Freitag, 3. August 2007

Mrs. Dalloway is falling through the looking glass

Wieder zähle ich Tage. [Noch elf, dann zehn, schließlich über das Wochenende gerettet, dann in Papiertüten geatmet: Noch sieben Mal schlafen]. Die Seine ruft mich in glitzernder Schwärze, und mit ihr ganz Paris: Komm, Nomade, komm & finde, was Du suchst. Suchen? Finden. Immer dieses esoterische Geschwätz, ...

Während ich noch hier in Deutschland bin, - morgens halb und halb in fröstelnder Wärme vergraben, mittags mit offenen, saugenden Augen das Leben jagend, abends mit bleiernem Herzen die Möglichkeiten atmend, nachts befreit in verschiedenen Selbstentwürfen, - da schrecke ich zusammen. Bin ich. Könnte ich. Nichts verfügt über Substanz, - alles wankt und wackelt, drückt an den falschen Stellen ein, zerfließt, zerfällt, geht unter, nichts bleibt in der Form. [Das ist doch das falsche Rezept für den richtigen Kuchen]. Also gut. Die Strecke Paris-Berlin-Frankfurt höhlt mich aus, - schlägt mir Löcher in Kopf und Magen, - und ich bin die meiste Zeit schrecklich verkrampft verspannt verschreckt. Sehen so die Optionen aus? Willst du denn das alles wirklich riskieren? Mein Bauch sagt laut Jein, und weist weiter auf den stotternden Verstand. Wie? Herz, sagen Sie? Das Herz. Ja, das pumpt weiter lauwarmes Blut durch meine wippenden Beine, durch meine verschlungenen Arme, in meinen abwesenden Kopf. Da bleibt wenig Inhalt. Stattdessen sitze ich also vor dem Plan, und schiebe ein paar Zeittafeln von links nach rechts, - meist in der irrsinnigen Hoffnung, ich bekäme dadurch mehr Strukturen, - und irgendwie. Nein. Irgendwie strengt es mich schon sehr an. Keine Unterkunft, dafür ein paar Tickets. Keine Aussicht auf Erfog, dafür richtig böse Ungewissheiten. Die Sprache kippt mir klappfassadig gegen Stirn und Nerven, und ich denke nur: Du hast nicht mal deinen Métro-Plan bei dir. Was weiß da schon das Herz? [Das Herz flüstert über Kopf und Bauch hinweg: Ach, das wird schon werden].

Nur noch ein paar Nächte, und dann sitze ich wieder in einem neuen Jahr, in einem neuen Fragment, in einer anderen Zeitgeschichte. Notre Dame, - da will ich wieder sitzen, an genau demselben Fleck, auf der steinernen Brüstung, mit dem städtischen Grün im Nacken, und ich will wieder unter dem launischen lastenden Augusthimmel das Herz im Anschlag spüren. [Peng, peng, und du bist tot, - nur vorher lebst du zwischen zwei Ewigkeiten]. Das Carré will ich wieder schmecken, - viel zu nah am Marais, aber mit Leichtigkeit! Et le Caveau de la Huchette. Und so weiter, und so weiter. Ich will nicht das letzte Jahr in neuen bunten Tüten, auch wenn sich die Zeiten überschneiden: ich will mehr von dieser Stadt, - ich will mit dieser Stadt Unzucht treiben, - und dann spottend arrogant und voller Demut ein Denkmal bauen. Ich will zu denen gehören, die Kurznachrichten aus Italien schreiben, die nach Hamburg ziehen, die ein Leben auf den Kopf stellen, - nur für eine Weile, vielleicht, nur für einen Augenblick, aber mit einer solchen Unschuld, dass selbst der Wahnsinn innehält. Wenn es nicht so funktioniert, dann eben andersrum.

Also kaue ich jetzt den Ballast mit knirschenden Zähnen, und denke: Du wirst ein bisschen schiefer vorwärts gehen, krumm vielleicht und schräg, durch die Straßen und an all den Gesichtern vorbei; vielleicht taumelst du, und fällst sogar, und bleibst schließlich dort sitzen, wo es dir auf den ersten Blick gar nicht so gefällt, aber wer weiß? Vielleicht ist das auch dein Platz, auf dieser Welt.


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