Dienstag, 16. Oktober 2007

Halbwertsherz

Alles ändert sich. Nichts ändert sich.

Man grüßt sich, und schräg von oben fällt das Neonröhrenlicht. Draußen: Zigarettenrauch und Asche, die sich auf die Treppe streut; Flugzeugvögel zwischen Wolken; buntes Laub, - in den Gastrollen ROT, GELB, ORANGE und BRAUN, - das fegt, und wirbelt, selten fault; und natürlich die lächelnden Gesichter: offen, mit funkelnden Augen, angefeuchteten Lippen, und dem Haar im perfekten Winkel, - zu 45, 90 und zu 180 Grad. Alle schrammen sie am Blickfeld vorbei, ohne Funken zu hinterlassen. Also nicke ich redend schweigend, und verfange mich in der Argumentation eines Fremden, der mir aus der Seele Erfahrung spricht. [Es geht um Camus, und Sartre und die lebensnahe Praxis, die ich seit fünf Semestern hier suche, und dann ganz nebenbei in einer Denkpause finde]. Alles ändert sich. Nichts ändert sich.

Etwas früher. Ich sitze verwinkelt im Bus und falle senkrecht durch die Stadt. Es ist Morgen. Ich komme von der Darwin-Vorlesung und habe trotzdem noch den Geschmack von Kaffee auf den Lippen; ich sitze da, rauschend zwischen Wind und Menschen, und bin gedankenlos alltäglich, von der eigenen Existenz befreit in Worten, in neuen Begegnungen, in all you can eat für 2,9o. Es ist unerwartend schön, denke ich und frage mich noch im selben Augenblick, ob ich den Moment oder das ganze Leben damit meine.



Dabei bin ich weit weg von glücklich und zufrieden, weit hinter happily [n]ever after. Es gibt keine Loslösung von der Obsession. Es gibt [noch immer] keinen Schritt in Richtung Berlin. Es gibt keinen Paukenschlag, der mich von mir und dem alten Denken befreit. Es gibt keine Katharsis. Nicht heute. Nicht morgen. Nicht in drei Tagen. Etwas steht schief, in mir, ein Nervenstrang vielleicht, der mich am Denken hindert; ein Gedanke, der nicht rund ist, sondern Kanten hat, und bei jedem Nicken mit dem Kopf schlägt er ein paar mehr Gehirnzellen tot. [Ich weiß, was ich will, und ich weiß, was ich brauche, - das Wollen ist nicht das Problem; es ist die Radikalität der Tat, die mich noch immer viel zu stumm, zu apathisch, zu ängstlich sein lässt; also frage ich mich, ob ich nicht nur nach Ersatzbefriedigungen greife, weil ich für die eigentlichen Ziele viel mehr opfern müsste, als ein paar Kartons, und ein begonnenes Leben]. Ich träume wirre, sehnsuchtsvolle Träume, die mich morgens traurig in den Tag stoßen, weil ich das Gefühl vermisse, berührt zu werden. [Nicht körperlich. Seelisch]. Ich sitze vor der Webcam, und sehe diesem Fremden zu, wie er mein Leben systematisch auf den Kopf stellt, obwohl er nichts weiter macht, als auf meine naiven Fragen zu antworten, und dann geht die Warteschlange in eine neue Runde, und es ist 23 Uhr, es ist halb eins, es hat schon längst ein neuer Tag begonnen, und ich warte sitzend auf Befreiung.


Es gibt Stunden, da ist alles perfekt. Da läuft alles, und ich glaube, es ist richtig, wie es läuft. Dann trinke ich einen großen Schluck Milch, und schaue zu meinem Fenster hinaus, werfe trotzige Blicke gegen die Fassaden dieser Stadt, und sage: Ich bin besser als ihr. Ich gehöre hier nicht her; ich muss das momentan nur ertragen. Aber diese Stunden versiegen. Ich höre Oh Horatio, und dann kommt der Kinnhaken von links, und wirft mich zu Boden. Nein, es sollte wirklich nicht so sein, und ich werde wütend, - auf mich selbst, und diese verfahrene Situation, auf mich und die Unsicherheiten, auf mich und die unzähligen Konstellationen. Natürlich sagen sie mir hier, ich dürfe nicht gehen; sie tippen mir an die Schulter und fragen mich, warum eigentlich? aber ich finde keine vernünftigen Antworten, weil es dafür keine rationalen Gründe gibt. Mich treibt das Fernweh so sehr, dass ich abends nur noch in den Telephonhörer stammle, dass ich vor der weißen Wand des Computers sitze, und mir sage, - laut sage, - dass ich mein Leben vergeude. Ich habe dann die Stepford im Ohr, die mir erklärt, wie fatal sie meinen [möglichen] Abbruch findet, und ich möchte nicht an meinen Vater denken, oder an meinen Bruder Kain, - und mir ist schon halb und halb schlecht, wenn ich an die ganzen Zwischenschritte denke, die ich ohne Frage nur stolpernd gehen werde. Da sind Makko und Micha, die mich ihrerseits bedrängen, ohne dass sie mich bedrängen wollen; denn sie haben Recht damit: man muss etwas tun, und man muss es im Grunde schnell und effizient tun, und ich bin mir noch immer sicher, dass ich für diese Stadt geboren bin, - nur geht es nicht so einfach, wie sie sich das [alle] vorstellen. [Oder wie ich glaube, dass sie es sich vorstellen].

Ich habe das Gefühl, ein Katastrophenleben zu führen, das im Alltag zwar funktioniert, auf Dauer aber kaputt geht. Ich denke gefühlschaotisch an die Möglichkeiten, an die unzähligen Möglichkeiten, und Sartre und Camus schreiben mir endgültige Wahrheiten in mein Herz, das weiß ich. Aber. Aber! verdammt. Nichts hält mich. Niemand schenkt mir Ruhe und sagt: Atme ein, ich helfe Dir. Es geht von einem Tag zum nächsten, jetzt von einem Seminar zum andren, von einem Gespräch stürze ich in weitere, und ich absorbiere, verschlinge, inhaliere, werde ganz und gar eins und nichts mit dem ewigen Wunsch des Herzens, Erfüllung in der Ferne zu finden. In dem Moment, in dem kleinen bewussten Augen-Blick, aber dann, --


Ich fühle mich verloren, ehrlich gesagt; ich fühle mich an [End]Punkten stehen, die keine Verknüpfung mehr zu gestern finden. Zu mir. Dieses Ich nähert sich dem permanenten Zerfall mit Höchstgeschwindigkeit, und ich habe gelernt, dass nur Instabilität wahre Freiheit verspricht.
Und dann sehe ich zur Seite, und sehe das Geld liegen, das mich hier rausbringen, das mich einfach so ausbrechen lassen könnte. Morgen schon, da könnte ich. Spätestens nächste Woche wäre ich. Aber: wie?

Es geht alles nur um die Freiheit, um den Ausbruch, um Dänemark. [Indeed, Hamlet is hauntin himself]. Es geht um dieses Halbwertsleben. Die Halbwertswünsche. Das Halbwertsherz. Um-sonst geht es nicht[s].

nath (anonym) - 17. Oktober, 01:06

LXKLa

mach dir keinen kopf- tuebingen kannst du zu berlin werden lassen und berlin zu tuebingen,was die meisten dort ,in berlin,paradoxerweise aucth tun oder paradoxerweise nciht mehr anstreben ,weil ihnen tuebingen zu tief geht,weil s dann um einen selbst geht.
ich lese deine scheiss-dilletanrtischen psychotexte noch immer und sage dir,dass sie im grunde auch nicht schlechter durchdacht sind als der ekel von sartre oder die sanfte revolte camus.
allles was zaehlt ist die zigarette auf dem huegel vor der stadt und der perfekt zubereitete doener davor,der sie schmecken laesst.
vielleicht noch ein gedanke an das ce qui pourrait etre different ou pas und ein maedchen im mond.
und denk daran: du bist haesslich und gross...was deine haesslichkeit noch groesser macht.
nath

AiHua - 17. Oktober, 01:17

Und wieder nur am Rande, etwas losgelöst, fällt mir beim wiederholten Male des Aufgreifens von Hamlet und auch der Sehnsuchtsbindung an Orten und dem Reisen, Hildesheimer Massante ein. Ein Autor, der Dir vielleicht auch sehr zusagen könnte.
Gerade in Massante thematisiert er dieses Verorten, wenn man Erinnerungen, Ziele an einen Ort bindet. Oder an einem Ort feststeckt. Gedanklich, aber eben auch verortet.


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