Im Herzen der Finsternis.

Ich habe am ganzen Körper Gänsehaut, als der Abspann läuft; ich zittere, ich bebe vor Wut. Es herrscht Stille, im Raum, eine undurchdringliche lastende Stille, - dann seufzt jemand. Langsam geht wieder das Licht an; ich sitze auf der Couch und starre auf die Namen, die dicht an dicht gedrängt verlöschen, - neben mir kaut man Chips, trinkt Bier. Ich bin so wütend. Auf die Leute um mich, auf die Menschen in Europa, auf mich selbst.

Ich bleibe wütend.
Ich stehe wütend auf, ich gehe wütend ins Bett, meine Wut verraucht nicht einfach.

*

Der Victoriasee in Afrika ist der größte See Afrikas, und mit einer Fläche von 68.800km² der zweitgrößte Süßwassersee der Welt. Sein Nordufer berührt den Äquator und in den angrenzenden Ländern Kenia, Tansania und Uganda leben mehr als 30 Millionen Menschen in unmittelbarer Umgebung des Sees.

Der See, früher ein blühendes ökologisches System, ist heute zum größten Teil nicht mehr als totes Wasser. Der Nilbarsch, eine nicht in das natürliche Ökosystem des Sees gehörige Fischrasse, - ein Raubtier unter den Fischen, - hat das biologische Gleichgewicht gestört, in dem er sich erstens exponentiell fortgepflanzt und zweitens so gut wie alle anderen Fischrassen dezemiert bzw. gefressen hat. Der Nilbarsch ist für uns in Europa, und auch für Asien, eine Delikatesse, und ein rein kommerzieller Fisch für die umliegenden Länder des Victoriasees, d.h. die Normalbevölkerung zieht aus den Fischen nicht mehr als ein paar Dollar, - also weder Nahrung, [sie ernähren sich von den Resten, die von den Firmen übrig bleiben], noch großen Reichtum [die Fischer leben in Armut und bringen arme Kinder zu Welt, die arm sterben]. Pro Tag essen ca. 2 Millionen weiße Menschen Nilbarsch, schwarze Menschen hingegen nicht mal fünf.

Die Flugzeuge aus der westlich-zivilisierten Welt, die in Mwanza [Tansania] landen, um den Fisch nach Europa zu transportieren, bringen im Ausgleich Waffen und Munition aus Europa, und Russland, um die umliegenden Länder mit Schmuggelwaffen für zukünftige Kriege zu versorgen. [Das heißt also wirklich: Fische für die Welt - Waffen für Afrika]. Die Flugzeuge, die auf dem schlecht überwachten und instand gehaltenen Flugfeld in Mwanza landen, bleiben im Zwielicht. Die Bevölkerung, wird von Hunger und AIDS ebenso heimgesucht, wie von der schlimmsten Form der Globalisierung: Der strategischen Versklavung eines Staates zum Nutzen eines Konglomerats von Staaten.

Massive Epidemien, Hungersnöte und natürlich die niemals endenden Bürgerkriege passieren beinahe unbeachtet vom Rest der Welt. Diese bewaffneten Konflikte sind seit dem 2. Weltkrieg bei weitem die blutigsten in der Geschichte. Allein im Osten des Kongos sterben täglich ebenso viele Menschen gewaltsam wie am 11.September in New York. Jeden Tag, das ganze Jahr, findet ein 11. September statt. Wenn nicht total ignoriert, werden die Konflikte oft als Stammeskriege qualifiziert, wie etwa in Ruanda, Burundi oder Sudan. Der wahre Hintergrund ist aber meistens der Einfluss von internationalen Interessen um Rohstoffe.

Die Menschen, die am Rand von Reichtum und Wohlstand leben, gehen elend zugrunde. Ihre Söhne werden zu unterbezahlten Wächtern und Soldaten, ihre Töchter zu Dienerinnen und Huren.


Hubert Sauper, der Regisseur von Darwin's Nightmare, über seinen Film:

Ich habe versucht, den kurzlebigen Boom, den die bizarre Erfolgsgeschichte eines Fisches ausgelöst hat, in eine ironische, erschreckende Allegorie über die so genannte Neue Weltordnung zu verwandeln. Ich könnte den gleichen Film in Sierra Leone machen, nur wären die Fische dann Diamanten, in Honduras Bananen, in Libyen, Nigeria oder Angola Roh-Öl. Nach hunderten von Jahren der Sklaverei und Kolonialisierung in Afrika ist die Globalisierung der afrikanischen Märkte die dritte und tödlichste Demütigung für die Menschen dieses Kontinents.

Ansehen!

*

Wie, frage ich dich, können wir dabei so untätig bleiben? Wie können wir unser Leben weiter leben, wenn es diese Welt wirklich gibt, die da neben unserer existiert? Nein: wenn es unsere Welt wirklich gibt, die sie verklavt hat?

Wir blenden aus, schleudern einen Euphemismus nach dem anderen von uns, nur um uns zu sagen, dass die Welt doch ganz okay, unser Leben schön und alles gar nicht so schlimm ist. Aber es ist gelogen. Ich weiß nicht, aber ich denke, wir müssen Konsequenzen aus all dem ziehen.


[www.attac.de]

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