lest we forget

Marilyn Manson hatte verdammtnochmal Recht: the death of one is a tragedy, the death of millions is just a statistic.

Ich weine tatsächlich während ich es lese, weine vor Wut, - und Hilfslosigkeit; ich zittere beim Lesen, zwinge mich dazu, das Buch auch einmal wegzulegen, und beschäftige mich doch den ganzen Tag damit.

Man kann 28 stories about aids in africa nicht wie einen Roman lesen, genauso wenig wie einen neutral abgefassten Artikel in der Zeitung, oder eine sachliche Erklärung aus einem Wörterbuch. Das ist das Leben in Armut, Leiden und Tod. Das ist das Leben (und vor allem das Sterben) mit (und durch) Aids und HIV, und Stepahnie Nolen beschreibt es intensiv und schnörkellos, oft wissenschaftlich erklärend, ohne kompliziert zu sein, selten subjektiv, aber trotzdem einfühlsam. Sie erklärt die Katastrophen, die Afrika schütteln, in dem sie die Einzelschicksale von 28 Menschen beschreibt, die sinnbildlich für die 28 Millionen HIV-Infizierter in Afrika stehen, für die 5500 Menschen, die pro Tag (!) dort an Aids sterben. (Egal ob in Simbabwe, wo pro Woche 3000 kläglich verrecken; oder in Nigeria, wo pro Jahr 300.000 Menschen sterben). Informativ allein trifft es nicht; informativ ist eine gute Dokumentation, bei der man das Gefühl bekommt, ein bisschen die Neugier zu stillen; es ist moralisierend, eine Pflichtlektüre, ein Schlag in die Magengrube.

In Afrika sind 28 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Diese 28 Millionen Menschen werden in den nächsten drei bis vier Jahren sterben. Was in Afrika passiert, ist ein Völkermord aus Gleichgültigkeit. Aber nicht ein Volk, sondern Hunderte Völker - die Matswana, die Masotho, die Zulu, die Shona, die Matebele, die Chewa, die Setswati - verschwinden, noch während ich das hier schreibe. [S.11]

Ein Völkermord aus Gleichgültigkeit, - genau das ist es. Die Interventionen Europas und Amerikas beschränken sich auf die Großzügigkeit, auf ein paar Randprogramme, die Prävention und Schutz genauso unzureichend in den Vordergrund stellen, wie sie Therapie und Behandlung in den Hintergrund drängen.

Man denkt, man wäre aufgeklärt und fortschrittlich, aber in Wirklichkeit weiß man nichts. Wir sind nicht aufgeklärt, denn wir reden nicht darüber. Wir wissen nichts, kennen keine Zusammenhänge. Wir haben am 02. Dezember den Aids-Tag, - oh mother globalia is bakin some cakes, - aber was ist ein Tag im Jahr? Der elfte September 2001 hat sich uns als kolossale Katastrophe eingebrannt, als internationales Ereignis, das wiederum den Kriegen gewichen ist, den anhaltenden Konflikten in Nahost, den Tsunamis und Überschwemmungen, den Terrorwarnungen und -anschlägen, - aber wir haben Tag für Tag einen elften September, haben Tag für Tag einen Tsunami, einen Hurrikan Katrina, haben Hochwasser und Bombenattentate. Tag für Tag sterben Tausende, Tausende, verdammt, - sterben an Hunger, an den Zwillingsepidemien Aids und Tuberkulose, sterben an Kriegen, - und in Deutschland gilt man als arm, wenn man den Kindern kein Spielzeug kaufen kann. [Unsere Definitionen der Armut sind im wahrsten Sinne des Wortes erbärmlich]. In Deutschland ist man unzufrieden. In Deutschland ist Status Essenz, und Essenz hauptsächlich Geld, und Bildung wertlos. [Versuche Kindern und Jugendlichen hier zu erklären, dass es Menschen auf der Welt gibt, die für ihre Bildung kämpfen, die dafür alles in Kauf nehmen, sogar das Hungern; geh durch Kreuzberg, geh durch die Landghettos Deutschlands, wo die Jugendlichen abends an Bahnhöfen mit Speakerboxen HipHop hören, und es geil finden, wenn ein Kerl von seinem harten Leben rappt, von seinem Aufenthalt in Gefängnissen, von Drogen; versuche ihnen zu zeigen, dass sie gleichgültig sind, dass sie nicht verstehen, was die Vergangenheit bedeutet, was die Zukunft ist, dass sie nur im Jetzt leben, das keine Hoffnung kennt. Geh in die Universitäten, wo die Studenten an ihren Tischen sitzen, und darüber diskutieren, ob die Welt gerecht ist oder nicht, die reden und reden, und sich so furchtbar intellektuell fühlen, aber nichts tun, sich nicht informieren, die unwissend sind, und die Unwissenheit verbreiten. Geh zu den schönen Menschen, zu den eingebildeten, geh tief in diese Sozialgefüge ein, und erkläre ihnen den Wohlstand, erkläre ihnen das Glück, und was werden sie tun? Nichts. Lachen. Vergessen].

Die Globalisierung frisst uns, frisst Afrika, und es stimmt: die Politik dient nicht mehr dem Volk, - sie dient der Wirtschaft. [Unter dem Aspekt, dass wir behaupten, die Wirtschaft diene in letzter Instanz gerade dem Volk]. Wir glauben, zivilisiert zu sein, glauben, durch die Demokratie ein System gefunden zu haben, das den meisten Menschen Gerechtigkeit angedeihen lässt, - aber das ist eine Täuschung. Wir haben uns eine Demokratie aufgebaut, die weiterhin versklavt. Durch Darwin's Nightmare habe ich gesehen, wie wir Afrikas Wirtschaft ausnehmen, wie wir sie missbrauchen, und durch 28 stories about aids in africa habe ich den globalisierenden Zusammenhang erst verstanden:
Afrikas Anteil am weltweiten Handel sank von etwa vier Prozent im Jahr 1970 auf 1,5 Prozent im Jahr 2004, was zum großen Teil daran lag, dass die internationalen Handelsgesetze diesen Kontinent benachteiligen. In den reichen Ländern werden die Bauern stark subventioniert (Baumwollzüchter in den Vereinigten Staaten, Produzenten landwirtschaftlicher Erzeugnisse in Europa), so dass sie zu Preisen nach Afrika exportieren können, mit denen die afrikanischen Bauern nicht zu konkurrieren vermögen. Gleichzeitig schützen diese reichen Länder ihre eigenen Märkte mit Zöllen und Quoten und verwehren damit afrikanischen Produkten den Zugang. Die Summe, mit der die G8-Länder ihre eigenen Bauern subventionieren, übersteigt bei weitem den Gesamtbetrag der Hilfsgelder, die sie Afrika zukommen lassen. [S.321ff]

Wir überschwemmen die afrikanischen Märkte mit Gütern, anstatt ihnen Geld zukommen zu lassen, das ihre Wirtschaft ankurbelt. Wo ist der Marshallplan, wo sind die internationalen Fördergelder, wo sind die Friedenstruppen der UN, die sanieren, reformieren und helfen? Natürlich gibt es Stiftungen, es gibt unzählige Fonds, und es gibt Menschen, die sich engagieren. Keine Frage. Und trotzdem überlege ich, was ein Profifußballspieler, was ein Hollywood-Star, was ein Spitzenpolitiker verdient, - wie viel Geld, wie viele Millionen, und Milliarden sind hier im Umlauf, - wie viele Paris Hiltons gibt es auf der Welt, die aus Geld noch mehr Geld machen? Ein Bill Gates gibt freimütig ein paar Millionen aus seinem Sparstrumpf, weil Bill Gates es kann. Den Bürgern drückt man dafür zu Weihnachten wieder den nächsten Spendenmarathon auf die Nase, um sie die stille Befriedigung spüren zu lassen, den Persilschein für die Seele, und dann ist gut, dann denkt man nicht mehr daran, und man vergisst. [Mensch, dein Name ist Gleichgültigkeit, und du lebst in einer Welt des Vergessens].

Es sind überall Zusammenhänge. Wirtschaftliche, ökonomische, menschliche. Die Pharmakonzerne, die ihr Patentrecht die vollen zwanzig Jahre ausnutzen, um den Reichen die Medikamente zu verkaufen, und die deshalb die Armen sterben lassen; (es ist ein Skandal, dass es Konzerne gibt, die auch heute noch gegen die Generika-Herstellung klagen, - nur weil es Menschen gibt, die daran glauben, dass Medikamente auch den Ärmsten zugänglich gemacht werden sollten). Es gibt Berichte über Testlabors in Afrika, die zwar kostenlos Patienten behandeln, aber auf einer Basis, die jeder ethischen Richtlinie widerspricht: sie testen die Patienten mit verschiedenen Medikamenten, um herauszufiltern, was wirkt und was nicht, - zum Preis von Toten, die die Medikation nicht verkraften, nicht vertragen, etc. Es wüten Tuberkulose-Epidemien, die vollständig resistent gegen Antibiotika geworden sind; es gibt neue HI-Virus-Stämme, die selbst gegen die ARV-Therapien resistent sind, weil die Menschen ihre Adhärenz nicht einhalten, und deshalb immun werden, - und wegen diesen Resistenzen muss geforscht werden. [Sie scheinen nicht zu verstehen, dass sie das Übel der Resistenz selbst beschwören, weil sie die Generika verbieten oder die eigentliche Medikation unerschwinglich teuer machen; wer sich am Anfang die Medikamente noch leisten konnte, sieht sich durch die steigende Inflation mancher Länder außerstande, die Tabletten einzunehmen, - durch Abbruch der Medikation entwickeln sich Resistenzen. Im Jahr 2005 infizierten sich beispielsweise rund drei Millionen Europäer mit Keimen, die gegen bekannte Antibiotika resistent sind – 50.000 von ihnen starben daran*, - wie das in Afrika aussehen muss, kann man sich ungefähr denken. Aber das nur so nebenbei].
Es gibt Zusammenhänge zwischen den Lobbys, die in Afrika Wurzeln schlagen, und sich in die politische Lage eingemischt haben, und dem Status von Europa und Amerika. Das wirtschaftliche Niedrighalten der Dritten Welt durch die Erste, unter dem Aspekt des Gleichgewichts, - ich höre nicht zum ersten Mal von Menschen, die behaupten, es gäbe eine darwinistische Katastrophe, wenn es den Menschen in Afrika besser ginge, wenn sie freien Zugang zu medizinischen Einrichtungen, zu Lebensmitteln, zu Schulbildung hätten. Was für eine Arroganz. Die darwinistische Katastrophe ist längst eingetreten.

Wir wissen nicht, was dieses Leiden bedeutet, - ich wusste es nicht, und halte mich selbst doch für ziemlich aufgeklärt.

Ich weiß erst seit dem ich Richard kenne, - den ich vor ungefähr eineinhalb Jahren auf einer Aids-Kundgebung in Tübingen kennengelernt habe, - dass man Aids und HIV mittlerweile wie eine chronische Krankheit behandeln kann, wie Diabetes beispielsweise. Ich habe durch ihn gelernt, dass es Medikamente gibt, die den Virus unter Kontrolle halten, oder genauer gesagt: Medikamente, die das Immunsystem nicht zusammenbrechen lassen. [Richard lebt seit ungefähr drei Jahren mit Aids, wird mit einer ARV-Therapie (einer Antiretroviral-Therapie) behandelt und sein CD4-Wert ist konstant. Kein Problem, zumindest nicht hier. Die Generika ist erschwinglich, und jedem Menschen zugänglich, - im krassen Gegensatz zu einigen Staaten in Afrika, wie in Simabwe beispielsweise, wo selbst die Generika für die Bevölkerung unerschwinglich teuer ist].

Die Prävention durch Kondome und Mirkobizide ist wichtig, - wichtig, um die Ausbreitung zu stoppen, - und dennoch wird die Prävention nach wie vor gedrosselt oder genauer gesagt: sie wird nicht vorangebracht. [Ich gebe nach wie vor die Hauptschuld der katholischen Kirche, die durch ihre Missionierungsarbeiten nicht zuletzt einen erheblichen Einfluss auf die Menschen in Afrika hat]. Die Tabuisierung von Sex und der Stigmatisierung der Krankheit haben dazu beigetragen, dass sich der Virus ausgebreitet hat, - und sich noch immer verbreitet. Tag für Tag laufe ich an Reklametafeln vorbei, die für Kondome werben, und ich glaube fest daran, dass es nicht reicht, plakativ zu sein. Weder hier, noch irgendwo sonst, - erst recht nicht in Afrika. Das Stigma der Sünde und der Strafe Gottes ist eine Denklast ungeahnten Ausmaßes.

Man muss sich informieren, heute, man muss es wissen, man muss darüber reden. Erst wenn man diesen 02. Dezember auf jeden Tag im Jahr legt, erst wenn man das Bewusstsein der Allgegenwart geschaffen hat, - das Bewusstsein, dass man an die tagtäglichen Toten eben jeden Tag denken sollte, - erst wenn man die Zusammenhänge, die Bezüge, die Konsequenz versteht, erkennt man den Umfang der Pandemie, der Katastrophen, und den Völkermord aus Gleichgültigkeit.

Und wenn man es erst mal erkannt und begriffen hat, dann kann man nicht mehr tatenlos sein.

Zumindest ich kann es nicht mehr.

Lest dieses Buch: 28 stories about aids in africa, von Stephanie Nolen. Und wenn ihr es gelesen habt, empfehlt es weiter.



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