Avalons Erben.
Ich habe den Brief mit rotem Wachs versiegelt. Es riecht nach dem abgebrannten Streichholz; der Geruch verliert sich rauchend, wirbelnd in dem Wind, der durch die undichten Fensterritzen zieht. Da sind, -- Worte. Meine Worte an Dich, - mein Leben für Deines, so war es damals, so würde es für immer sein, dachte ich, aber was war davon wirklich und was nicht?
Ich hab auf uns zurückgesehen, als ich Dir diesen Brief mit meiner schwarzen Tinte schrieb, mit dieser krakeligen, eilig hingeschmierten Schrift, die Du wahrscheinlich nicht mal als die meine erkennen wirst. Ja, das ist mein A, mein B, mein S und C und H, mein I, mein E und auch das D ist meines. [IRGENDWO BLÜHT DIE BLUME DES, +s]. Es ist alles anders, murmle ich alle vier Zeilen. Es hat sich alles verändert, und das Bild, das ich von Dir hatte, das muss ich erkennen, - das warst nie Du; es entsprach Dir nicht. Allenfalls diese braunen Augen, und das braune Haar, das lichter wurde, mit den Monaten, mit den Jahren, das immer so schien, als würde es allmählich ausfallen, - das und nur das war etwas, das ich benennen konnte. Du als Körper. Als reine Materie. Als junger Mann mit neunzehn, zwanzig, einundzwanzig Jahren, deutlich anders als der Rest, aber ungleich ähnlicher mit denen, die sich im Sport verlieren, die sich in der puren Bewegung finden. Ich kannte Dich nur als Sportler, als Fußballer, als Athlet, aber in voller Unperfektion: zerbrechlich, leidend bei jedem Stoß gegen das Knie, - die Kniescheiben, die sich wund gerieben hatten, - und leidend bei jedem möglichen Schlag. [Wusstest Du denn nicht, dass man sich im Leben ständig blaue Flecke holt? Dass selbst das Herz nicht bricht, sondern nur vernarbt, gefühllos wird, mit den Jahren, taub und blind wird, angesichts der Enttäuschungen, in die man sich verliebt].
Während ich Dir schreibe, denke ich an dieses unbegreifliche Damals, an diese vergängliche kleine Dann, das nur noch in mir existiert, und nur in mir, und das sich aus mir löst, das sich wie der Kohlenstoff aus meinem Mund löst, aus meinem Kopf, aus der Erinnerung, - und ich begreife nicht, zweifle daran. Waren wir denn je Freunde, Narziss? Dort fliegt Rom, - ich erinnere mich, als wir auf der Spanischen Treppe saßen, erinnere mich an die Bungalows, an unsere Tour mit Nathalie, - dort fliegt Berlin, - ich erinnere mich, als wir in der Nacht durch die Straßen irrten, erinnere mich an die stillen Stunden, an das Lachen, im Bus, und an die beiläufigen Gespräche; ich erinnere mich an die Sterne, - dort fliegt dieser eine letzte Geburtstag, den wir zusammengefeiert haben, auf der Burg, mit der Lady of Hearts and Sorrows, und ihren sonnenhaften Blicken, die uns beide gleichermaßen verzauberten, und vielleicht verstehe ich. [Du hattest gesagt, Du würdest niemanden vermissen; hattest gesagt, die letzten Jahre wären Dir ganz egal, und dann saßen die Lady und ich uns gegenüber und waren zutiefst schockiert, enttäuscht vielleicht, und einsam, in unserer Freundschaft zueinander].
Ich habe an so vieles geglaubt, in dieser Vergangenheit, und vieles ist verloren. Ich habe immer gedacht, ich sei derjenige, der eine falsche Vorstellung hat, - von Freundschaft, von dem, wie es eigentlich sein sollte, - und als Du Dich entfremdet hast, als Du Dich losgerissen hast, in einem Blick, der mehr besagen sollte, als er tat, in einem verbitterten Nebensatz, den Du Amy an den Kopf geschleudert hast, und damit auch mir, als Du Dich aufgemacht hast, Dein vernarbtes Herz einzubalsamieren, als Du Dir selbst vergeben hast, in Deinen Bemühungen, in Deinem Willen, den Du unbedingt durchsetzen musstest, obwohl ich Dich davor gewarnt hatte, dann ist mir bewusst geworden, dass nicht ich der Fehler war, zwischen uns allen, sondern Du.
Warst Du Dir denn nie der Konsequenz bewusst? Hast Du gedacht, ich könnte dabei tatenlos sein, könnte schweigen, während Du eine (funktionierende) Beziehung sabotierst? Könnte zu Dir halten, während ich Dir sagte, ich empfände es als falsch? Meinetwegen, dann hat sie Dich geliebt, aber nie gewollt. Meinetwegen, dann habt ihr miteinander gefickt, aber ihr habt euch nicht begehrt. Meinetwegen, dann warst Du eifersüchtig, dann warst Du rachsüchtig, und egoistisch, aber Dein Schmerz wurde nie gestillt. (Auch Du zählst zu denen, die ihr Leid lieben).
Ich habe in der ganzen Zeit, in der wir uns kannten, immer gesagt, dass mir Loyalität alles bedeute, in einer Freundschaft. Und ich war immer für Dich da, - ich habe mir Zeit genommen, obwohl sie mir immer zwischen den Fingern zerrann, für Deine Sorgen, für Deine Probleme, ich habe lange Strecken in Kauf genommen, bin zu Dir gefahren, habe zu Dir gehalten, als die ganze Welt gegen Dich war, ich habe Dich verteidigt, habe Dir nicht nur eine Hand zum Halt gereicht, sondern beide, und habe dabei noch selbst den Halt verloren; ich habe auf Dich eingeredet, habe versucht, Deine Sturheit mit meiner Demut zu mildern, habe versucht, einen Gegenpol zu Deinem Egoismus zu sein, habe versucht, mit meinen Worten Deine Welt facettenreicher zu machen, -- und was war davon wirklich? Was davon war authentisch? Die Veränderung, die Du wolltest, war nur in mir, - und die konntest Du nicht haben.
Ich habe so lange Zeit geschwiegen. Ich habe alles hingenommen. Ich dachte, Freunde müssten selbst über solche gravierenden Fehler hinwegsehen. Aber jetzt, zwei Jahre des Schweigens zwischen uns, zwei Jahre des Abschmetterns meiner Versuche, meiner Briefe, meiner Worte, zwei Jahre der Flüchtigkeit, - was ist nach diesen zwei Jahren die Vergangenheit noch wert? [Eine Vergangenheit, die im Grunde nur von Enttäuschungen geprägt war, von Opfern, die Du nicht wert warst].
Du hast mich als Gegenstand benutzt, Narziss, hast mich als Inventar betrachtet, das irgendwann ganz selbstverständlich wird. Jetzt, wo Du ein neues Leben beginnst, und ich im Vorübergehen davon erfahre; jetzt, wo ich mit Dir mal wieder reden will, und Du mir Ausweichtermine gibst; jetzt, wo alles Vergangene von meinen eigenen Entscheidungen und Gedanken weggewaschen wird, - jetzt bleibt kein Platz mehr für diese Freundschaft, für diese Antigravitation, die nur ich selbst bedinge, für Dich oder das, was uns mal zusammengeschweißt hat.
Das Bittere ist, dass Du Dich wie alle anderen in das einreihst, was vergessen werden wird. Du bist Vergangenheit, Narziss. Diese Freundschaft ist es. Du bist von jeder Verantwortung entbunden, bist von jedem Gefühl befreit. Liebe Deine Freundin wie man lieben sollte, Narziss, - liebe sie nicht auf dieselbe Weise, wie Du die Frauen bisher geliebt hast: egoistisch, einnehmend, zerstörerisch. Finde bessere Freunde als mich, Narziss, finde Menschen, die sich selbst nicht mehr brauchen, und die Dir mehr geben als ich es je konnte. Alles, was Du je gesagt hast, war Betrug, war ein Bruch in meiner Loyalität, - deshalb breche ich jetzt mit Dir. Es ist alles vergessen, vergangen, es ist alles fort; der letzte Faden ist gekappt, der mich zum Stolpern brachte.
Ich versiegle den Brief mit rotem Wachs. Ich trage ihn noch zwei Tage mit mir herum, - immer in meiner Brusttasche, dicht bei meinem Herzen, und dann, an der Ecke, fühle ich mich befreit. Ich werfe den Brief ein, in diesen schwarzen Schlund. Und sehe dabei zu, wie sich das letzte Kapitel schließt, wie sich der letzte Punkt in das Papier drückt, und ich realisiere, was es bedeutet, mit der Vergangenheit abzuschließen. [Und ich glaube daran, dass ich richtig fühle, richtig handle; ich glaube an die Konsequenz]. Dies ist meine Vergangenheitsbewältigung.
Heute habe ich Dich aus der Liste gelöscht.
Aus jeder Liste.
(Lebwohl).






















