die Welt doch ganz okay, unser Leben schön und alles gar nicht so schlimm ist. Aber es ist gelogen. Ich weiß nicht, aber ich denke, wir müssen Konsequenzen aus all dem ziehen.


[www.attac.de]

nath (Gast) - 22. Juli, 06:03

adasda

ich kenne dieses gefuehl.-
alle blenden sie aus.alle tun das.
hinsehen und aufmerken,das erfordert seelische reife.
konsequenzen ziehen ist ein elitaerer vorgang.
es ist wie mit dem geschlachteten schwein.
bezieht man diese szene in sein essen mit ein,uebergibt man sich.
nath

morbus - 22. Juli, 11:31

elitär oder radikal?
hinsehen & aufmerken oder aufmerken & etwas tun?
wenn man den konsequenten weg bis zum ende geht,
dann bedeutet das auch kein schweinefleisch mehr auf den tellern.
[oder putenfleisch. oder rindfleisch].
dann heißt es: woher beziehe ich mein essen? oder warum muss ich kotzen?

m.E. ist untätigkeit nicht mehr als faulheit. wir informieren uns nicht, weil wir angst davor haben. was heißt es, wohlstand aufzugeben? [wohlstand, den wir für einklagbar halten]. was heißt es, nicht mehr zu verschwenden, sondern zu rationieren? was bedeutet armut eigentlich? [in einer generation von menschen, die weder krieg noch armut kennen]. verdammtnochmal: ich muss selbst beim wichsen an hungernde, kranke menschen denken, die grausam verenden, weil wir in den elfenbeintürmen sitzen, & uns über das miese fernsehprogramm beschweren. oder weil muttchen von neben an nur 600 euro rente kriegt, oder der nette schaffner nicht seine 3000 euro. beschissenes kalkül, lobbyismus, & ja, die elite von morgen frisst sich schlank & kotzt sich fett. herzlichen dank.
pollon - 25. Juli, 00:57

Nun, weder Dir noch den Hungernden ist geholfen, wenn Du beim Wichsen an sie denkst. Ich denke an anderes, In dem Moment kann die Welt warten.*
Etwas Tun. Go ahead. Tu es, Du bist frei, Albert sagt es in jeder Pore seiner Zeilen. Nutze den Dir geschenkten Garten. Es ist schwer.

* Und doch, Du hast schon recht mit alledem, entschuldige.
morbus - 25. Juli, 11:21

abstract

brauchst dich nicht entschuldigen, - prinzipiell war das von mir auch recht ... sagen wir mal: überspitzt. [in dem moment hilft es weder dir selbst, noch den anderen; was ich damit betonen wollte, ist die allgegenwart des leidens, die selbst den genuß im augenblick zu mindern vermag].
freisein impliziert tätigsein, für mich, daher ist die frage, inwieweit die kopffreiheit begrenzt & meine handlungen umsonst sind. [ist es nur das rütteln an gitterstäben?]. ich liebe albert [den! albert] für seine konsequenz, die er aus der freiheit zieht, - sie aber in dem maße anzuwenden, wie wir (!) heute leben, ist mehr als atmende poren. das ist ein drehen & winden in fäkalien, das uns die reichen als essen & wohlstand verkaufen. [baal, - berthold brecht]. aufstehen, - aufstand, - bedeutet heute oft: kopfstand. als kollektiv groß & kräftig, - als individuum nur aussage, nur meinungsbild, nur statistik. [die freiheit als solche, - ist sie also nur rahmenhandlung? ein spielraum der möglichkeiten, die übrig bleiben? wie sonst sollte man werten, was auf der welt geschieht; hier, in europa, & dort, in afrika. in indien. & wieder gespiegelt: in europa? armut, hunger & krankheiten sind kein ausdruck von freiheit, sondern von sklaverei: wir sind sklaven der mechanismen, an die wir uns gewöhnt haben, oder nicht?] daher: etwas tun. jah. nur mit welchen methoden?
pollon - 27. Juli, 09:07

Bin mir selbst nicht sicher, ob Alberts Freiheitsentwurf überhaupt in voller Konsequenz umsetzbar ist - und auch nicht, ob es dem Menschen je möglich gewesen ist. So wahr es ist, für den, der an Camus' Worte glaubt, ist es wahr. Vieles ist wahr, das ist das Problem. Alles ist wahr, je nach gefühlter Philosophie. Das ist einerseits wunderbar, alles ist möglich, andererseits schränkt es die Wahl der Methoden ein: niemand kann sagen, was richtig und falsch ist, ich denke es gibt eh kein richtig oder falsch, darüber zu bestimmen wollen ist anmaßend und wertend (meine nicht Dich). Der Mensch ist von Grund auf anmaßend und besitzergreifend, er ist ein Mängelwesen (starten wir bei Locke, Nietzsche und Gehlen), das Essen, Geld und Sex benötigt. Hat er das eine nicht, nimmt er sich das andere. Es erfordert Demut (nicht die ethisch oder auch die religiös motivierte) vor der eigenen Unzulänglichkeit, dem eigenen Unvermögen. das ist schwer, und ich glaube nicht, dass das dem Konsumenten in der Masse bewusst ist. Reden, schreiben, publizieren, kommunizieren. Was noch? Nach Afrika und Indien gehen? Alles spenden, bis man selbst hungert? Deutscher Herbst (nach wie vor verlockend!). Und allein diese Überlegungen schon halten uns gefangen, birgen die Mechanismen, die uns versklaven.

Interessant, dass Du Baal erwähnst, den anscheinend selbstzufriedenen, selbstgerechten Dichter, der noch im Sterben auf den Regen horcht. (der noch im Sterben nur wartet, aber nicht handelt? Habe ihn nicht gelesen, nur kurz recherchiert)