Elementarteilchen: Chaos und Wahnsinn, Pt.1

Kurznachricht an das Chaosmädchen. 12:35 Uhr, Berlin.
Wir haben das seltene Glück, dieselbe Zeit & denselben Ort miteinander zu teilen. Wir sollten glücklich sein. Wir sollten vergessen, was wir verlieren, - sei es die Zeit, den Verstand oder die Kontrolle. Letztlich ist das alles überhaupt nicht wichtig. Nur wenn wir zeitlos leben, sind wir im Augenblick lebendig, erst wenn wir den Wahnsinn schmecken, erkennen wir die Wirklichkeit & ein Moment ohne Kontrolle bedeutet ein Leben voller Möglichkeiten. Ich denke, wir sollten das endlich lernen. Oder was sagst Du?

Kurznachricht vom Chaosmädchen. 15:21 Uhr, Gießen.
du besoffener, du vom wahnsinn besoffener, gib einer ertrinkenden nicht noch mehr wasser. sie kann doch fast nicht schwimmen.

Kurznachricht an das Chaosmädchen. 15:34 Uhr, Berlin.
Jetzt stell Dich nicht so an. Du brauchst nur einen Tauchschein & sonst nichts. Mehr Wasser ist die einzige Konsequenz für diejenigen, die aufs Meer hinaus wollten. Haha, ja, klingt einfacher als es ist. Trotzdem.

*

Das Chaosmädchen studiert in Gießen Medizin.
Ich studiere in Tübingen Philosophie und Französisch.

Wir beide sind in unseren Grenzen unglücklich; sie, weil ihr das Studium die Zeit zum Leben raubt, und ich, weil ich Dänemarks Gitterstäben nicht entkommen kann. Wir sehnen uns beide nach der Freiheit, die keine Option ist, kein Ferienhaus am Mittelmeer, oder ein schickes neues Auto; die Art von Freiheit, die man sich selbst verspricht, wenn man den Umständen einen bläst. Eine absolute Freiheit. [Etc.]
Trotzdem ertrinken wir nicht in den Möglichkeiten, die uns das Leben zum Trinken reicht. Wir bekommen Wissen als Zuckerguß, den man uns missgönnt. Wir bekommen Probleme mit Mitbewohnern [sie], oder Probleme an der Uni [ich]. Unsere Väter drucken uns das Geld, das wir im Grunde nicht verdienen, und das wir auch gar nicht wirklich wollen. Geld ist für uns nur ein Mittel, - etwas, das wir gebrauchen wie jeden anderen Alltagsgegenstand auch; es ist uns kein Substitut für das, was in der Welt fehlt. Daher sind wir sozial-engagiert. [Hochtrabendes Geschwätz, über das wir im Nachhinein lachen].
Das Chaosmädchen und mich verbindet etwas Platonisches, Kosmisches, Altes. Wir sind uns gegenseitig sowohl Positron, als auch Elektron; wir sind Elementarteilchen des Wahnsinns und des Chaos', die in kalten Explosionen detonieren, um kochend in Halbwertszeiten zu zerfallen, um sich in Kernschmelzen neu zu formieren, um wieder zu zerstäuben, - und so kreisen wir bis ans Ende gemeinsam umeinander. Trotz des abnehmenden allgegenwärtigen Kontakts, den die Ferne zwischen uns verliert, bleibt immer eine Gewissheit zurück, die uns sogar in den schlimmsten Stunden daran denken lässt, dass es immer noch den anderen gibt; eine Möglichkeit, eine Vertrautheit, und wahrscheinlich auch eine Form der Selbstverständlichkeit. [Etc.]

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