Über eine Hochzeit.

Eine Erinnerung.

Mit mir selbst verschlungen sitze ich in einer der hintersten Reihen, und starre apathisch auf das Kreuz; das Kreuz und Jesus, die Ikone des Todes. Ich sitze tatsächlich in einer. Da schiebt sich die Orgelmusik in das geräuschvolle Tuscheln der Menschen, überdröhnt dann schließlich gekonnt alle weiteren Möglichkeit des Denkens und ertränkt uns alle in Ehrfurcht. [Oder zumindest alle anderen; ich bekomme Kopfschmerzen]. Es nieselt draußen, und der Wind bläst durch das uralte Gebälk, - beides bleibt mir Gott sei Dank die meiste Zeit in Erinnerung, denn meine Schuhe sind nass, und meine Augen tränen leicht. [Das fasst die alte Dame neben mir im ersten Augenblick als Rührung auf, reicht mir ein Taschentuch und beginnt so einen Satz wie: Jaja, selbst die stärksten Männer werden weich. Ich halte waghalsig mein Erbrochenes zurück, und werfe ihr einen bösen Blick zu, der sie zum Schweigen bringt. Böse, aber immerhin nicht unnötig unfreundlich. Arme alte Frau].
Während sich das Blumenmädchen, - ein kleines dickes Mädchen mit linksseitig beklebter Brille, die mehr schlecht als recht ihre weißen Blümchen im Mittelschiff verstreut, - so von Reihe zu Reihe stolpert, frage ich mich, was ich hier mache. Hier. Das ist die Kirche, das ist diese Hochzeit von Yadé und ich sitze auf Seiten der Braut. Alles ganz klassisch. Ich mitinbegriffen. Ganz in schwarz, sogar mit Krawatte, und ein bisschen Pomade im Haar, weil man meinte, es würde sich gut machen, dabei fühle ich mich überhaupt nicht gut; mir ist, als sitze ich tatsächlich auf einer Beerdigung.

Es ist meine erste Hochzeit. Und hoffentlich die einzige, setze ich in Gedanken dazu, als meine Blicke wieder auf Jesus zurückfallen. Der hängt da, und hält die Augen geschlossen. [Ja, besser ist das]. Jesus. Der Name hallt, wenn man ihn seufzend ausspricht, aber die Orgel hinterlässt nur Hall in meinem Kopf. Dabei überlege ich stur, während sich vorne der Priester, - ein spindeldürrer Herr mit Brille und Aknenarben, - in Position bringt: Warum hat sich die Kirche eigentlich den sterbenden Jesus ausgesucht, den Gekreuzigten, und nicht ein Symbol seines Lebens? Jesus sollte Lebendigkeit sein, Überschwang, meinetwegen auch Liebe, alles, - stattdessen nun eine Ikone des Todes, des Leidens, der Schuld. Je länger ich auf den Holzleib starre, desto bewusster wird mir, wie sehr ich die Kirche hasse. Die katholische. Die Institution. Nicht so sehr den Glauben, nicht einmal das Neue Testament, oder all das, wofür die christliche Lehre steht, sondern nur die Konventionen der Männer, die alles einzwängen, wovor sie Angst haben; die alles gefangen nehmen, was ihr beschränkter Geist nicht versteht; die das Leben und vor allem ihren Glauben betrauern, anstatt ihn zu feiern. [Das ist ein tiefer Hass].
Also rutsche ich unruhig hin und her, und frage mich, wo die Braut bleibt. Sie verspätet sich um ... was? fünfzehn Minuten? Das ist typisch. Meine Blicke fliegen wieder durch die Kirche, und ich bleibe irgendwo weit vorne hängen. Genauer gesagt: ich mustere geringschätzig den Bräutigam, einen Mitzwanziger mit Eisblumen anstelle von Augen, und einem Lächeln, das Sehende erblinden lässt. [Um in der Kategorie Wunder zu bleiben]. Ich mustere ihn genau; seine breiten Schultern, seine breite Brust, seine Handgelenke, ich bleibe immer wieder an seinen Lackschuhen hängen, in denen sich das Kerzenlicht bricht [und Brechen ist überhaupt das Stichwort]. Er trägt seine Haare so, wie es gerade in ist, und tatsächlich: der schwarze Emoschnitt steht ihm. Er sieht auf die Uhr, und scherzt mit dem Priester, - beide lachen sie, - und ich frage mich wieder, wo ich hier bin. Ja, die Kirche. Das hatten wir schon. Vielleicht sollte ich präzisieren: Warum bin ich hier?

Da gibt es nur ein Lösungswort: Yadé.

Auch der Name hallt sogar, wenn man ihn seufzend denkt; also nochmal: Yadé.

Sie ist der einzige Grund meines Daseins in dieser Kirche, bei dieser Hochzeit, in diesem Bekanntenkreis, den ich eigentlich zurückgelassen hatte, wie ich alles von damals irgendwie zurückgelassen habe. [Oder genauer: ich habe mir ausgesucht, was ich mit auf Reisen nehme].
Ich habe Yadé vor mittlerweile drei oder sogar schon vier (?) Jahren auf einer kleinen privaten Party getroffen, und mich mehr oder weniger sofort in sie verliebt. [Damals ist mir das nie bewusst geworden, oder ich habe es die meiste Zeit selbst nicht verstanden; Jungs sind die meiste Zeit ihres Lebens merkwürdig und unreif, - selbst dann, wenn sie ins Erwachsenenalter rutschen und sich Männer nennen, bleiben sie im Herzen doch die Jungs, die in [dann stillen] Taumel ausbrechen, wenn sie eine nackte Brust sehen, - und so habe ich wahrscheinlich die Art von Ungewissheit gestammelt, die mir auch heute noch das ein oder andere Mal den Kopf schwer macht. (Eine Unsicherheit in Punkto Beziehungsfähigkeit).] Sie hatte diesen Pagenschnitt, und roten Lippenstift, und sie lächelte entrückend ansteckend. Ihre grünen Augen wurde zu meiner Obsession, ihre schmalen Hände zu einem Laster, und alles, ihr ganzes Gesicht, - orientalisch, aber europaisiert: schmale Augenbrauen, bronzene Haut, und eine Nase zum Verlieben, - berührte vergessene Ideale. Sie wirkte auf den ersten Blick wie eine Diva, - eine Diva aus den alten Tagen Hollywoods vielleicht. [Da steckte ein Bisschen Taylor in ihr; zumindest in manchen Momenten, in denen das Theatralische freilag].

Yadé war für mich das, was mir gefehlt hatte: Ein Eimer kaltes Wasser am heißesten Tag des Jahres. Also ein Schock für das Herz, - oder fast: ein Herzinfarkt, - aber eine ungeahnte Erfrischung. Sie hatte das Talent, innerhalb kürzester Zeit alles auf den Kopf zu stellen, an was ich in meiner Beschränktheit hing; sie hat mich gleichsam entführt und aus allem anderen entkommen lassen. Sie hat mir ein Stückchen Freiheit auf die Zunge gelegt und gesagt: Genieße es. Es könnte das letzte Stückchen sein. Sie war chaotisch in ihren Liebschaften, irgendwie geheimnisvoll in ihren Andeutungen, aber immer bezaubernd; sie wollte das Leben, sie wollte es reiten und missbrauchen, und dann mit sich erneut versöhnen. Sie konnte mich mitten in der Nacht anrufen und fragen, ob ich jetzt nicht Lust hätte, nackt in einem See zu baden; sie fuhr ohne Führerschein in einem Auto, das ihr nicht gehörte, bis kurz vor Paris, und sagte dann, sie wolle da eigentlich gar nicht [mehr] hin. Eines Abends stand sie mit Fred [unserem gemeinsamen Kumpel, der dann später ihr Freund werden sollte, - allerdings nur bis zu dem Punkt, als es bei ihm mit den Drogen anfing] und einer Unbekannten in der Wohnung und wollte eine Orgie; sie wollte Kondome mit Erdbeergeschmack, und Handschellen, und danach sprach sie über Dostojewskij und die Herrschaft der Dämonen, oder wollte wissen, welches Buch von Camus mir nun am besten gefalle. Sie wollte alles, am liebsten gleichzeitig, und ohne die kleinste Verschnaufpause. Sie war rastlos, ungebunden, und ich? Ich redete mir damals ein, ich könne sie nie lieben, weil wir beide nicht an die Liebe glaubten.

Wir gingen so auseinander, wie wir zusammengekommen waren: ratlos, neugierig und ohne ein Gefühl der Reue. Es fiel ein eiserner Vorhang über sie, wie auch über mich, und letzten Endes glitt und rutschte alles. Hauptsächlich wir beide voneinander weg. Ich machte mein Abitur, sie fing mehrere Beziehungen an, die mir mein alter Freundeskreis klatschsüchtig weitertrug, [von diesen Freunden trennte ich mich dann nach Paris endgültig]; und dann habe ich lange Zeit nichts mehr von ihr gehört. Naja, bis zu der Einladung zu ihrer Hochzeit. [Da fiel mir auf Anhieb nichts mehr ein; ich kann es ja eigentlich bis heute nicht fassen: ausgerechnet sie, die Ungebundene, die Rastlose, - sie heiratet?]. Naja. Das damals war eine andere Welt, und wir alle verändern uns; meist auch unwissentlich.

Dann geht die Türe plötzlich knarrend auf, bringt wirbelnd kalten Wind, und sie kommt rein. [yes, and here comes the bride].

Mit kleinen Schritten geht sie an mir vorbei. Sie rafft ihr schwarzes Kleid, zupft hier und da an dem schwarzen Schleier, [er ist an einem kleinen Hut befestigt] und mit dem Gothik-Look, den der Nieselregen auf ihrem Gesicht hinterlassen hat, und ihrem Lächeln, das alles, gar alles wieder wettzumachen scheint, was zwischen uns vorgefallen ist, da denke ich daran, dass es tatsächlich Dinge gibt, die sich nie ändern werden.

Sie und ich, wir sind die einzigen Gäste auf dieser Beerdigung.
In schwarz und nass.

Der Rest feiert eine Hochzeit.

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