take me to the ballroom

Sie legt mir die Pillenschachtel auf den Tisch, und sagt: Bitte nimm sie mit. Sie will mir das verschnürte Päckchen mit den Büchern reichen, - Sartre & Flaubert, - und lässt es schließlich fallen. Dann lacht sie. Nuschelt vielleicht Entschuldigung. Und streicht sich durch das Haar.

[Nein, das ist sie nicht].

Sie bleibt in der Türe stehen. Die Sonne wickelt sie in diese Lichtfolie ein, in diese goldene Helligkeit, die hell und heller durch die Fenster fließt, und sie lächelt, ganz sanft, ganz flüchtig lächelt sie, und wirkt so zerbrechlich in dem Gegenlicht. Sie atmet ein, ihre Lippen öffnen sich, schließen sich, öffnen sich wieder, - so, als suche sie noch ein letztes Wort zum Abschied; doch sie bleibt stumm.

Ich winke auf der letzten Stufe, öffne die Türe und werfe sie schließlich wieder zurück ins Schloss. Draußen peitscht der Wind den Regen, der Himmel ist grau und rissig, wie der Beton in meinen Schuhen. In meinem Herzen pocht der Stahl. Ich fische in meiner Hosentasche nach den Pillen.

Regen. Immer mehr Regen.
Trägt mich zum Taxi.
Zum Bahnhof.
Zum nächsten Ziel.

Ich schreibe ihm, dass ich nicht kann. Nicht heute. Ich schaffe es nicht nach Paris, ich schaffe es nicht rechtzeitig. Schon wieder: meine Unfähigkeit. [Das letzte Mal in Hamburg]. Dabei freut er sich so sehr auf mich. Dieser ausgemergelte Körper. Die Knochen. Das melodische Lachen. Und vor allem seine Augen.
Ich wäre gerne da, - existent, lebendig, und weniger besessen von mir selbst. [Besessen trifft alles, was ich gerade mache, ganz gut]. Stattdessen kaue ich also auf der Tablette, kaue weißes Lithium, kaue starkes Antibiotika, kaue Knochenmehl. Meine Kieferknochen zermahlen [mich] schlicht alles, was mein Körper braucht, und sei es das giftige Tonikum, das mich willenlos macht. Ich atme mit einem Atemzug den Regen ein, und huste Staub. Wie nahe bin ich? Wann komme ich an? Am Fenster rinnt das Wasser, die aschenen Glasfassaden, - wie blinde Spiegel reflektieren sie nichts, - die Schlote der Fabriken, Flugzeuglichter, Fußgänger in gelben Gummistiefeln, Anzüge in Menschenform, die Aktenkoffer tragen. Es ist, als zerrinne alles, die ganze Wirklichkeit.

Überschreitung (!)

Ampeln, die rot, die orange, die grün werden, die ausgehen, die verrosten, die von all dem Wasser weggewaschen werden. Wir bleiben stehen. Der Taxifahrer dreht sich in seinem Sitz um, in diesem Taxifahrersitz, - der Holzperlenüberzug in Beige und Dunkelbraun klackert leise, - und seine feine Adlernase, seine buschigen Augenbrauen, sein Muttermal auf der Wange und sein Kinn: alles fleht nach Erlösung, in dem sein Mund nach dem Fahrtgeld fragt. Ich drücke ihm fünf Euro in die warme Hand, und sage, es stimmt so, dabei fehlen noch drei Euro achtzig.

Soll er froh sein, dass ich ihm nicht auf den Rücksitz kotze.

Name

Url

Meine Eingaben merken?

Titel:

Text:


JCaptcha - du musst dieses Bild lesen können, um das Formular abschicken zu können
Neues Bild

 


1984 vs. me
Auszüge
Avalons Erben
Bahnbegegnungen
Cardiomania
Chaos, Unverstand und Wahnsinn
Cine-Mania
der ewige Kampf
egotrip
fort-laufend
la tristesse
Opium2Go
out of mind | b-sides
Parallelwelt: Strich(er)leben
shortcuts to my brain
Traumsequenzen
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren