Sonntag, 16. September 2007

Qui sème la musique récolte le cauchemar.

Ich saß also auf diesem Bett in diesem kleinen Hotelzimmer, und starrte abwesend auf die rostrot-violette Tagesdecke; im Hintergrund plärrte der Fernseher erst Werbung für irgendeine High-Tech-Firma [North Central Positronics], und dann kamen die Simpsons. [Es war die Folge, in der Lisa zur Vegetarierin wird].

Ich saß da und wartete auf das Telephonklingeln.

Klingeln. Irgendwann musste ich es verpasst haben, diesen bewussten Augenblick des Klingelns, des Abhebens, denn ich hatte den Telephonhörer plötzlich in der Hand, atmete scharf ein und sagte: Yooo? [Das war das Stichwort, das Zeichen, ausgemacht für den Fall der Fälle; Schäuble, FBI und eventuell auch noch Restbestände des KGB saßen hunderprozentig hinter diesen pappdünnen Hotelwänden, saßen unter meinem Bett, rumpelten über das Dach, etc]. Da lachte jemand auf der anderen Seite, - haha-r-haha, - kehliges, rauhes Lachen, Trickfilmlachen, Masterpiece-Lachen, und echote das Yooo? zurück. Yooo? Das solltest du aufnehmen lassen, Mann, daraus kann man echt was machen.
Ich kicherte, hinter vorgehaltener Hand, und mehr für mich selbst. Ich wollte nicht, dass die anderen mich hörten. Die anderen? Das waren die schlanken schwarzen Männer, Christopher Brian Bridges [Ludacris] und Claude M'Barali [MC Solaar], die schräg vor dem Fernseher saßen und selbst lachten. Über die Simpsons.

Dass ich mit den zwei Rappern (!) in einem Hotelzimmer wie diesem saß, - einem ausgesprochen hässlichen und heruntergekommenen Hotelzimmer, - und mit Timothy Z. Mosley [Timbaland] sprach, hatte nur einen Grund: Die wollen deine Texte, die wollen deine Lyrics, die wollen dich. [Dass ich keine Ahnung von dieser ganzen Branche habe, war in diesem Moment ganz egal]. Also versuchte ich so wortgewitzt wie möglich zu sein, poetisch, anspruchsvoll und geistreich, aber dabei niemals redselig, niemals ausschweifend. Kurz und prägnant. Zynisch, und ein bisschen überheblich dabei, - so, als hätte ich ein Gossenleben geführt. In der reichen, weißen Gossenwelt. [presented by North Central Positronics]
Timbaland lachte auf der anderen Seite der Leitung, - haha-r-haha, - und sagte: Ey, du kannst das, - du solltest rappen, Mann, du bist viel besser als Eminem, ey. Die anderen stimmten zu. Wer war Eminem? Warum war ich besser als er? Aber gut, gut! Ich blinzelte übertrieben oft, um.

Hinter den burgunderroten Vorhängen dieser Hotelzimmerwelt schwamm der Horizont in nebliger Helligkeit; unscharfe Schatten huschten von links nach rechts, und Ludacris und MC Solaar lachten über Homer.

Ich strich mir mit der Hand über das Gesicht, einmal, zweimal, dreimal, aber das Gefühl der Irrealität wollte nicht aufhören. Hast du schon ne Idee für dein erstes Lied, ey? Für dein erstes Album, Mann, für deinen großen Durchbruch? Mir wurde heiß und kalt, und wieder heiß, und ich fing an zu stammeln. Nee, also, ja, das könnte, da wäre, ich hab da so, ich weiß aber nicht, wie. Die anderen zwei hörten auf in den Fernseher zu starren, und mir wurde allmählich schlecht. Durchbruch? Da kam die volle Aufmerksamkeit in mir hoch. Dieses Medienbewusstsein, - Saurons gieriges Auge, nur vertausendfacht: lidlose Augen schlafloser Menschen, immer mit einem Finger an dem passenden Knopf, dutzende Handyklingeltöne, die sich als zweite Tonspur legen ließen, abertausende Vermarktungsstragien, Poster, Interviews, Events mit Feuerwerk und halbnackten Frauen, die sich an Stangen winden würden, und klatschende, johlende Mengen, anhimmelnde, kreischende Mengen, und Partys, Drogen, Absturz, Rehab, und dann neue Auftritte, und Selbstmordversuche und Häuser mit hallenden Hallen aus Marmor und schönem Stuck, und immer mehr und mehr, und eine Verfilmung und eine Dokumentation über meinen frühen Tod.

Ich stammelte weiter. Mir ging nur ein Lied durch den Kopf, ständig und immer wieder von vorn: Man findet keine Freunde mit Sala-at. Man findet keine Freunde mit Sala-at. Man findet keine Freunde mit Sala-at. [Und Lisa, die entsetzt Marge anstarrt, Mom!, und diese erwidert darauf: Ich wollte damit keine Stellung beziehen. Ich war von dem Rhythmus fasziniert.]


Dann kam das große Erwachen und meine allgegenwärtige Irritation.

makko (anonym) - 16. September, 13:02

Unglaubich verwirrend, irgendwie, leicht beängstigend, aber auch ziemlich lustig. Wahrscheinlich denken wir alle viel zu flache, und das ist der Grund, weshalb wir unsere Träume nicht verstehen. Träume supported und presented bei North Central Positronics und Vattenfall - die große Firmenfusion, auf die ich schon so lange gewartet habe ^^

makko (anonym) - 16. September, 13:03

Es sollte viel zu flach heißen.
Johnny_B (anonym) - 17. September, 15:35

Ich war heute Nacht in Star Wars meets profine GmbH.
Eine Kollegin (nicht Olga) führte das Imperium (weit weniger böse und hässlich, als der Imperator im Film), stürmte die Stellungen der Rebellenallianz (meiner Firma Oo) und entführte mich. Das Aufwachen durch den Terrorwecker hinderte mich allerdings daran, herauszufinden, was der Unsinn sollte.
Und heute Morgen saß ich mit eben dieser Kollegin in der S-Bahn und diskutierte über den schrecklichen Zustand Berliner Berufsschulen.

(Wo wir schonmal bei Träumen sind...)


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