Opfer, Pt.2

Stilisierungen sind Opfergaben, die man in goldenen Schalen reicht, sagst du, und betupfst deinen weinroten Mund mit goldenem Puder. Dann siehst du mich mit diesem Augenaufschlag an, - so entstehen Auffahrunfälle, - und atmest Weihrauch und Myrrhe in Seligkeit. Warum du dich bewegst, weiß ich nicht, verstehe ich nicht, bleibt mir unklar stammelnd auf der Zungenspitze als Frage zurück, aber du tust es: deine Beine schweben aus dem roten Minirock heraus, fliegen überkreuzt und quer über den Asphalt, in Richtung Sonne, und dein Arsch schwingt zu dem Soundtrack meines Lebens mit. [Dabei fällt dir Feenstaub aus dem Haar]. Lächle, Liebes, lächle für mich, sagst du, und ich folge still der Aufforderung.

this could be ...

Berlin, Alexanderplatz und der Wind steht still.

Plötzlich ist wieder Sommer, - mit blauem Himmel, Sonnenschein und Vogelzwitschern, - und gläsern atmet die Lunge die Kondensstreifen der Ewigkeit. Du bist du, du bist ein Mann bist ein Mann bist ein Gott in verfaulender Haut bist Atome bist Schall und Rauch. Alles, was ich vorhin noch dachte, ist nichts mehr wert. Was folgt sind fehlende Bezugspunkte auf der Sternenkarte in meinem Kopf: Wohin, Nomade?
Ich wusste, der Wechsel von T Punkt nach B Ausrufezeichen würde nicht so einfach werden. Ich wusste es schon in dem Moment, als ich die erste Zeile an die FU per e.Mail schrieb. Alles, so scheint es: die Welt, das Karma und die kleinen Einzelschicksale, die sich mir in den Weg stellen, wollen sich mir selbst nach tränennassem Flehen nicht zu Füßen legen. Im Gegenteil. Mir ist, als trete man mich zu Boden. Da, das hast du von deinen Unverschämtheiten. [the wall is in your head]. Als sage jemand: Nein, noch ist es nicht an der Zeit ... Immer wieder fährt mir ein weiteres Problem vor den Bug, - erst die familiären Probleme, dann die finanziellen, jetzt die universitären. [Ich bin die Titanic, und die Welt ist mein Eisberg]. Warum kann ich mir selbst nicht erklären. Es ist nicht so, als würde ich alles unnötig kompliziert machen; dafür sorgt schon der Rest der Welt. Es geht nur nicht. Das ist alles. Da sind es die fehlenden Scheine, hier sind es die fehlenden Einstiegs- und Wechselmöglichkeiten. Überall lauert Dänemark.

Im Auto überlege ich noch, was mir das alles eigentlich wert ist. Ich überlege, was ich hier suche, was ich hier will; ich überlege, warum mir mein Verstand jeden Abend erneut von Gewissheiten spricht, die ich in diesem alltäglichen Bewusstseinsstrom verliere, warum ich spüre, was seit so langer Zeit in Drachenblut zu Stein erstarrte. Warum jetzt, warum hier? Die Lebendigkeit tritt mir in die Fersen und sagt: Keiner weiß, was es bedeutet, am Leben zu sein, und ich nicke apathisch mit zu den Wolken, die sich in einer der Ruinen verfangen. Es folgt: Zögern, Innehalten, Atmen. Es ist Gänsehaut, die mir in Kaskaden den Nacken benetzt, und ich denke an all den Verfall und Ekel, an die Arbeitslosigkeit und an die Hoffnung, die am Boden der Büchse zurückblieb. [Wünsch dir was]. Ich denke in diesen fünf Minuten, die mich von Marko und Linda trennen, an Andrea, der sein Leben so restlos, so gründlich lebt, als könne er gar nicht anders; ich denke an das Chaosmädchen, die in Gießen in ihrem eigenen Kerker sitzt; ich denke an die Möglichkeit eine Art Potential zu vergeuden, denke an mich und den Mann, der ich sein könnte. Es ist viel zu viel, in meinem Kopf, und es will nicht raus, also spiele ich Musik in Dolby-Digital. [I love it, I hate it, I feel like a whore / I give it, I take it, I come back for more / I build it, I break it, I even the score].

In der S-Bahn dann die Erkenntnis: Im Leben geschieht nichts ohne Opfer. Also bin ich zu Opfern bereit, - selbst dann, wenn die Opfer so groß sind, das sie alles Bisherige in Frage stellen. Also muss ich entweder das Studium in T Punkt abbrechen [und mal ehrlich: was soll's?], oder ich warte weiter, schiebe meine Ungeduld auf die lange Bank, auf der schon meine Träume auf Erfüllung warten, und bleibe, beende und gehe an dem Wahnsinn zugrunde, der mir in der Sturmhöhe auflauert. Es gibt nur die Freiheit, die beständig wie Aasgeier über mir ihre Kreise zieht, oder das Weitergleiten auf der dünnen Eisschicht, die mich vor dem Abgrund schützt. [O Gott, so viele Metaphern]. Ich fühle mich ungleich kindisch, während ich mich in großen Zügen am Bier verschlucke, während ich diese Gedanken denke, die nur auf der Stelle treten, aber ich fühle kein Bedauern dabei. Ich reiße ein bisschen an meinem Hemdkragen und öffne den obersten Knopf.

Denke weiter.

Name

Url

Meine Eingaben merken?

Titel:

Text:


JCaptcha - du musst dieses Bild lesen können, um das Formular abschicken zu können
Neues Bild

 


1984 vs. me
Auszüge
Avalons Erben
Bahnbegegnungen
Cardiomania
Chaos, Unverstand und Wahnsinn
Cine-Mania
der ewige Kampf
egotrip
fort-laufend
la tristesse
Opium2Go
out of mind | b-sides
Parallelwelt: Strich(er)leben
shortcuts to my brain
Traumsequenzen
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren