die deutschlandfrage, pt.2
Julian:
wir können uns nicht durch das definieren, was wir waren. der krieg hat uns von der vergangenheit abgeschnitten und von der ichheit des kollektivs gelöst, hat uns anonym gemacht und in eine welt gestoßen, die sich jetzt selbst fremd ist. wir wissen, aber wir erinnern uns nicht. wir erinnern uns, aber fühlen nicht. du kannst nicht im ernst erwarten, dass wir nur dann etwas sind, oder zu etwas werden, wenn wir uns dieses SEIN setzen, - die reinheit des mordens hat den stein des sisyphos zur lawine verwandelt, - daher sind wir nie so, wie wir uns selbst sehen.
es bleiben teilwahrheiten, die sich nur wieder aufs neue zersplittern, und letztlich bricht man sich selbst zu scherben. die frage nach der deutschen identität ist älter als du und ich zusammen, und eine klare "so ist es und so wird es immer sein" antwort wird es nicht nie niemals geben. dafür sind wir zu sehr europäer, veränderung, umbruch, kriegsgetümmel.
ich denke, es geht dabei um die akzeptanz des zersplittertseins, des zweifelns, des infragestellens. ich für meinen teil übernehme die rolle des skeptikers, des verrückten wissenschaftlers, des manisch-depressiven autoren und des weltfremden philosophen in einem atemzug, aber deutschsein ist in der auflösung der grenzen gleichgültig, oder was?
*
[Nachtrag meinerseits].
Hat uns tatsächlich der Krieg von der Vergangenheit abgelöst, oder nicht viel mehr die Tatsache, dass es so etwas wie die Deutsche Geistige Einheit niemals gab? [Ich bräuchte einen Geschichtsprofessor, der mit verstaubter Bibliotheksstimme den Finger auf die Deutschlandkarte legt und sagt: Im historischen Kontext müssen wir natürlich folgendes beachten ...] Natürlich hat der Krieg alles verändert, aber es liegen jetzt zweiundsechzig Jahre zwischen dem Ende des Krieges und Heute; Deutschland hat mehr gesehen als Bomben und Ruinen. Allein meine Generation kennt weder Armut, noch Hunger, - von den anderen Schrecken des Krieges ganz zu schweigen. [Es ist wahrscheinlich komplexer, oder einfacher. Je nach dem].
Die Sprache, die Sprache!, schreien die Altvorderen aus den letzten Reihen und werden ganz hysterisch. Ja, die Sprache. Aber auch die Sprache entfremdet sich, die Inhalte, die Worte selbst entfremden sich und werden von der Macht des Anderen erniedrigt. [Um auf Péguy noch mal zurückzukommen]. Wir stammeln heute und werden auch in Zukunft stammeln, und absorbieren mit Gleichmut die Anglizismen, die uns die Globalisierung auf dem Silbertablett reicht, - das ist okay. Die deutsche Sprache hat das schon immer getan, hat immer Worte ihrer eigentlichen Sprache entlehnt, gebeugt und an sich gerissen, - deshalb ist sie letztlich auch so flexibel und vielfältig, diese Sprache. Natürlich bleiben immer Teile zurück, Relikte, die sich benutzen und lieben lassen, - Dinge, die einsinken und ruhen können, und die nicht unter den Hieben der Zeit entzwei brechen. Aber kann man unter diesen Voraussetzungen von dem Element sprechen, das Sachsen, Bayern, Baden-Württemberger und Berliner Deutsche sein lässt?
[Das ist eine kindische Analyse].
Was Julian gesagt hat, fühlt sich richtig an. Das Gefühl des Zersplittertseins, des Unvollständigseins, des Zerissenseins. Bedeutet das Deutsch-Sein?























